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 (22.05.2017 / 22.01.2016)


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NEU (13.10.16):  Gezieltes Aufrufen früherer Beiträge


Ich habe jetzt herausgefunden, dass man mit STRG + G über das Datum oder die Nummerierung Texte in einem Inhaltsverzeichnis direkt ansteuern kann. 

Wenn Sie also z. B. den Text "Drei Ansätze der Logik" vom 25.06.16 lesen wollen, tippen Sie bei Firefox  STRG + G und geben in das Suchfeld 25.06. ein (Jahreszahl normalerweise verzichtbar).

Dann tippen Sie return bzw. enter (ggf. 2x). So ersparen Sie sich ein mühseliges Herunterscrollen.


Beim Internet Explorer tippen Sie stattdessen STRG + F. Bei anderen Browsern habe ich es noch nicht ausprobiert.


Alternativ können Sie die  Unter-Blogs anklicken (bisher 1 - 16 eingerichtet), aber das Finden eines Textes dauert so länger.


Genaueres zum Blog lesen Sie in der Einführung.


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Bisherige Themen:


21 Blog

Die Ursachen psychischer Störungen

08.01.18  Die Ursachen psychischer Störungen (5: Trauma-Ursachen

02.01.18  Die Ursachen psychischer Störungen (4): Lern-Ursachen

30.12.17  Die Ursachen psychischer Störungen (3): Individuelle Ursachen

25.12.17  Die Ursachen psychischer Störungen (2): gesellschaftliche Ursachen

21.12.17  Die Ursachen psychischer Störungen (1): anthropologische Ursachen

16.12.17  Einführung


20 Blog

Kleinere Beiträge

22.11.17  Die Befreiung ist, dass es keine Befreiung gibt.

13.11.17  Die Positiv-Gesellschaft

07.11.17  Todesangst und Todessehnsucht

27.10.17  Mad World

16.10.17  Verzeihen, nicht vergessen


19 Blog

Zufall und Unglück

08.10.17  Zufall und Unglück (7): Sinngebung, Akzeptanz und Protest

25.09.17  Zufall und Unglück (6): Wie mit dem Unglück umgehen?

12.09.17  Zufall und Unglück (5): Mein Einfluss auf andere Menschen

07.09.17  Zufall und Unglück (4): Das Unglück in der Zeit

03.09.17  Zufall und Unglück (3): Empirische Wahrscheinlichkeit

24.08.17  Zufall und Unglück (2): Theoretische Wahrscheinlichkeit

17.08.17  Zufall und Unglück (1): Logische Bedingungen

14.08.17  Zufall und Unglück: Einführung


18 Blog

Die Logik von Zeitreisen

07.08.17  Zeitreisen (5): Reise in die Zukunft

13.07.17  Zeitreisen (4): Gezielte Veränderungen der Vergangenheit

13.07.17  Zeitreisen (3): Veränderung der Vergangenheit

05.07.17  Zeitreisen (2): Zeitparadoxon

30.06.17  Zeitreisen (1): Einführung


17 Blog

Das Ich und die Unter-Ichs

16.06.17  Das Ich und die Unter-Ichs (7): einige therapeutische Aspekte

12.06.17  Das Ich und die Unter-Ichs (6): Verhältnis zwischen den Ichs

05.06.17  Das Ich und die Unter-Ichs (5): Real-Ich

27.05.17  Das Ich und die Unter-Ichs (4): Abwehr-Ich

22.05.17  Das Ich und die Unter-Ichs (3): Sozio-Ich

17.05.17  Das Ich und die Unter-Ichs (2): Kind-Ich

10.05.17  Das Ich und die Unter-Ichs (1): Natur-Ich

06.05.17  Das Ich und die Unter-Ichs:  Einführung


16 Blog

Das Verhältnis von Frau und Natur

26.04.17  (5): Diskussion der verschiedenen Positionen

15.04.17  (4): Die Position: wilde Natur, wilde Frau

08.04.17  (3): Die Position: sanfte Natur, sanfte Frau

31.03.17  (2): Zwei kontroverse Sichtweisen von Natur und Frau: aggressiv oder friedlich

27.03.17  (1): Die Theorie von der Verwandtschaft zwischen Frau und Natur


15 Blog

Polarität

17.03.17  Polarität (5): "Alles im Kosmos läuft zyklisch ab."

09.03.17  Polarität (4): "Alles im Kosmos besitzt ein Gleichgewicht der Gegensätze."

27.02.17  Polarität (3): "Zwischen den Polen herrscht ein Kraftfluss..."

22.02.17  Polarität (2): "Hinter den Polen gibt es eine transpolare Einheit."

15.02.17  Polarität (1): "Alles in der Welt ist polar."


14 Blog

Die Gegenaufklärung

06.02.17  Die Gegenaufklärung (5): Europapolitik

28.01.17  Die Gegenaufklärung (4): Sozialpolitik

18.01.17  Die Gegenaufklärung (3): Wirtschaftspolitik

12.01.17  Die Gegenaufklärung (2): Ursachen

05.01.17  Die Gegenaufklärung (1): Einführung


13 Blog

Erkenntnis-Methoden

28.12.16  Erkenntnis-Methoden (5): Induktion und Deduktion

22.12.16  Erkenntnis-Methoden (4): Handeln und Verhalten

16.12.16  Erkenntnis-Methoden (3): Introspektion und Intuition

09.12.16  Erkenntnis-Methoden (2): Messungen und Technik

04.12.16  Erkenntnis-Methoden (1): Wahrnehmung und Experiment


12 Blog

Dualismus

27.11.16  Dualismus (5): Dualismus und Monismus

22.11.16  Dualismus (4): Übergang zwischen Materie und Geist
16.11.16  Dualismus (3): Materie und Geist (Bewusstsein)

10.11.16  Dualismus (2): Materie und Geist (Ideen)

04.11.16  Dualismus (1): Dualismus und Polarität


11 Blog

Gemischte Beiträge

28.10.16  Abschied vom Natur-Prinzip?

20.10.16  Dimensionen der Wirklichkeit (2)

13.10.16  Dimensionen der Wirklichkeit (1)

05.10.16  Diagramm der 5 Welten

27.09.16  Zeitgeist - 7 Trends für das 21. Jahrhundert

18.09.16  Die goldene Mitte zwischen Ärger und Akzeptanz


10 Blog

Gemischte Beiträge

13.09.16  Quantoren-Logik und andere Logiken

08.09.16  Der Tod in New Age und Esoterik (2)

30.08.16  Der Tod in New Age und Esoterik (1)

23.08.16  Evolution und Evolutionstheorien (2)

19.08.16  Evolution und Evolutionstheorien (1)


9 Blog

Ärger versus Annehmen

16.08.16  Ärger und Stress (2)

08.08.16  Ärger und Stress (1)

01.08.16  Annehmen und Spiritualität (3)

28.07.16  Annehmen und Spiritualität (2)

24.07.16  Annehmen und Spiritualität (1)


8 Blog

Täter-und Opfer-Theorie

17.07.16  Psychologische Hintergründe der Täter-Theorie (3)

13.07.16  Psychologische Hintergründe der Täter-Theorie (2)

08.07.16  Psychologische Hintergründe der Täter-Theorie (1)

04.07.16  Täter-Theorie und Opfer-Theorie in der Psychologie (2)

02.07.16  Täter-Theorie und Opfer-Theorie in der Psychologie (1)


7 Blog

Theoretische und praktische Logik

25.06.16  Drei Ansätze der Logik

12.06.16  Gültigkeit der Logik (2)

23.05.16  Gültigkeit der Logik (1)

16.05.16  Technik-Star Computer

09.05.16  Weil er’s kann …   

03.05.16  Logik von Wettervorhersagen


6 Blog

"Abschied von der Nautur"

27.04.16  Abschied von der Natur (5) - Technikliebe statt Naturliebe
21.04.16  Abschied von der Natur (4) - Ist der Mensch im Innersten aggressiv? 

14.04.16  Abschied von der Natur (3) - Die Natur des Menschen: einfach tierisch 

08.04.16  Abschied von der Natur (2) - "Biollusionen" 

03.04.16  Abschied von der Natur (1) - Die dunklen Seiten der Natur 

30.03.16  Neues Vorwort für "Abschied von der Natur"


5 Blog

Gemischte Beiträge

23.03.16  Das Yin im spirituellen Denken

16.03.16  Die New Age-Bewegung (2)

10.03.16  Die New Age-Bewegung (1)

07.03.16  Alles ist eins - ja oder nein? 

01.03.16  Unsere Scheinwelt 

26.02.16  Ist das Problem der Willensfreiheit ein Scheinproblem? 

22.02.16  Was ist Integrale Logik?  


4 Blog

Psychologische Reflexionen

17.02.16  Streiten oder Nachgeben?

08.02.16  Narzissmus

01.02.16  Das Leib-Seele-Problem 

22.01.16  Psychologische Methoden 

16.01.16  Richtungen der klinischen Psychologie

12.01.16  Sucht die Wissenschaft nach Wahrheit? 


3 Blog

Gemischtes

05.01.16  Logik der Dialektik

30.12.15  Größe und Erbärmlichkeit des Menschen
23.12.15  Warum lässt Gott das Leid in der Welt zu?
19.12.15  Experten und Spezialisten
15.12.15  Wahrheitstheorien
07.12.15  Sprache und Welt


2 Blog

Der Zufall in unserem Leben

02.12.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (6) –  Die unmögliche Welt
01.12.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (5) –  Zufall, Kausalität und Ziel
30.11.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (4) – Jede Sekunde zählt
29.11.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (3) – Empirische Wahrscheinlichkeit
28.11.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (2) – Theoretische Wahrscheinlichkeit
27.11.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (1) – Wie wahrscheinlich bin ich?


1 Blog

Philosophisches

23.11.15  Erkenntnistheoretische Richtungen
18.11.15  Gott und die Welt
14.11.15  Die Welt als Ganze
11.11.15  Schuldgefühl-Antinomie
06.11.15  Zwei Modelle von Zufall

01.11.15  Was ist Mega-Ganzheit?


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08.01.18  Ursachen psychischer Störungen (5) Trauma-Ursachen


Diese spielen für die meisten psychischen Störungen die entscheidende Rolle. Es handelt sich um seelische oder  körperliche Verletzungen, vorwiegend aus der Vergangenheit: der Kindheit, der Geburt, der vorgeburtlichen Zeit, nach manchen fragwürdigen psycho-esoterischen Theorien sogar aus früheren Leben.

Ein verwandter Begriff von Trauma ist (gravierender) Stress, sogenannter Distress.


Seelische Traumen sind beispielsweise: man stößt auf Ablehnung, Verachtung, Hass, Spott, Kränkung, Demütigung. Körperliche Traumen, etwa bei der Geburt, sind: Sauerstoffmangel / Atemnot, Steckenbleiben, Reizüberflutung, Zangengeburt u. ä.


Normalerweise konstituiert sich ein Trauma als Frustration eines Bedürfnisses. Wenn zum Beispiel das Bedürfnis des Kindes nach liebevoller Zuwendung (dauerhaft) unbefriedigt bleibt, wird es traumatisiert.

 

Selbstverständlich ist nicht jeder Stress oder jede Bedürfnisfrustration ein Trauma, eine gewisse Erfahrung von unerfüllten Wünschen gehört auch zur Reifung. Die Häufigkeit und die Stärke der Belastungen sind entscheidend. Es kann sich um viele Erfahrungen subtiler Zurückweisung handeln (Mini-Traumen) oder um ein dramatisches Erlebnis.

 

Die Traumata werden gespeichert, sie prägen sich dem psycho-physischen System ein, führen zu Engrammen. Während schädliche Lernprozesse nicht  unmittelbar schmerzhaft sein müssen, sind Traumata mit Schmerz, Angst oder Wut verbunden und bedrohen das psychische System. Dieses entwickelt deswegen komplexe Abwehrmechanismen, welche die psychische Störung entscheidend mitbestimmen.

 

Von spekulativen Ursachen wie z. B. Traumata in (angenommenen) früheren Leben habe ich hier abgesehen.




02.01.18  Ursachen psychischer Störungen (4) Lern-Ursachen

Hiermit sind ungünstige Lernprozesse gemeint, die zu  krankhaften

‘Gewohnheiten’ führen. Das kann durch Konditionierung, Lernen durch Versuch und Irrtum, Lernen am Vorbild (Nachahmung) oder durch  Unterricht erfolgen.


Auch eine Belohnung / Verstärkung gestörten Verhaltens sowie die Entwicklung von Vermeidungsverhalten ist zu nennen. Ein Alkoholiker als Vater kann den Sohn ebenfalls zum Alkoholiker werden lassen. Eine Mutter, die ständig vor der gefährlichen Welt warnt, kann die Tochter ängstlich und misstrauisch machen.




30.12.17  Ursachen psychischer Störungen (3) 

Individuelle Ursachen


Eine größere Rolle als die kollektiven (genetischen oder gesellschaftlichen bzw. um-

weltbedingten) Ursachen spielen aber die individuellen Ursachen. Auch wenn man davon ausgeht, dass der Mensch per se ein neurotisches Wesen ist, müssen die individuellen Ursachen erklären, warum Menschen in unterschiedlichem Ausmaß psychisch gestört sind.

 

Bis heute ist umstritten, wie stark die individuelle Erbanlage eine psychische Störung beeinflusst oder sogar determiniert. Sicherlich ist eine Psycho-Störung keine Erbkrankheit im engeren Sinn, aber zumindest eine Disposition wird vererbt. Unbestreitbar ist, dass eine angeborene Krankheit des Gehirns, Nerven- oder Hormonsystems psychische Störungen bedingen kann. Entsprechendes gilt für erworbene Erkrankungen, Verletzungen oder Altersveränderungen des Gehirns. Man kann allerdings bezweifeln, ob man solche Störungen im eigentlichen Sinn zu den psychischen Störungen rechnen soll, auch wenn sie zweifelsohne psychische Symptome hervorrufen.

 

Ich konzentriere mich jedenfalls hier auf Störungen, die (wenn auch auf einer genetischen Basis) durch Umwelteinflüsse entstanden sind. Hier stehen bei den individuellen Ursachen die konkreten Lebensumstände des Individuums im Vordergrund, vergangene, aber auch aktuelle wie eine unglückliche Ehe oder ein unbefriedigender Job. Natürlich sind hier auch körperliche Krankheiten zu berücksichtigen, aber vor allem insofern, dass sie als psychische Belastung wirken. Generell handelt es sich um  lern-theoretisch oder trauma-theoretisch begründete Störungen, denen wegen ihrer Wichtigkeit eigene Punkte gewidmet werden.



 

25.12.17  Ursachen psychischer Störungen (2) Gesellschaftliche Ursachen


Während die oben genannte – anthropologische – Theorie den Menschen uniiversal als psycho-krank ansieht, geht man bei gesellschaftlichen Ursachen zwar auch von einer Kollektiverkrankung aus, die aber auf  bestimmte Gesellschaften beschränkt ist. Insbesondere Gesellschaften und Kulturen bzw. Staaten, die den Menschen stark einengen, ihm eine Ideologie aufzwingen, gelten als pathogen, z. B. die frühere DDR.

           

Allerdings herrschen im Einzelnen sehr konträre Auffassungen, welche Gesellschaftsstruktur krankmachend ist. So wurde auch das kapitalistische, konsumorientierte System des Westens, generell die überkomplexe, pluralistische moderne Massengesellschaft mit ihrer Reizüberflutung schon oft als neurotisch bzw. neurotisierend angeprangert.


Überhaupt konnte bis heute keine Gesellschaft und sei es auch nur eine Stammesgemeinschaft nachgewiesen werden, die völlig frei von krankhaften Strukturen ist. So gesehen lebten wir alle (mehr oder weniger) in einer neurotischen, irrealen Welt und sind selbst Teil dieser Welt.




21.12.17  Ursachen psychischer Störungen (1)

 Anthropologische Ursachen


Es gibt Theorien, dass der Mensch generell, von seinem Erbgut – also von Natur – her, ein psychisch krankes oder jedenfalls labiles Wesen ist,  etwa weil ein Ungleichgewicht zwischen seinen Hirnbereichen bestehe; oder weil er destruktive Antriebe besitze (z. B. einen Todestrieb). Diese angeborene Gestörtheit soll sich beispielsweise in hoher Aggressivität zeigen.


Eine solche Theorie kann durchaus gute Argumente anführen. Allerdings muss sie selbstverständlich von einer idealen Norm ausgehen, nach der gesteigerte Aggressivität unnormal und somit krankhaft ist. Denn bei Bezug auf eine statistische Norm wäre es ja - statistisch - normal und somit gesund, aggressiv zu sein.

 

Nach obiger Theorie gilt der Mensch als „Irrläufer der Evolution“ (Arthur Koestler). Noch krasser ist die Theorie, dass die gesamte Natur ein krankes System ist, das in einem Verdauungskrieg von Fressen und Gefressen werden  besteht. Somit sei die Erde bzw. die Natur für den Menschen       ein lebensfeindlicher Ort, der psychische Gesundheit ausschließt.


Auch hier ist eine Unterscheidung zwischen psychisch gesunden und kranken Menschen illusionär. Alle Menschen sind psychisch gestört, nur der Grad unterscheidet sich.




16.12.17  Ursachen psychischer Störungen

 

 Einführung

 

Es gibt viele Theorien über die Ursachen psychischer Störungen. Die meisten stellen einen Faktor heraus, z. B. die Umwelt oder die genetische Anlage. Ich möchte hier dagegen eine ganzheitliche Theorie vorlegen (in Kurzfassung), Dabei müssen wir zunächst mit einer begrifflichen Klärung beginnen.

Es gibt unterschiedliche Gründe, die ein psychisches System erkranken lassen. Dabei gilt grundsätzlich:

Eine Ursache wirkt auf das psychische System ein und führt zu einer Reaktion bzw. einer Störung. Diese Reaktion hängt von der Ursache ab, doch auch von dem System, seiner Beschaffenheit. Insofern ist es oft nicht leicht zu unterscheiden, welchen Anteil das System selbst an der Störung hat.


Der Begriff der Ursache soll zunächst durch folgende Gegensatzpaare präzisiert werden.


·      Genetische und umweltbedingte Ursachen

Wie auch sonst in der Psychologie kann man generell zwischen Anlage und Umwelt unterscheiden. Dabei sind zwei gegensätzliche Theorien  zu nennen:

 A) Von seiner Anlage (Natur) her ist der Mensch psychisch gesund und

 harmonisch, es ist die Umwelt, vor allem die Gesellschaft, die ihn psychisch krank macht.

 B) Von seiner Anlage (Natur) her ist der Mensch psychisch krank, jedenfalls disharmonisch und destruktiv, erst die Umwelt, die Sozialisation zähmt und bessert seine destruktiven Seiten.

    Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte: Die Natur des Menschen besitzt sowohl konstruktive wie destruktive Komponenten. Und die Umwelt, insbesondere die Gesellschaft, kann sich sowohl krankheitsfördernd wie gesundheitsfördernd auswirken.

Zwar ist eine Sozialisation erforderlich, um die destruktiven Seiten zu überwinden, faktisch führt sie aber oft zu neuen und schlimmeren Störungen.


·      Äußere und innere Ursachen

           Diese Unterscheidung knüpft an der oberen an. Man ist geneigt einzuteilen: Anlagebedingte Ursachen sind innere, umweltbedingte Ursachen sind äußere. Ganz so einfach liegen die Verhältnisse aber nicht. Ein Beispiel: Eine Verletzung, also ein schädlicher Einfluss von außen kann im System gespeichert werden und damit zur  inneren Ursache werden.


·      Vergangene und gegenwärtige Ursachen

Überwiegend erklärt man psychische Störungen (beim Erwachsenen) durch vergangene Ursachen, die aber in die Gegenwart hinein wirken. Vor allem Traumata schädigen den Menschen eben eher in der Kindheit, als er verletzbarer war und sich weniger wehren konnte. Selbstverständlich spielen aber immer auch aktuelle Faktoren wie etwa Stress - als Ursache oder Auslöser - ihre Rolle. Bei bestimmten Ursachen wie etwa einer genetisch bedingten, also fortbestehenden Krankheit ist die Unterscheidung zwischen vergangen und gegenwärtig ohnehin fragwürdig.


·      Kollektive und individuelle Ursachen

Kollektive Ursachen gelten für alle Menschen oder ein Kollektiv, ein soziales System, individuelle Ursachen gelten für den einzelnen, individuellen Menschen.


In den folgenden Punkten werden die genannten Unterscheidungen erläutert und konkretisiert werden.


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20.11.17  Die Befreiung ist, dass es keine Befreiung gibt (erneut erweitert am 09.12.17)


Dies klingt paradox und ist es ja auch. Was ist aber damit gemeint? Ich beziehe das zunächst auf die innere Befreiung, die Befreiung von negativen Gefühle wie Angst oder Zorn, von Frustration und Depression, von quälenden, weil unerfüllten oder unerfüllbaren Wünschen.

 

Man glaubt, wenn man sein zentrales Lebensziel oder seine wichtigsten Lebenswünsche erfüllt hat und wenn man seine negativen Gefühle überwunden hat, dann ist man befreit, zufrieden und glücklich.

 

Das ist vermutlich ohnehin eine Illusion. Es gibt den schönen Ausspruch: „Es gibt zwei Wege, unzufrieden sein: ein Ziel nicht zu erreichen und ein Ziel zu erreichen.“ Weil eben der Erfüllung eines Zieles oft ein Leere und Langweile folgt. Und so sucht man sich ein neues Ziel, denn wie es so schön heißt: Der Weg ist das Ziel.

 

Aber es geht mir hier zentral um einen anderen Aspekt: Man erreicht seine wichtigsten Lebensziele gar nicht oder jedenfalls nie vollkommen und vollständig, und man kann sich nie vollständig von Angst, Zorn oder Schmerz loslösen.

So lange man aber hofft, seine negativen Gefühle loszuwerden oder seine positiven Bedürfnisse zu erfüllen, bleibt man im Kampf, in der Anspannung. Und je erbitterter und angestrengter man – vergeblich – kämpft, desto unzufriedener und unglücklicher ist man.

 

Erst wenn man aufhört zu kämpfen, wenn man akzeptiert, dass man seine negativen Gefühle nie ganz überwinden und seine großen Hoffnungen nie vollständig erfüllen wird, dass es also keine Befreiung gibt, tritt eine Entspannung ein, der Kampf ist vorbei.

 

Und damit tritt eine Befreiung bzw. ein Befreiungsgefühl ein: Denn es ist eine Last, eine Mühe, manchmal eine Qual, immer wieder vergeblich gegen ein Leid anzukämpfen oder auch vor ihm zu fliehen bzw. einem Glück sehnsüchtig  hinterherzulaufen. Also müsste man exakter formulieren: „Die Befreiung ist zu akzeptieren, dass es keine Befreiung gibt.“

 

Hoffe nichts, fürchte nichts, sei frei!

 

Man erhofft hier die Befreiung also nicht von der Erfüllung von Wünschen, sondern umgekehrt von der Aufgabe seiner Wünsche, davon, dass man seine Wünsche und Ziele loslässt, überschreitet, transzendiert:  wie man so schön sagt „wunschlos glücklich“.

Natürlich geht es hier nicht um kleine, alltägliche Situationen. Wenn man durstig ist, macht es Sinn, sich ein Glas Wasser oder was auch immer zu nehmen und das zu trinken. Auch manches große Problem lässt sich lösen und lohnt den Einsatz, z. B. die Überwindung einer schweren Krankheit.

 

Nein, es geht hier um Wünsche, die sich wahrscheinlich nie restlos erfüllen lasen bzw. um Probleme, die sich wahrscheinlich nie 1 zu 1 lösen lassen, dabei aber gravierend sind. Z. B. der Wunsch, eine perfekte Partnerschaft zu leben oder immer gesund zu sein oder  nie enttäuscht zu werden. Wer nie enttäuscht werden möchte, der wird mit Sicherheit gerade enttäuscht.

 

Allerdings: Es ist sehr schwer, seine Hoffnungen sowie Befürchtungen loszulassen; gut, den einen kleineren Wunsch oder eine nicht gravierende Angst aufzugeben, das mag glücken. Aber ein weitgehendes oder gar vollkommenes Loslassen, das gelingt offensichtlich nur wenigen Menschen, wenn überhaupt.

 

Und es droht hier ein Problem, das ich das Aufgeber-Dilemma genannt und in verschiedenen Texten schon ausführlich beschrieben habe: Wenn ich meine Wünsche, meine Freude und meine Angst oder Wut aufgebe, dann kann ich zu einem „Aufgeber“ werden; d .h es ist nicht selige Gelassenheit oder Gleichmut, was ich erreiche, sondern stumpfe Gleichgültigkeit und Apathie, es kann zu Fatalismus oder Depression führen.

 

Also: Die Befreiung ist, dass es keine Befreiung gibt? Ja und nein.

Zu akzeptieren, dass es keine Befreiung gibt, befreit uns von unserem Kampf, aber nimmt uns womöglich unseren Lebenssinn und unsere Lebensenergie.


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13.11.17  Die Positiv- Gesellschaft

 

Diesen Text schrieb ich vor vielen Jahren, in den 80ern oder

Anfang der 90er. Ich plante eigentlich, über dieses wichtige

Thema ein Buch zu schreiben, aber das scheiterte leider an

der Ignoranz von Verlegern und Lektoren. Vielleicht auch,

weil viele von Ihnen selbst auf der Positiv-Welle mitschwammen.

Ich bot außerdem ein ähnliches Konzept, mehr zentriert auf

„Positives“ Denken“ an. Auch das wurde den befragten Verlagen

abgelehnt, später kamen einige von ihnen dann doch mit Büchern

heraus, die eine Art Plagiat meiner Thesen waren. Wahrschein-

lich hatte man meine Exposés gut aufgehoben.

Erstaunlich, dass meine Aussagen von damals immer noch

weitgehend gültig und aktuell sind, wohl wie sie Grundstrukturen

moderner Gesellschaften beschreiben.

 

Positiv hat der Mensch zu sein, glücklich und zufrieden.

Diese "frohe Botschaft" breitet sich immer ungenierter aus,

fast wie eine ansteckende Krankheit. Ihren Ausgang nahm sie

in der Psychoszene, wo Positives Denken schon seit Jahren

für viele ein Muss ist. Einen weiteren Glücksschub erfuhr

dieser Trend dann durch New Age, die Bewegung für ein Neues

Zeitalter, das Frieden, Freiheit und natürlich Freude verspricht.

 

Aber nicht nur bei den "Psychos" grassiert das Positiv-Denken,

sondern die meisten Menschen in diesem, unserem Lande betreiben

es. Nur pflegen sie es nicht als bewusste psychologische

Methode, es ist mehr eine unterbewusste Positivfixierung,

auf Konsum und Genießen, action und fun. Viele sind

blind für ihre rosarote Brille, durch die man nur das

"Wahre, Schöne, Gute" sieht.

 

Zwar gibt es auch Gegenströmungen, wie die Lust am Untergang, apokalyptisches Denken, Punk oder No future. Doch  es herrscht

die Positiv-Ideologie, die Bereiche wie Angst, Schuld, Alter,

Krankheit, Tod, aber auch schon Melancholie oder Besinnlichkeit

ignoriert, bekämpft oder durch subtile Abwehrmechanismen

(wie "Schöner Sterben“) dem Take-it-easy-Reich angliedert.

Pointiert: Es gibt eine Positiv-Verschwörung, eine Verschwörung

gegen den Schatten. Das sogenannte Negative ist - im Geheimen -

das stärkste Tabu unserer Zeit und Kultur.

Damit verbunden sind die Betonung von Macht, der Typ des

Machers und die Illusion des Machbaren - als Bollwerke gegen

die am meisten gefürchtete Machtlosigkeit.

Diese lustig-luftig-locker-leichte Smile-Company ist

reichlich intolerant gegenüber "Miesepetern", "Spielverderbern"

und anderen "Mieslingen", das sind für sie auch

schon stillere, genügsame, introvertierte Naturen, einfach

jeder, der den Wettlauf zum Glück, das "Ran an die Möpse"

nicht mitmacht. Wer nicht mitziehen kann oder will, wird

schnell als Verlierer oder Versager ausgegrenzt.

 

Ziel meines Buches wäre es, das Positiv-Prinzip - als

falsch verstandenes "Prinzip Hoffnung" - zu entlarven und

sein Ungenügen aufzuzeigen, als psychotherapeutische Strategie

wie gesellschaftliche Lebensmaxime. Das positive Denken richtet

 sich auf alle Lebensbereiche wie Beruf und Finanzen, Liebe und

Partnerschaft sowie Krankheit und Tod eingehen. Psychologisch

soll dabei gezeigt werden, dass das positive Denken zur regelrechten

Sucht verkommen kann, an der viele Händler mit der

Positiv-Droge sehr gut verdienen.

 

Zum anderen plane ich, bestimmte gesellschaftliche Gruppen bzw. Zeitgeistströmungen wie „Neue Denker", Yuppies und

Neokonservative genauer zu analysieren, die sich trotz ihrer.

Gegensätzlichkeit im „Positivismus" treffen.

 

Des weiteren möchte ich Hintergründe der Schöner Denken,

Schöner Leben - Ideologie aufspüren bzw. generell einer

Ego-Theorie, nach der jeder allein seines Glückes Schmied ist:

philosophische, z. B. Konstruktivismus, religiöse, z. B. Calvinismus

und gesellschaftstheoretische, z. B. Pragmatismus.

 

Ähnlich will ich mich mit den psychologischen Hintergründen

beschäftigen, vor allem dem Narzissmus: dem Wunschglauben an

die eigene Allmacht, die Keep-smiling-Fassade, die den Abgrund

von Ohnmachtsgefühlen übertüncht, wie wir sie primär aus der

Kindheit in uns tragen.

 

Schließlich soll eine Alternativhaltung skizziert werden.

Dabei muss zunächst unterschieden werden zwischen einem

Angemessenen Optimismus und einem verkrampften,

eindimensionalen Utopismus. Dann möchte ich aus Sicht

einer Systemtheorie zeigen, dass der Mensch einerseits einen

bestimmten Handlungsfreiraum besitzt, andererseits aber von seinen

Umwelten, mit denen er in Wechselwirkung steht, abhängig ist.

 

Drittens geht es darum, gemäß einem Polaritätsmodell aufzuweisen,

wie sich Positives und Negatives stets gegenseitig bedingen und

ergänzen. Das Motto könnte lauten: So viel Optimismus wie

möglich, so viel Pessimismus wie nötig.


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07.11.17  Todesangst und Todessehnsucht


Man könnte meinen, dass sich Todesangst und Todessehnsucht ausschließen. Bzw. sich gegenseitig aufheben. Wenn jemand einerseits Angst vor dem Tod hat, andererseits aber eine Todessehnsucht verspürt, könnte man vermuten: der Tod ist ihm gleichgültig.  

Denn einerseits wird die Todesangst von der Todessehnsucht ausgebremst, andererseits steht dem Drang zum Tod die Angst vor diesem entgegen.

 

Und wenn sich Todesangst und Todessehnsucht wirklich aufheben würden, wäre es für den Betroffenen natürlich eine Wohltat, weil die Todesangst ein sehr leidvolles Gefühl ist, andererseits aber auch der drängende Wunsch zu sterben sehr quälend sein kann.

 

In der Realität schließen sich Todesangst und Todessehnsucht aber keineswegs aus. Jemand kann durchaus unter großer Angst oder Furcht vor dem Tod und vor dem Sterben leiden, andererseits sich zum Tode hingezogen fühlen. Ja es kann sein, dass diese Gefühle ineinander überschlagen: gerade die Todesangst, zumal in akuter Form als einer Panikattacke kann (im Anschluss) zu einer innigen Todessehnsucht führen, um nämlich den Qualen der Todesangst zu entkommen. Wenn die Todessehnsucht aber zu einer immer größeren Todesnähe führt, vielleicht sogar zu Vorbereitungen für einen Suizid, dann kann die Todesangst wieder überhand nehmen.

 

Beide Gefühle bzw. Antriebe haben einen Gegenpart: Der Todesangst entspricht der Lebenstrieb (Überlebenstrieb), der Todessehnsucht entspricht der Lebensüberdruss. Freud sprach sogar von einem Todestrieb, aber diese These hat sich nicht beweisen lassen.

 

Zunächst mutet es also wie ein Paradox an, ja fast ein Widerspruch, dass jemand sowohl unter Todesangst als auch unter Todes(sehn)sucht leidet. Schaut man aber genauer hin, so wird es erklärbar.

 

Diese Gefühle treten meistens nicht direkt zusammen auf, sondern folgen einander: In der größten Todesangst wird der betroffene normalerweise keinen Todeswunsch fühlen, sondern kämpft nur darum, dem Tod zu entkommen. Wenn jemand aber andererseits eine intensive Todessehnsucht verspürt (was ja andererseits heißt, dass er „lebensmüde“ ist), dann ist die Todesangst erst einmal weit weg.

 

Trotzdem, man mag es als eine Schwäche, einen Fehler des psychischen Systems begreifen, dass der Mensch doppelt leiden muss – unter Todesangst wie unter Lebensüberdruss –

 anstatt in eine schöne Gleichmut, eine friedvolle Gelassenheit gegenüber Tod und Leben zu empfinden.   

Gut, manchen Menschen, vorrangig spirituellen Menschen ist es vielleicht vergönnt, jenseits von Todesangst und Todessehnsucht zu sein. Dieser Gleichmut ist aber verdächtig nahe einer Gleichgültigkeit, einer stumpfen Apathie, in der einem eben alles egal ist, auch Tod oder Leben.

 

Oft hört man Sprüche wie „der Tod gehört zum Leben“, mit der Aufforderung, alles zu bejahen, Leben wie Tod. Theoretisch hört sich das überzeugend an, aber es sind sicher nur die wenigsten Menschen, wenn überhaupt, die ein solches Ja-Sagen konstant durchhalten können. Und man kann ebenso postulieren, dass es auch zu uns gehört zu verneinen, Widerstand zu leisten, sich gegen Leben wie Tod aufzulehnen, Todesangst wie Todessehnsucht zu verspüren.


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27.10.17  Mad World  

Wir Menschen leben weitgehend in einer Scheinwelt. Unsere Scheinwelt ist von philosophischen, psychologischen und gesellschaftlichen und weiteren Faktoren bestimmt. Dass wir in einer Scheinwelt, ja einer „mad world“ leben, ist für unser Selbstverständnis als Menschen ganz wesentlich und bis heute allgemein kaum erkannt.

 

Philosophisch könnte man beim Thema Scheinwelt auf kritische Richtungen der Erkenntnistheorie hinweisen, wonach wir nie die Wirklichkeit selbst („das Ding an sich“) erkennen können, sondern nur das in der Wirklichkeit wieder finden, was wir selbst in sie hineinprojiziert haben – oder eine noch schärfere agnostische Position, wonach alle unsere „Erkenntnis“ Illusion ist. Schon Platon sprach davon, dass wir in einer „Schattenwelt“ leben.

 

Die Erkenntnistheorie habe ich in einem anderen Punkt dargestellt, hier geht es mir vorrangig um die anthropologische bzw. psycho-philosophische Sichtweise.

 

Hauptthese: Wir Menschen leben in einer hochgradig irrealen, illusionären Welt, einer Scheinwelt. 


Dabei gibt es zwei wesentliche Unterscheidungen zu treffen:

1.  Ein Teil der Irrealität entstammt der genetischen Anlage: Der Mensch glaubt meistens, er handele aus rationalen Entscheidungen. Tatsächlich sind wir in vielem von uralten Trieben und Emotionen gesteuert, die wir oft gar nicht als solche erkennen. Hier nur ein Beispiel: Der Raser auf der Autobahn, der einem anderen Auto hinterjagt, ahnt nicht, dass er von einem vorzeitlichen Jagd- und Beuteinstinkt gesteuert wird.  

2.  Noch gravierender sind aber die Realitätsverzerrungen, die durch Kultur und Erziehung dem Menschen übergestülpt werden. Im Gegensatz zu den genetischen Einflüssen, bei denen die Grundströmungen für alle gleich sind, sind die Sozialisationseinflüsse individuell sehr unterschiedlich. Dennoch gilt ebenso, dass unsere gesamte Gesellschaft neurotisch ist, nur in unter- schiedlichem Ausmaß. Auch hier nur ein Beispiel: Jemand kämpft sein ganzes Leben mit aller Kraft um Erfolg – und begreift nicht, dass er emotional immer noch das Kind ist,  welches die Liebe seines Vaters erlangen möchte.


In diesem Zusammenhang ist eine weitere Unterscheidung wesentlich:

a) Die meisten Täuschungen sind Selbsttäuschungen, d. h. wir wissen oft nicht, dass unsere echten Motive und Antriebe ganz andere sind, wir verkennen uns, so wie wir auch andere verkennen. Anders gesagt, diese Irrealität ist uns unbewusst.  

b) Aber es gibt in unserer Gesellschaft auch vielfach bewusste und beabsichtigte Fremdtäuschungen, also Täuschungen, Irreführungen, Manipulationen anderer Menschen. Unsere Wünsche, Gefühle, aber auch unsere Gedanken und unser Verhalten werden gezielt beeinflusst, überwiegend im wirtschaftlichen Bereich. In der Werbung wird mit wissenschaftlicher Methodik erforscht, wie man den Konsumenten am besten dazu verführen kann, etwas zu kaufen, das er nicht braucht und was ihn vielleicht auch finanziell überfordert. Man kauft sich eben z. B. kein Auto, sondern ein Lebensgefühl, ein Erfolgsimage, eine Kompensation realer Minderwertigkeitgefühle.


Fazit: Die weitaus meisten Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken des Menschen sind nicht (oder nur partiell) echt, entsprechen nicht seiner wirklichen Identität, ohne dass ihm das normalerweise bewusst wäre. Außerdem müssen wir bei einem Gegenüber immer damit rechnen, dass er uns etwas vormachen, uns manipulieren will. Kurz, wir leben in einer Scheinwelt. Das ist ein sehr gewichtiges, beunruhigendes Ergebnis, welches unser Welt- und Menschenbild erschüttern kann.  


Manche Täuschungen und Illusionen mögen zum Schutz notwendig sein, aber generell muss es das Ziel sein, diese irreale Verzerrungen aufzudecken und bewusst zu machen.

 

Ich habe diese Thematik schon in manchen Büchern und Artikeln angesprochen, aber es gibt es noch keinen speziellen ausführlichen Text von mir dazu. Natürlich haben auch schon viele andere Autoren über Irrealität und Täuschungen geschrieben, aber mir ist kein Buch bekannt, das die Totalität unserer Scheinwelt darstellt. Und das systematisch Methoden beschreibt, wenigstens etwas den trüben Schein aufzuhellen und sich davon zu befreien. Vielleicht werde ich einmal ein Buch über die „Mad World“ schreiben.


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16.10.17  Verzeihen, nicht vergessen 

Man hört öfters den Ausspruch “verzeihen, nicht vergessen”, vor allem im Zusammenhang mit Opfern des Holocaust. Der Ausspruch klingt heroisch und weise, allerdings bestehen erhebliche Zweifel, ob die meisten (heute vielfach verstorbenen) Opfer des Holocaust wirklich vergeben konnten.

Und dies ist auch verständlich, denn die Untaten des Nazi-Deutschland, gerade gegenüber den Juden, waren vielleicht zu entsetzlich, als dass man sie je verzeihen könnte.

 

Aber gehen wir das Thema einmal systematisch an.

Es gibt 4 Kombinationsmöglichkeiten:

 

1) Verzeihen               vergessen

2) Verzeihen               nicht vergessen

3) Nicht verzeihen      vergessen

4) Nicht verzeihen      nicht vergessen

  

1) Verzeihen - vergessen

Man kann sich vorstellen, dass man ein erlittenes Unrecht eher – im Laufe der Zeit – vergessen kann, wenn man verziehen hat. Denn durch das Verzeihen ist das Unrecht verarbeitet und kann losgelassen, damit auch vergessen werden. Das gilt allerdings nur für minderschweres Unrecht. Gravierendes Leid oder schwere Schicksalsschläge vergisst man normalerweise nie, es sei denn, man erleidet eine Amnesie oder erkrankt an Demenz.

 

2) Verzeihen - nicht vergessen

Das ist wie gesagt der klassische Ausspruch. Er wird vielfach verendet. Es gibt einen Film von Verhoeven mit dem Titel „Vergeben,nicht vergessen“, ein Album der berühmten irischen Folkband „Corrs“, heißt „forbidden, not forgotten“ usw. Die Frage ist aber, ob man das, was einem jemand angetan hat, wirklich verziehen hat. Manchmal unterdrückt man auch nur seine Aggression, sein Bedürfnis nach Rache, weil man die schlimme Erfahrung hinter sich lassen will. Zwar stimmt, dass wenn man immer weiter auf Rache sinnt, nur schwer zum inneren Frieden finden kann.

„Rache ist süß?“ Diese Meinung ist an sich schon problematisch, aber vor allem, wenn man (wie meistens) seine Rache gar nicht durchführen kann, die Wut hilflos ist und ins Leere geht. Jedenfalls muss man oft, um zu verzeihen, erst durch eine Phase von Wut, Hass und auch Schmerz gehen, bis diese abgeschlossen ist.  Eine Abkürzung zum Verzeihen finden ist fragwürdig.

 

3) Nicht verzeihen – vergessen

Diese Kombination mag zuerst paradox erscheinen, ist aber durchaus häufig. Es geht darum, dass ein Trauma oder eine Kränkung verdrängt wird, d. h. aus dem Bewusstsein bzw. aus dem Gedächtnis verbannt und ins Unbewusste abgeschoben wird. Damit sind dieses Trauma oder diese Kränkung keineswegs dem Täter, der einem das angetan hat (wobei der „Täter“ auch das Leben an sich sein kann) verziehen. Somit ist das Trauma aber keineswegs bewältigt, sondern es sendet aus dem Unbewussten verschiedene destruktive Impulse; die können sich in negativen Gefühlen (z. B. scheinbar grundlose Angst) äußern, in Verhaltensstörungen (z. B. Waschzwang), in kognitiven Störungen (z. B. irrationale Ideen) oder auch in psychosomatische Krankheiten (z. B. Bluthochdruck). Erst wenn die verdrängten, vergessenen Traumata wieder ins Bewusstsein gehoben, wenn sie wieder erinnert werden, besteht die Chance, die Traumatisierung zu heilen und damit auch zu verzeihen.

 

4) Nicht verzeihen - nicht vergessen

Auch dies ist eine sehr häufige Haltung. Viele Menschen sind unfähig zu verzeihen und zu vergessen. Es handelt sich vor allem um narzisstische gekränkte Menschen. Sie haben, meistens in der Kindheit, schwere Kränkungen, Demütigungen, Erniedrigungen erlitten, die sie nicht verarbeiten konnten. So haben sie ein hohes Kränkungslevel, auch kleinere neue Kränkungen aktivieren (unbewusst) die  tiefsten früheren Kränkungen und lassen den Menschen mit narzisstischem Zorn, eventuell aber auch Depression reagieren. Solche Menschen haben eine „Elefantengedächtnis“, sie können seelische Verletzungen nicht abhaken, sondern sind chronisch gekränkt, erinnern sich immer wieder an die erlittenen Demütigungen, sinnen u. a. bis ans Ende ihres Lebens auf Revanche.

Dabei kann auch das ganze Leben als ein Gegner wahrgenommen werden, gegen den man sich wehren muss. Diese narzisstisch gekränkten Menschen brauchen irgendeine Genugtuung, Entschuldigung, Wiedergutmachung oder Rache, um sich „quitt“ zu fühlen. Ohne einen solchen Ausgleich kann es zu „Mord und Totschlag“ führen oder auch zur Selbsttötung, wenn die Kränkung unerträglich ist. Eine mögliche Lösung ist, dass man  zwar  nicht verzeiht, aber die Kränkung hinnehmt, nicht ständig dagegen ankämpft.

(Über den Umgang mit narzisstischen Kränkungen habe ich in verschiedenen Texten, auch auf meiner Homepage geschrieben, z. B. in dem Buch-Manuskript „Die Kunst, sich richtig zu ärgern“.)


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08.10.17  Zufall und Unglück (7):  Sinngebung, Akzeptanz und Protest

 

Ich habe gefragt: Wie kann und soll der Mensch mit dieser Absurdität des Zufalls, und insbesondere des zufälligen Unglücks umgehen? Das möchte ich in diesem Punkt präzisieren.

Es sind verschiedene Antworten denkbar, von denen ich drei wesentliche nenne.

 

a) Sinngebung

Man begegnet dem sinnlos scheinenden zufälligen Unglück damit, dass man ihm doch einen Grund, einen Sinn, einen Zweck, sogar einen Nutzen unterstellt. Oft hört man von Menschen, die nach einem Unfall schwer verletzt oder schwerkrank sind, dass sie sagen, dadurch habe ihr Leben eine positive Wende genommen, sie würden jetzt viel bewusster leben.

Andere Menschen deuten ihr Schicksal religiös, sie sehen es als karmische Folge bzw. Aufgabe oder als Strafe Gottes, eine potentiell destruktive Deutung.

Aber die zeigt, der Mensch erträgt es eher, sich als Schuldiger zu fühlen, denn als Opfer eines sinnlos waltenden Zufalls. Mancher erleidet lieber Schuldgefühle, als dass er erträgt, unschuldig ins Unglück gestoßen zu sein.

Allerdings kann die Deutung auch positiv sein: z. B.: „Gott liebt mich, darum prüft er mich.“

Oft muss die Sinndeutung mit großem psychischem Aufwand aufrechterhalten werden, weil sich die Sinnlosigkeit des erlittenen Unglücks, die „bösartige“ Zufälligkeit immer wieder aufdrängt.

Man kann solche Sinndeutungen als (inadäquate) Reduktion von Komplexität begreifen; anstatt sich auf die multiple chaotisch-zufällige, ungerechte Realität einzulassen, reduziert man diese, manchmal zwanghaft, auf eine Deutung, mit der ad hoc das Chaos geordnet wird und das Unerklärliche einen Sinn erhält.

 

Ich kann und will diese Sinndeutungen des Leids aber nicht einfach wegwischen, falls sie jemanden helfen, zufriedener und erfüllter zu leben. Niemand möchte dem Betroffenen diese Sinnstiftung wegnehmen, zumal man ja auch nicht völlig ausschließen kann, dass sich eventuell doch hinter dem sinnlos scheinenden Unglück ein höheres Ziel verbirgt.

Ich möchte nur gerne den Biologen und Philosophen JACQUES MONOD anführen. Im Klappentext zu seinem Buch „Zufall und Notwendigkeit“  heißt es: „Aus einem derart wissenschaftlich untermauerten Existentialismus zieht Monod …rigorose ethische Konsequenzen. Der Mensch, so lässt sich seine Naturphilosophie verstehen, sei in ein stummes, gleichgültiges und fremdes Universum geworfen, ohne dass es einen Werfer gebe: seine Wahrhaftigkeit und seine Würde verlangen, dass er diese Einsicht nicht nur als objektive Wahrheit der Wissenschaft, sondern auch als Wahrheit des eigenen Lebens annimmt, und zwar gegen das eigene Bedürfnis nach totaler Erklärung und absoluter Rettung.“

 

b) Akzeptanz

Akzeptanz heißt, man nimmt das Leben einfach so an, wie es ist, vielleicht gottergeben, aber ohne besondere Sinndeutung. Das Leben ist eben so, wie es ist. Und der Sinn des Lebens ist einfach nur das Leben. Man kann das Geschehen nicht ändern. Man ist mit allem Einverstanden. Im günstigsten Fall sagt man sich: Ich versuche trotz der Krankheit, trotz der Behinderung das Beste aus meinem Leben bzw. aus meiner Krankheit zu machen.

Das Problem ist, dass der Grad zwischen Annehmen und Aufgegeben, zwischen Gleichmut und Gleichgültigkeit, zwischen Gelassenheit und Fatalismus sehr schmal ist. Die Akzeptanzkann also auch zu einer destruktiven Depression führen.

 

Jedenfalls ist es sicher nicht jedem Menschen gegeben, in Gelassenheit eine schweres „Schicksal“ zu ertragen. Aber wem das gelingt, hat sicherlich weniger zu leiden als andere. Und ein Vorteil ist, dass man sich nicht ständig mit dem Unglück und seinen Folgen beschäftigt, und somit vermeidet, das Unglück immer wichtiger zu machen, die Unglückserfahrung mit immer mehr Energie anzureichern, so dass sie zum Hauptlebensinhalt zu werden droht.

 

c) Protest

Andere Menschen kämpfen gegen das Unglück, im Beispiel gegen den Unfall, die körperliche Behinderung, aber auch gegen die Ungerechtigkeit des Lebens an. Das kann sich in sehr verschiedener Weise zeigen:

- Man geht in Gedanken und Erinnerungen immer wieder den Unfall durch, im vergeblichen Bemühen, ihn ungeschehen zu machen.

- Man grübelt immer wieder, was wäre wenn … Wenn ich das nicht getan hätte, dann wäre alles anders gekommen. Hier kann man sich in einem endlosen, zwanghaften Grübelzirkel verfangen.

- Wieder andere Menschen reagieren z.B. auf eine körperliche Behinderung infolge eines Unfalls damit, dass sie extrem sportlich werden, z. B. Rollstuhlsport wie einen Hochleistungssport betreiben – eine Überkompensation, die aber hilfreich sein kann. Vielleicht stürzt sich jemand auch in eine Arbeit oder ein Hobby, was im positiven Sinn als Ablenkung dienen kann, sogar eine Alternativwelt zur Leidenswelt begründen mag.

 

Besonders schwierig ist die Bewältigung für Menschen, die narzisstisch gestört sind und daher ein Unglück wie einen schweren Unfall als immense narzisstische Kränkung erleben.

 Sie verharren in einer ohnmächtigen Wut, aber die macht das Leiden noch größer, ist auf Dauer kaum zu ertragen.

Wenn der narzisstische Mensch sich daher bemüht doch das Unglück anzunehmen, kippt er ins Aufgeben, ein Aufgeben, das letztlich zu Tod und Apathie führen kann. Aber das Aufgeben ist auch keine stabile Lösung. Und so wie er sich wieder aus dem Aufgeben heraus bewegt, kämpft er auch wieder gegen sein Kranksein an. Er kann es bestenfalls hinnehmen, aber nie wirklich annehmen.

„Verzeihen, aber nicht vergessen?“ Oder umgekehrt? Viele Menschen können so einen schweren Verlust nicht verzeihen, eher noch vergessen, im Sinne von verdrängen, wegdrängen. Sie können sich selbst nicht verzeihen (auch wenn sie gar nichts dafür konnten), sie können z. B. dem Unfallgegner nicht verzeihen und sie können dem ganzen Leben nicht verzeihen.

Allerdings muss sich eine Protesthaltung nicht so negativ auswirken. Genauer habe ich mich mit dieser Thematik u. a. in meinem Buch „Die Kunst sich richtig zu ärgern“ befasst. Daraus ein Zitat: „Es gibt  auch eine Reife des Protests, wie Camus sie in ‚Der Mensch in der Revolte‘ beschrieb. Ein Auflehnen ge­gen die Ungerechtigkeit und Absurdität der Welt, Protest als Ausdruck unserer Menschlichkeit. Sogar der sinnlose Protest kann seine Würde haben, das vergebliche Nein-Sagen – ein­fach, um zu demonstrieren, dass wir nicht zustimmen, sondern an etwas anderem, Positivem festhalten. Und sei es auch ein Traum.

    So gesehen ist das wahre Akzeptieren  als ein höheres, ganzheitliches Akzeptieren aufzufassen, als ein Bejahen, das aber auch Ja zum Nein sagt, also auch das  Nein, auch den gerechtfertigten Protest integriert. Wenn man alles akzeptiert, muss man eben auch seine Wut und sein Wehren akzeptieren.“  



Bilanz:

Welcher dieser drei Haltungen ist angemessen? Dabei sei zunächst angemerkt, dass es natürlich Übergänge und Kombinationen zwischen diesen drei Formen gibt. Ich gebe zu, dass ich die realistische, illusionslose Haltung Monods gegenüber dem zufälligen Unglück schon  herausragend finde. Aber es geht mir nicht darum, jetzt die genannten Haltungen z.B. hinsichtlich ihrer psychischen und geistigen Reife zu klassifizieren.

Jeder muss für sich herausfinden, welche Haltung für ihn die beste ist. Dabei ist m. E. letztlich doch nicht die Wahrhaftigkeit der oberste Maßstab, sondernd die Funktionalität einer Haltung, d. h. wie sie jemandem hilft, ein schweres Unglück zu ertragen, damit so umzugehen, dass er möglichst zufrieden und selbstbestimmt leben kann (voraus gesetzt, die Haltung ist sozial verträglich). Hier gibt es keine starren Regeln, sondern es hängt vom einzelnen Individuum ab, wie er am besten „Schicksaalschlägen“ begegnet, und sei es auch durch eine Selbsttäuschung.

 

Zum Schluss möchte ich fragen: Gibt es Regeln, die einem helfen, möglichst zukünftiges Unglück zu vermeiden, also eine Art Unglücks-Prophylaxe? Es geht mir hier natürlich nicht darum, wie man gesund lebt o. ä., sondern um die Vermeidung zufälligen Unglücks.

Aber man kann dem Zufall bzw. dem zufälligen Unglück nicht vorbeugen, denn es ist ja gerade charakteristisch dafür, dass es unvorhergesehen und unerklärlich eintrifft.

Soll ich sagen, ich fahre heute 5 Minuten später als geplant, um einem möglichen Unfall zu entgehen? Natürlich nicht. Wir sind – leider? – nicht allwissend.




25.09.17  Zufall und Unglück (6):  Wie mit dem  Unglück umgehen?

 

Fassen wir erst noch einmal zusammen:

„Zufällig“ nennen wir allgemein ein Ereignis, dass sehr unwahrscheinlich ist und für das wir keinen (hinreichenden) Grund, Zweck oder Sinn angeben können.

 

Zwar kann in unserem Beispiel ein Unfallsachverständiger begründen, wie ein Unfall entstanden ist, indem er z. B. die Straßenbeschaffenheit, das Wetter, die gefahrenden Geschwindigkeiten, die Bremswege usw. ermittelt. Aber das ist nicht das, was wir im eigentlichen Sinn als Begründung verstehen. Sondern wir wollen wissen und verstehen, warum gerade John von diesem Unfall betroffen ist und nicht ein anderer von hundertausenden Menschen in der Stadt, warum sich sein Fahrweg und der des anderen Unfallbeteiligten an einem bestimmten Tag genau um 12 Uhr, 51 Minuten, 20 Sekunden, 3 Zehntelsekunden, 4 Hundertstelsekunden trafen, ob sich eventuell doch ein Sinn oder Zweck hinter diesem Zufallsereignis verbirgt, und darüber kann uns der beste Unfallexperte keine Auskunft geben.

 

Betrachten wir den Zufall auf den Menschen bezogen, können wir präzisieren:

- das Ereignis fällt einem zu (wie der Begriff „Zufall“ aussagt), es handelt sich normalerweise nicht um eigenes Verhalten,

- man hat das Ereignis nicht bewusst oder absichtlich herbeigeführt,

- das Ereignis tritt selten auf.

 

Zur Erläuterung: Wenn ich den Wecker auf 7 Uhr einstelle, dann ist es kein Zufall, wenn er jeden Morgen um 7 Uhr klingelt. Schwieriger ist es mit der Präzisierung „fällt einem zu“, von außen. Wie ist in diesem Zusammenhang zu deuten, wenn man sich verliebt. Im Englischen heißt es treffend „to fall in love“, hier ist auch angedeutet, dass man  „in die Liebe fällt“ bzw. einem die Liebe zufällt, auch wenn das Verlieben ein Verhalten von mir selbst ist.

 

Manche Zufallsereignisse wie ein Verkehrsunfall können unser ganzes Leben zerstören. Nicht jedes Zufallsereignis ist aber bedeutsam für unser Leben sein, weder negativ noch positiv; z. B. fliegt eines Morgens ein extrem seltener Vogel an mir vorbei. Wenn ich ihn überhaupt bemerke, dann erkenne ich ihn gar nicht, jedenfalls hat er keine bewusste Auswirkung auf mein Leben. Und so sind wir eingebettet in eine Welt von Zufallsereignissen, die uns nicht direkt betreffen – indirekt allerdings schon, indem sie z. B. den Zeitablauf unseres Lebens minimal verändern.

 

Der Umgang mit Unglück ist ein komplexes Thema, das ich hier nur ansatzweise behandeln kann.

Wir haben uns hier darauf konzentriert, dass ein zufälliges Unglück – im Beispiel ein Autounfall – das ganze Leben dauerhaft verändert, mit vielen negativen Folgen: Behinderung, Verlust der Arbeitsstelle, von der Partnerin verlassen werden, u.a.

 

Es gibt allerdings auch viele kleinere zufällige Missgeschicke, die nicht gleich das ganze Leben zerstören, aber in ihrer Vielzahl das Leben doch sehr belasten können, so dass sich der Betroffene sich als ein „Pechvogel“, als ein „Unglücksrabe“ fühlt und auch von anderen so wahrgenommen wird. Wenn einem allerdings ständig die gleichen Missgeschicke passieren, dann ist die Zufälligkeit in Frage gestellt, weil es sich dann ja nicht mehr um seltene Ereignisse handelt.

 

Was sind typische Missgeschicke? Eine womöglich teure Vase geht kaputt, der Friseur verschneidet einem die Frisur, man bestellt ein Hemd aus Versehen in der falschen Größe, man vergisst eine Verabredung, man will ins Konzert, bekommt aber keine Karte mehr, ein Fleck auf der neuen Hose geht nicht raus, man stößt sich den Ellenbogen an usw. usw. Was jemand als Missgeschick deutet und vor allem wie gravierend er es empfindet, ist relativ bzw. subjektiv, hängt durchaus von der eigenen Persönlichkeit ab, insbesondere von der Frustrationstoleranz, der Penibilität, der Empfindlichkeit. Während der Kratzer am Auto für den einen schon fast ein Unglück ist, reagiert der andere mit einem Achselzucken.

 

Daneben gibt es auch Unglück, das nicht (oder wenig) Zufallscharakter hat, für das man weitgehend  selbstverantwortlich ist, z. B. durch den Konsum von gefährlichen Drogen. Auch das fordert uns natürlich zu einer Bewältigung heraus, wobei noch die eigene Schuld erschwerend hinzukommt. Ähnlich ist es mit Krankheiten wie z. B. Diabetes, die entweder ohne unser Zutun, durch eine genetische Anlage, oder aber durch ungesunde Lebensweise verursacht sein, das verlangt in beiden Fällen Verarbeitungsstrategien. – Aber das ist hier nicht unser Thema.

 

Sicherlich haben nur wenige Menschen die wahrscheinlichkeitstheoretischen Kenntnisse und die Fähigkeit, sie auch konkret anzuwenden, um die immense Zufälligkeit ihres Lebens (und ggf. eines Unglücks) zu verstehen. Aber viele werden doch begreifen, dass ihnen Missgeschicke zufällig geschehen, eben zufallen, dass sie Pech haben.

 

Dass John durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle einen schweren Unfall erleidet,

könnte man auch Schicksal nennen. Aber ich sehe es gerade anders.

 

In der griechischen Tragödie geht es darum, dass der Mensch ein vorherbestimmtes Schicksal hat, seine Bestimmung, der er nicht ausweichen kann. Je mehr er gegen das Geschick ankämpft, desto mehr verstrickt er sich darin es gibt keinen Ausweg. Es macht den Helden aus, dass er sein Schicksal annimmt und das Beste daraus macht.

 

Aber ich glaube nicht an ein vorherbestimmtes Schicksal, und aus heutiger wissenschaftlicher Sicht ist es wenig begründet, von einer völligen Determination der Welt auszugehen – und damit auch des Lebens jedes einzelnen Menschen. „Es steht geschrieben?“

Nein, oft ist es ein kleines zufälliges Ereignis, das einen ins Unglück stürzt und das ganze weitere Leben prägt bzw. belastet. Nicht ein irgendwie vorherbestimmtes Ereignis, sondern eines, das genauso gut hätte nicht passieren können, für das es keinerlei Notwendigkeit gab, das eben zufällig war.

 

Das gilt auch für unser eigenes Verhalten. Natürlich gibt es Zwänge und Gesetze, die unsere Freiheit einschränken. Das fängt schon bei den Genen an, die eine körperliche und seelische Grundstruktur vorgeben. Auch die Gesetze der physischen Welt sowie gesellschaftliche Regeln begrenzen unseren Handlungsspielraum. Aber es bleibt dennoch ein Freiheitsraum, in dem wir uns entscheiden können. Und daher kann man auch durch eine kleine, unbedeutende Handlung sich selbst ins Unglück stürzen, nicht absichtlich, nicht schuldhaft, sondern zufällig.

 

Es ist doch leichter (wenn auch nicht leicht) zu akzeptieren, dass unser Leben, z. B. ein schwerer Unfall, durch ein Schicksal vorherbestimmt ist, eine Vorherseehung, die sinnhaft sein kann, auch wenn sich der Sinn uns erst einmal nicht erschließt.

 

Wie viel schwerer ist aber hinzunehmen, dass ein sinnloser, blinder Zufall uns ins Unglück gestürzt hat, dass eine Sekunde früher oder später unser Leben bestimmt, weil wir genau in dieser Sekunde einen schweren Unfall hatten. Dass dies eben gerade nicht vorherbestimmt war, sondern extrem unwahrscheinlich, dass es tausende von anderen Möglichkeiten gegeben hätte, nicht diesen Unfall zu erleiden, aber wir eben durch einen bösartigen Zufall genau in der einen Sekunde über eine Kreuzung fuhren, als ein anderer Fahrer eine rote Ampel missachtete unser Auto rammte.  Das ist absurd, wenn man so will zynisch, obszön.

 

Natürlich kennen die meisten Menschen wie gesagt nicht die genauen logischen und wahrscheinlichkeitstheoretischen Implikationen.  Aber es ist ihnen meistens schon klar, dass ein Zufall, ein Unglück sie getroffen hat.

 

„Warum ich?“ fragt der Mensch. In dem berühmten Roman „Die Brücke von San Luis Rey“ beschreibt der Schriftsteller Thornton Wilder die Geschichte von fünf Menschen, die beim Einbruch der Brücke zu Tode stürzen. Während man zunächst an Zufall denkt, wird in dem Roman deutlich, dass alle diese Menschen auf ganz unterschiedliche Weise in ihrem Leben gefehlt haben und daher im Namen einer höheren Gerechtigkeit sterben.

Ein großartige Erzählung, aber die Lösung halte ich für völlig verfehlt. Der Zufall fragt nicht danach, wie jemand gelebt hat, ob er moralisch und ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft war, oder ob es sich um einen egoistischen, kaltblütigen, vielleicht kriminellen Menschen handelt.

 

Nein, der Zufall ist willkürlich, chaotisch, ungerecht – er fragt nicht, ob einer ein guter oder „böser“ Mensch ist. Insofern könnte man den Zufall umgekehrt auch gerade als gerecht nennen. Denn er unterscheidet auch nicht zwischen reichen und armen, glücklichen und unglücklichen Menschen, für ihn sind alle gleich. Auf den Punkt gebracht: der Zufall ist absurd.



12.09.17  Zufall und Unglück (5):  Mein Einfluss auf andere Menschen

Ich habe oben analysiert, wie kleinste Ereignisse oder kleinste Verhaltensweisen von mir selbst bzw. von anderen Menschen mein Leben beeinflussen können (subjektiv gesprochen).

Jetzt will ich beschreiben, wie mein Verhalten das Leben anderer beeinflussen kann, wiederum z. B. den Unfall eines anderen Menschen mit verursachen kann.

 

Es geht mir hier nicht darum, dass ich z. B. betrunken schuldhaft einen Unfall verursache. Sondern es geht mir im Sinne einer Zufallstheorie darum, wie ich durch eine zufällige Begegnung zu einem Unfall beitrage. Ich möchte mich dabei wieder auf den Faktor Zeit konzentrieren, weil sich das so am besten aufzeigen lässt.

 

Angenommen, ich gehe eine Straße entlang. Ein Mann kommt mir entgegen, er weicht mir aus, und dieses Ausweichen dauert 4 Sekunden, um die sich nun sein Leben verschiebt. Der Mann geht zu seinem Auto, er fährt los und erleidet einen schlimmen Unfall. Ich habe oben erläutert, dass Unfälle sich innerhalb von Sekunden oder sogar zehntel und hundertstel Sekunden abspielen. Wäre der Mann mir nicht begegnet, er hätte den Unfall nicht gehabt. Erschreckend, oder?!

 

Erweitern wir die Situation: Der Mann weicht mir aus, er trifft später seinen Freund, und als der später nach Hause fährt, erleidet er einen Unfall. Auch das wäre nicht passiert, wenn ich dem Mann nicht begegnet wäre. Oder wenn ich ihm rechtzeitig ausgewichen wäre, so dass er keine Zeit verloren hätte.

 

Denken wir noch weiter: Der Mann ist auf dem Weg zum Flughafen, er fliegt z. B. mit dem Flugzeug von Deutschland nach Ägypten. Dort trifft er einen Geschäftsfreund. Als der Geschäftsfreund dann wegfährt, verunglückt er. Das wäre nicht passiert, wenn der Mann und ich uns in Deutschland nicht begegnet wären.

Man mag einwenden, diese 4 Sekunden bei dem Ausweichen auf der Straße haben jetzt (auch noch in Ägypten) keinen Einfluss mehr, sie sind gewissermaßen neutralisiert, die Zeit hat sie ausgeglichen. Ich bestreite das. Ausgehend von der Theorie, dass die Geschichte ein zweites Mal nicht gleich verlaufen würde, bleiben die 4 Sekunden erhalten.

 

Wenn wir diese Überlegungen noch mehr erweitern: Durch meine Begegnung mit dem Mann auf der Straße, bin ich nicht an einem Unfall beteiligt, sondern an vielen Unfällen. Allerdings, ich verhindere vermutlich auch viele Unfälle. Und trage dazu bei, dass sich viele Menschen treffen, die sich sonst nie getroffen hätten.

 

Man kann es sich so vorstellen: Durch meinen Einfluss auf den Mann, der mir ausweicht, werden Wirkungen ausgelöst, die sich immer weiter ausdehnen immer mehr Menschen und immer mehr Ereignisse betreffen. Es ist wie ein Schneeballsystem. Oder wie wenn ich einen Stein flach auf ein Gewässer werfe und sich konzentrische Kreise bilden.

 

So kann man behaupten, dass ich auch Einfluss auf die Weltgeschichte habe. Natürlich nicht nur durch die Begegnung mit dem einen Mann, sondern durch viele Begegnungen und viele Handlungen.

So ist es möglich, ja wahrscheinlich, sogar sicher, dass ich auch Einfluss auf Unfälle von Politikern oder aber auf die Handlungen von Attentätern habe.

 

Dies ist keine Theorie für Größenwahnsinn. Nicht nur man selbst, sondern andere Menschen haben ebensolchen Einfluss, es sei denn, sie leben völlig isoliert, ohne jeden Kontakt. Andere Menschen können auch mehr Einfluss als ich haben, wenn sie viel mehr Kontakte als ich habe (es geht hier wie gesagt nicht um den Einfluss, den z. B. Politiker durch ihr Amt haben, sondern nur um die Wirkung auf die Zeit).

 

Es ist eine vernetzte Welt. Die Einflüsse können verschwindend gering sein, aber wenn ein Ereignis notwendig für ein anderes ist, dann reicht auch eine geringe Wahrscheinlichkeit aus.

 

Heute ist die Vernetzung der Menschen untereinander viel größer als je zuvor: durch Reisen in andere Länder, mit Auto, Bahn, Flugzeug usw. – in nie gekanntem Ausmaß. Vor allem aber durch die Datennetze: mit E-Mails, Whatsapp-Botschaften, Chats und Beiträgen in Online-foren üben wir aufeinander einen größeren Einfluss aus, als je zuvor. Zwar kann auch der Inhalt dessen, was wir posten, sagen oder schreiben andere beeinflussen. Aber mir geht es hier eben primär um die zufällige Beeinflussung, die einfach darin besteht, dass wir den Zeitablauf eines anderen Menschen wenn auch nur geringfügig verändern: wenn jemand eine Mail von mir liest, ist seine Zeit ein wenig verschoben.

 

Der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan sagte (vor vielen Jahren) über das Radio, „das Medium ist die Botschaft“. Gemeint war: dass das Radio sendet, ist das Entscheidende, nicht was es sendet. Entsprechend könnte man heute sagen: Die Botschaft ist das Influens. Die Nachricht, Information, Botschaft an sich verändert das Leben der Menschen, unabhängig vom konkreten Inhalt. Nicht zufällig werden heute Menschen, die besonders viele online-Kontakte haben und damit Einfluss ausüben „Influencer“ genannt.




07.09.17  Zufall und Unglück (4):  Das Unglück in der Zeit

 

Es geht hier um einen Sonderfall, wie kleinste Faktoren größten Einfluss haben können, nämlich um den Faktor Zeit. Damit wird die Zufallsproblematik noch verschärft: Denn das ganze Leben kann von einer Sekunde oder auch einem Sekundenbruchteil abhängen.

 

Nicht alle Ereignisse sind so abhängig von kleinesten zeitlichen Veränderungen; z. B. dass jemand an Rheuma erkrankt, das geht kaum auf ein Ereignis an einem bestimmten Zeitpunkt zurück.

 

Aber ein Unfall, wie er uns hier exemplarisch beschäftigt, ist ein besonders zeit-sensibles Phänomen. Unfälle, z. B. Verkehrsunfälle, hängen meistens von Sekunden, ja Zehntelsekunden ab. Und ein solcher Unfall kann einen für Wochen oder Monate krank machen, er kann einen für den Rest des Lebens zum Invaliden machen, aber er kann einen auch töten.

 

Ein anderes Beispiel ist die zufällige Begegnung mit einem Menschen in einer Menschenmenge: auch hier gilt, wenn ich eine Sekunde früher oder später unterwegs bin, kann darüber entscheiden, ob ich einer Person  begegne oder nicht. Und das kann eine Person sein, die mein ganzes Leben entscheidend bestimmen wird, z. B. der zukünftige Ehepartner. Aber uns interessiert hier eben als Beispiel der Verkehrsunfall von John.

 

Schauen wir uns jetzt ein (stark vereinfachtes) Zeitprotokoll von dem Unfall an: von John, der mit seinem Auto mit dem eines anderen zusammenstößt. Für den anderen Fahrer, den Unfallgegner, könnte man ein entsprechendes Protokoll aufzeichnen.

                                                                                Uhrzeit:

 

A1: John geht im Aufbruch noch ans Telefon          11,30

 

A2: John fährt mit dem Auto in die Stadt                11,35              

                         

A3: John geht in Elektronikladen                            11,51                                     

             

A4: John  schlendert über die Fußgängerzone        12,02

             

A5: John gibt einem Bettler drei Euro                      12,16              

             

A6: John guckt in einen Modeladen                         12,18

                                    

A7: John isst Pommes Frites                                   12,33

                                    

A8: John fährt einen Umweg                                   12,39

                                    

A9: John fährt den Stadtring entlang                       12,47

                         

A10: John fährt auf die Kreuzung                            12,51

 

Um 12 Uhr, 51 Minuten, 20 Sekunden, 3 Zehntelsekunden, 4 Hundertstelsekunden erfolgt der Unfall.                             

 

Wenn John eine Sekunde – oder Zehntelsekunde, vielleicht Hundertstelsekunde – früher oder später die Kreuzung überquert hätte, wäre der Unfall nicht passiert (dasselbe gilt natürlich für den Unfallgegner).

 

Von besonderem Interesse sind hier die Verhaltensweisen, die nicht immer zur gleichen Uhrzeit ablaufen.

Wenn jemand jeden Morgen mit dem Funkwecker genau um 6,30 Uhr aufsteht, bringt die Frage wenig, warum er gerade heute um 6,30 Uhr aufgestanden ist. Aber es gibt sehr wenige oder vielleicht gar keine Tätigkeiten, die wir täglich genau zur gleichen Zeit machen, jedenfalls wenn wir auch Zehntelsekunden berücksichtigen. Und hier im Beispiel von Johns Unfall gibt es gar keine Verhaltensweisen, die er jeden Tag völlig gleich vollzieht.

 

Aber von größtem Interesse sind die Verhaltensweisen, die ungewöhnlich für John sind:

Z. B. dass er noch im Aufbruch ans Telefon ging (Wahrscheinlichkeit 2/30 = ca. 7%).

Wir können uns vorstellen, wie er im Krankenbett liegt und grübelt: „Wäre ich nur nicht heute noch ans Telefon gegangen! Und hätte mich dieser unglückselige Rüdiger nur nicht angerufen! Dann wäre ich etwa 5 Minuten früher unterwegs gewesen, der Unfall wäre nicht passiert und mir wären diese schweren Verletzungen erspart geblieben!“

Oder noch extremer: Dass John dem Bettler drei Münzen in den Hut warf. Das hat vielleicht 2 Sekunden gekostet. Und John könnte hadern. „Hätte ich dem Bettler nur kein Geld gegeben. Das tue ich doch sonst auch nicht. Wie gemein ist die Welt, dass ich gerade für diese gute Tat bestraft werde! So habe ich vielleicht 2 Sekunden verloren. Und 2 Sekunden früher an der Kreuzung hätten gereicht, dass der Unfall nicht passiert wäre. Ich hätte die Kreuzung schon ganz überquert!“

 

Theoretisch könnte es natürlich sein, dass wenn John z. B. 5 Minuten früher (ohne Telefonat) gefahren wäre, dass er sich woanders 5 Minuten länger aufgehalten hätte und dennoch genau um 12 Uhr, 51 Minuten, 20 Sekunden, 3 Zehntelsekunden, 4 Hundertstelsekunden

auf der Kreuzung gewesen wäre, so dass der Unfall dennoch stattfand. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür dürfte gegen 0 gehen. Nur wer an eine vorbestimmte Welt, mit schicksalhaften, unvermeidbaren Ereignissen glaubt, dürfte das für realistisch halten.

 

Natürlich gibt es auch phlegmatische oder sagen wir positiver gleichmütige Menschen, die sich nicht solchen quälenden Gedanken „was wäre wenn …“ hingeben. – Ich werde dieses Thema am Schluss noch einmal genauer beleuchten.

 

Wir haben hier wieder dasselbe Muster wie bei den Bedingungen oder der Wahrscheinlichkeit: viele letztlich unfassbar viele Ereignisse und Verhaltensweisen haben zusammengewirkt, aber wir greifen uns daraus einen oder wenige Faktoren raus, die ungewöhnlich sind.




03.09.17  Zufall und Unglück (3):  Empirische Wahrscheinlichkeit

Bei  der theoretischen Wahrscheinlichkeit wird also jedem Ereignis eine Wahrscheinlichkeit von p = ½ zugeordnet. Jedes Ereignis oder jede Menge von Ereignissen ist gleich (un)wahrscheinlich, unabhängig von der empirischen Wahrscheinlichkeit.

Z. B., dass ich der nächste Präsident der USA werde, die empirische Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei (nahezu) null, die theoretische Wahrscheinlichkeit aber bei 1/2.

 

Bei der empirischen Wahrscheinlichkeit schreibt man nicht jedem Ereignis theoretisch eine

Wahrscheinlichkeit von 1/2 zu, sondern man gibt an, wie oft in unserer Realität das Ereignis

auftritt. In unserem Fall mit John kann man z. B. angeben, wie oft er mit dem Auto in die Stadt fährt. Die Frage ist, auf welchen Zeitraum man das bezieht, ich wähle hier als Kategorie einen Monat (berechnet mit 30 Tagen).

Z. B. fährt John 18mal im Monat mit dem Auto in die Stadt. Die Wahrscheinlichkeit beträgt daher 18/30 (60%). (Oft wird hier auch von „relativer Häufigkeit“ gesprochen, aber der Unterschied ist für uns vernachlässigbar.)

 

Das mit den 60% war eine Schätzung. Ein Problem ist, dass wir die empirische Wahrscheinlichkeit der meisten Ereignisse nicht genau kennen und sich die Wahrscheinlichkeit einer Kette von Ereignissen um so schwerer berechnen lässt; daher sind wir oft auf Schätzungen angewiesen. In anderen Fällen sind Schätzungen noch viel schwieriger, aber auch (der fiktive) John selbst wird nicht genau angeben können, wie oft im Monat er in die Stadt fährt, wie oft er in einen Elektronikladen geht usw.

Wenn ich hier in der Liste unten 10 Handlungen von John eine Wahrscheinlichkeit zuordne, so ist das sehr willkürlich und dient nur zur Veranschaulichung. (Die Prozentwerte sind auf- bzw. abgerundet.) 

 

 

Wie wahrscheinlich war es, dass die oben genannten Bedingungen des Unfalls alle eintrafen und damit auch der Unfall eintraf? Wenn man diese Wahrscheinlichkeiten multipliziert, so erhält man bei der ersten Multiplikation: 2/30 x 18/30 = 0,0396 = ca. 4%. Bei der zweiten Multiplikation erhält man ca. 0,4%, bei der dritten nur noch ca. 0,1%. Und das geht dann immer näher Richtung 0.

 

Für Johns Unfall ergibt sich (nach diesen Schätzungen) durch Multiplikation der Wahrscheinlichkeiten ein Wert von nahezu 0 bzw. nahezu 0%. Der Wert der vorletzten Multiplikation ist 0,0000001, als letzten Wert gibt er Taschenrechner einfach 0 an.

             

Allerdings ist es für die Gesamt-Wahrscheinlichkeit von Johns Unfall nicht entscheidend, welches Verhalten von John wie wahrscheinlich war.

Denn was überraschen mag: Auch wenn wir verschiedene Ereignisse mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit verknüpfen, wird das Ergebnis mit jedem Ereignis immer unwahrscheinlicher.

 

Nehmen wir als Beispiel eine Menge von zunächst 10 Ereignissen, die alle eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit von 0,9 (90%) besitzen. Wir multiplizieren also  0,9 x 0,9 =  0,81, und das Ergebnis stets wieder mit 0,9. Dann erhalten wir (immer mit 3 Stellen nach dem Komma): 0,729  0,656  0,590  0,531  0,478  0,430  0,387  0,349. Einfacher lässt sich das natürlich vollziehen, wenn wir die Potenz 0,9 hoch10 berechnen.

 

Wir erhalten also bei 10 Ereignissen einen Wert von ca. 0,35 bzw. 35 %. Das ist zwar noch nicht sehr niedrig, aber in Anbetracht, dass wir von Ereignissen ausgegangen sind, die alle zu 90% wahrscheinlich sind, doch eine geringe Wahrscheinlichkeit.

Weitere Werte sind (jeweils auf 3 Stellen nach dem Komma):

0,9 hoch20 = 0,122 (12,2 %)

0,9 hoch30 = 0,042 (4,2 %)

0,9 hoch50 = 0,005 (0,5%)

 

D. h. wenn wir z. B. 50 Ereignisse vor dem Unfall berücksichtigen – jedes mit einer hohen Wahrscheinlichkeit von 90% –, so hat der Unfall nur noch eine Wahrscheinlichkeit von 0,5%.

Mathematisch ist eine Kombination von hinreichend vielen Ereignissen immer unwahrscheinlich.

 

Nur bei deterministischen Ereignissen, deren Wahrscheinlichkeit 1,0 bzw. 100% beträgt,

bleibt die Wahrscheinlichkeit bei Kombinationen erhalten. Denn die Multiplikation von 1 mit

1, also 1 x 1 x 1 usw., ergibt immer wieder 1. Entsprechend bleibt bei unmöglichen Ereignissen die Wahrscheinlichkeit erhalten: denn die Multiplikation mit 0 ergibt immer 0)

Aber im Leben gelten überwiegend nur wahrscheinliche, statistische Gesetze, die also eine Wahrscheinlichkeit größer als 0, aber kleiner als 1 besitzen.

 

Halten wir hier fest: Es gibt eine Gemeinsamkeit von theoretischer (abstrakter) und empirischer (konkreter) Wahrscheinlichkeit: Wenn man beliebig viele Ereignisse erfasst, geht die Wahrscheinlichkeit gegen 0. Pointiert: die Wirklichkeit an sich ist extrem unwahrscheinlich. Allerdings wäre eine andere Wirklichkeit auch nicht unbedingt wahrscheinlicher. Gerade für die theoretische Wahrscheinlichkeit gilt, dass jede mögliche Welt genau gleichwahrscheinlich ist.



24.08.17  Zufall und Unglück (2):  Theoretische Wahrscheinlichkeit

Was ist Wahrscheinlichkeit?

Wir nennen ein Ereignis

- sicher, das in allen Fällen (100%) auftritt

- wahrscheinlich, das in den meisten Fällen (mehr als 50%) auftritt

- unwahrscheinlich, das in den wenigsten Fällen (weniger als 50%) auftritt

- unmöglich, das in keinem Fall (0%) auftritt.

Man nimmt Wahrscheinlichkeit aber auch als Oberbegriff, kann also z. B. auch von einer

Wahrscheinlichkeit von 30% sprechen.

 

Für den hier zentralen Begriff des Zufalls gibt es wahrscheinlichkeitstheoretisch zwei Deutungen: erstens ein Ereignis, dass in 50% der Fälle auftritt; zweitens ein sehr unwahrscheinliches, seltenes Ereignis, dass mit weniger als ca. 10% Wahrscheinlichkeit auftritt. Dieser Zufallsbegriff ist nicht genau quantifiziert, man könnte auch z. B. 15% oder 5% ansetzen.

 

Ich werde hier Zufall im Sinne eines unwahrscheinlichen Ereignisses verwenden.

Mit zufällig meinen wir allerdings auch – über eine rein quantitative Bedeutung hinaus – dass das Ereignis keine Ursache, keinen Sinn und keinen Zweck besitzt, oder dass uns diese nicht bekannt sind. (Ausführlich habe ich mich mit dem Begriff des Zufalls in meinem Blog-Text „Zwei Modelle vom Zufall“ / 06.11.2015 beschäftigt.)

 

Man kann vereinfacht unterscheiden: empirische und theoretische Wahrscheinlichkeit.

Die theoretische Wahrscheinlichkeit gibt an, wie viele Kombinationsmöglichkeiten (unabhängig von der Realität) gegeben sind.

Ein beliebiges Ereignis hat eine theoretische Wahrscheinlichkeit von 1/2 (oder 50%). Z. B.

dass es heute in Köln regnet, hat erst einmal eine Wahrscheinlichkeit von 1/2. Warum? Ein Ereignis kann stattfinden oder nicht stattfinden, es gibt also 2 Möglichkeiten: ja oder nein (Diese 2-Teilung liegt auch der Digitalisierung zugrunde).

 

Betrachten wir jetzt 2 Ereignisse, A und B. Es gibt hier folgende 4 Möglichkeiten: A und B, A und nicht B, nicht A und B, nicht A und nicht B. Dass beide Ereignisse A und B zutreffen, ist also eine von 4 Möglichkeiten, hat somit eine Wahrscheinlichkeit von ¼ (25%).

 

Anders gesagt: Um die Wahrscheinlichkeit verschiedener Ereignisse zu berechnen, multipliziert man ihre Wahrscheinlichkeiten. Wenn man 2 Ereignisse hat, so ergibt sich für die Gesamtwahrscheinlichkeit p: 1/2 x 1/2 = 1/4

 

Die theoretische  Wahrscheinlichkeit setzt voraus, dass man die Ereignisse als voneinander unabhängig betrachtet. Unabhängig voneinander sind z. B. die verschiedenen Ziehungen beim Lotto, also einem Glücksspiel. Reale Ereignisse sind zwar oft nicht unabhängig voneinander, dennoch kann man sie erst einmal so betrachten. Bei 10 Ereignissen beträgt die Wahrscheinlichkeit nur noch 1/1024, vereinfacht 1/1000, ca. 0,1 %, ist also bereits sehr unwahrscheinlich. Genau berechnet man das mit 1/2 hoch n oder (0,5) hoch n.

 

D. h. aus Sicht der theoretischen Wahrscheinlichkeit sind alle Mengen oder Folgen von Ereignissen unwahrscheinlich, und zwar umso unwahrscheinlicher, je mehr Ereignisse wir betrachten. Dabei ist es hier völlig gleichgültig, um welche Ereignisse es sich handelt.


 

Auf der Kreuzung Stadtring / Hauptstraße findet dann der Unfall statt.

Der Unfall hat dann – als 11. Ereignis –  die theoretische Wahrscheinlichkeit pT = 1/2048 = 0,05% (oder 1/1024, wenn man es als 10. Ereignis berechnet). Also ist bzw. war der Unfall (theoretisch) sehr unwahrscheinlich oder zufällig.

Wenn man den Unfall isoliert betrachten würde, dann hätte er – wie jedes andere Ereignis –

eine theoretische Wahrscheinlichkeit von 1/2, aber diese Betrachtungsweise ist unrealistisch.

          

Der Fall von 10 Bedingungen ist schon interessant, aber gehen wir z. B. von 100 Bedingungen aus. Dann reichen 99 erfüllte Bedingungen nicht aus, um eine Folge zu garantieren. Denn wenn nur eine dieser Bedingungen nicht gegeben ist, findet das Ereignis nicht statt.

Da die theoretische Wahrscheinlichkeit schon bei 10 Bedingungen nur noch 0,1% beträgt, kann man sich vorstellen, dass sie bei 100 Bedingungen (aber auch schon bei weit weniger) nahezu 0% ist. Fast 0%, das ist extrem unwahrscheinlich, also im höchsten Grad zufällig, fast schon unmöglich.

 

Allerdings muss man sich klar machen:  die theoretische Wahrscheinlichkeit jeder anderen Kombination von Ereignissen wäre genauso groß bzw. klein, wenn man die konkreten, einzelnen Ereignisse betrachtet. Denn wie gesagt, für jedes Ereignis gilt, es ist gleich wahrscheinlich, ob es stattfindet oder nicht. Nur wenn man Ereignissein verschiedene Kategorien ordnet, ergeben sich unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten).




17.08.17  Zufall und Unglück (1):  Logische Bedingungen

Betrachten wir den Unfall zunächst unter dem Gesichtspunkt (logischer) notwendiger Bedingungen. Berücksichtigen wir der Einfachheit halber nur 10 Bedingungen A1 - A10.

 

A1: John will gerade aus dem Haus gehen, da klingelt das Telefon. Es ist sein Freund Rüdiger.

A2: Da es jetzt später ist, fährt John mit dem Auto in die Stadt und nicht mit dem Bus.

A3: John geht zunächst in einen Elektronikladen und schaut nach neuen Handys.

A4: Dann schlendert John über die Fußgängerzone.

A5: Er gibt einem Bettler drei Euro.

A6: Danach guckt er in einen Modeladen rein, kauft aber nichts, weil es ihm zu teuer ist.

A7: In einem Imbiss isst er Pommes Frites mit Mayonnaise.

A8: Er steigt in sein Auto (einen Ford) und fährt einen Umweg, um einem Stau zu entgehen.

A9: Er fährt den Stadtring entlang.

A10: Er fährt auf die Kreuzung Hauptstraße / Stadtring.

 

Unfall: Auf der Kreuzung fährt ein anderes Auto, dessen Fahrer eine rote Ampel überfahren hat, in seinen Ford.

 

John erleidet durch den Unfall schwere Verletzungen: er muss wochenlang ins Krankenhaus und dann in die Reha, danach bleibt er gehbehindert, kann z. B. keinen Sport mehr machen. Es sind weitere negative Folgen möglich oder sogar wahrscheinlich. Vielleicht verliert er seine Arbeitsstelle, weil er nicht mehr so belastbar ist; dadurch sinkt sein Lebensstandard. Vielleicht trennt sich seine Freundin von ihm, weil dieses reduzierte Leben von John nicht mehr mit ihrem Lebensentwurf vereinbar ist. Vielleicht verliert John auch andere Kontakte, weil er sich zurückzieht. Es drohen Depression und Vereinsamung. (Und so verheerend diese Unfallfolgen auch sind, es wären auch noch schlimmere Folgen, bis zum Tod möglich.)

 

Die Bedingungen des Unfalls (A1 – A10), die hier genannt werden, sind alle nicht im eigentlichen Sinn kausale Ursachen des Unfalls, sondern sie führen nur dazu, dass John gewissermaßen zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Das ist aber bewusst so gewählt, denn es geht mir darum zu zeigen, wie ein Mensch durch Zufälle, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände schuldlos einen Unfall erleidet. (Der Zufallsbegriff wird später genauer erläutert.)

 

Es wäre auch ein ganz anderes Szenario der Unfallfahrt denkbar: John hat getrunken, außerdem hat er Beruhigungstabletten genommen und die letzte Nacht durchgemacht, die Bremsen seines Wagens sind nicht in Ordnung (er war nicht bei der Inspektion), die Reifen sind abgefahren, er hat vergessen, die Scheinwerfer anzustellen, er fährt zu schnell, zu allem Überfluss spielt er noch an seinem Handy, und er ist es, der die rote Ampel überfährt. In diesem Fall gibt es also „gute“ Gründe, warum John in einen Unfall gerät, es ist kein Zufall. Und in diesem Fall würde John auch die Hauptschuld tragen.

 

Es ist sicher einleuchtend, dass diese 10 Bedingungen nur einen winzigen Teil der tatsächlichen Bedingungen darstellen, auch je nachdem, wie genau man analysiert. So könnte man natürlich auch für den Unfallgegner die Gründe aufzeigen, die ihn zur selben Zeit wie John an die Unfallstelle führten. Man könnte weitere Personen mit einbeziehen, man könnte in der Zeit zurückgehen, Tage, Wochen oder auch Jahre. Die Theorie ist, dass sich auch kleinste Ereignisse oder Handlungen vor langer Zeit bis ins heute ihren Einfluss haben, auch wenn der Einfluss für einen einzelnen Faktor minimal ist.

 

Keine dieser Bedingungen war hinreichend, aber jede Bedingung war notwendig.

Logisch schreibt man notwendige Bedingungen mit der Replikation; bei 10 Bedingungen ergibt sich:

A1 ← B  ^  A2 ← B  ^ …  ^ A10 ← B                 B = Unfall


Notwendige Bedingung heißt umgekehrt, dass wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist (bzw. war), dass dann das Ereignis nicht eintritt. Das wird formal mittels der Implikation geschrieben:


(¬A1 → ¬B)  ^ (¬A2 → ¬B) ^ ^ (¬A10 → ¬B)

 

Man kann solche logischen Bedingungen auch als (nicht-kausale) Teilursachen auffassen. Eine Teilursache kann alleine nicht eine bestimmte Wirkung (z. B. den Unfall) auslösen, aber ohne die Teilursache wäre die Wirkung ausgeblieben, wäre im Beispiel der Unfall nicht passiert.

 

Mancher ist in so einer Situation geneigt, im Nachhinein immer wieder über den Unfall zu grübeln. John könnte z. B. denken:

„Wäre ich bloß nicht noch ans Telefon gegangen! Ich war doch schon auf dem Sprung wegzugehen. Und hätte mich nur der verdammte Rüdiger nicht angerufen! Der meldet sich ohnehin nur, wenn er etwas von mir will. Er hat mir Unglück gebracht.“

Oder: „Hätte ich nur dem Bettler kein Geld gegeben! Der Unfall mit seinen Folgen wäre mir erspart geblieben. Wahrscheinlich bettelte der nur zum Schein und ist in Wahrheit reicher als ich! Da sieht man mal wieder, dass der Satz stimmt: ‚Gute Taten werden sofort bestraft.‘“

Oder: „Wäre ich nur nicht in den Imbiss gegangen und hätte diese fettigen Pommes frites mit der ranzigen Mayonnaise gegessen! Und mein weiteres Leben wäre ganz anders verlaufen.“

 

Diese Grübeleien sind natürlich sehr belastend. Noch quälender sind sie, wenn man sich wenigstens teilweise selbst die Schuld gibt, auch wenn das objektiv unberechtigt sein mag. Z. B. mag John damit hadern, dass er in dem Imbiss gegessen hat, obwohl er sich eigentlich gesünder ernähren wollte.

 

Meistens macht man wie John letztlich ein einziges Ereignis, eine einzige Handlung oder unterlassene Handlung für sein Unglück verantwortlich. John hat recht und doch unrecht: Es stimmt, jedes einzelne Ereignis war mitbeteiligt daran, sein Lebens in Unheil zu wenden. Und ohne dieses Ereignis, ohne diese Handlung wäre der Unfall nicht passiert.

Aber es ist willkürlich, welches Ereignis man herausgreift. Wahrscheinlich wählt man eins aus, das einem ohnehin ambivalent war, z. B. noch für den nervenden Rüdiger ans Telefon zu gehen, oder was für einen ungewöhnlich war, z. B. dem Bettler Geld geben.

Aber eigentlich könnte man irgendein beliebiges Ereignis herausgreifen, und das könnte auch schon vor Jahren passiert sein. Nur bezieht man ein aktuelles Ereignis normalerweise auf andere Ereignisse, die gerade oder vor kurzem stattgefunden haben.

Wie auch immer, letztlich ist es eben die Gesamtheit der Ereignisse bzw. Handlungen bzw. Bedingungen, die den Unfall auslösten. Nur alle notwenigen Bedingungen zusammen sind auch hinreichend.

 

Einige wissenschaftstheoretische Anmerkungen für Spezialisten:

Natürlich ließen sich auch Einwände gegen meine Darstellung erheben, z. B.:

- Es gibt auch Situationen, in denen eine einzige Bedingung hinreichend sein kann. Wenn ich Wasser trinke, ist das hinreichend dafür, dass ich meinen Durst lösche. Aber nicht notwendig.

- Technisch gesehen ist auch ein Problem, dass die obigen Bedingungen nicht alle unabhängig voneinander sind. Wobei sich Frage stellt, ob es real überhaupt völlig unabhängige Bedingungen gibt.

- Ich beschreibe hier einen singulären Sachverhalt, normalerweise beziehen sich die logischen Bedingungen auf generelle Sachverhalte.

Diese und andere mögliche Einwände betreffen aber nicht den Kern meiner Argumentation, ich vernachlässige hier eine solche Spezialistendiskussion zugunsten der Lesbarkeit des Artikels.




14.08.17  Zufall und Unglück - Einführung

 

Alle Texte, die ich geschrieben habe und hier in den Blog setze, bedeuten mir etwas – sonst würde ich sie nicht veröffentlichen. Aber die Analyse „Zufall und Unglück“ ist mir besonders wichtig, sowohl von meinem wissenschaftlichen Interesse, als auch von meinem eigenen Leben bzw. von Menschen in meinem Leben. Außerdem ist mein Ansatz hier interdisziplinär, denn in dieser Analyse treffen sich logische und wahrscheinlichkeitstheoretische Überlegungen mit psychologischen und philosophischen Aussagen, insbesondere aus der Existenzphilosophie. Ich habe mich in diesem Text auch besonders bemüht, die komplexe Thematik anschaulich und verständlich zu beschreiben, um auch Leser/innen anzusprechen, die sich sonst vielleicht von Wahrscheinlichkeitstheorie abschrecken lassen. Ich hoffe, mein Text wird Sie als Leser/in interessieren, möglichst überraschen, vielleicht faszinieren.

 

Ein Mann fährt über eine Kreuzung, und ein anderes Auto rammt seinen Wagen. Wie ist es zu diesem Unglück gekommen? War es Zufall? Gibt es einen Grund für den Unfall? Oder sogar einen verborgenen Sinn dahinter?

 

Ich habe das Thema des Zufalls und der Un/Wahrscheinlichkeit schon mehrfach im Blog und in Artikeln behandelt, vor allem in dem Text „Die Zufälligkeit unseres Lebens“ (in sechs Folgen).

Diesmal  will ich ein spezielles Thema herausgreifen und fokussieren, dass mich immer wieder beschäftigt.

Es geht darum, dass ein Ereignis auftritt, das sehr unwahrscheinlich oder zufällig ist.

Dabei handelt es sich um ein Ereignis, dass von größerer oder sogar größter Bedeutung für das Lebens eines Menschen ist, und zwar entweder in positiver Hinsicht (z. B. lernt man die Liebe seines Lebens kennen) oder in negativer Hinsicht – z. B. erleidet man einen schweren Unfall. Und zwar will mich hier auf den negativen Fall, das Unglück, beschränken, an anderer Stelle habe ich das Thema allgemeiner behandelt.

Die Fragestellung ist zunächst: Wie ist es zu diesem zufälligen Ereignis gekommen? Welche Faktoren haben dabei eine Rolle gespielt?

 

Die Frage macht, wie gesagt, nur Sinn bei Ereignissen von Bedeutung: es hätte wenig Sinn zu recherchieren, warum eine Person einen Sonntagspaziergang macht (es sei denn, aus diesem Spaziergang ergäben sich bedeutende Folgen); und das Ereignis muss unwahrscheinlich, also selten sein – wobei beide Punkte zusammenhängen. Angenommen, jemand nimmt jeden Morgen die gleiche Bahn zur Arbeit, dann ist es wenig sinnvoll zu untersuchen, warum er an einem bestimmten Morgen (wie immer) die Bahn genommen hat.

 

Die folgenden Überlegungen haben nur Sinn, wenn man von einer nicht-deterministischen, also indeterministsichen Welt ausgeht, in der nicht alles vorherbestimmt ist. Zwar mag es in einer streng determinierten Welt auch Wahrscheinlichkeiten geben (auf einer Makro-Ebene), aber jedes einzelne Ereignis ist genau vorherbestimmt. Vor allem gibt es auch keine Willensfreiheit bzw. Wahlfreiheit des Menschen, der eine Handlung tun kann oder auch nicht.

Ich gehe also von einer nicht völlig determinierten Welt aus, in der auch eine gewisse Willens- bzw. Handlungsfreiheit gegeben ist. Damit hängt zusammen: Ich gehe davon aus, dass sich eine Reihe von Ereignissen nicht noch einmal genau so wiederholen würde, wenn etwas veränderte Anfangsbedingungen wären, z. B. die Anfangszeit um 1 Sekunde verschoben wäre.

 

Wir behandeln hier als Beispiel auf verschiedene Ebenen die Geschichte eines Mannes namens John, der einen schweren Verkehrsunfall mit gravierenden Folgen erleidet. Es wird gefragt, wie es zu dem Unfall gekommen ist, welche Ereignisse dem Unfall vorausgegangen sind und wie wahrscheinlich bzw. zufällig dieser Unfall war. Zum Schluss geht es um die Frage, wie man mit zufälligem Unglück umgehen kann.


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07.08.17   Zeitreisen (5): Reise in die Zukunft

Bei einer Reise in die Zukunft stellen sich teilweise andere Problem wie bei einer Reise in die Vergangenheit.

- Eine Reise in die Zukunft ist ja nur möglich, wenn die Zukunft bereits besteht; man könnte aber auch davon ausgehen, dass die Zukunft sich erst in der Geschichte bzw. in der Zeit konstituiert. So wäre also keine Reise aus der Gegenwart in die Zukunft möglich. (Theoretisch könnte man dagegen einzuwenden, dass im Sinne der Relativitätstheorie unterschiedliche Zeitebenen „gleichzeitig“ existieren können.)

- Verschärft könnte man postulieren, dass aus Sicht der Gegenwart verschiedene Zukünfte möglich sind, eben weil die Zukunft noch nicht feststeht. In welche dieser möglichen Zukünfte würde man also reisen?

- Das eben war die Sichtweise einer indeterministischen Welttheorie; geht man dagegen von einer deterministischen Welt aus, so wäre prinzipiell eine Reise in die Zukunft möglich, weil die Zukunft eben vorherbestimmt ist. Die Zukunft ist hier quasi implizit in der Gegenwart (bzw. Vergangenheit) schon enthalten, sie ist in die Gegenwart „eingefaltet“ und muss nur „ausgefaltet“ werden. Wenn man alle Fakten der Gegenwart kennen würde, könnte man daraus die Zukunft ableiten.

 

Vielleicht ist es ganz gut, dass die Entwicklung einer Zeitmaschine aus heutiger Sicht sehr utopisch, ja nahezu unmöglich anmutet. So bleiben uns die oben genannten Probleme erspart.

 

15.07.17   Zeitreisen (4): Gezielte

Veränderungen der Vergangenheit


Betrachten wir das Thema „gezielter Eingriff in die Vergangenheit“ einmal genauer:

Man reist in die Vergangenheit, um dort gezielt eine Veränderung vorzunehmen, die die Gegenwart in gewünschter Weise verändert.

Was könnte sich dann ergeben, wenn man in die Gegenwart zurückreist? (Aus Sicht der alten Gegenwart wäre es die Zukunft.) Ich nenne verschiedene Möglichkeiten.

 

- Die Gegenwart ist nur in der gewünschten Weise verändert.

Ich halte das für sehr unwahrscheinlich.

 

- Die Gegenwart hat sich vollständig verändert: weil kleinste Veränderungen sich durch die Vernetzung zu gewaltigen Umwälzungen aufschaukeln können. Ob diese Veränderungen für den Zeitreisenden positiv oder negativ sind, ist natürlich eine ganz andere Frage.

Ich halte das für die wahrscheinlichste Lösung.

 

- Die Gegenwart hat sich gar nicht verändert. Das müsste man bei einer streng vorherbestimmten Welt annehmen. Die Eingriffe, die man vorgenommen hat, werden gewissermaßen von der Vorhersung geschluckt, nivelliert. Oder: die eigne Zeitreise ist Bestandteil der Determination bzw. der Vergangenheit, die  Veränderungen, die man in der Vergangenheit vornimmt, waren gewissermaßen schon eingepreist, sie waren inhärente Komponenten der Vergangenheit und ändern somit gar nichts.

Auch das ist denkbar, aber ich halte die Theorie einer vollständig determinierten Welt doch für fragwürdig.

 

Nehmen wir uns das Beispiel aus dem berühmten Film „Zurück in die Zukunft“, vereinfacht dargestellt:

Jemand kauft in der Gegenwart einen Sportalmanach, in dem alle Ergebnisse von Sportwetten vieler Jahre aufgezeichnet sind.

Er reist in die Vergangenheit  und nimmt den Almanach mit (Frage, ob das bei einer Zeitreise möglich ist).

In der Vergangenheit macht er viele Sportwetten, deren Ergebnisse er ja kennt, und wird sehr reich.

 

Lassen wir die komplizierten Verhältnisse im Film jetzt einmal außer acht und überlegen systematisch: Wenn der Spieler in der Vergangenheit bliebe, könnte er seinen Reichtum genießen, doch er will wieder in seine Gegenwart;  seine Überlegung ist: wenn ich in der Vergangenheit Konten anlege, kann ich in der Gegenwart auf diese Konten zugreifen.


Also reist er zurück in die Gegenwart. Die Frage ist, ob seine Eingriffe die Geschichte nicht viel gravierender verändert, so dass er in der Zukunft vielleicht seine Konten gar nicht mehr vorfindet. Vielleicht ist die Bank in Konkurs gegangen, vielleicht hat es eine Geldentwertung gegeben – die gezielte Manipulation der Vergangenheit bzw. der Gegenwart bleibt jedenfalls eine sehr riskante Spekulation.



13.07.17   Zeitreisen (3): Veränderung der Vergangenheit

a) kleine Veränderung der Vergangenheit

Man reist zurück in die Zeit und nimmt dort eine kleinere Änderung vor.

Dann reist man wieder zurück in die Gegenwart. Wie findet man die Gegenwart vor?

- Es ist fast nichts verändert

Ist das überhaupt möglich, müssen nicht auch kleinste Veränderungen Folgen haben, sogar gravierende Folgen, weil sich die Auswirkungen mit der Zeit potenzieren? Es wäre aber denkbar, dass die Reise in die Vergangenheit und die Veränderungen dort schon „eingepreist“ waren, wenn nämlich alles determiniert ist. Die Eingriffe in der Vergangenheit sind eben schon Bestandteil der Vergangenheit.

b) Man findet eine deutliche Veränderung

Die Frage ist, ob es sogar eine so starke Veränderung gibt, dass z. B. gar keine Zeitmaschine erfunden wurde. Dann hätten wir wieder ein Zeitparadoxon.

 

b) keine Veränderung der Vergangenheit

Ist das überhaupt möglich? Schwer vorstellbar. Vielleicht mit einer fortschrittlichen Technologie, so dass man unsichtbar ist. Aber man wirkt natürlich dennoch (in nicht sichtbaren Dimensionen) auf die Welt ein.

Eine Reise in die Vergangenheit ohne Folgen wäre wahrscheinlich nur als Geistreise vorstellbar, wie in einem Traum. Aber eine solche körperlose Reise (auch „Astralreise“ genannt) ist eigentlich nicht das, was man sich unter einer Zeitreise vorstellt.

Ein umgekehrte Begründung wäre: es ist gerade unmöglich, die Vergangenheit zu verändern, weil wir in einer deterministischen Welt leben.

 

Im nächsten Punkt beschäftigen wir uns mit gravierenden, gezielten Veränderungen der Vergangenheit.




05.07.17   Zeitreisen (2): Zeitparadoxon


Ein Zeitparadoxon bedeutet in  erster Linie, in der Vergangenheit eine Veränderung vorzunehmen, wodurch  gerade unmöglich wird, dass man diese Veränderung vornimmt, ja dass man überhaupt existiert. Ein bekanntes Beispiel ist: Man reist in die Vergangenheit zurück und tötet seinen Vater. Also hat man nie existiert. Somit konnte man nicht in der Zeit zurückreisen und den Vater töten.

 

Man muss davon ausgehen, dass solche Paradoxa nicht möglich sind, wie werden sie aber verhindert? Hier sind verschiedene Antworten denkbar.

- Vielleicht ist es einfach nicht möglich, das Paradoxon auszulösen; man kann den Vater nicht erschießen, keine Kugel trifft ihn.

- Vielleicht gibt es wie in SF-Filmen Zeitpolizisten, die dafür sorgen, dass solche Paradoxa nicht auftreten.

- Vielleicht  kann man kein Paradoxon auslösen, weil die Welt vollständig vorherbestimmt ist, und ein Paradoxon eben nicht zur Programmierung gehört.

- Vielleicht entsteht ein neuer Zeitstrang, eine neue Welt. Die Welt, in der man den Vater tötet, implodiert oder explodiert; aber es entsteht eine zweite bzw. eine zusätzliche Welt (neben vielen anderen), in der man den Vater nicht tötet.

 

Ein anders Thema, das in SF gerne ausgemalt wird, ist, dass der Mensch aus der Gegenwart  durch eine Zeitreise in die Vergangenheit seinem vergangenen Selbst begegnet, für das dies natürlich ein Besuch aus der Zukunft ist. Es wird gerne gewarnt, dass man eine solches „Ich-mich-treffen“ verhindern müsste, weil das vergangene Ich durch die Begegnung mit dem zukünftigen Ich einen Schock erleiden könnte.

Die Frage ist, ob eine solche Begegnung nicht auch ein echtes Zeitparadoxon bedeutet, also unmöglich ist. Wenn jemand in die Vergangenheit reist, wieso soll er sich dadurch eigentlich verdoppeln? Müsste man nicht vielmehr annehmen, dass der Zeitreisende in der Vergangenheit eben körperlich mit seinem alten Ich identisch ist? Vielleicht mag er das Bewusstsein von deiner zukünftigen Existenz dennoch behalten, aber es gibt ihn nicht physisch in zweifacher Ausführung. Und wenn er wieder zurück in seine Gegenwart (also aus Sicht der Vergangenheit in die Zukunft reist), dann bleibt auch nicht sein Doppelgänger dort zurück.

 

Sicherlich wirft diese Theorie der unteilbaren Existenz auch Probleme auf, aber einfach eine Doppelexistenz auf zwei Zeitebenen anzunehmen, ist nicht stichhaltig.

Eventuell zeigt dieses Begegnungs-Paradoxon aber auch auf, dass Zeitreisen prinzipiell gar nicht möglich sind, jedenfalls in körperlicher Form.




30.06.17  Zeitreisen (1): Einführung

  

Natürlich wirft eine Zeitreise verschiedene, gravierende physikalische Probleme auf, für die man bis heute nicht annähernd eine Lösung hat. Aber sehen wir davon einmal ab und fragen nach den möglichen Bedingungen und Folgen von Zeitreisen, nach der "Logik" von Zeitreisen. Dazu mache ich hier einige Überlegungen und Anmerkungen, lege aber keine bis ins letzte systematisierte, hochwissenschaftliche Analyse vor.

 

Eine sehr wichtige Rolle spielt bei der Theorie von Zeitreisen, ob man von einer vorherbestimmten, deterministischen Welt oder einer nicht festgelegten, indeterministischen Welt ausgeht.

Das hat vor allem zwei Aspekte: erstens, in einer deterministischen Welt wären alle Ereignisse durch kausale Ursache-Wirkung-Beziehungen genau festgelegt. Zweitens, in einer solchen Welt könnte es aber auch keine Willensfreiheit des Menschen geben, bzw. keine Handlungsfreiheit (vgl. dazu meinen Blogbeitrag vom 26.02.16); die Handlungen eines Menschen wären vorherbestimmt, der Mensch hätte keine Freiheit, zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten zu wählen - auch wenn er psychisch eine Wahlfreiheit „erlebt“.

 

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16.06.17  Das Ich und die Unter-Ichs (7): einige therapeutische Aspekte

Aus obiger Analyse ergeben sich bereits therapeutische Implikationen, die hier aber nur kurz angesprochen werden können:

-          Stärkung des Real-Ich, das ist unverzichtbar.

 

-          Befreiung des Kind-Ich, das ist notwendig in den meisten Fällen neurotischer Störungen, bei denen das Kind-Ich eingeschränkt ist.

 

-          Allerdings ist diese Befreiung ein mühseliger, schmerzhafter Prozess, wobei Traumata neu erlebt werden, und danach muss auch eine Nachreifung des Kind-Ich erfolgen (welches durch die Traumata blockiert war).

 

-          Entsprechend müssen also das Sozio-Ich und das Abwehr-Ich geschwächt werden.

 

-          In den selteneren Fällen, wo Kind-Ich / Natur-Ich dominieren, vielleicht in egozentrischer Form wie bei Psychopathen, müssen Sozio-Ich und Abwehr-Ich dagegen gestärkt werden.

 

-          Wichtig ist immer, nach verborgenen destruktiven Ich-Aktivitäten zu suchen, die den Krankheitszustand aufrechtzuerhalten suchen und somit den Prozess der Genesung bremsen oder sogar sabotieren (dahinter stehen meistens tiefste Verletzungen).



12.06.17  Das Ich und die Unter-Ichs (6): Verhältnis zwischen den Ichs

Entscheidend ist die Frage, welches Ich dominant ist, über die anderen Ichs regiert. Anders gesagt: es geht darum, in welchem Ich-Zustand man sich vor allem aufhält, wo man seine Identität empfindet. Und wie man von daher die anderen Ich-Zustände beurteilt, womit man sich identifiziert.


   Normal gesund ist wie gesagt: Man befindet sich vor allem im Real-Ich, so definiert man sich. Man kann auch mal tiefer in andere Ichs eintauchen, z. B. dass man sich einmal wieder als Kind fühlt, oder ganz im Sexuellen aufgeht (Natur-Ich), aber nur vorübergehend. Man findet immer wieder ins Real-Ich zurück.    Welche Beziehungen  zwischen den Ichs bestehen, kann ich hier nur kurz behandeln.

  Sigmund Freud sah den Gegensatz zwischen Es und Über-Ich, wobei das Ich vermitteln muss.
  In meinem Modell mit 5 (bzw. 6 Ichs) ist es komplizierter:  

Man  kann aber vereinfacht sagen:

-          Über-Ich:        steht für          Sozio-Ich / Abwehr-Ich

-          Es:                  steht für          Natur-Ich / Kind-Ich

 

  Von daher bestehen zwischen diesen Gruppierungen auch die stärksten Konflikte.

  Dabei gibt es strukturell folgende Grundkonflikte:

 

-          Sozio-Ich / Abwehr-Ich unterdrücken Kind-Ich / Natur-Ich.

Dies kann zu all möglichen Symptomen führen, z. B. der emotionalen Verkümmerung. Oder das Kind-Ich rächt sich am Eltern-Ich, produziert verschiedenste Symptome.

 

-          Kind-Ich / Natur-Ich machen, was sie wollen.

Dann wird das Sozio- bzw. Abwehr-Ich versuchen, sie zu bestrafen, was ebenfalls zu Symptomen führt.

 


05.06.17  Das Ich und die Unter-Ichs (5): Real-Ich

Das Real-Ich entwickelt sich  - unter dem Einfluss von Umwelteinflüssen - aus dem Kind-Ich, wenn die Einflüsse förderlich und gesund sind. Hinzu kommt eine bio-psychologische Reifung. Das Real-Ich ist das wichtigste Ich ist beim gesunden erwachsenen Menschen. Er erlebt sich vorwiegend in seinem Real-Ich, identifiziert sich auch mit diesem.


  Das Real-Ich ist überwiegend vernünftig, in einer positiven Gefühlslage. Das schließt negative Gefühle nicht aus, aber diese sind der Lebenssituation angemessen und kontrolliert. Dies bedeutet auch, dass ich das Real-Ich nicht (wie es häufig geschieht) nur kognitiv bestimme oder nur über Denk-Funktionen.   

  Nach meiner Auffassung hat das Real-Ich auch Anteile vom Kind-Ich und anderen Ichs in sich integriert, so kann z. B. das Real-Ich auch kindlich sein, allerdings nur limitiert. Wenn ein Mensch sich ausgeprägt kindlich oder kindisch verhält, handelt er aus dem Kind-Ich. Die anderen Ichs bleiben also selbstständig bestehen, auch wenn sie teilweise in das Real-Ich integriert wurden.  

   Und das Real-Ich hat auch die Aufgabe, zwischen den anderen Ichs zu vermitteln. Beim psychisch gestörten Menschen ist das Real-Ich nur sehr schwach entwickelt und kann diese Aufgabe nicht richtig ausführen.



22.05.17  Das Ich und die Unter-Ichs (4): Abwehr-Ich

Wenn ein Kind starken Traumata ausgesetzt ist, bildet sich ein Abwehr-Ich. In gewissen Grenzen ist ein Abwehr-Ich zwar normal (um in Stress-Situationen gefährliche Gefühle zu unterdrücken), aber bei Traumatisierung bildet es sich besonders ausgeprägt. Das Abwehr-Ich unterdrückt Traumata, damit verbundene traumatisierte Gefühle, Wünsche, Gedanken und Verhaltenweisen, aber auch andere, nicht traumatische Gefühle (z. B. Liebesgefühle) usw., weil die erneut Verletzungen auslösen können.


    Das Abwehr-Ich bildet sich (bereits) in der Kindheit, insbesondere, wenn das Kind starken Traumata ausgesetzt ist. Man darf den Begriff Kind-Ich also nicht so verstehen, als ob das Kind nur im Kind-Ich lebt.     Das Abwehr-Ich richtet sich überwiegend gegen das (traumatisierte) Kind-Ich und Natur-Ich. Das Abwehr-Ich will verhindern, dass psychischer Schmerz (Angst, ohnmächtige Wut) nach oben ins Bewusstsein  kommt bzw. neue Verletzungen auftreten. Allerdings gelingt ihm das nicht vollständig, es kommen immer wieder traumatisierte Anteile ins Bewusstsein (wenn auch oft verzerrt) oder äußern sich in unbewussten Symptomen. 

  Das Abwehr-Ich versucht auf diese Weise das Kind-Ich zu schützen, es vor Zerstörung durch zuviel Schmerz zu bewahren. Es rettet das Kind-Ich, indem es dieses gewissermaßen betäubt, indem es das Kind-Ich insgesamt weitgehend verdrängt. Denn weil das Abehr-Ich die Traumata verdrängt, muss es auch viele andere, nicht traumatisierte Anteile verdrängen. So bedroht es andererseits auch das Kind-Ich, verschüttet es zusehends.

   Das Problem ist: das Abwehr-Ich baut sich immer mehr zu einem System auf, zu einer eigenen Persönlichkeit, z. B. „irreales Selbst“ genannt. Es verselbstständigt sich, will schließlich auch sich selbst schützen. Wenn der Mensch erwachsen ist und kindliche Schmerzen zulassen könnte, das sogar notwendig wäre zur Heilung des Kind-Ich und Ausbildung des Real-Ich, verhindert das Abwehr-Ich dies weiterhin – und wird so oft überwiegend destruktiv.  

Wir können vor allem 3 Ausprägungen des Abwehr-Ich  unterscheiden:

-          Ablehner: wehrt vor allem Schmerz und Angst ab, scheut aber auch Liebe und Anlehnung;  kämpft um Führung oder isoliert sich, unterwirft sich aber nicht. Strebt nach rationalem Überblick, Kontrolle.

-          Annehmer: unterwirft sich, unterdrückt seinen Zorn, weil er vor allem Angst vor Liebesentzug und Einsamkeit hat

-          Aufgeber: hat es weitgehend aufgegeben, sich zu verwirklichen oder geliebt zu werden, zieht sich vom Leben zurück.

 

Es besteht eine besondere Verbindung zwischen: ängstliches Kind-Ich und Annehmer / rebellisches Kind-Ich und Ablehner / verzweifeltes Kind-Ich und Aufgeber.

   Dies zeigt noch mal, dass die Abgrenzung von Kind-Ich und Abwehr-Ich nicht so einfach ist: das rebellische Kind-Ich fordert z. B. wütend die Befriedigung seiner echten Bedürfnisse, es ist noch weitgehend offen, das Ablehner-Ich (als Form des Abwehr-Ich) verfolgt dagegen überwiegend Ersatzbedürfnisse, es hat sich gegen seine echten Wünsche verschlossen.   


22.05.17  Das Ich und die Unter-Ichs (3): Sozio-Ich

Das Kind ist Einflüssen von seinen Eltern, der Familie, im weiteren von der Gesellschaft und Kultur ausgesetzt: das sind Gedanken, Normen, Wünsche. Es handelt sich aber nicht nur um eine Anhäufung von Gedanken usw., sondern die haben sich zu einer Art Persönlichkeit formiert, die quasi mit einer eigenen Stimme in der Seele spricht (oft als Gewissen bezeichnet, was allerdings problematisch ist). Dieses Ich nenne ich das Sozio-Ich, man nennt es auch Über-Ich oder Eltern-Ich, da es vorwiegend von den eignen Eltern stammt.


   Das Sozio-Ich hat eine gewisse Sonderrolle. Denn es ist nicht wirklicher Bestandteil des Ich, sondern eine Art  Fremdkörper, ein trojanisches Pferd. Man muss also unterscheiden zwischen den kulturellen Inhalten, die das Ich integriert hat, und denen, die als eine Art Fremd-Ich in der Persönlichkeit existieren und von den anderen Ichs auch als solches Fremd-Ich erkannt werden.    Das Sozio-Ich ist aber kein einheitliches Ich. Erstens, weil es ja normalerweise von mehreren Personen stammt. Zweitens, weil es von diesen anderen Personen wiederum verschieden Ichs übernimmt.


   Um es etwas zu vereinfachen, unterscheide ich hier nur zwischen Mutter-Ich und Vater-Ich. Das Mutter-Ich enthält ja aber seinerseits ein Real-Ich, Kind-Ich, Abwehr-Ich usw. Dem Kind werden also z. B. diese verschiedene Mutter-Ichs eingegeben bzw. eingetrichtert.    Das Kind ist somit nicht nur aktuell den (häufig schädigenden) Einflüssen der Eltern ausgesetzt, sondern das Kind-Ich ist dauerhaft den Einflüssen des Eltern-Ich, quasi der inneren Eltern, ausgesetzt, was die Traumatisierung verstärken kann.



17.05.17  Das Ich und die Unter-Ichs (2): Kind-Ich

Das Kind-Ich entsteht aus dem Natur-Ich, aber es bleibt kein Natur-Ich. Sondern unter dem Einfluss der Umwelt, unter den vielen Einflüssen verschiedener Umwelten, vor allem durch das Verhalten der Eltern bildet sich das Kind-Ich.


   Das Kind-Ich enthält primär gesunde Anteile: man spricht vom gesunden, fröhlichen Kind-Ich. Allerdings, das gesunde Kind kann auch traurig oder ärgerlich sein, nur sind das vorübergehende Stimmungen. Wenn das Kind aber stark und anhaltend verletzt wird, bilden sich folgende traumatisierte Bereiche des Kind-Ich als dauerhafte Instanzen:

ängstliches Kind-Ich (hat vor allem Angst vor Ablehnung, Verlassenwerden)

- wütendes, rebellisches Kind-Ich (wehrt sich gegen Unterdrückung und

  Forderungen)

- verzweifeltes, schmerzerfülltes (traumatisiertes) Kind-Ich.

 


10.05.17  Das Ich und die Unter-Ichs (1): Natur-Ich

 

Das Natur-Ich enthält alles das, was die Psyche genetisch schon mitbringt, auch von ihren Vorfahren. Es enthält nicht nur Triebe wie den Sexualtrieb usw., sondern z. B. auch biologische Eltern-Gefühle. D. h., dass das Natur-Ich sich während der biologischen Entwicklung verändert: der Sex-Trieb ist ohne Zweifel biologisch, aber er wird eben beim Kind noch nicht aktiviert, noch nicht genetisch abgelesen.


   Was im Einzelnen zur Natur des Menschen gehört, ist umstritten. Die einen sehen das Natur-Ich z. B. als friedfertig, erst durch eine unterdrückende Umwelt bilde sich Aggressivität.  Die anderen sehen das Natur-Ich gerade als aggressiv, es müsste erst durch die soziale Umwelt gezähmt werden. Die Wahrheit liegt in der Mitte.


   Der Mensch besitzt ein genetisches Aggressionspotential, dieses bedarf der Sozialisation. Aber durch starke Unterdrückung bildet sich oft gerade eine verstärkte Aggressivität aus (Genaueres darüber z. B. in meinem Buch „Abschied von der Natur“).


   Vor allem ist auch von Interesse, ob der Mensch von der Natur ein disharmonisches Wesen ist, ob er quasi von Natur aus seelisch krank ist (ein „Irrläufer der Evolution“, wie Arthur Koestler formulierte). Diese These ist übertrieben, aber der Mensch lässt sich als ein Konflikt-Wesen ansehen, man darf sich das Natur-Ich also nicht nur als positiv und harmonisch vorstellen.  

 

 


06.05.17  Das Ich und die Unter-Ichs - Einführung


Anstatt von Ich kann man auch von Selbst, Identität, Ego, Person, Persönlichkeit usw. sprechen. Eine genaue Abgrenzung dieser Begriffe kann hier nicht vorgenommen werden.


   Normalerweise versteht man unter dem Ich die Psyche, ggf. aber auch den Körper. Denn wenn man „ich“ sagt, meint der Sprecher meistens auch seinen Körper, nämlich die Ganzheit von Seele und Körper. Der Verstand oder Geist lässt sich zum Ich rechnen oder als eigene, mehr funktionale Instanz sehen. Ich konzentriere mich hier auf den psychischen Aspekt.  Die Psyche ist im Idealfall ein integriertes Ganzes, in dem sich aber verschiedene Unter-Ichs unterscheiden lassen. Man kann es auch so formulieren: Das Ich ist ein System mit verschiedenen Sub-Systemen.   Am bekanntesten ist die 3er-Unterscheidung von Freud, zwischen Ich, Es und Über-Ich.

   M. E. ist es aber sinnvoll, 5 (oder 6) Ichs bzw. Ich-Zustände zu unterscheiden. Die Reihenfolge der Darstellung lässt sich in verschiedener Weise begründen, z. B. nach Wichtigkeit. Ich wähle hier (weitgehend) den Aspekt der Entstehung:


  1. Natur-Ich
  2. Kind-Ich
  3. Sozio-Ich
  4. Abwehr-Ich
  5. Real-Ich 

Man kann zusätzlich ein Trans-Ich (höheres Selbst, spirituelles Selbst) unterscheiden, das ist aber für die vorliegende Analyse nicht wesentlich.


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26.04.17  (5) Diskussion der verschiedenen Positionen zum Verhältnis Frau - Natur

 

- Natur: Wie schon ausführlich beschrieben, kann man die Natur kaum sanft nennen. Grundsätzlich stimme ich also der Position "wilde Natur" zu, allerdings nicht in romantischer Verklärung, sondern als harte Realität. Lebewesen sind "Kampfmaschinen". Zwar gibt es auch Friedlichkeit zwischen ihnen, doch oft scheint dies nur so. Auf einer "friedlich-idyllischen" Wiese spielen sich - für uns unsichtbar - massenhaft Vergiftungs- und Tötungsdelikte ab ... Wir soll­ten die Natur zwar nicht dämonisieren, aber bestimmt nicht - als "lieben Gott" bzw. "gute Göttin" - vergöttlichen.

 

- Frau und Natur: Wenn man/frau meint, die Frauen ständen der Natur näher als die Männer, so müssten sie folglich wilder und aggressiver sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Obwohl sich Frauen keineswegs ausschließlich sanft und friedlich verhalten, sind sie doch insgesamt - in den meisten Kulturen - weniger aggressionsbereit, vor allem weniger gewalttätig als die Männer. Diese begehen, stati­stisch gesehen, neunmal öfter Gewalttaten als das weibliche Geschlecht. Zwar verdrängen Frauen ihre Aggressionen auch mehr, "fressen" sie häufiger in sich hinein. Aber sie sind einfach weniger aggressiv, allein schon von ihrem Hor­monsystem her. Denn ihr Körper produziert viel geringere Mengen vom männlichen Sexualhormon Testosteron, welches zu aggressivem Verhalten stimuliert. Allerdings argumentieren manche Femi­nistinnen, die Frauen handelten nur deswegen friedlicher bzw. angepasster, weil ihnen, schon als kleinen Mädchen, ihre natürliche Wildheit ausgetrieben werde. Aber wenn die Frauen wirklich von ihrer Natur her so kampfeslustig wären, würden sie sich wohl kaum unterdrücken lassen.

Die These "Die Natur ist weiblich" bzw. "Die Frau ist natürlich" (naturnäher als der Mann) lässt sich also diesbe­züglich nicht aufrechterhalten. Übrigens lehnen politisch orientierte Feministinnen diese These von der Frau-Natur-Affinität ebenfalls ab, sie wollen ihr Frausein weder über eine sanfte Natur noch eine wilde Natur definieren, verste­hen sich weder als "Lammfrau" noch als "Wolfsfrau". Ergän­zend schreibt Heiner Hastedt (in "Aufklärung und Technik"): "Die Parallelisierung von Frau und Natur reproduziert eine Gleichsetzung, die andere Teile der Frauenbewegung gerade als frauenunterdrückend bezeichnen würden, weil die Kultur so schon begrifflich zu einer männlichen Domäne gemacht wird."

 

- Mann und Natur: Wenn die Männer insgesamt aggressiver sind als die Frauen, stehen sie dann sogar der - aggressiven - Natur näher als die Frauen? Oder umgekehrt gefragt: Ist die Natur männlich anstatt weiblich? Wir müssen hier differen­zieren. Auch im Tierreich neigen die Männchen meist mehr zu Kampfverhalten als die Weibchen, weil sie heftiger um Rang­plätze und Fortpflanzungschancen konkurrieren. Fazit: Männer ähneln in ihrem Verhalten mehr den Männchen, Frauen mehr den Weibchen.

 

- Geschlecht und Natur: Es ist schon unsinnig, eine besondere Verwandtschaft zwischen der Natur und einem Geschlecht herauszustellen. Die Natur ist männlich und weiblich. Und für ihre wichtigste Funktion, die Fortpflanzung, braucht sie (von ungeschlechtlicher oder eingeschlechtlicher Vermehrung abgesehen) beide Geschlechter, sie braucht Samen und Eizelle. Diese beiden sind gleich wichtig und gleich "natürlich".

 Dabei sind die Weibchen ebenso an einer Gen-Verbreitung "interessiert" wie die Männchen und beeinflus­sen durchaus die Paarung. "Natürlich Damenwahl" heißt bezeichnenderweise ein Buch von Mary Battan über "die Paa­rungsstrategien in der Natur". Female choice ergänzt hier male competition, wie schon Darwin aufzeigte.

 

- Geschlechtsrollen und Natur: Da wir Menschen das tierische Erbe in uns tragen, ist es ganz natürlich, dass es biolo­gisch unterschiedliche Geschlechtsrollen gibt. Schon im Sexuellen, wo der Mann eindringt (die von Radikalfemi­nistinnen beklagte "Penetration"), die Frau sich dagegen öffnen muss, zeigt sich eine unterschiedliche Verhal­tensstruktur.

Allerdings werden die Geschlechtsrollen nicht nur von den Genen, sondern auch von der Gesellschaft und Kultur beeinflusst. Jedenfalls besteht kein biologischer Rollendeterminismus. Die "Bioprägung" ist nicht strikt geschlechtsspezifisch, sondern individuell unterschiedlich; und sie lässt sich kulturell variieren und überformen. Daher gibt es bei den Frauen nicht nur "Schmusekätzchen", sondern auch "Wildkatzen", und unter den Männern nicht nur Machos, sondern auch Softies.

 

Abschluss

 

Zum Abschluss möchte ich noch einmal die Titelfrage dieses Artikels nennen. "Frau = Natur?" Besteht eine besonders enge Verwandtschaft zwischen den Frauen und der Natur? Ist das Weibliche sogar mit dem Natürlichen identisch?

   Ich hoffe, Sie über­zeugt zu haben: Wir sollten das alte, mythologische Dogma einer besonderen, gar geheimnisvollen Verwandtschaft von Frau und Natur aufgeben. Es lässt sich ja nicht einmal von der Mythologie her strikt belegen, denn neben (weiblichen) Natur­göttinnen gab es bei den alten Völkern stets auch (männliche) Naturgötter, zum Beispiel bei den Griechen Poseidon als Gott der Meere oder Pan, den Wald-, Feld- und Hirtengott. Nein, weder die Natur ist besonders weiblich, noch sind Frauen besonders natürlich. Mit der Aufgabe der Frau-Natur-Identifi­zierung würde auch die ökofeministische Spekulation hinfäl­lig, dass die "Unterdrückung" der Natur automatisch eine Frau­enunterdrückung sei, oder die noch krassere Unterstellung, die Zerstörung der (mütterlichen) Natur bedeute einen Mutter­mord.


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15.04.17 (4) Die Position: wilde Natur, wilde Frau

 

Innerhalb der Gleichsetzung von Natur und Frau gibt bzw. gab es aber noch eine ganz andere Sicht: Beide werden als ihrem Wesen nach wild, spontan, frei oder sogar dominant begriffen (Mythos "Amazone"). Dabei müssen wir aber wieder eine feministische und eine traditionelle Interpretation bzw. Bewer­tung unterscheiden.


Feministinnen wehren sich mit dem Bild der "wilden Frau" gegen das Angepasstsein der "sanften Frau". Selbstlosigkeit ist für sie nur Selbstverleugnung. "Gehirnverseuchung. Für Frauen: Gift. Eine widerliche 'Versöhnlichkeit' ..." (Christina Thürmer-Rohr). Das sei doch gerade die herkömmliche Frauenrolle, die es dringend abzustreifen gelte.

 Viele Frauen wollen stattdessen "die Kraft der weiblichen Ur­instinkte" reaktivieren, so der Untertitel des Bestsellers "Die Wolfsfrau" von Clarissa P. Estés. Sie wollen "ungezähmt" leben, so wie die wahre Natur ein wildwachsender Urwald sei und nicht ein geharktes Blumenbeet. Sie sehen sich nicht mehr als "das schwache Geschlecht", sondern als starke Frauen, Powerfrauen ("femmes fortes"), die sich im Geschlechterkampf durchsetzen. "Wir sind ... auch stark, kräftig, wir sind auch mächtig, und wir nennen das nicht männlich", so die Frauen­expertin Erika Wisselinck. Idealziel ist letztlich das Matri­archat.


Erst recht verwahren sich diese Feministinnen dagegen, nach mittelalterlicher Vorstellung nur eine Art Gefäß zu sein, ein "Behälter" für den männlichen Samen bzw. das männlich geschaffene Leben in sich. Sie fordern das freie Recht zur Abtreibung ("Mein Bauch gehört mir"), lassen sich überhaupt nicht mehr auf eine Mutterrolle festlegen, jedenfalls nicht auf die der aufopfernden Mutter. Lieber "Rabenmutter" als "Übermutti", als Heimchen am Herd. Dabei können sie sich auf eine Theorie stützen, nach der es keine biologisch vorgege­bene Mütterlichkeit gibt, sondern deren Ausprägung von der Gesellschaft bestimmt wird (so die These von Shari Turner: "Mythos Mutterschaft").


Bewusst bezeichnen sich manche dieser Frauen als "neue Hexen" oder sehen sich als "Göttinnen", nämlich als Töchter der weiblichen Gottheit Natur. Damit verbinden auch sie sich mit der Esoterik, aber ganz anders als die sanften New-Age-Anhängerinnen. Doch mit ihnen teilen sie die Kritik an den Männern sowie die Forderung nach mehr Frauenmacht - im Einklang mit einem Schutz der (weiblichen) Natur -, so dass wir beide Positionen als Ökofeminismus bezeichnen können.


In der philosophisch-theologischen, aber auch mythologischen Tradition wird die "Wildfrau" dagegen nicht als positiv, sondern als destruktiv eingestuft, ähnlich wie die freie Natur, die Wildnis. Das zeigt sich schon in Mythen von der todbringenden Natur oder von der unheilvollen Frau bzw. Göttin, zum Beispiel der schwarz dargestellten Todesgöttin Kali ("Die Schwarze") in Indien, zu deren Kult Blutrituale gehören. Die Psychologen Aaron Kipnis und Elizabeth Herron schreiben: "Die Mythologie der Welt ist angefüllt mit Dar­stellungen des zerstörerischen Aspekts des Weiblichen." "Die Navajos haben die mythologische Figur der Schnappenden Vagina, die bösartig, gewalttätig, wütend und zerstörend ist. Sie ist ewig hungrig, verkörpert eine riesige Leere und tötet, indem sie ihr Opfer verschlingt."


Auch in der christlichen Kirche findet sich ursprünglich ein überwiegend negatives Frauenbild. Das "Weib" gilt als (sexuell) gierig, maßlos und unbeherrscht. Man begründet das schon mit dem Verhalten der Urfrau Eva, die zuerst einen Apfel vom Baum der Erkenntnis aß und damit das göttliche Ver­bot übertrat. So lud sie eine Urschuld auf sich und brachte die Erbsünde über die Menschheit.


Bezeichnend, was die Ver­fasser des berüchtigten "Hexenhammers" (1487) schreiben: "Die wollüstige, sinnliche und von Natur aus aufsässige Frau ist das geeignete Werkzeug in der Hand des Teufels in seinem hartnäckigen Bemühen, Gottes Heilsplan zu sabotieren." Inbe­griff der gefährlichen Frau ist die Hexe, "schön nach außen, aber darunter voller Verderbnis, die den männlichen Geist in den Abgrund der Sünde, des Todes und der Verdammnis zerrt."

Dagegen sieht der Mann sich als "apollinisch", als geistig und beherrscht; und er betrachtet es als seine Aufgabe, das "dionysische", ungebärdige Weib zu bezähmen, zahm zu machen, so wie er auch die Natur bändigt.

 

Die schon zitierte Carolyn Merchant fasst das traditionelle  Doppelbild von Frau und Natur sehr treffend zusammen: "Diese Bilder von der Frau bzw. von der Natur hatten zwei Gesichter. Die jungfräuliche Nymphe schenkte Heiterkeit und Frieden, die Mutter Erde Nahrung und Fruchtbarkeit; doch bescherte die Natur auch Unwetter, Pest und Hungersnot. In ähnlicher Weise war die Frau sowohl keusches Weib als auch Hexe; der höfische Minnedienst der Renaissance erhob sie auf das Podest; die Inquisition verbrannte sie auf dem Scheiterhaufen."


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08.04.17 (3) Die Position: sanfte Natur, sanfte Frau

 

Wir finden hier das Motiv der zarten, unberührten Jungfrau, entsprechend zur "jungfräulichen" unberührten Natur. In erster Linie wird die Natur aber als mütterlich angesehen, als "Große Mutter", als lebensspendende Urmutter; und die Frauen charakterisiert man durch die Eigenschaften einer "guten Mutter", als nährend, beschützend, helfend und tröstend. Im Bild der Jungfrau-Mutter Maria verschmelzen diese beiden Sichtweisen. Als weitere weibliche (natürliche) Eigenschaften werden genannt: gefühlshaft, intuitiv, sensi­bel, allerdings auch passiv, empfangend, duldsam, brav.


Die Bestimmung der Frau als sanft - entsprechend zur sanf­ten Natur - wird von einem Teil der Feministinnen vertreten, die sich zur "neuen Weiblichkeit" und "neuen Mütterlichkeit" bekennen. Wir finden diese Höherbewertung der Frau aber auch in der esoterischen New-Age-Bewegung. Damit verbunden ist eine Kritik an dem Mann an sich. Er zerstöre durch Technik, analytische Rationalität und Aggression die Erde. Dabei unterdrücke er gleichermaßen die Natur wie die Frau - sowie "die Natur in sich selbst" und "die Frau in sich selbst", also seine weiche, friedvolle Seite.


Wir stoßen auf die Vorstellung der fügsamen Frau und Natur aber auch in der traditionellen Philosophie und Theologie, allerdings mehr als Ideal, so wie man es sich wünschte. Grundsätzlich sieht die europäische Tradition jedoch Frau wie Natur als passiv-aufnehmend, im Gegensatz zum aktiv-schöpfe­rischen männlichen Prinzip. So wie die Erde/Natur erst durch Befruchtung mit dem göttlichen Geist Leben spendet, so bringt auch die Frau nur durch den männlichen Samen Leben hervor.


Nach der Zeugungslehre des Kirchenvaters Thomas von Aquin steuert die Frau dabei nur den "formlosen Stoff" bei, der Mann aber die entscheidende "formende Kraft des Samens". Überhaupt wird der Mann der geistig-göttlichen Ebene des Him­mels zugeordnet, der Frau bleibt nur die niedere, materielle Ebene, die Erde.


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31.03.17 (2) Zwei kontroverse Sichtweisen von Natur und Frau: aggressiv oder friedlich

 

· Zum einen wird die Natur als Ort des Kampfes gesehen, der Gewalttätigkeit, sogar der Grausamkeit, von Blut und Klauen, ein gefährliches Raubtier, das uns bedroht. Die Natur ist das Böse, Aggressive, Chaotische, welches es zu beherrschen gilt.

· Zum anderen wird die - weibliche - Natur als sanft beschrieben. Soft und süß,  streichelzart und kuschelweich wie ein Golden Retriever Welpe. Aber vor allem als "gute Mut­ter", die ihre Menschenkinder nährt, behütet und schützt. Wir stoßen auf einen Mutter-Mythos, das Bild von der allzeit lie­ben, eben mütterlichen "großen Mutter", die sich für uns auf­opfert.

 

Und da die Frau ja mit der Natur identifiziert wird, gibt es somit auch für die Frau, allgemein für das Weibliche, diese gegensätzlichen Bestimmungen:

· Also wird die Frau zum einen – analog zur Natur - als sanft, mütterlich oder mädchenhaft, gegenüber dem aggressiven Mann und seiner Technik definiert.

· Auf der anderen Seite gerade umgekehrt wird die Frau wie die Natur als emotional-wild, auch sexuell-leidenschaftlich gegenüber dem rational-beherrschten Mann bestimmt.

   Entsprechendes gilt für das männliche bzw. weibliche Prinzip.

Ich will im Folgenden diese beiden Positionen näher beschreiben.

 

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27.03.17  Das Verhältnis von Frau und Natur 

 

(1) Die Theorie von der Verwandtschaft zwischen Frau und Natur

 

Diesen Text schrieb ich bereits 1997, in dem Buch „Abschied von der Natur“. Aber er hat bis heute weitgehend Gültigkeit, da er vorrangig zeitlose Fragen behandelt. So habe ich nur leichte Verbesserungen vorgenommen. (Der vollständige Buchtext steht auf der Homepage, dort auch Literaturangaben.)

 

Von alters her wird die Frau mit der Natur in Verbindung gebracht bzw. die Natur als weiblich bestimmt. Das war bereits in der traditionellen Philo­sophie so, aber heute vertreten gerade Feministinnen diese These von der engen Verwandtschaft zwischen Natur und Frau.

   Man bzw. frau begründet das sogar sprachlich, dass nämlich Natur sowie die entsprechenden Begriffe Erde und Materie grammatikalisch weiblich sind: die Natur, die Erde, die Materie. Und das gilt nicht nur in der deutschen Sprache, sondern zum Beispiel auch in der französi­schen, vor allem aber in der zugrundeliegenden lateinischen Sprache: natura, terra, materia.

Damit noch nicht genug. Weiter heißt es, Natur, Erde und Materie ständen nicht nur allgemein für Weiblichkeit, son­dern für Mütterlichkeit. Denn wir sprechen doch von "Mutter Natur" oder - noch gebräuchlicher - von "Mutter Erde". Und das Wort "Materie" ist sogar vom lateinischen mater = Mutter abgeleitet.

   Wenn der Natur ein weibliches Geschlecht zugewiesen wird, dann müssen die Gegenbegriffe Kultur und Kunst, vor allem aber Technik und Zivilisation als "männlich" charakterisiert werden. Hier klappt es allerdings nicht mit dem grammatikali­schen Geschlecht, denn wir sagen ja ausnahmslos: die Kultur, die Kunst, die Zivilisation und die Technik.

 

Diese Geschlechtszuordnungen lassen sich noch grundsätzli­cher fassen. Zum einen wird ein abstraktes weibliches Prinzip angenommen. Man nennt es oft Yin, so sein Name im Taoismus, einer uralten chinesischen Weisheitslehre. Dieses Yin soll sich sowohl in der Natur wie in der Frau ausdrücken, die eben als wesensverwandt gelten.

 

weibliches

Prinzip

(Yin)

|

                                              Frau                Natur

 

Dabei werden verschiedene Gründe für die Entsprechung von Frau und Natur angeführt. Gaube und v. Alexander beschreiben die Position der "Magiefrauen" (einer Fraktion im Feminis­mus), die über Frauen sagen: "Auf Grund ihrer natürlichen Monatsrhythmen und durch die Erfahrungen von Schwangerschaft und Geburt sind sie enger mit der Natur und ihren Kräften verbunden."

   Entsprechend nennt Susanne Heine als "feministische opinio communis": "Frauen seien von Natur aus allem Natürlichen immer schon näher als Männer, da sie doch Kinder tragen, gebären, stillen und befürsorgen." Der Theo­loge Eugen Drewermann schreibt aus einer ganz anderen Perspektive, der Perspektive alter Mythen: "Alles Gebären indes galt als Mysterium der Frauen. - Die Erde selber war wie eine Große Mutter, und alle Blumen waren ihre Töchter."

Zum anderen wird - parallel zum Yin - ein allgemeines männ­liches Prinzip postuliert, im Taoismus Yang geheißen.

 

männliches

Prinzip

(Yang)

                                                               |

                                               Mann                Technik

 

Auch hierzu zwei Statements: Die Soziologin Doris Janshen betitelt ihre Gedanken zum Thema: "Intellectus erectus. Zur geschlechtsspezifischen Konstitution technologischer Intelli­genz". Sie geht davon aus, dass sexuelle Energien des Mannes die Technik vorantreiben, er quasi technikverliebt sei. Und sie stellt (rhetorisch) die Frage: "Technik, liebstes Spiel­zeug so vieler Männer, ist sie etwa schlechthin Ausdruck von Männlichkeit?"

   Bei Glaube/v. Alexander wird - wiederum als Auffassung der "Magiefrauen" - behauptet, "Männer bewegen sich außerhalb des natürlichen Lebensrhythmus der Natur. Ihr haben sie eine technische Rationalität entgegengesetzt ..."

Die Theorie von der Naturnähe der Frau ist wie gesagt alt, sie war beispielsweise im Mittelalter stark verbreitet. Die Wissen­schaftshistorikerin Carolyn Merchant schreibt: "Wurde die Natur als Person gedacht, dann als weibliches Wesen, z. B. als Dame Natur; sie war auch weise Frau, Kaiserin, Mutter usw." Doch diese Theorie wird heute ebenfalls reichlich vertreten, gerade von Feministinnen.


Literatur: modifizierter Auszug aus meinem Buch: "Abschied von der Natur".

Dort Literaturangaben


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17.03.17  Polarität (5): „Alles im Kosmos läuft zyklisch ab.“

 

Genauer:  »Alles im Kosmos läuft zyklisch, rhythmisch ab und untersteht dem Gesetz der Balance und Ausgewogenheit.«

Diese Aussage entstammt wieder der Tabula smaragdina, wir können sie als Untergesetz von (4) deuten. Dazu muss man sich klarmachen, dass ein Gleichgewicht zweierlei bedeuten kann:

 

a) Mitte: Hier sind Yin und Yang gleichzeitig in gleichem Ausmaß (etwa 50:50) verwirklicht, sie bilden eine - goldene - Mitte.

 

b) Zyklus: Hier vollzieht sich nacheinander ein Ausgleich von Yin und Yang. Sie wechseln sich in ihrer (Vor-)Herrschaft ab, mal ist Yin oben, mal Yang, ein pulsierender Rhythmus.


Das zyklische, dynamische Modell der Gegensatz-Harmonisierung ist verbreiteter, wir finden es nicht nur in der Smaragdtafel, sondern auch im Taoismus. Dabei wird die Auffassung vertreten, dass die Pole sich jeweils bis zum Extrem steigern, bis es - am Wendepunkt - zur Umkehrentwicklung kommt. Diese Dynamik symbolisiert auch das bekannte Symbol Tai Gi.

Man bezieht sich mit dem Zyklusmodell auf natürliche Rhythmen wie Sommer - Winter, Tag - Nacht, Flut - Ebbe, Wachsein - Schlafen, Einatmen - Ausatmen und viele andere mehr. Aber das sind eben gar keine strengen Gegensätze: So können wir etwa die »Polarität« Sommer - Winter auflösen in Frühjahr - Sommer - Herbst - Winter.


Außerdem entspricht nicht allen Gegensätzen ein zyklischer, periodischer Ausgleich. Das Ideal des androgynen Menschen besagt ja nicht, dass der abwechselnd »yinig« und »yangig« ist, zart und hart, emotional und rational, sondern er soll beides zugleich - harmonisch ausgewogen - verwirklichen (wenn auch mal die Yin- oder Yang-Seite im Vordergrund stehen kann).

Aber wie wir schon gesehen haben: Die These, dass Gegensätze sich immer ausgleichen, gilt einfach nicht generell, weder für einen zyklischen Ausgleich noch für die Bildung einer Mitte.

 

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09.03.17  Polarität (4): „Alles im Kosmos besitzt ein Gleichgewicht der Gegensätze.“

 

Genauer:  »Alles im Kosmos besitzt seinem Wesen nach ein Gleichgewicht der Gegensätze«

Dieses Gesetz besagt z. B.: Jedem Menschen, Mann oder Frau, ist eine Gleichverteilung von Yin und Yang angemessen. Man spricht auch von Androgynie, wonach jemand gleichviel weibliche und männliche Energie besitzt, also etwa 50:50.


Zwar kann man leicht aufzeigen, dass die meisten Menschen sich nicht gemäß dieser Yin-Yang-Harmonie verhalten (sondern zu stark im Yang oder im Yin leben), aber das Gesetz impliziert strenggenommen auch nur, das entspräche der wahren Natur und Bestimmung des Menschen - seinem Wesen - von dem er jedoch häufig abweiche.


Obwohl obiges Gesetz in der Esoterik immer wieder als grundlegend genannt wird, werden auch andere, ihm widersprechende Behauptungen aufgestellt (wobei man oft wohl den Widerspruch gar nicht klar erkennt).
So wird behauptet, dass Dinge oder Wesen nur durch einen Pol vollständig bestimmt sind, etwa die Frau allein durch das »weibliche« Prinzip Yin. Oder dass es zumindest unterschiedliche Verteilungen gibt: Für die Frau soll z. B. ein Yin-Yang-Verhältnis von 70:30 Harmonie bedeuten, für den Mann umgekehrt von 30:70.

 

Gegen all diese Modelle kann man einwenden, dass vielleicht jeder Mensch eine ihm individuell entsprechende Yin-Yang-Mischung hat oder sich in unterschiedlichen Mischungen verwirklichen kann.


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27.02.17  Polarität (3): „Zwischen den Polen herrscht ein Kraftfluss, der ein Neues entstehen lässt.“

 

Genauer:  »Zwischen den Polen herrscht ein Kraftfluss, der ein Neues, ein Drittes entstehen lässt


Dieses Gesetz stammt wieder aus der (Auslegung der) Smaragdtafel. Leuenberger veranschaulicht es mit folgendem Beispiel: Durch die Gegensatzverbindung von Mann und Frau, durch den sexuellen Kraftfluss
zwischen ihnen, entsteht als Drittes: ein Kind.

Aber dieses »Gesetz« gilt keineswegs uneingeschränkt, zunächst müssen wir hier zwei Arten von Polarität unterscheiden:

 

1. zwischen Eigenschaften wie z. B. schwer und leicht.

Solche Eigenschaften bilden nur unterschiedliche Ausprägungen auf einer Begriffsdimension - im Beispiel der Dimension Gewicht. Zwischen Gegensätzen wie schwer - leicht, groß - klein, warm - kalt fließt keine Kraft, und sie lassen sich auch nicht konkret miteinander verbinden (zwar kann zwischen einem schweren und einem leichten Körper ein Energiefluss bestehen, aber das hat nichts mit dem begrifflichen Gegensatz zwischen den Eigenschaften schwer und leicht zu tun).

 

2. zwischen »Dingen« wie z. B. Mann und Frau.

Zwischen diesen kann eine Energie fließen, und sie können auch real bzw. räumlich eine Verbindung eingehen, wie das gerade die Alchemie beschäftigt hat. Dabei gibt es jedoch nicht nur die Möglichkeit, dass ein Neues, Drittes entsteht, sondern es sind auch andere Ergebnisse denkbar:

1 + 1 --> 0 Gemeint ist, dass sich zwei Gegensätze aufheben, sich quasi wie bei einer »Verpuffung« gegenseitig auslöschen, so dass nur Leere (0) bleibt.

 

1 + 1 --> 1 Hier bilden zwei gegensätzliche Dinge eine neue Einheit (1), wobei sie selbst untergehen; ähnlich wie sich chemisch zwei Stoffe zu einem neuen »vereinigen« können, in dem sie selbst nicht mehr nachweisbar sind.

1 + 1 --> 2 Hier verbinden sich zwei polare Dinge zu einer Ganzheit, aber einer Zweiheit (2), nicht zu einer Einheit. Beispielsweise bilden ein Mann und eine Frau ein Paar, existieren aber auch weiterhin als Individuen.

 

1 + 1 --> 3 Dies ist also der Fall aus der Smaragdtafel: Zwei Pole verbinden sich, bleiben selbst erhalten und erzeugen ein Drittes. Man kann diese Dreiheit (3) als eine Dreieinheit auffassen, z. B.: Mann + Frau --> Mann + Frau + Kind = Familie. Die dreieinige Familie geht dann als Ganzes neue Verbindungen ein usw.


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22.02.17  Polarität (2): „Hinter den Polen gibt es eine transpolare Einheit.“

 

Genauer»Hinter den Polen gibt es eine non-polare, prä-polare oder trans- polare Einheit.«


Dethlefsen und Dahlke schreiben: »Hinter der Polarität, die wir als Mensch vorfinden, steht Einheit, jenes alles umfassende Eine, in dem die Gegensätze noch ununterschieden ruhen.« Diese Einheit wird als das Göttliche aufgefasst.

Nicht alle Esoteriker glauben aber an eine solche Einheit,    sondern nur die Monisten, während die Dualisten eine fundamentale Zweiheit der Welt annehmen.

 

Die Einheit jenseits der Polarität kann man vermuten, vielleicht subjektiv erfahren, aber kaum je beweisen, im Grunde nicht einmal beschreiben. So ist es schon fragwürdig, wenn man sie wie Dethlefsen und Dahlke bestimmt als »in ewiger Ruhe«, »ohne Form und ohne Aktivität« oder – wie dies häufig geschieht - als (Ur-)Licht, denn das Licht ist in die Polarität einbezogen, gilt nämlich als Yang (manche Esoteriker unterscheiden allerdings zwischen normalem und transzendentem Licht).

 

Die überpolare Einheit, im Taoismus das Tao genannt, lässt sich letztlich überhaupt nicht bestimmen, vielleicht darf man noch nicht einmal das über es aussagen ... Am ehesten symbolisch darstellen lässt es sich durch einen leeren Kreis.


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15.02.17  Polarität (1): »Alles in der Welt ist polar.«


Polarität bedeutet, dass zwei Dinge, Eigenschaften oder Begriffe, sich einerseits ausschließen, andererseits aber er-gänzen, ein Ganzes bilden, also z. B. »warm« und »kalt«, die erst zusammen die »Temperatur« ausmachen. Insofern lässt sich Polarität von Dualismus unterscheiden, wo es zwar auch eine Zweiheit gibt, z. B. von Gott und Teufel, die aber nicht zusammen als Ganzheit verstanden werden.


Die Lehre von der Polarität ist einerseits Bestandteil alter esoterischer und spiritueller Richtungen, z. B. spielt sie in der berühmten Smaragdtafel des Hermes Trismegistos eine bedeutende Rolle. Vor allem die Polarität von Yin und Yang gehört bis heute zu den wichtigsten Themen der Esoterik.


Auf der anderen Seite ist Polarität aber durchaus auch ein Sujet der Wissenschaft, z. B. der Gegensatz von Teilchen und Welle in der Physik, der Gegensatz zwischen Geist und Körper in der Psychologie u.v.m.


Dabei wird die Polarität durch bestimmte Gesetze beschrieben. Ich möchte im Folgenden einige der wichtigsten Polaritätsgesetze vorstellen und näher untersuchen.


Als erstes Gesetz: "Alles in der Welt ist polar."

Das soll heißen, alles zeigt sich in zweifacher Form, mit positivem und negativem Pol, z. B.: hell - dunkel, groß - klein, warm - kalt; aber auch Geist - Materie, Seele - Körper, Natur - Technik und vieles mehr. Häufig wird von einem Hauptgegensatz ausgegangen, der allen anderen Gegensätzen zugrunde liegen soll, der Polarität zwischen einem weiblichen Prinzip und einem männlichen Prinzip. Vergleichbar spricht man von Bhakti - Jnana, Ida - Pingala, dionysisch - apollinisch und anderem, vor allem aber von Yin - Yang, was aus dem Taoismus stammt. Genauer werden diese Prinzipien etwa durch folgende Begriffe bestimmt bzw. verkörpert:

 

Allgemein:

- Yin: sanft, bindend, empfangend, passiv

- Yang: hart, trennend, befruchtend, aktiv

 

Konkret:

- Yin: Frau, Gefühl, Natur, Erde, Osten / Süden

- Yang: Mann, Verstand, Technik, Himmel, Westen / Norden


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06.02.17  Die Gegenaufklärung (5):  Europapolitik

 

 

Europa hat sich in den letzen Jahren immer weiter zusammengeschlossen, die Europäische Union hat immer mehr Mitglieder bekommen. Inzwischen gehören von den 46 Staaten Europas 27 zur EU - GB schon nicht mehr mitgezählt (allerdings gibt es unterschiedliche Zählungen).


  Die Rede ist von der Wiedervereinigung Europas, von der Überwindung der West-Ost-Spaltung. Diese Vereinigung soll in der EU, der Europäischen Union, ihre konkrete Verwirklichung, ja Vollendung finden.

  Europa schließt sich real allerdings vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen zusammen, aber auch, um sich gegen den Terror zu wappnen und sich gegen Einwanderer abzuschotten.


   Auf den ersten Blick könnte man die Vereinigung Europas als einen Schritt im Sinne der Aufklärung sehen, nämlich dass sich Staaten friedlich verbinden, um besser zusammenarbeiten zu können.


  Aber man darf den anderen Pol der Aufklärung, den der Freiheit nicht vergessen. Die europäischen Staaten sind sehr unterschiedlich, und diese Unterschiede, diese Vielfalt sind ein Wert, der erhalten bleiben sollte. Systeme, auch Gesellschaftssysteme brauchen  Grenzen (das müssen nicht Schlagbäume sein), um ihre Identität zu erhalten. Die EU schränkt jedoch die freiheitliche Selbstentfaltung der Mitgliedsstaaten erheblich ein.


   Außerdem: Es scheint primär um ein Europa der Bürokraten und der globalen Konzerne zu gehen. Aus dem europäischen Parlament kommt ein Wust an bürokratischen Regulierungen, welche die Regulierungswut der Einzelstaaten noch weit übersteigt. Diese Bürokratie nutzt niemandem, weder der Wirtschaft noch den Konsumenten. Einzelne Kommissare versuchen im Machtrausch Regelungen durchzuboxen, die von großer Tragweite für die gesamte EU sind. Außerdem ist es auf EU-Ebene viel schwieriger, als falsch erkannte Gesetze wieder zurückzunehmen.


  Anstatt dass ein vereintes Europa sich um mehr soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit bemüht, ist eher die Gefahr eines Lohndumpings gegeben. Die Multi-Konzerne versuchen, die Sozialrechte auf das möglichst niedrigste Level abzusenken. Immer mit der Drohung, sie könnten ja sonst in anderen europäischen Ländern produzieren. Sogar und gerade Deutschland ist daher, wenigstens teilweise, zum Billiglohnland verkommen. Aber auf Dauer kann und wird Deutschland das nicht durchhalten. Wir können letztlich nur durch Qualität überzeugen; um so bitterer, wenn durch Skandale wie den VW-Abgas-Skandal die Marke „made-in germany“ beschädigt wird und Erfolge auf dem Weltmarkt in Frage gestellt werden. (Dass bei dem VW-Skandal, der in Wahrheit ja nicht nur VW betrifft, sondern ebenso andere Autohersteller, auch viel Heuchelei und amerikanische Abzocke eine Rolle spielen, sei nur kurz angemerkt.)


  Wie schief eine Vereinigung gehen kann, hat sich in Deutschland gezeigt. Jahrelang wurde das Gerede von der „sozialistischen Misswirtschaft“ gepflegt, aus der wir die DDR gerettet hätten. Aber Fakt ist es doch: die Wirtschaft ist Ostdeutschland funktionierte in der DDR besser als heute, zwar auf niedrigem Niveau, aber mit viel weniger Arbeitslosigkeit und ohne immense Milliarden-Subventionen. Und nicht nur in der DDR, sondern in einem Großteil des Ostens ging es den Menschen wirtschaftlich besser vor dem Niedergang des Kommunismus.


    Die Skepsis gegenüber Europa, ja die Ablehnung einer europäischen Vereinigung hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Sie wird zwar vor allem von rechts-populistischen Parteien und Bewegungen getragen, aber das heißt noch nicht, dass sie nicht berechtigt ist. Ihren Höhepunkt hat sie in dem Austritt von Großbritannien aus der EU gefunden, und man kann sich er nicht einfach behaupten, dass die Mehrheit der Britten deshalb gleich Rechtspopulisten sind. Oder sogar Nationalisten.


   Man kann einfach dagegen sein, dass die Rechte des eigenen Staates immer weiter beschnitten werden, ohne Nationalist zu sein. Sondern man ist Patriot, man liebt oder schätzt wenigstens das eigene Land mit seinen kulturellen und sozialen Identifikationsmerkmalen, ohne deshalb andere Länder abzuwerten, man gesteht diesen das gleiche Recht auf Eigenständigkeit zu.


  Erst recht ist ein Zweifel gegenüber der Globalisierung angemessen. Man kann die europäische Vereinigung als den kleinen Bruder der Globalisierung sehen. In der Globalisierung soll angeblich die ganze Welt zusammenwachsen, zum „globalen Dorf“ werden. Dies ist nun völlig unrealistisch, wie gerade das Motto „America first“ des neu gewählten amerikanischen Präsidenten Donald Trump zeigt. Von der Globalisierung profitieren in erster Linie die globalen Konzerne, für die einzelnen Menschen bringt es mehr Probleme als Vorteile.


  Welche Position gegenüber der Vereinigung Europas genau im Sinne von Aufklärung oder Gegenaufklärung wie zu interpretieren ist, will ich hier nicht festlegen. Aber sicher kann man nicht simpel definieren: für die EU = Aufklärung, gegen die EU = Gegenaufklärung, sondern die Verhältnisse sind viel komplexer. Wie beschrieben zeigt die EU auch viele Züge der Gegenaufklärung.

(In Zukunft werde ich mich hin und wieder mit weiteren Themen im Kontext von Aufklärung versus Gegenaufklärung befassen.)


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28.01.17  Die Gegenaufklärung (4):  Sozialpolitik  

Sozialpolitik ist derzeit fast nur Sparpolitik. Man ist fast versucht zu sagen: Politik ist derzeit nur Sparpolitik. Die andere Schiene ist der „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“, dazu kommen wir noch. Die Sparpolitik wird in Deutschland angewandt, aber vor allem Merkel und Schäuble verordnen sie ganz Europa, Spanien, Portugal, Frankreich, natürlich Griechenland, es ist eine Art Spar-Kolonialismus.


  Die Politiker starren auf die Schulden wie die Kaninchen auf die Schlange. Wie verrückt kann man eigentlich sein zu glauben, man fördere die Konjunktur, wenn man durch Sparmaßnahmen immer mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit treibt? Aber das Sparen ist zur heiligen Kuh geworden, zum Selbstzweck, egal, ob es Erfolg hat oder nicht. Auch hier wieder eine dümmliche Reduktion von Komplexität: Sparen als (fast) die einzige Strategie zur Lösung der Wirtschaftskrise.  

  Immer wieder hört man den kümmerlichen Vergleich: Eine Familie kann auch nicht mehr ausgeben, als sie verdient. Aber wenn die Familie spart, hat das ja keine negativen Rückwirkungen auf sie. Doch wenn der Staat rigoros spart, führt das letztlich dazu, dass er weniger verdient. Pointiert: Sparen führt zu Schulden.    In der Psychologie nennt man solche widersprüchlichen Botschaften double bind: „Ich nehme dir dein Geld weg – aber jetzt gib schön Geld aus, konsumiere kräftig, damit die Konjunktur anspringt." (Außerdem musst du natürlich selbst für dein Alter und deine Krankheiten sparen!)


  Double binds können eine Rolle bei der Auslösung von Schizophrenie spielen, kein Wunder, dass auch der normale Bürger nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht.    Früher sagte die SPD, „wir investieren lieber in Arbeit als in Arbeitslosigkeit“, das ist heute vergessen. Eines der wenigen gut bestätigten Gesetze der Wirtschaftspolitik lautet: „Investiere in schlechten Zeiten, spare in guten Zeiten“, aber man hat nicht den Mut, danach zu handeln. Sondern will gerade umgekehrt in der Krise um so verbissener sparen.    Der Kreislauf ist folgendermaßen: Man spart rigoros, mit der doppelten Folge: Erstens, Firmen bekommen zu wenig öffentliche Aufträge, gehen in Konkurs und produzieren Arbeitslose. Zweitens, die Arbeitslosen bringen kein Geld in die Sozialkassen, sondern kosten Arbeitslosengeld usw., außerdem konsumieren sie weniger; aber auch die Bürger, die Arbeit haben, werden durch den Sparkurs am konsumieren gebremst. Folge: Es ist zu wenig Nachfrage da, also gehen noch mehr Firmen pleite. Der Circulus vitiosus in Reinkultur. Wie soll das weitergehen? 


  Der Psychologe Paul Watzlawick beschreibt das Prinzip „mehr desselben“. Damit meint er: Man verwendet eine Strategie. Die funktioniert nicht, aber anstatt sie zu ändern, setzt man um so verbissener auf sie, steigert sie immer mehr, betreibt eben mehr desselben – bis zum totalen Absturz. Dazu gehört, dass man die realen Verhältnisse verdrängt bzw. schönrechnet. Z. B. wird immer behauptet, die Sparpolitik habe in Portugal großartig funktioniert. Wer einmal dieses Land besucht hat, weiß, dass nichts davon stimmt; es entwickelt sich immer mehr eine Massenarmut, die Wirtschaft stagniert, die Menschen werden immer resignierter.


  Natürlich herrscht in Deutschland keine Massenarmut, aber auch hier nimmt die Spaltung zwischen arm und reich weiter zu, viele sind und fühlen sich abgehängt, immer mehr Menschen  können trotz Vollzeitarbeit ihr Leben nicht mehr finanzieren und müssen mit Sozialhilfe „aufstocken“.


  Das wichtigste ökonomische Prinzip ist: die Wirtschaft muss laufen. Und es muss der großen Mehrheit des Volkes finanziell gut gehen. Angebot und Nachfrage müssen sich treffen, es muss genügend Produktion und genügend Konsum geben. Dies verlangt eine gewisse staatliche Lenkung, nicht den magischen Glauben an einen „reinen Markt“. Wenn die Wirtschaft wieder läuft, nimmt der Staat automatisch wieder mehr ein, die Steuereinnahmen steigen, das Defizit geht zurück.  

  Natürlich spielen auch noch andere Faktoren wie die Lohnnebenkosten eine Rolle, aber die oben aufgezeigte Dynamik ist entscheidend. Das müsste man eigentlich schon einem Erstklässler beibringen können, warum begreifen das so viele Politiker, Wirtschaftler, Journalisten nicht? Manchmal könnte man mit Shakespeare sagen: „Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.“    Etwas polemisch gefragt: Hat man klammheimlich die Arbeitslosen und sozial Benachteiligten abgeschrieben? Will man sie in die völlige Armut  drängen, so dass sie den Staat fast nichts mehr kosten? Kalkuliert man insgeheim schon Slums vor Berlin ein, Wellblechhütten vor Köln, Elendsquartiere und Ghettos in Stuttgart? Will man eine Spaltung der Gesellschaft?


  Vielleicht eine 3-Teilung in Unternehmer/Politiker, Arbeitende und Arbeitslose. Das passte gut zu TV-Shows wie „Big Brother“, mit der Aufteilung in Reiche, Normale und Surviver  – nur bei „Big Brother“ ist ein Wechsel zwischen den Bereichen möglich. Wenn man ein Spiel verliert, rutscht man in den unteren Bereich. Wenn bei uns ein Manager oder Spitzenbeamter versagt, eine Firma fast ruiniert, bekommt er dagegen eine stattliche Abfindung, bis zu 20 Millionen Euro sind drin, wie wir inzwischen alle wissen.     Eine solche klammheimliche Spaltungsstrategie würde auch den Wahnsinn erklären, dass man die Arbeitszeit für die Arbeitenden erhöht, anstatt dass man sie erniedrigt und dafür mehr Arbeitslose einstellt. Wenn man die Arbeitslosen gar nicht mehr integrieren will, so hat dieses Agieren auf einmal einen Sinn.


   Oder soll der Sozialabbau zur Disziplinierung, genauer Unterdrückung der arbeitenden Menschen dienen? Soll keiner mehr wagen, krank zu Hause zu bleiben, sich gewerkschaftlich zu organisieren oder gegen Erhöhung der Arbeitszeit zu protestieren?  Es ist erstaunlich, mit welcher Dreistigkeit Politiker und Unternehmervertreter heute ungeniert drastischen Sozialabbau fordern, natürlich immer mit der heuchlerischen Attitude, sie wollten nur das Beste für die Gesellschaft und es ginge eben nicht anders. Merke, der ideale Arbeitnehmer wäre der Sklave: er ist optimal flexibel, arbeitet rund um die Uhr, bekommt kein Gehalt, von Sozialleistungen gar nicht zu reden ...


   Es ist umstritten, ob es heute wirklich weniger Arbeit gibt, jedenfalls muss sie anders verteilt werden, dass möglichst jeder arbeiten kann der dazu in der Lage und willens ist. Oder man muss die Arbeitslosen bezahlen, gut dafür bezahlen, dass sie darauf verzichten zu arbeiten – denn entgegen aller Diskriminierung, für die allermeisten Arbeitslosen ist es ein Wunsch zu arbeiten, und eine Last, keine Stelle zu haben.

   Bei der SPD gibt es zwar einige, die verstanden haben, dass immer mehr sparen zu immer mehr Schulden führt. Aber sie können sich in der großen Koalition nicht gegen die Sparfanatiker der CDU durchsetzen. Und es fragt sich, ob ein Strategiewechsel noch Erfolg hat, ob sic noch umsteuern lässt. Vielleicht gibt es mit Martin Schulz als neuem SPD-Chef endlich neue Impulse für mehr soziale Geechtigkeit.


   Ein großes Problem ist: die, welche über Sparmaßnahmen entscheiden, sind am wenigsten davon betroffen. Was interessieren einen Abgeordneten mit seinem satten Gehalt Praxisgebühr und Zuzahlungen für Medikamente? Das sind für ihn „peanuts“. Andererseits, viele können nicht genug raffen, vor allem die EU-Parlamentarier. Die Skandale, die Stern-TV und andere aufgedeckt haben, sprechen für sich. Da erschleichen sich Abgeordnete Sitzungsgelder, obwohl sie gar nicht an der betreffenden Sitzung teilgenommen haben. Abgeordnete rechnen teure Flugkosten ab, obwohl sie mit einem Billigflieger gekommen sind usw. usw.


    Das Sozialwesen funktionierte, solange es ein Gleichgewicht gab zwischen dem liberalen und dem sozialen Faktor, konkret zwischen den Arbeitgebern und den Gewerkschaften als Vertretern der Arbeitnehmer. Aber die Position der Gewerkschaften ist heute geschwächt, der Ausgleich funktioniert nicht mehr. Dies wurde vor allem durch die Sozialpolitik gerade einer rot-grünen Regierung eingeleitet. Bundeskanzler Gerhard Schröder war selbst der „Abweichler“, nämlich von der Linie der SPD. Der „Genosse der Bosse“ hat einen Fehler von historischem Ausmaß begangen, als er dieses Wirtschafts-Gleichgewicht zerstörte. Damit ist auch das Gleichgewicht in unserem ganzen Gesellschaftssystem ins Wanken geraten.


  Es ist das große Problem in Deutschland, dass  keine überzeugende linke Partei mehr existiert, wie ohnehin die deutsche Linke sehr schwächelt. Die SPD steht heute kaum mehr links, sondern nur noch in der Mitte, teils rechts von der wirklichen Mitte; und die einzige bekanntere linke Partei, „die Linke“, ist durch ihre Vergangenheit, aber auch durch falsche Personalentscheidungen so belastet, dass sie keine wirkliche Chance besitzt. Und die Grünen sind ja heute eher die neue „Partei der Besserverdienenden“.


  Dem liberal-konservativen  Block ist es gelungen, die Idee des Sozialismus, fast schon die Idee des Sozialen überhaupt, in Deutschland dermaßen zu diskreditieren, dass das Wort „Sozialismus“ fast wie ein unanständiger, jedenfalls hoffnungslos anachronistischer Begriff wirkt, den kaum einer in den Mund nehmen mag.


   Abschließend hierzu: Die Regierungspolitik ist äußerst dysfunktional, aber  noch schwerer wiegt: durch ihr Hin und Her, durch ihre Chaospolitik treibt die Regierung die Wähler in die Arme der Rechten und Populisten (wenn ich denen auch zugestehe, dass sie mit einigen Kritikpunkten richtig liegen).. Die SPD hat dermaßen an Stimmen verloren hat, dass ihr schon fast der Status einer Volkspartei abgeht.


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18.01.17  Die Gegenaufklärung (3):  Wirtschaftspolitik

 

Der Neoliberalismus hat sich unangenehm in Deutschland breit gemacht. Dabei besitzt er  erstens eine offene Strategie. Die heißt: „Überlasse alles dem Markt, der wird es zum besten regeln.“ Dahinter ist aber verdeckt eine zweite Strategie, die der Lobby: Da bejaht man durchaus Eingriffe des Staates, aber zu eigenen Gunsten, konkret heißt das vor allem: Die Unternehmer müssen gefördert werden, die Angestellten und Arbeiter sollen sich einschränken: weniger verdienen, höhere Flexibilität, längere Wochenarbeitszeit und längere Lebensarbeitzeit. Bei den 68ern sagte man dazu: die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer ...


Nehmen wir als Exempel die FDP, die politische Hauptvertreterin des Neoliberalismus. Wenn die FDP wirklich nur auf den Markt setzen wollte, dann müsste sie sich doch konsequenterweise auch selbst allein über den Markt finanzieren. Aber das tut sie natürlich nicht. Hier muss der Steuerzahler zahlen, denn die FDP ist kein marktgängiges Produkt und steht meistens kurz vor der Pleite. Dabei waren die „Wirtschaftsexperten“ FDPler einmal sogar zu beschränkt, um nur den Antrag auf Finanzierung rechtzeitig einzureichen. Und wenn sie  versuchen, ihre Partei wenigstens partiell privat zu finanzieren, dann führt das offensichtlich schnell zu illegalen Parteispenden. Die FDP hat die Quittung dafür erhalten, dass sie bei der Wahl 2013 aus dem Bundestag geflogen ist; ob sie sich inzwischen wirklich reformiert hat, muss sich noch erweisen, insbesondere bei der nächsten Bundestagswahl September 2017. 


Sicherlich sind nicht alle Gedanken des Neoliberalismus falsch. Natürlich ist es richtig, dass zu viel staatliche Bürokratie der Wirtschaft schadet und dringend abgebaut gehört. Oder dass eine steuerliche Vereinfachung endlich erfolgen sollte. Aber die Philosophie des reinen Marktes ist abstrus, insofern sie fast alle Eingriffe des Staates ablehnt.    Der Neoliberalismus hält sich für fortschrittlich, hängt aber einem unwissenschaftlichen, letztlich magischen Glauben an die Allmacht des Marktes nach – abgestandenen Ideen des 18. Jahrhunderts. Es wird praktisch nur mit zwei Begriffen operiert, Angebot und Nachfrage, mathematisch einer Gleichung mit 2 Variablen. 


Adam Smith (1723-1790), Hauptvertreter des frühen Liberalismus, lehrte: eigennütziges Handeln und ein freier Markt führten zu einem Zustand der Harmonie, der durch äußere Staatseingriffe nur gestört werde. Über 200 Jahre später  erzählt die FDP immer noch die gleichen Märchen.     Man nennt solche Erklärungen, die ein komplexes Geschehen auf letztlich eine Ursache, nämlich den freien Markt, zurückführen, monokausal. Solche monokausalen Erklärungen sind absurd simplifizierend angesichts der Komplexität einer modernen Gesellschaft, es sind einfältige und zwanghafte Reduktionen von Komplexität, weil man nicht in der Lage ist, die Komplexität zu verstehen und zu ertragen. 


Die Gesellschaft insgesamt sowie die Wirtschaft (als Teilsystem der Gesellschaft) ist aber ein hochkomplexes System mit vielen Teil- bzw. Subsystemen. Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle beim Erfolg oder Misserfolg der Wirtschaft: Kapital, Arbeit, Bodenschätze, Finanzwesen, Wirtschaftsgemeinschaften, Lohnnebenkosten, Steuern, Inflationsrate, Verschuldung, natürlich auch Faktoren wie Kriege oder Terrorismus, und mit großer Bedeutung psychische und gruppendynamische Faktoren. Mathematisch betrachtet ist eine Gesellschaft oder das Wirtschaftsystem einer Gesellschaft eine Gleichung mit vielen Variablen (multivariates System), wobei leider auch noch unbekannte Variablen anzunehmen sind. 


Nur systemische Theorien können die komplizierten Wechselwirkungen annähernd korrekt erfassen. D. h. man braucht eine ganzheitliche Systemtheorie, welche die verschiedenen Faktoren bzw. Variablen aufgreift, ihre Abhängigkeiten analysiert und sie zu einem Ganzen synthetisiert. Konkret bedeutet das:  Man berücksichtigt die Teilsysteme (Subsysteme) einer Gesellschaft, die Beziehungen zwischen den einzelnen Teilsystemen (d. h. die Struktur), die Funktionen der Teilsysteme, die Einheit des Gesellschaft-Systems und seine Beziehungen zur Umwelt, z. B. zu anderen Gesellschaften.  


Die Primitiv-Erklärungen des neoliberalen Konservatismus sind dagegen einfach lächerlich. Letztlich ist der Neoliberalismus ein Okkultismus, ähnlich realistisch wie der Glauben an die Macht der Sterne. Adorno bezeichnete den Okkultismus als die „Metaphysik der dummen Kerle“, vielleicht darf man den Neoliberalismus als die „Metaphysik der dummen Politiker“ bezeichnen.      Erstaunlich nur, wie groß der Chor derjenigen ist, die in diese Ideologie  einstimmen, vor allem die Kumpanei von Neo-Liberalismus und Neo-Konservativismus führt zu einer starken Front, gerade in den Medien. Manchmal kommt einem die Presse wie gleichgeschaltet vor. Hier zeigt sich, dass der Neolib-Dogmatismus nicht nur von der Politik und Wirtschaft, sondern vielfach auch von den Medien internalisiert wurde und jetzt unreflektiert weiterverkündet wird. Es ist zu einer Besetzung der Begriffe gekommen, zur Pervertierung von Begriffen wie beim „Reformbegriff“; wenn ein Politiker von „Reformen“ spricht, so meint er damit fast immer einfach Sozialabbau. Das ist ein linguistisches Vergehen.


Durch die große publizistische Unterstützung des Liberalismus bzw. Konservatismus ergibt sich ein Paradoxon: eventuell nützen die sogenannten Reformen etwas, obwohl sie wirtschaftlich falsch sind, einfach weil sie den Leuten das Gefühl geben, es wird überhaupt etwas getan. Und weil die Presse der Bevölkerung weismacht, es müsse eben alles zugunsten der Unternehmen und zu Lasten der Arbeitnehmer umgestellt werden. So machen die (an sich kontraproduktiven) Reformen  den Menschen Hoffnung – und Hoffnung ist vielleicht die wichtigste Wirtschaftskraft.


Als Begründung für Niedriglöhne, Arbeitslosigkeit und Sozialabbau wird vom Neoliberalismus immer die Globalisierung angeführt, als sei die ein Naturgesetz. Aber die Globalisierung haben wir selbst geschaffen. Internationale Konzerne (früher sprach man von den „Multis“) sind keineswegs so mächtig, dass man ihnen nicht die Schranken weisen könnte. Nur unter der Ideologie des Neoliberalismus haben die Politiker das aufgegeben. Die Philosophie des Globalismus ist: grow or go („wachse oder weiche“). Aber das hat sich doch längst als falsch erwiesen.

Nur zwei Beispiele: BMW hat sich mit dem Kauf von Rover in England übernommen,  krasser noch Mercedes. Schon der Zukauf der US-Firma Chrysler (Daimler – Chrysler) hat Mercedes mehr geschadet, erst recht ein Minusgeschäft war die Investition in Asien: Mitsubishi. Die noch ehrgeizigeren Pläne, Mercedes zum „global player“ mit einer erweiterten Produktpalette zu machen, scheiterten noch kläglicher. Die Internationalisierung, oder sollte man sagen der Größenwahn, ist keineswegs immer von Vorteil für einen Konzern, man müsste oft gerade warnen: grow and go.


Aber den kapitalistischen Konzernen droht nicht nur im Ausland Gefahr, sondern auch zu Hause. Zur Erklärung muss  ich etwas ausholen. Die konservative - liberale Gegenaufklärung geht zwar ist erster Linie von der Wirtschaft, der Politik und auch den Medien aus, sie stößt bei den Bürgern vielfach auf Ablehnung. Aber ein wirklicher Protest hat sich bis heute nicht entwickelt, die Zahl der aktionsbereiten „Globalisierungsgegner“ ist noch gering. In gewisser Weise haben sich auch die Bürger vom Kapitalismus verführen lassen, und sie wenden sein Basisprinzip der Konkurrenz jetzt auch als Waffe gegen die Unternehmen an.


Denn dies ist das doppelte Prinzip des Kapitalismus: der Unternehmer will seinen Gewinn maximieren, aber der Konsument will seine Kosten minimieren. Zunächst haben die Unternehmen diese Haltung gefördert, ja erst herangezüchtet. Mit den Werbeslogans „Geiz ist geil“, oder noch furchtbarer „Billig, will ich“ werden die Konsumenten geködert. Aber die machen Ernst, vom Schnäppchen-Fieber ergriffen, wollen sie auch die billigsten Preise noch runterhandeln, kaufen möglichst nur noch Sonderangebote, fordern überall Rabatte. Vor allem die Autoindustrie stöhnt darüber.

Wenn nur noch das Billigste gekauft wird, bleiben immer mehr Firmen und Geschäfte auf der Strecke. „Wollt Ihr die totale Aldisierung?“ Ja, viele Kunden wollen das, sie begreifen aber nicht, dass wenn es erst einmal nur noch solche Monopolunternehmen gibt, dass die dann die Preise hoch setzen und diktieren können. Alles Aldi oder was? Schon der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass dies nicht gut ausgehen.


Wenn man einerseits die eigenen Angestellten bzw. allgemeiner die eigenen Landsleute in Arbeitslosigkeit oder Niedriglöhne treibt, werden sie sich die von ihnen produzierten Autos nicht leisten können („Autos kaufen keine Autos“). Geht man ins Ausland, um noch billiger zu produzieren, werden sich die Billigarbeiter dort erst recht nicht die Autos kaufen können. Wer also soll sie kaufen? Die „oberen zehntausend“? Auf Dauer wird das nicht reichen, nur das Massengeschäft bringt den Unternehmen genügend Umsatz. Die Firmen müssen ihre Preise so drücken, so wie sie die Löhne gedrückt haben, der Gewinn aus den Billiglöhnen geht wieder verloren. Das ist ein klassischer kybernetischer Regelkreis.  


Diese Politik der „Unternehmerhätschelung“ mit Steuersenkung, Subvention usw. haben eigentlich alle deutschen Regierungen gefahren, von Kohl über Schröder bis zu Merkel, ja über viele Jahre gefahren, im Glauben, wenn die Unternehmer entlastet sind, dann werden sie  mehr investieren und mehr Arbeitnehmer einstellen. Funktionierte nur leider nicht. Der Staat hat mehr und mehr Schulden gemacht, und die meisten Unternehmer haben weiter Arbeitsplätze wegrationalisiert. Sozialverpflichtung des Kapitals? Nein danke. Nur Shareholder Value, das zählt. Man entlässt seine Angestellten in die Arbeitslosigkeit, zynisch „Freisetzung“ genannt, und erhöht zugleich die Dividende für die geschätzten Aktionäre.


Eine abschließende Überlegung zum neoliberalen Sozialdarwinismus. Die Natur macht es vor: „Survival of the fittest“. Aber was ist mit den weniger „fitten“? Wir können doch unmöglich den erbarmungslosen Kampf ums Überleben in der Natur auf unsere Gesellschaft übertragen. Das macht die Unternehmen wie die Arbeitnehmer kaputt. Man kann nicht nur bei dem Unternehmen kaufen, das am billigsten ist, auch andere müssen eine Chance haben. Und es gibt eben Menschen, die leistungsfähiger sind, und andere, die weniger schnell und gut arbeiten. Sollen die untergehen, vom Sozialsystem ausgemerzt werden?  


Letztlich bleibt in diesem verrückten Konkurrenzkampf doch immer nur ein Sieger übrig, alle anderen sind Verlierer. Dieser krankhafte Zwang, alles zu optimieren, immer mit geringstem Aufwand den höchsten Gewinn rauszuholen, ist vielleicht die furchtbarste Eigenschaft des Kapitalismus. Die Vernunft – in der Aufklärung auch moralisch eingebunden – wird pervertiert zur rein ökonomischen Rationalität: alles wird funktionalisiert, nur nach seinem Marktwert bzw. Vermarktungswert beurteilt, der Eigenwert ist verlorengegangen.


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12.01.17  Die Gegenaufklärung (2):  Ursachen


Wie ist es zu dieser  Fehlentwicklung, zur Rückentwicklung der Aufklärungsbewegung gekommen? 

Ein Blick zurück. Aus der Aufklärung entwickelten sich vereinfacht gesagt zwei Hauptströmungen: der Liberalismus und der Sozialismus.    Der Liberalismus betonte –  konstruktiv – den Individualismus, die Rechte des Einzelnen. Negativ förderte er den Egoismus. Er mündete letztlich in den Kapitalismus sowie Konservatismus.


Der Sozialismus betonte – konstruktiv – den Humanismus, die Solidarität; negativ verführte er zu Sozialzwang und mangelnder Eigeninitiative; er mündete letztlich in den Kommunismus. (Die aufgeklärte bzw. abgeklärte Vernunft blieb in beiden Strömungen weitgehend auf der Strecke bzw. wurde pervertiert.)


In der Aufklärungsphilosophie waren Individualismus und Kollektivismus, Eigenverantwortung und Solidarität noch sinnvoll integriert, dann spalteten sie sich. Lange Zeit gab es ein gewisses Kräftegleichgewicht in der Welt zwischen Sozialismus und Kapitalismus, schließlich ging es mit dem Sozialismus bergab. Und damit ging es auch mit der Aufklärung bergab.


Es spielen natürlich viele Gründe eine Rolle für diesen Rückschritt der Moderne, auch personengebundene, aktuell insbesondere die Person des amerikanischen Präsidenten Bush, des mächtigsten Mannes auf der Welt, den man einen Anti-Aufklärer nennen könnte. Aber der Hauptgrund ist vermutlich der weitgehende Untergang des Sozialismus und Kommunismus. Der Sozialismus scheiterte jedoch nicht, weil seine Ideen gänzlich falsch waren, sondern sie waren nur einseitig – genauso einseitig wie die Ideen des Kapitalismus oder wie man heute lieber sagt „Neoliberalismus“ (oder Neokonservativismus, der allerdings – ganz anders als Bush behauptet – keineswegs ein „mitfühlender“ Konservativismus ist).  


Sozialismus und Kapitalismus sind Gegensätze bzw. Polaritäten, die sich aber sinnvoll ergänzten. Der eine Pol diente als Gegenspieler und zur Korrektur des anderen Pols. Solange es noch den Sozialismus gab, wurde der Kapitalismus korrigiert, er musste sich in Konkurrenz mit dem Sozialismus selbst sozialen Ideen öffnen, wie es annäherungsweise in der sozialen Marktwirtschaft geschah. 


Seitdem der Sozialismus ins Hintertreffen geraten ist, der kommunistische Ostblock zusammengebrochen ist, es kaum noch kommunistische Staaten gibt,  droht der Kapitalismus auszubrechen, wird wieder zum „Raubtier-Kommunismus“. Er fühlt sich als Sieger und meint, nun die „sozialistischen“ Ideen von Solidarität vollständig über Bord werfen zu können.    


Natürlich war das feindliche Gegenüber zweier Machtblöcke, der kalte Krieg, auch nicht gerade erstrebenswert, aber es wäre vielleicht von Vorteil gewesen, wenn zwei polare Blöcke erhalten geblieben wären. Oder es hätte eine echte Vereinigung stattfinden müssen, in der beide Seiten ihre Stärken einbringen. Aber das hat es nicht gegeben, es hat einen Anschluss der DDR an die BRD gegeben und damit die Auflösung der DDR, und ähnlich hat es einen Anschluss von Osteuropa an Westeuropa gegeben.


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05.01.17  Die Gegenaufklärung (1):  Einführung    

Ich habe in diesem Blog bisher kaum gesellschaftliche und politische Problem thematisiert. Aber die Gesellschaft bzw. die Gesellschaftskritik sind wichtige Teile meiner Arbeit, wenn auch nicht die wichtigsten. Immerhin, über zwei Jahre habe ich – unter alias-Namen – einen politischen Blog geschrieben. In den folgenden Einträgen will ich auf meinen Text „Die Gegenaufklärung“ zurückgreifen. Diesen Artikel schrieb ich 2004, also vor 12 Jahren. Ich bin selbst erstaunt, wie aktuell er noch ist. Zwar sind die handelnden Personen großteils ausgewechselt, zwar haben sich manche Themen verschoben. Aber die Konflikte, die Probleme und leider auch die falschen Lösungsversuche sind im Grunde die gleichen wie 2004. Ich werde hier Auszüge aus dieser Analyse bringen, überholte Aussagen werde ich weglassen oder aktualisieren.

 

Mit „Aufklärung“ meint man in erster Linie eine geisteswissenschaftliche Strömung in Europa, seit dem 16. Jahrhundert, aber mit Schwerpunkt im 18. Jahrhundert. Man kann allerdings die Aufklärung auch als eine übergeschichtliche Geisteshaltung ansehen, die schon öfters in der Geschichte auftrat, z. B. in der nachsokratischen Antike.


Die Aufklärung war keine einheitliche Strömung, dennoch kann man verschiedene gemeinsame Prinzipien herausstellen. Die wichtigsten Prinzipien der Aufklärung  sind:  

1) Vernunft, 2) Humanismus,  3) Frieden, 4) Fortschritt und 5) Individualismus.


Zwar haben die Menschen diesen Idealen noch nie annähernd entsprochen, oft wurden diese Ideale auch in Frage gestellt, aber sie bedeuten bis heute das wichtigste und evolutionär fortschrittlichste Modell menschlichen Verhaltens. Und  man konnte im 20. Jahrhundert, jedenfalls in Europa und Amerika, nach den Gräueln der Weltkriege, den Eindruck haben: Die Aufklärung schreitet voran: Die Klassengegensätze sind gemildert, Konflikte werden überwiegend friedlich gelöst, der Einzelne kann sich frei entfalten, die Wirtschaft wird als soziale Marktpolitik betrieben, und es geht auf allen Gebieten vorwärts. Der Höhepunkt dieser Bewegung in Deutschland war wahrscheinlich die Anfangsphase der rot-grünen Koalition, in den USA die Ära Clinton.    


Aber seit einigen Jahren stecken wir fest: In allen Kriterien der Aufklärung dreht sich die Geschichte um, Deutschland bewegt sich zurück, Europa hat den Rückwärtsgang eingelegt, die Welt entwickelt sich zurück. Das gilt vor allem für die Politik und Wirtschaft: Beide werden zusehends irrationaler, inhumaner, ungerechter.

 

Pointiert: Es gibt eine Bewegung der Gegenaufklärung, der Antimoderne. Sie steht für Irrationalität oder Unvernunft, Anti-Humanismus, Aggressivität, Dominanz und Egoismus. Wollte man es auf einen Begriff bringen, könnte man sagen: es ist ein neuer Sozialdarwinismus aufgetreten bzw. geht es um die Wiederkehr des alten Sozialdarwinismus. Das Prinzip ist: der Starke macht einfach das, was er will, er hält sich nicht an Vernunft, an Humanität, an Solidarität, an Friedfertigkeit, an Gerechtigkeit, sondern drückt seine Interessen durch.


Und er sieht dieses Verhalten auch noch als berechtigt, als legitim an. Wenn er sich denn überhaupt die Frage der Legitimität stellt. Denn Moral ist out. Man verbannt sie auf Spezialgebiete wie den Umgang mit Stammzellen, aber in der Politik und Wirtschaft hat sie möglichst nichts zu suchen. Stattdessen ist Zynismus „in“, und nichts ist für den Zyniker lächerlicher als der sogenannte Gutmensch, der an Ideale glaubt und danach handelt.


Dieses „Recht der Stärkeren“ zeigt sich überall:

Der Starke hat in der Weltpolitik das Recht zu machen, was er will; das sieht man vor allen an den USA, z. B. in Afghanistan und dem Irak.

Der starke Wirtschaftskonzern darf den kleineren, schwächeren in die Ecke und in die Pleite treiben bzw. schlucken (unfreundliche Übernahme).

Der Unternehmer als stärkerer darf den Arbeitnehmer jederzeit kündigen bzw. zur Arbeit bestellen: Stichwort „Flexibilität“.

Die Mehrheit eines Volkes bzw. die Staatsmacht diskriminiert Minderheiten, z. B. Ausländer, aktuell sind vor allem die Moslems betroffen.

 

Insgesamt muss man diese amoralische Maßlosigkeit, diesen ungezügelten Globalismus der Wirtschaft als Teil eines größeren geschichtlichen Prozesses sehen, den ich „Gegenaufklärung“ nenne.


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28.12.16  Erkenntnis-Methoden (5): Induktion  und Deduktion

 

Hier möchte ich drei Ansätze unterscheiden:

· Induktion

So heißt das Fortschreiten vom Besonderen zum Allgemeinen, einzelne Beobachtungen werden zu Hypothesen und schließlich Gesetzen zusammengefasst. Wenn etwas für einige Elemente einer Klasse gilt, so folgert man daraus, dass es auch (wahrscheinlich) für die anderen Elemente, also letztlich für alle Elemente der Klasse gilt. Das hört sich zwar nach empirischem Vorgehen an. Aber hinter der Induktion steht natürlich eine Theorie, z. B. die Annahme, dass sich die Elemente einer Menge prinzipiell gleich verhalten, und dass man daher, wenn man das Verhalten einiger Elemente untersucht hat, in gewissen Grenzen auf alle Elemente schließen kann. Somit darf man die Induktion keineswegs als allein empirische Methode ansehen, sie enthält bereits eine Verbindung von beiden Vorgehensweisen.

· Deduktion

Dies ist die klassische rationale Methode: Man schreitet vom Allgemeinen zum Besonderen fort, macht Ableitungen. Das gilt für logische Schlüsse, mathematische Gleichungen wie statistische Berechnungen. Deduktionen führen zwar nicht zu wirklich neuen Informationen, aber sie ermöglichen uns oft, die gesuchte Information herauszufiltern. Zwar haben die beiden Seiten einer Gleichung denselben Wert, aber für uns ist es natürlich doch eine Erkenntnis, dass eben diese zwei unterschiedlichen Formeln den gleichen Wert haben.

· Theorienbildung

Hypothesen- bzw. Theorienbildung bedeutet: Es werden Gesetze formuliert, die für alle Menschen (einer Gruppe) bzw. für einen bestimmten Prozentsatz gelten. Dabei kommen auch logische, mathematische und statistische Verfahren zum Zuge. Aus diesen Gesetzen werden logisch-deduktiv singuläre Aussagen abgeleitet.


Die ersten fünf in diesem Text genannten Erkenntnismethoden beruhen alle auf Erfahrung, wenn auch in sehr unterschiedlicher Form. Man kann sie empirisch nennen. Zur Erfahrung gehört indirekt auch die Kenntnisnahme von empirischen Untersuchungen anderer, durch Lesen, durch Hören usw.

Der  Zugang der Theorienbildung ist dagegen rational bestimmt. Er führt nicht unmittelbar zu Erkenntnissen, sondern die Theorie muss sich an der Empirie bewähren. Wenn man allerdings ein Gesetz hat, welches das Verhalten aller Menschen (bzw. einer Gruppe) beschreibt, kann man daraus eben auf das Verhalten jedes einzelnen Menschen schließen.

 

Generell sind der Weg der Erfahrung und der Weg der Vernunft bzw. Theorie nicht gänzlich voneinander unabhängig. Beobachtung erfolgt „theoriegeleitet“, und  normalerweise basiert eine Theorie auch auf Erfahrungen, ist oft gerade die Verallgemeinerung einzelner Erfahrungen bzw. von Stichproben. Erst im Zusammenwirken von empirischem und rationalem Vorgehen entfaltet sich wissenschaftliche Forschung. Dabei spielen allerdings zusätzliche konventionalistische und pragmatische Faktoren eine Rolle, d. h. Gesetze enthalten immer auch einen Aspekt von Festlegung oder Mutmaßung, sie sind nicht vollständig aus der Empirie herzuleiten.


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22.12.16 Erkenntnis-Methoden (4): Handeln und Verhalten

 

Manchmal werden als eigene Form der Erkenntnisgewinnung das Handeln und Tun bzw. Handlungen und Taten dargestellt.

Das zeigt sich auch in der Sprache: Man macht nur Er-fahrungen, wenn man fährt, also unterwegs ist. Man be-greift nur, wenn man etwas mit seinen Händen greift.

 

Natürlich lernt man das Leben nur wirklich kennen, wenn man sich durch Handlungen und Engagement in das Leben einbringt. Und man lernt auch sich selbst nur in  der Kommunikation, aber auch in der Konfrontation, in der Reibung mit dem anderen, mit der Welt, kennen. Learning by doing.

Man erkennt also auch sich selbst nicht nur durch Innenschau, sondern auch, indem man sich in der Welt ausprobiert: Probieren geht über studieren.

 

Dennoch ist es das Handeln keine eigene Erkenntnisquelle, die eigentlichen Erkenntnisse macht man eben doch durch Wahrnehmungen oder Reflexionen, die sich aus oder während dem Handeln ergeben.



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16.12.16 Erkenntnis-Methoden (3): Introspektion und Intuition

 

Introspektion ist Innenschau, Selbstbeobachtung bzw. Selbsterfahrung, d. h. innere (bewusste und gezielte) Wahrnehmung der eigenen Gefühle, Gedanken. Auch Selbsthypnose und Meditation, sogar Träume mögen eine Rolle spielen.  


Mit der Introspektion verwandt ist die Intuition: Es ist die innere Stimme, unser Bauchgefühl oder unser emotionales Selbst, das uns erlaubt, in uns selbst einzufühlen; aber anders als die reine Introspektion,  dient die Intuition vor allem der Einfühlung (Emphatie) in einen anderen Menschen, erspüren seiner inneren (verborgenen) Wünsche, Pläne, Überzeugungen u. ä. Dies kann in einer eigenen Versenkung (Meditation) geschehen und zu Erleuchtungs-Erfahrungen führen. Dieser Weg ist allerdings wissenschaftlich nicht anerkannt, dies gilt noch mehr für außersinnliche Wahrnehmung wie Telepathie, also Gedankenlesen.


   Die Introspektion  spielt  in erster Line eine Rolle bei der Erforschung des eigenen Ich bzw. Selbst, d. h. bei der Selbsterkenntnis. Allerdings ist es ist auch eine Methode, Erkenntnis über sich selbst hinaus zu gewinnen. Wenn man davon ausgeht, dass alle Menschen grundsätzlich psychisch gleich strukturiert sind, dass es psychologische Universalien gibt, dann kann ich in der Erforschung meiner selbst auch den anderen Menschen, ja alle Menschen in ihrem Wesen erkennen. Man kann dies noch weiter ausdehnen: Wenn alles Leben, alles Sein gleiche Fundamente und Wurzeln hat, dann kann ich in mir die gesamte Welt erfahren. Oder wenn man vom Prinzip des „pars pro toto“ (der Teil steht für das Ganze) ausgeht, das Ganze also in jedem Teil repräsentiert ist, dann kann ich als Teil in mir das Ganze finden.


Gerade im nicht-sprachlichen, über-rationalen, über-bewussten Zustand kann ich, so jedenfalls die Theorie, das Innerste der Universums erfahren, in der Erleuchtung komme ich zu einer tieferen, ganzheitlichen Erkenntnis, wie sie sonst nicht möglich ist. Dies setzt voraus, dass ich von meinem eigenen „kleinen Ich“ absehe und mich – über das trans-personale Selbst –  für das Ganze öffne.


Primär geht es aber bei der Introspektion (und Intuition) um das eigene Bewusstsein und Unterbewusstsein. Das eigene Bewusstsein – mit seinen Gefühlen Gedanken, Wünschen usw. – ist einem über Selbstwahrnehmung zugänglich. Das Bewusstsein anderer ist einem dagegen nur indirekt zugänglich, wenn man von problematischen Vermögen wie Telepathie absieht. Man kann das Bewusstsein anderer Menschen nur erschließen, z. B. aus Befragungen des anderen, Tests, Beobachtungen seines Verhaltens. Man kann allerdings auch, wie beschrieben, intuitiv das Innenleben eines anderen Menschen erfühlen, aber da sind Fehlermöglichkeiten erheblich.


Eine Erleuchtung etwa über das Wesen des Menschen an sich bleibt ebenfalls spekulativ, auch wenn die Erleuchtungserfahrung ganz evident scheint. Festzuhalten bleibt: Unmittelbar gegeben ist uns prinzipiell nur unser eigenes Bewusstein, es ist die Basis aller anderen Erkenntnisformen. Auch wenn ich mit einem technischen Gerät Messungen vornehme, letztlich bleibt es mein Bewusstsein, das diese Messungen registriert. Von daher erklären sich auch radikale Theorien wie der Solipsismus, nach dem man nur das eigene Bewusstsein erkennen kann.


Das eigene Unterbewusstsein ist einem nicht unmittelbar zugänglich – es ist eben unterbewusst oder unbewusst. Man kann aber einerseits in Unbewusste „hinabsteigen“, z. B. durch Selbsthypnose bzw. Trance; oder das Unbewusste wird zunächst in Bewusstsein umgewandelt (durch aufdeckende Therapien); schließlich lässt sich das Unbewusste erschließen durch Deutung von Symbolen, z. B. in der Traumdeutung oder in projektiven Tests wie dem Rorschach-Test. Das Unbewusste anderer Menschen ist natürlich erst recht nur schwer zu erschließen.



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09.12.16 Erkenntnis-Methoden (2): Messungen und Technik

 

Messungen verlangen den Einsatz technischer Geräte. Im Grunde sind diese Geräte eine Erweiterung, Verfeinerung unserer Sinne, auch sie gehören zur Empirie, aber sie führen zu genaueren Ergebnissen. Z. B. können wir mit Radioteleskopen in unermessliche Weiten des Alls hören, wofür unsere Ohren allein natürlich völlig ungeeignet wären, oder man kann mit Mikroskopen in die kleinsten Wirklichkeitsbereiche vordringen, wofür unsere Augen viel zu schwach sind.  Man kann aber mit Messgeräten auch Messungen durchführen, wofür wir gar keinen Sinn besitzen, wie z. B. Radioaktivität. Allerdings benötigen wir zum Ablesen der Instrumente doch unsere Sinnesorgane.


Psychologisch kommen Messungen vor allem vor als: psycho-physiologische, neuro-physiologische bzw. neuro-chemische Messungen und Tests, d. h. Messungen von Parameter, die psychisch relevant sind, wie Milchsäure im Blut, Schweißabsonderung, elektrischer Hautwiderstand, Gehirnströme. Es betrifft also vor allem Körper und Gehirn.


Beim Körper geht es hier primär um psychisch relevante körperliche Prozesse wie z. B. den Blutdruck, weniger um die Arbeit der Nieren o. ä., die erst mal wenig mit der Psyche zu tun hat (allerdings ist psychosomatisch doch möglich, dass einem „etwas an die Nieren geht“). Für die Untersuchung des Körpers brauchen wir allerdings nicht nur Messungen. Denn der eigene Körper ist uns teilweise durch die Außensinne zugänglich, andererseits durch spezielles Körperwahrnehmungen. So fühlen wir durch unseren Temperatursinn, wenn uns heiß wird (z. B. aus Angst). Der Körper anderer ist z. T. durch unsere Sinne zu beobachten, wir sehen, wenn jemand rot wird. Spezielle psycho-physische Parameter wie Veränderungen des elektrischen Hautwiderstandes sind nur durch Messungen mit technischen Geräten  festzustellen.


Dagegen ist das Gehirn direkt nur über Messungen zu erkennen, z. B. EEG-Messungen, Computer-Tomographie (CT) oder Magnetresonanz-Tomographie (MRT) des Gehirns, neurochemische Untersuchungen. Allerdings ist bis heute nur sehr begrenzt möglich, durch solche Messungen auf das inner-seelische Geschehen zu schließen. Zwar mag man  durch Messungen feststellen, dass jemand gerade starke Gefühle erlebt, aber welche Gefühle, das lässt sich erst ansatzweise technisch messen.



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04.12.16 Erkenntnis-Methoden (1): Wahrnehmung und Experiment


Ich möchte hier die wichtigsten Erkenntnismethoden am Beispiel der Psychologie darstellen, weil sich hier am besten alle verschiedenen Methoden verdeutlichen lassen Dabei werde ich immer einen psychologischen Bereich seiner primären Erkenntnis-Methode zuordnen.

 

Bei Wahrnehmung und Experiment geht es um den Einsatz unserer Sinne: Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken, neben speziellen Sinnen wie Temperatur-Wahrnehmung usw. Diese Sinne können zunächst spontan eingesetzt werden, dann systematisch oder aber in einem Experiment: d. h. man schafft selbst eine bestimmte Situation, in der man ein Phänomen besser beobachten kann; man wartet z. B. nicht ab, bis eine Krankheit auftritt, sondern führt die Krankheit durch Einnahme der Erreger selbst herbei, um sie so gezielter untersuchen zu können. Und man versucht dabei, Faktoren auszuschalten, welche die Erkenntnis erschweren, also sogenannter Störfaktoren.


Psychologisch ist hier in erster Line das Verhalten zu nennen. Das Verhalten von Menschen wird beobachtet, in natürlichen Situationen oder künstlichen Laborsituationen. Dabei spielen auch Befragungen bzw. Fragebogen und Tests eine Rolle. Das Verhalten unser eigenes wie das anderer – ist uns so am leichtesten zugänglich, durch Beobachtung (sehen, hören, tasten). Von daher hat sich ein Teil der Psychologie lange Zeit ausschließlich auf das Verhalten konzentriert (Behaviorismus).


Allerdings kann man nicht sicher vom Verhalten auf dahinter liegende Gefühle und Gedanken (Bewusstsein) schließen, denn Menschen können sich in ihrem Verhalten verstellen. Manchmal ist der Sinn bzw. der Zweck des Verhaltens auch verborgen, man muss diesen Sinn entschlüsseln und erkennen, um das Verhalten zu verstehen.


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27.11.16  Dualismus (5): Dualismus und Monismus     

 

Ich habe verschiedene Möglichkeiten des Dualismus (von Materie und Geist) aufgezählt. Bis auf den Interaktionismus sind aber alle anderen Positionen letztlich monistisch, allerdings im Sinne eines gemäßigten Monismus, denn Materie wie auch Geist sind selbst weiter zerlegbar. Das zeigt noch einmal die Bedeutung des Monismus. Es liegt hier jeweils nur im Ausgangspunkt ein Dualismus vor. Das sei im Einzelnen erläutert:


· Materialismus: Da Geist hier als abgeleitet oder sogar nur illusionär gilt, bleibt letztlich nur die Materie als einheitliches Prinzip übrig.

· Idealismus: Hier ist es umgekehrt, die Materie wird auf den Geist zurückgeführt, so bleibt nur der Geist als selbstständiges Prinzip.

· Unionismus: Wenn Materie und Geist sich wie zwei Seiten einer Münze verhalten, so kann man jedenfalls die Münze, wie immer man sie auffasst, als zugrundeliegende Einheit auffassen, z. B. als geistig-materielles Geflecht.

· Unitarismus: Beim Unitarismus ist das noch deutlicher:

Materie ← X → Geist . Wenn ein einheitliches Prinzip X als Basis von Materie und Geist existiert, z. B. Energie, dann ist Energie eben die Einheit. Wiederum läuft das auf einen Monismus hinaus.


 Auch die Schwingungstheorie überschreitet den Dualismus. Man könnte sie zunächst für pluralistisch halten, da sie viele, ggf. unendliche viele Schwingungsebenen unterscheidet. Im Grunde argumentieren solche Theorien aber wieder monistisch: Es gibt fundamental nur ein Etwas, häufig Energie oder Schwingung genannt. Und je nach Schwingungsgrad äußert es sich als Materie, Bewusstsein oder in einem Zwischenzustand.


  Wenn man dagegen 5  Prinzipien annimmt, die selbstständig sind, wenn auch nicht völlig unabhängig voneinander, kommt man gar nicht in diesen Sog des Monismus. Ich gehe wie gesagt von 5 Dimensionen aus, die ich nicht auf weniger reduziere. Das ist allerdings kein Dogma. Wie schon ausgeführt, gäbe es auch Argumente, weniger oder vielleicht mehr Dimensionen anzusetzen.


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22.11.16  Dualismus (4):  Übergang zwischen Materie und Geist

 

Es gibt auch Theorien, dass es einen Übergang zwischen „grobstofflicher“ Materie (Stoff) und unstofflichem Geist gibt, nämlich den Bereich der Feinstofflichkeit. Es wird von einer Schwingung des Seins ausgegangen, wobei gilt: je höher („feiner“) die Schwingung, desto geistiger.

 

Schwingung                 Level                          Dualität          Seinsform

 ----------------------------------------------------------------------------------------------

- hoch                          unstofflich                geistig                Bewusstsein

- mittel                         feinstofflich                                         „Astralkörper“ u.ä.

- niedrig                      grobstofflich             materiell              Materie

 

Eine ähnliche Theorie geht von dem Grad der Dichte aus. Danach gilt: Materie ist verdichteter Geist. Oder Geist ist verdünnte Materie.

   Das lässt sich weiter differenzieren. So sind beliebig viele Stufen zu unterscheiden, von grobmateriell über immer feinstofflicher bis zu völlig immateriell.

   Grundsätzlich ist diesem Modell vorzuwerfen, dass es einseitig ist. Denn in der Physik werden bis heute zwei komplementäre Modelle gleichberechtigt verwendet: erstens das Teilchen-Modell (Materie) und zweitens das Wellen-Modell (Energie). Die Dinge lassen sich nicht nur als Energie-Wellen (kontinuierlich) auffassen, sondern ebenso als Materie-Teilchen (diskontinuierlich); übrigens muss sich Energie auch nicht als Welle darstellen, es gibt viele andere Formen.


   Besondere Schwierigkeiten bereitet aber die esoterische Vorstellung, je höher die Frequenz und damit auch die Energie einer Welle sei, desto mehr Geist beinhalte sie. Das würde z. B. bei den elektromagnetischen Wellen bedeuten, dass Röntgenstrahlen geistiger als Licht-Wellen sind, diese geistiger als Radar, der geistiger als Rundfunk-Wellen usw. Auch bei Gehirn-Wellen stoßen wir auf Schwierigkeiten: Denn gerade in der Meditation, wenn der Mensch doch mit hohen geistigen Ebenen Kontakt aufnimmt, sind seine Hirn-Wellen sehr langsam (Alpha- oder Theta-Wellen), während er bei Konzentration, Erregung usw. schnellere, „geistigere“ Hirnschwingungen (Beta-Wellen) aufweist.

   Generell sind diese Theorien, die vorwiegend aus der Esoterik stammen, problematisch, nicht wissenschaftlich abgesichert, wenn auch grundsätzlich der quantitative Ansatz einer Schwingungsfrequenz interessant ist.

 

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16.11.16  Dualismus (3): Materie und Geist (= Bewusstsein)

 

Hier ist mit „Geist“ überwiegend das gemeint, was in meinem Text sonst  Bewusstsein (oder Psyche) genannt wird. Da dieser Dualismus aber begrifflich meistens als „Materie versus Geist“ gefasst wird, bleibe ich hier bei dieser Terminologie.

   Im Diagramm sähe das folgendermaßen aus:

 

                                              Wirklichkeit

                                            |                     |

                                      Materie             Geist

                           

 

Der Dualismus besagt in einem ersten Schritt, dass sich die gesamte Wirklichkeit, alle Dimensionen auf die zwei Dimensionen Materie und Geist zurückführen lassen.

    Das genaue Verhältnis zwischen diesen beiden, zwischen Geist und Materie, kann aber in einem zweiten Schritt sehr unterschiedlich bestimmt werden und dies geschieht auch (wodurch der Dualismus zuweilen wieder aufgehoben wird).

   Betrachten wir die gängigsten Positionen in der Philosophie im Hinblick auf Materie  versus Geist, so lassen sich etwa folgende unterscheiden:     

 

·  Materialismus:      Materie  →  Geist  

·  Idealismus:           Geist  →   Materie

·  Unionismus:         Materie = Geist

·  Unitarismus:         Materie ← X → Geist

·  Interaktionismus: Materie ↔ Geist

 

·  Materialismus: Materie --> Geist  

Die Materie schafft oder bestimmt den Geist, bzw. der Geist ist nur  Illusion.

Geist = Bewusstein ist nur eine Eigenschaft hochkomplexer Materie, nämlich

des Gehirns. Man kann Aussagen über den Geist letztlich in Aussagen über das Gehirn übersetzen. In einem gemäßigten Materialismus, wird Geist als eine emergente, höhere, neu auftretende Eigenschaft angesehen, jedenfalls kann es kein Bewusstsein ohne materiellen Träger geben.

 

·  Idealismus: Geist --> Materie

Hier haben wir die umgekehrte Position, mit verschiedenen Varianten: Der Geist determiniert die Materie. Der Geist schafft die Materie. Die Materie ist  letztlich nur eine Illusion. Emphatisch spricht man vom „Sieg des Geistes über die Materie“.  


·  Unionismus: Materie = Geist

Materie und Geist  verhalten sich  wie zwei Seiten einer Münze. Sie treten immer zusammen auf, sind untrennbar miteinander verbunden, eine Zwei-Einheit, eine „Dual-Union“. Z. B. gilt der Geist als das dynamische Organisationsmuster eines materiellen Systems. Man spricht auch von Identitätstheorie.


·  Unitarismus:  Materie <-- X --> Geist

Es existiert ein einheitliches Prinzip X als Basis von Materie und Geist, z. B. ist Energie dieses Prinzip X. Es kann sich in materieller oder geistiger Form zeigen. Im Taoismus ist diese Einheit das Tao, in anderen Theorien z. B. die „eingefaltete Ordnung“.


·  Interaktionismus: Materie <--> Geist

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen Materie und Geist. Materie und Geist sind (gleichberechtigte) Partner, die miteinander interagieren. Pragmatisch gesehen ist diese Theorie erfolgreich, ein Problem dabei ist allerdings, wie man sich eine Wirkung vom Geist auf die Materie oder von der Materie auf den Geist vorstellen kann.

 

Welche dieser Theorien ist am besten untermauert? Das kann man heute noch nicht abschließend sagen. Es gibt für alle Theorien Pro- und Contra-Gründe. Ein Favorit könnte der Unionismus sein: Man geht zwar  von einer einheitlichen Wirklichkeit aus, aber reduziert nicht zwanghaft ein Prinzip auf das andere. Selbst wenn sich z. B. irgendwann einmal zeigen würde, dass man Aussagen über Bewusstsein in Aussagen über Prozesse im Gehirn (Materie) umwandeln könnte, behielte dennoch das Bewusstsein als besondere Dimension seine Berechtigung und Eigenständigkeit. Das passt auch am besten zu einer Polaritäts-Theorie, wonach  zwei Pole (Materie) und (Geist) im Gegensatz zueinander stehen, sich aber zu einer Ganzheit oder Einheit ergänzen. Ähnliches gilt für den verwandten Unitarismus.

 

Es gibt noch andere Theorien, z. B. den Parallelismus, nach dem Materie und Geist - bzw. Körper und Bewusstsein - zwar unabhängig voneinander sind, sich aber parallel verhalten und entwickeln, etwa im Sinne der Leibnizschen „prästabilisierten Harmonie“. Diese Theorien sind aber so unplausibel, dass man sie vernachlässigen kann.

   Nach meiner Auffassung gilt allerdings ohnehin, dass es nicht überzeugt, die gesamte Wirklichkeit nur auf die zwei Dimensionen Materie und Geist/Bewusstein zurückzuführen, gleichgültig, wie man genau das Verhältnis zwischen Geist und Materie bestimmt.


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10.11.16  Dualismus (2): Materie und Geist (= Ideen)

 

In der traditionellen Philosophie, aber auch in der Esoterik gibt es die Unterscheidung zwischen zwei qualitativ verschiedenen Wirklichkeiten: die materielle Welt und die „andere“ Welt, die geistige  Welt. Man orientiert sich dabei vor allem am Platonismus, einer Form des Idealismus. Nach ihm ist die eigentliche Realität das Reich der Ideen, das sind zeitlose geistige Urbilder oder Urbegriffe, wogegen unsere Erfahrungswirklichkeit nur eine Schattenwelt bedeutet.

   Dem Idealisten gilt die geistige Welt auch als ideelle oder ideale Welt. Vor allem in der Esoterik bewertet man diese Geist-Welt als hochstehend und edel, die Stoff-Welt dagegen häufig als niedrig, manchmal sogar als sündig und böse – die Materie gilt dann als der gefallene Geist (dazu kommen wir genauer im Kapitel 3 über das Bewusstsein).

   Auf den Platonismus und seine Kritik werde ich später noch ausführlich eingehen. Nur ein Problem sei hier schon einmal angesprochen: Sind die „Ideen“ wirklich unveränderlich? Z. B. die Idee des Menschen: Der Mensch hat sich doch vom Urmenschen in verschieden Entwicklungsstufen bis heute zum „Homo sapiens“ entscheidend verändert, wie kann ihm durch alle Zeiten stets die gleiche Idee entsprechen?

   Vor allem nach idealistischer Sicht unterscheiden sich das geistige und das materielle Sein insbesondere durch folgende Gegensätze:

 

Geistige Welt                      Materielle Welt

 

Einheit                                  Vielheit

„Ding an sich Wesen            Erscheinung

Wesen / Sein / Essenz         Schein

Zeitlosigkeit                          Zeitlichkeit

Ewigkeit                                Vergänglichkeit

Konstanz                              Veränderung

Ruhe                                     Bewegung

Unräumlichkeit                      Räumlichkeit

Ursache                                Wirkung

Zweck                                   Mittel

Notwendigkeit                       Zufälligkeit

Absolutheit                            Relativität     

 



Eine Unter-Kontroverse der Kontroverse zwischen Geist und Materie ist die zwischen Statik (Geist) und Dynamik (Materie) bzw. zwischen „Statikern“ und „Dynamikern“.

 

·  Die Statiker

Für sie steht fest: In der geistigen Welt herrscht Ruhe und Ordnung. Da verändert und bewegt sich nichts. Alles ist ewig bzw. zeitlos. Entstehen und Vergehen gibt es nur in der materiellen Welt, aber da diese letztlich eine Scheinwelt ist, sind Veränderungen nur eine Illusion bzw. Zeit ist eine Illusion. Zur Begründung werden einerseits alte Meister, z. B. aus dem Hinduismus (herbei)zitiert, welche die Unvergänglichkeit der Geist-Welt lehren. Man beruft sich aber auch auf Einsteins Relativitätstheorie, danach besitzt die Zeit ja nur Gültigkeit in Relation zu einem Bezugssystem, sie wird relativiert, und von daher relativiert sich auch der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die dynamisch-materielle Welt wird zwar nicht unbedingt als illusionär erklärt, aber sie ist jedenfalls sekundär, metaphorisch so wie die Wolken gegenüber dem Himmel.

 

· Die Dynamiker

Ihr Stammvater ist der griechische Philosoph Heraklit,  der mit seinem Satz „Alles fließt“ eine der bis heute einflussreichsten Headlines des Altertums formulierte: Es gibt nichts Beständiges, keine Ruhe, alles ist im Fluss, in Bewegung. Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Aus dieser Sicht ist also gerade umgekehrt das beharrende, statische Sein nur Schein, bzw. als Abstraktion, bei der man einfach von der realen Bewegung absieht. Sogar unser Ich - als überdauernder Persönlichkeitskern - wird als Illusion betrachtet.

 

Welche Sicht ist überlegen oder richtig, die statische oder die dynamische?

Eine eindeutige Antwort lässt sich nicht geben, aber die Lösung dürfte darin liegen, beide als gleichberechtigt anzusehen. Eventuell handelt es sich sogar nur um ein Schein-Problem, weil Bewegung und Ruhe untrennbar miteinander verbunden sind. Man kann sich hier verschiedener Bilder bedienen: die Nabe des Rades, die unbewegt ist, während sich das Rad dreht; der Ruhepol zwischen zwei Ausschlägen eines Pendels, der Wellengipfel zwischen dem Auf- und Abschwung der Wellen, oder auch, dass die Welt in einem ewigen Zyklus kreist: sie verändert sich dann einerseits ständig, andererseits durchläuft sie immer die gleiche Bahn, wie ein Karussell.

   Die Lösung geht also in Richtung der Polaritäts-Theorie. Ruhe und Bewegung sind danach zwei Pole, die sich zu einem Ganzen er-gänzen. Zumindest begrifflich ist Ruhe ohne Bewegung (und umgekehrt) gar nicht möglich, man könnte aber auch diskutieren, ob physikalisch eins auf das andere angewiesen ist.


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04.11.16  Dualismus (1): Dualismus und Polarität

 

Eine wichtige philosophische Lehre ist der Dualismus. Es geht dabei um eine Zweiheit oder Dualität.

   Sein Hauptkonkurrent ist der Monismus, die Theorie, dass alles auf eine Einheit zurückgeht bzw. das gilt: „Alles ist eins.“

   Der Häufig spricht man anstatt von Dualität auch von Polarität. Polarität ist eine besondere Zweiheit, bei der ein klarer Gegensatz zwischen zwei (oder auch mehreren) Entitäten, den Polen besteht, die sich aber zu einer Ganzheit er-gänzen. Allerdings lassen sich Dualität und Polarität nicht eindeutig abgrenzen. Dennoch würde man z. B. Gott-Vater und Gott-Sohn eher als Dualität sehen, Gott und Teufel dagegen als Polarität.

  Weitere Beispiele für Dualität / Polarität sind z. B.: Yin und Yang, Welle und Teilchen,  Plus-Pol und Minus-Pol, Gefühl und Verstand usw.

   Uns interessiert hier aber vor allem ein Dualismus innerhalb der 5 Welten der Integralen Philosophie, also Form, Materie, Geist, Bewusstsein, Sprache.

Es geht also konkret um eine Rückführung der genannten 5 Welten auf 2 Welten.

   Die am häufigsten genannten 2 Dimensionen eines Dualismus sind vermutlich  Materie und Geist.

   Daher will ich das Verhältnis von Materie und Geist, exemplarisch für den Dualismus, genauer untersuchen.

  Dabei gibt es allerdings mindestens zwei Bedeutungen von „Geist" zu unterscheiden:

· Geist = Ideen (mentale Urbilder im Sinne Platons)

· Geist = Bewusstsein (Psyche oder Seele), welches quasi die Materie beseelt.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen diesen beiden Konzepten ist z. B., dass die Ideen als zeitlos-unveränderlich angesehen werden, wogegen das Bewusstsein in der Zeit verläuft, wenn auch die Unsterblichkeit der Seele diskutiert wird.

 


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28.10.16  Abschied vom Natur-Prinzip?

 

In der Ernährung (vegan), in der Medizin (Naturheilkunde), in der Wissenschaft (Ökologie), aber ganz generell für unsere Lebensweise wird heute – aber auch schon seit Jahren – ein "Prinzip Natürlichkeit" beschworen bzw. gefordert.


Dabei wird gerne die naive Gleichung aufgestellt: natürlich = gesund.

Aber Natur kann auch gesundheitsschädlich sein, gerade für die zunehmende Zahl von Allergikern. Wie der allergiekrankeTalkmaster Ingolf Lück einmal ironisch sagte: Er könne nicht gesund leben, weil er das ganze Naturzeug nicht vertrage ...


Daher ist es auch irreal, zumindest stark übertrieben, wenn die - mit der Natur­medizin verbündete - Umweltmedizin behauptet, die meisten Krankheiten gingen auf Umweltbelastungen zurück und könnten nur mit natürlichen Mitteln geheilt werden.


Jeder Naturfetischismus, jede Forderung nach Bio + Öko total ist abzulehnen, und nicht nur aus gesundheitlichen Gründen. Ein naturreines Leben ist teuer, aber oft umsonst. Teuer, weil die Bioprodukte eben wesentlich mehr kosten, wobei man unge­wollt auch manchen Geschäftemacher fördert. Und umsonst, weil man meistens doch nicht sein Wunschziel erreicht. Unverfälschte Natur gibt es ohnehin nicht mehr, vieles scheinbar Natürliche ist längst denaturiert.


Der Natur- und Gesundheitsbewegung haftet - verständlich von ihrer Herkunft - vielfach etwas Alt­modisch-Verstaubtes sowie Lustfeindliches an. Bei ihr gilt (natürlich unausgesprochen) der Grundsatz: „Was gesund ist, macht keinen Spaß“ und umgekehrt: „Was Spaß macht, kann nicht gesund sein.“

Wir stoßen hier auf einen Puritanismus, die Forderung nach Verzicht, Abhär­tung und Askese, kalter Dusche und Leibesertüchtigung (auch wenn die heute scheinbar modern als Aerobic daherkommt). Nur so werde der Mensch - als "Sünder" - gesünder.


Damit verbun­den sind infantile Vorstellungen. Denn die reine Lehre wird meist von einer strengen Vaterfigur, einem Patriarchen (Typ Turnvater Jahn) vertreten, der bestimmt, was erlaubt und was verboten ist. Wer nicht natürlich-gesund lebt, dem geschieht es schon recht, wenn er krank wird. Wer aber gehorcht, der wird durch wunderbare Gesundheit belohnt werden.


Das klingt nach Abso­lution, und in der Tat, es gibt hier Züge einer Heilsbe­wegung, die mit Hoffnung auf Erlösung, mit Glauben an Befrei­ung zu tun hat.

Doch das ist ein Irrglauben. Es bedeutet nämlich einen ewigen - und vergeblichen - Kampf, sich stets total natur-gemäß zu verhalten. Oft hat man Angst, Fehler zu machen. Oder Schuldgefühle, weil man mal wieder "gesündigt" hat.


Ein solches lustfeindliches Verhalten fördert nie wirklich die Gesundheit. Denn die Unterdrückung von "verbotenen" Wünschen belastet den Menschen nicht nur seelisch, sondern auch körperlich.

Da ist es gesünder, etwas "ungesünder" und dafür lustvoller zu leben. Überhaupt ist ein stures Einhalten von Prinzipien und Regeln ganz schön langweilig. Von daher auch der Spruch: Wer gesund lebt, lebt auch nicht länger - es kommt ihm nur länger vor.


Lit.: modifiziert aus Ben-A. Bohnke: "Abschied von der Natur"


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20.10.16  Dimensionen der Wirklichkeit (2)

 

Die Unterteilung der Wirklichkeit in 5 Dimensionen, diese 5er-Unterteilung kann man „Quintismus“ nennen, von lateinisch quinque = fünf bzw. quintus = der fünfte.

   Die Zahl 5 diente auch schon der traditionellen Philosophie zur Unterteilung der Welt, allerdings in anderer Weise. Man unterschied die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft, über die als Fünftes der Geist herrscht, die Quintessenz (lat. quinta essentia). Auch heute verwenden wir ja den Begriff der „Quintessenz“, um das Wesentliche einer Sache zu benennen. Als graphisches Symbol für die 5 dient das Pentagramm, der 5-Stern.

   Ich werde im Folgenden zeigen, dass es gute, sachliche Gründe für eine Unterteilung der Wirklichkeit in 5 Dimensionen gibt. Damit behaupte ich aber nicht, dass die 5 die fundamentale (quantitative) Struktur des Seins ist. Es gibt sicher die Möglichkeit, die Welt in mehr oder auch weniger Dimensionen einzuteilen, doch diese anderen Unterteilungen scheinen mehr Nachteile zu haben.

 

Neben den sachlichen Gründen gibt es aber pragmatische Gründe für eine 5er-Unterteilung, wie gute Überschaubarkeit, gute Merkbarkeit u. ä. Kleinere Unterteilungen (z. B. nur in 2 Welten) sind  zu undifferenziert, größere Unterteilungen (wie z. B. 10 Welten) werden unübersichtlich. Auch dass wir an unserer Hand 5 Finger haben, mit denen wir als Kind lernen, zu zählen, prägt uns die 5er-Struktur tief ein.

  

Es gibt neben der 5er-Unterteilung aber auch andere Unterteilungen, in mehr Welten oder in weniger Welten, die teilweise in der Philosophiegeschichte und bis heute eine größere Rolle spielen.

 

Je nach Anzahl der verwendeten Dimensionen kann man  z. B. unterscheiden:


-          5: „Quintismus“: z. B. eben Form, Materie, Geist, Bewusstsein, Sprache

-          4: „Quartismus“: 4 Dimensionen, z. B. Form, Materie, Geist, Bewusstsein

-          3: „Terzismus“: 3 Unterscheidungen, z. B. Materie, Geist, Bewusstsein

-          2: Dualismus: 2 Unterscheidungen, z. B. Materie und Geist, Gut und Böse

-          1: Monismus: nur 1 Dimension, z. B. Materie.

 

Schon Aristoteles unterschied 5 Dimensionen, allerdings etwas anders definiert:

Hyle (Stoff), Dinge, Lebewesen, Seele, Geist.

Ein prominenter Vertreter einer Einteilung in 4 Dimensionen ist Nicolai Hartmann: Er   unterschied das Anorganische, das Organische, das Seelische und das Geistige.

   Die Unterteilung in 3 Dimensionen (wie oben) ist vor allem durch Karl Popper vertreten und bekannt geworden, in seiner „Dreiweltentheorie“.

   Dass es keine gängigen Begriffe für die 5er-, 4er- und 3er-Unterteilung gibt (für  die Unterteilung mit höheren Zahlen schon gar nicht), wohl aber für die 2er-Unterteilung (Dualismus) und die 1er-Theorie (Monismus) zeigt schon, dass die Aufteilung der Welt in zwei (2) Dimensionen oder aber die Theorie, dass es fundamental nur eine  (1) Dimension gibt, philosophie- bzw. geistesgeschichtlich die größten Rollen spielen.


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13.10.16  Dimensionen der Wirklichkeit (1)

 

Ich unterscheide in meiner Integralen Philosophie 5 Welten:

 

1.    Form  (logisch-mathematische Welt)

2.    Materie (stoffliche Welt)

3.    Bewusstein (psychische Welt)

4.    Geist (kulturelle Welt)

5.    Sprache (Welt der Zeichen)

 

So lässt sich die erste Stufe einer philosophischen Weltformel schreiben:

 

Welt = Form · Materie · Bewusstsein · Geist · Sprache

 

Der Begriff ‚Welt’ kann einmal die gesamte Wirklichkeit meinen oder aber Dimensionen dieser Wirklichkeit.

  Anstatt ‚Bewusstsein’ verwende ich auch den Begriff ‚Psyche’. Es wäre zwar günstiger, ich nutzte für diese Dimension – wie für die anderen – nur einen Grundbegriff; aber es wird sich zeigen, dass mal der eine, mal der andere Terminus besser trifft.

 

Eine kurze Beschreibung ist:

 

· Form (formale Welt)

eine immaterielle Welt jenseits von Raum und Zeit, vor allem durch logische und mathematische Objekte und Strukturen bevölkert.

 

· Materie  (materielle Welt)

die sinnlich wahrnehmbare bzw. messbare, raum-zeitliche Welt, vom Kosmos als Ganzheit bis zu den kleinsten Elementarteilchen, den Quarks.

 

· Bewusstsein  (psychische Welt)

man kann auch von Psyche oder innerer Wahrnehmung sprechen, es geht um die Innenwelt der Gedanken, Gefühle, Wünsche usw. oder um die Seele als Ganzes.

 

· Geist  (geistige Welt)

eine umstrittene, vielschichtige, vieldeutige Dimension, sie wird vor allem in Verbindung gebracht mit Begriffen und Aussagen sowie mit Kultur, Wissenschaft, Normen.

 

· Sprache  (sprachliche Welt)

die Zeichen und ihre Bedeutungen, von der menschlichen Sprache über den genetischen Code bis zu einem allgemeinen Symbolismus.




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05.10.16  Diagramm der 5 Welten


Die Theorie von 5 Welten spielt eine große Rolle in meiner Philosophie, darüber ist in verschiedenen Artikeln, auch auf dieser Homepage nachzulesen.

Ich habe auch einige Diagramme zu dem Modell der 5 Welten angefertigt (zusammengefasst im Punkt „Diagramme“ auf dieser Page). Das Diagramm unten ist einfach gehalten, aber es verdeutlicht übersichtlich, dass jede Welt mit jeder anderen in Beziehung steht und dass die Form eine herausgehobene Position besitzt, weil sie die Basis für alle anderen Welten bildet.

  






27.09.16  Zeitgeist    -   7 Trends für das 21. Jahrhundert 


Diesen Text habe ich in veränderter Form vor vielen Jahren geschrieben, ursprünglich als Exposé für ein Buchprojekt. Dennoch meine ich, dass er immer noch aktuell ist, dass die 7 Trends, die ich beschreibe, im Wesentlichen bis heute Gültigkeit haben. Daher habe ich den Text auch kaum aktualisiert. Allerdings müsste man aus heutiger Sicht sicher einen eigenen komplexen Mega-Trend „Online“ hinzufügen, mit Digitalisierung, sozialen Netzwerken, Cyberworld u.ä.


  

1) AUSGANGSPUNKT

 

Wir leben in einer pluralistischen Zeit. Es gibt immer weniger allgemeinverbindliche Weltanschauungen und generell akzeptierte Werte in der Gesellschaft. Zwar finden wir auch zu früheren Zeiten nie eine gänzlich geschlossene Weltsicht und Werteorientierung, aber es dominierten doch eine oder allenfalls einige wenige Geistesströmungen.

 

Heute konkurrieren dagegen eine Vielzahl von Zeitgeistrichtungen - und kaum eine von ihnen kann beanspruchen, die Mehrheit der Bevölkerung zu repräsentieren. Andererseits sind diese Strömungen oft international verbreitet; zum Beispiel boomt die Esoterik nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Westeuropa und USA, neuerdings auch in Osteuropa.

 

Ich möchte sieben  zentrale Zeitströmungen bzw. Trends herausstellen: 1. Esoterik,  2. Selbstentfaltung, 3. Fitness, 4. Natur, 5. Technik, 6. Konsum und 7. Apokalypse. Sie sind deswegen zentrale, übergeordnete Trends (Meta-Trends), weil sie das gesamte gesellschaftliche oder individuelle Leben  erheblich beeinflussen oder sogar strukturieren. Anders als zum Beispiel Sporttrends: Es ist nicht so wesentlich für die Gesellschaft und für den einzelnen Anhänger, ob man sich vor allem für Fußball, Tennis, Golf oder Leichtathletik begeistert, welche Mode gerade in oder out ist. Aber wenn eine Gesellschaft bzw. ein Individuum sich sehr an der Esoterik (einschließlich Okkultismus) orientiert, dann hat das weitreichende Bedeutung. 

 

Es gibt in der modernen Welt sicherlich mehr als sieben wichtige Strömungen. Aber viele davon befinden sich im Abwärtstrend, verlieren an Bedeutung, wie soziales Engagement, Familie, kirchliche Religiosität oder Bildung. Andere Strömungen sind stark zeitgebunden. Ich habe sieben besonders aktuelle Strömungen ausgewählt, die voraussichtlich auch in der Zukunft, jedenfalls im nächsten Jahrzehnt eine entscheidende Rolle spielen werden.


  

2) DIE  SIEBEN  TRENDS

 

1. Esoterik und Light Age

Der Eso-Trend läuft schon seit Jahren, ist aber nicht erlahmt, sondern hat noch ein großes Wachstumspotential. Denn in dem Maße, wie Rationalisierung und Technisierung zunehmen, wächst das  kompensatorische Bedürfnis  nach geistiger Schau, Irrationalität und Verzauberung oder nach Führung durch einen weisen Meister, einen Guru. Meditation, Mystik und Magie - immer wieder werden neue Heilswege angeboten, von A wie Alpha-Training bis zu Z wie Zen. Mit der New-Age-Bewegung kam zum esoterischen Innenweg auch ein Engagement für Friedenspolitik, Umweltschutz und Feminismus hinzu. Die Richtung geht aber heute zum gänzlich unpolitischen Light Age, dem strahlenden Zeitalter des Lichts.

 

2. Selbstentfaltung und Psychotrip

Verbunden mit der Esoterik, aber doch davon abgrenzbar, ist das Bestreben, sich mit psychologischen Methoden weiterzuentwickeln. Die Spannweite reicht von verhaltenstherapeutischem self-management bis zur regressiven Suche nach dem “Kind in sich”, wobei ständig innovative Therapiemoden kreiiert werden, und das dürfte auch so bleiben. In letzter Zeit wurden zunehmend Psychopharmaka (wie das Antidepressionsmittel Prozac), elektronische “mind machines”  und therapeutische Computerprogramme zur Verstärkung eingesetzt, was sich trotz großer Vorbehalte sicherlich ausbreiten wird.

 

3. Fitness und Lebensverlängerung

Genauso, wie man seine Seele fit machen will, so möchte man den Körper jung und dynamisch erhalten. Alter und Krankheit werden immer stärker tabuisiert, gelten nahezu als obszön, sie sollen verhindert oder doch wenigstens verdrängt und übertüncht werden. Bodystyling total. Dabei gibt es zunehmend mehr Menschen, die Altern und Tod prinzipiell den Krieg erklärt haben und auf Lebensverlängerung oder gar Unsterblichkeit hoffen - ein mächtiger Trend. Konkret zeigt er sich in Sport, Diät, Vitamin-Megadosen, “Wundermitteln” wie Melatonin etc.

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4. Natur und Ökologie

Während manche sich Gesundheit und ewige Jugend vor allem von wissenschaftlichen Forschungen versprechen, setzen andere auf ein natürliches Leben, Rückkehr zur Natur soweit wie nur möglich: Naturkost, Kleidung aus Naturstoffen, Bio-Haus  - von der Wiege bis zur Bahre nur naturbelassenes Echtholz. Selbstverständlich geht es den “Ökos” gleichermaßen darum, die Natur, also Pflanzen, Tiere und Landschaften für die Zukunft zu schützen und zu erhalten.  Dagegen besteht meist eine Technikskepsis: Technik nein danke! Man organisiert sich vor allem in Bürgerinitiativen bis hin zu radikalen Tierschützern. Entsprechend der generellen Gewaltzunahme in unserer Gesellschaft ist auch eine Zunahme von Gewalttätigkeit in der extremen Ökoszene zu erwarten.

 

5. Technik und Wissenschaft

Sie stellen  weitgehend den Gegenpol zur ökologischen Weltsicht dar, sind ihrem Wesen nach grundsätzlich auf Vorwärts und Fortschritt eingestellt. Die aktuellsten und gesellschaftlich bedeutendsten Zukunftsentwicklungen sind die Computer- und die Biotechnologie. Sie werden unser Leben, aber auch den Menschen selbst revolutionieren. Wunschtraum oder Alptraum? Es wird viel kürzer dauern als bisher erwartet, bis der erste geklonte Mensch unter uns weilt. Aber auch die Revolutionen in Wohnungs- und Unterhaltungstechnik - zum Beispiel die Steuerung vom Herd, Heizung, Lampen über PC bzw. Fernbedienung -  bieten faszinierende Möglichkeiten.

 

6. Konsum und Erfolg

Es gibt eine große Zahl von Menschen, die sich fast nur für ihr eigenes unmittelbares Wohlbefinden interessieren, darunter insbesondere Jugendliche. Die einen wollen vor allem konsumieren und ihren Spaß haben. Mitnehmen, was man kriegen kann. Man darf das Leben als letzte Gelegenheit nicht verpassen. Mit der zunehmenden Beschleunigung unseres gesamten Lebens werden sich Konsumrausch und Kaufneurose noch steigern - bei denen, die es sich leisten können. Andere Glückssucher sind zwar arbeitsfreudig bis arbeitssüchtig, aber auch nur, um Erfolg und Anerkennung als narzisstische Ego-Belohnung einzukassieren.

 

7. Apokalypse und Dekadenz

Je näher das Ende des Jahrhunderts, ja sogar des Jahrtausends rückt, desto mehr steigt die “fin-du-siècle”-Stimmung, die Erwartung eines Weltuntergangs. Manche Menschen starren voll Zukunftsangst auf dieses magische Datum, andere genießen die dekadente Lust am Untergang. Aber auch nach der Zeitenwende werden Untergangspropheten Konjunktur haben. Überhaupt wird die Sensationsgier nach spannenden Berichten über Katastrophen, Krankheiten und Kriege weiter ansteigen,  geschürt von einer quoten- bzw. leserbesessenen Medienwelt. Ob Aids, Ebola oder BSE - Hauptsache es lässt sich vermarkten. (Hier ist zu berücksichtigen, dass der Text vor der Jahrhundert- bzw. Jahrtausendwende 2000 geschrieben wurde, dennoch ist das Thema „Weltuntergang“ auch heute noch sehr aktuell.)


  

3) ARGUMENTATION

 

Die genannten sieben Zeitgeistströmungen könnten – in einem umfangreicheren Text –genauer dargestellt, verglichen und analysiert werden. Aber es geht mir auch um eine kritische Bewertung: Welche Chancen und Risiken bergen diese Trends für den Einzelnen, die Gesellschaft und die globale Welt? Zum Beispiel der Natur-Trend: Nicht nur die “Ökos”, sondern die meisten Menschen halten Natur- und Umweltschutz für wichtige Werte bzw. Ziele. Wenn die Ökologie jedoch zur technikfeindlichen Ideologie wird, die zudem moralisierend alle “unnatürlichen” Freuden verbieten will, dann zieht die Mehrheit der Menschen berechtigterweise nicht mehr mit (man betrachte nur „grüne“ Vorschläge zur Erhöhung des Benzinpreises oder um einen obligatorischen Veggieday).

 

Andererseits der Trend Wissenschaft und Technik. Ohne High Tech gibt es keinen Fortschritt, und kein Low-Tech-Staat hat in der globalisierten Welt noch Wettbewerbschancen. Aber neue Technologien bergen auch neue Risiken. So könnte beispielsweise novel food - gentechnisch erzeugte Nahrung - noch ganz unbekannte  gesundheitliche Gefahren in sich tragen. Vor allem wird aber zu fragen sein, wie der Mensch die enormen wissenschaftlich-technischen  Umwälzungen psychisch und geistig verkraftet.

 

Generell könnte diskutiert werden: Welches Verhalten ist in unserer heutigen Zeit angemessen, funktional, evolutionär? Welches Verhalten lässt sich im positiven Sinne modern nennen? Ist Ausdruck eines aufgeklärten bzw. abgeklärten Bewusstseins? Und wo verbirgt sich hinter modischer Attitude doch nur  ein antiquiertes und stagnierendes Ritual?

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18.09.16  Die goldene Mitte zwischen Ärger und Akzteptanz

Vielleicht mag die biologische Evolution irgendwann zu einem „Übermenschen“ führen, der keinen Ärger und Zorn, keine Angst und Anpassung mehr kennt. Vielleicht gibt es sogar heute schon einzelne erleuchtete Geister - irgendwo als Einsiedler auf dem Himalaja -, die im völligen Frieden mit sich und der Welt leben.


  Aber wir Normalsterblichen haben Gefühle wie Angst, Schmerz und Wut. Anscheinend gehören diese Grundgefühle einfach zu unserer Natur, sind genauso normal wie Essen und Trinken. Machen uns sogar erst menschlich.  Wir sind nicht vollkommen, nicht über alles erhaben, wir sind keine Göt­ter.    Seien wir deshalb vorsichtig, wenn jemand einen Weg zum neuen Menschen anpreist. Bisher hat noch nichts den "alten Adam" und die "alte Eva" überwunden.


   Zwar ist es sinnvoll und auch notwendig, an einer Verbesserung unseres Lebens und an einer Weiterentwicklung der menschlichen Natur zu arbeiten. Die Suche nach einer Erlösung von allem Ärger und Leid ist aber unrealistisch - und maßlos. Das gilt auch für das scheinbar so bescheidene ­Streben nach völligem Annehmen, um so jedem Ärgernis ge­genüber ganz gelassen zu bleiben. Auch hier will man sich nicht damit abfinden, dass wir eben hin und wieder unter Ärger leiden.  


  Die Aufstellung eines Ideals wie "nie wieder Zorn", das per­fektionistische Bemühen um vollkommene „Zornlosigkeit“, hin­dert uns, spontan und unbefangen mit dem wellenförmi­gen Lebensstrom mitzuschwimmen, mit seinen Höhen und Tiefen, seinen "ups" und "downs". Zwar mag man die Sehn­sucht nach einem absoluten Frieden in seiner Seele bewahren. Aber der reale Mensch lebt im Rhythmus von Zufriedenheit und Ärger, in der Polarität von Yin und Yang. Es gibt eine Zeit des Annehmens und eine des Kämpfens. 


  Dabei sollten wir sowohl beim Annehmen wie beim Kämp­fen durchaus einmal bis an unsere Grenzen gehen, sie auslo­ten, ja sie überschreiten, um sie zu erweitern. Aber wir dürfen nicht ständig auf Grenzerweiterung aus sein, sondern müssen auch unsere Grenzen akzeptieren, unsere allgemeine wie per­sönliche Begrenztheit: dass man gegen manches nicht anzu­kämpfen wagt oder anderes einfach nicht anzunehmen ver­mag.    Entsprechend geht es auch nicht nur um einen Zyklus, ein Nacheinander von (extremen) Annehmen und Ablehnen, son­dern auch um ein Nebeneinander von ihnen, eine ausgewogene Verbindung, sinnvolle Integration. Wie es heißt: "Man soll die Dinge so (an)nehmen, wie sie kommen; aber man soll auch dafür sorgen, dass die Dinge möglichst so kom­men, wie man sie nehmen will."  


  Wichtig dabei ist: Zwar erleben wir unser Verhalten und ge­rade unsere Wut häufig ambivalent: Wut tut gut - Wut tut weh. Dennoch können wir zwischen positivem und  negativem Zorn (bzw. Kämpfen) unterscheiden, und entspre­chend zwischen positiver und negativer Friedlichkeit, Sanftmut  bzw. Annehmen.

 

l. Positiver Zorn:

   eine Kraft, uns durchzusetzen, uns gegen Ungerechtigkeit zu wehren.     

   Zorn  als  unser Freund und Rat­geber.   

2. Negativer Zorn:

  ein ständiges, übertriebenes, sinnloses An­kämpfen gegen alles und jedes.

   Zorn als Gegner und Ver­führer.

3. Positive Friedlichkeit:

  Gleichmut gegenüber kleinen Ärger­nissen.

   Hinnehmen, wenn wir  gegen ein Geschick ohn­mächtig sind.  

4. Negative Friedlichkeit:

   Ängstlichkeit oder Resignation. Berechtigte Wut verdrängen.

    Sich al­les gefallen lassen, sich immer  nur anpassen.  


Den positiven Zorn sollten wir akzeptieren, ja begrüßen: Das gilt besonders für den Annehmer, den Harmonie-Menschen, der - mit negativer Friedlichkeit - zu allem ja und amen sagt.

   Den negativen Zorn soll­ten wir dagegen möglichst überwinden. Das gilt vor allem für den Ablehner, den Konflikt-Menschen, der die positive Friedlichkeit lernen muss.   


In dem bekannten Gebet von Friedrich Oetinger heißt es zu diesem Thema:                           Gott gebe mir die Gelassenheit,

                        Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

                        den  Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

                        und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

 

     Doch manchmal brauchen wir Wut, um den Mut zur Änderung aufzubringen. Wir brauchen Ärger, um nicht zu ängstlich zu sein, Zorn, um nicht zu zaudern. Auch der Kampf gehört zur Ganzheit des Menschen und seines Lebens.    Wir müssen nur die - goldene - Mitte finden, zwischen Annehmen und Kämpfen, Anpassen und Wehren. Nach dem Motto: So wenig Zorn wie möglich, so viel Zorn wie nötig.   


Literatur: modifiziert aus Ben-A. Bohnke – Die Kunst, sich richtig zu ärgern

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13.09.16  Quantoren-Logik und andere Logiken




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08.09.16  Der Tod in New Age und Esoterik (2)



Angefangen hat alles mit dem Bestseller Leben nach dem Tod
von Raymond A. Moody, und eine Flut weiterer B
ücher folgte.
Wen wundert's, dass die New Ager diese positiven »Jenseits-Re-
porte« begeistert aufgenommen und in ihr Weltbild eingebaut
haben? Was nur beinahe alle dabei vergessen: Es handelt sich hier
nicht um Berichte über den Tod oder sogar die Zeit danach, son-
dern um Sterbeerlebnisse, »Nahtod-Erlebnisse« (near-death-expe-
riences), wie es in der Fachsprache heißt; keiner der betroffenen
Menschen war wirklich, nämlich irreversibel (gehirn)tot gewesen,
insofern können sie auch nichts über den Tod selbst wissen -
manche Forscher erklären diese Aussagen ohnehin nur als Halluzi-
nationen infolge einer Art Notprogramm des Gehirns.

 

Um ganz sicherzugehen, besuchen viele New Ager Selbsterfah-
rungskurse, in denen man »schöner sterben« lernen soll. Dort
durchläuft man in Phantasiereisen Sterbephasen und Todesstufen,
wobei allerdings dem realen Todesschrecken durch Flucht in ein
sanftes Sterben ausgewichen wird. Manche beschwören eine regel-
rechte Todeseuphorie, wie vor allem die bekannte Psychologin
Elisabeth Kübler-Ross: »Ich freue mich auf mein Sterben.« -
Letztlich geht's in diesen Seminaren aber nicht darum, sterben zu
lernen, sondern über das »Sterben« leben zu lernen, sich einzu-
üben ins Loslassen und Hingeben, wie es das Leben mit seinen
Wandlungen immer wieder erfordert.

 

Hier wird deutlich, dass die New Ager vielfach den körperlichen
Tod mit einem psychischen Tod verwechseln und ihn so völlig ver-
kennen. Wie erklärt sich das? Damit sich ein neues, höher
entwickeltes Selbst bilden kann, muss ein altes, tieferes Selbst un-
tergehen, »sterben«. Z. B. muss das Prä-Selbst weichen, damit das
bewusste Ich entstehen kann; und dieses muss wiederum dem
Über-Selbst Platz machen. (Allerdings kann - wie beschrieben -
die Kapitulation des rationalen Selbst auch erst einmal zur Wie-

dergeburt des unterdrückten, emotionalen Vor-Selbst führen.)
Dieser seelische Prozess wird erlebt wie ein körperliches Sterben
und Neugeborenwerden, deshalb glauben viele New Ager, auch
der reale, physische Tod sei ein erfahrbarer Übergang zu einer hö-
heren Existenz — was zwar verständlich, aber nicht begründet
ist.

 

Wie wir schon besprochen haben, beabsichtigen die meisten
New Ager nicht, das Gef
ühls-Selbst und das Verstandes-Selbst völ-
lig abzutöten, sondern nur zu überschreiten; denn man könne
wohl zeitweilig, z. B. während der Meditation, ausschließlich im
höheren Selbst zentriert sein, aber normalerweise lebe auch der
spirituelle Mensch noch »in« allen drei Selbst.

 

Andere wollen jedoch die niederen Selbst tatsächlich liquidie-
ren, sie wollen den Tod des Gefühls und des Verstandes-Egos.
Auch wenn ein solches Programm kaum völlig realisierbar ist, weil
sich bestimmte emotionale und rationale Strukturen gar nicht völ-
lig abbauen lassen - schon der Versuch kann zu Gleichgültigkeit,
Apathie und Erstarrung oder zum »Ausflippen« führen . . . anstatt
zur gewünschten Gelassenheit und Heiterkeit.


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30.08.16  Der Tod in New Age und Esoterik (1)


Der Tod bedeutet eine Herausforderung für den Menschen. Er
stoppt sein Leben und trifft ihn damit als ein zukunftsgerichtetes,
planendes Wesen. Der Mensch ist sein ganzes Leben lang mit ei-
nem unbekannten, dennoch »todsicheren« Endpunkt konfrontiert
und fragt sich, wie er einer solchen Existenz mit »no future« einen
positiven Sinn abgewinnen kann.


Zwar behaupten die Esoteriker, die New Ager bzw. „Wassermänner“
eine Ganzheit von Leben und Tod, nämlich eine Polarität von Le-
ben (Yang) und Tod (Yin) bzw. von Geburt und Sterben. Mit
dieser Ganzheitstheorie ist aber das Todesproblem bzw. die Todes-
angst noch nicht überwunden, und hierfür bietet New Age
grundsätzlich dieselbe Lösung an wie (fast) alle Religionen. Denn
man sieht den Tod keineswegs als Endstation, sondern als Tor zu
einer anderen, höheren Welt, als eine Art geistiger Geburt; beson-
ders bei streng idealistischen Esoterikern gilt er als Befreiung der
Seele aus dem Gefängnis des Körpers, obwohl viele glauben, dass
wir einen feinstofflichen — pflegeleichten — Astralleib zurückbe-
halten.

 

Die meisten Spiritualisten bestreiten allerdings, dass wir es mit
dem Tod schon »geschafft« haben, uns durch ihn automatisch mit
Gott vereinigen. Nach dem Tod »geht's erst richtig los« mit der
geistigen Entwicklung. Der Spiritist Ford beschreibt z. B. Regio-
nen der Illusion, der Farbe, der Flamme und des Lichts, durch die
sich die Seele in der himmlischen Hierarchie »hocharbeitet«.

 

Der Favorit der Esoterik ist aber die Reinkarnationslehre, nach

der wir unsere Entwicklungsaufgaben auf der Erde zu erledigen
haben. Die Seele muss
immer wieder »runter«, in die Erdenschule,
sie wandert in vielen Leben von Körper zu Körper, bis sie endlich
erleuchtet ist und sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten end-
gültig ins Nirvana absetzen kann.

 

Wenngleich man auch schon zu Lebzeiten Erleuchtung erlangen
mag, der
»letzte Absprung« ist erst mit dem Sterben (oder da-
nach) möglich. Nach dem Tibetanischen Totenbuch muss man zu
diesem Zweck beim Erleben des Todes das klare Licht sehen und
sich damit identifizieren. Verpaßt der »Tote« diese Chance, so
kann er während des Leben-Tod-Zwischenzustandes (Bardo ge-
nannt) wenigstens noch erreichen, im nächsten Leben als ein
Buddha oder zumindest doch auf einer höheren Stufe wiedergebo-
ren zu werden. Manche sehen allerdings die Stufe der Wiederge-
burt rein kausal vom Karma bestimmt; d. h., wenn wir in unserem
abgelaufenen Leben mehr gute Taten vollbracht haben, können
wir aufsteigen, anderenfalls geht es abwärts.

 

Die modernen Esoteriker interpretieren das Karma aber »freund-
licher«: »Karma ist nicht eine starre, unerbittlich ablaufende und
daher exakt berechenbare >Wirkungskette<, sondern die lebendige,
flexible und daher immer unberechenbar bleibende Verknüpfung
von Saat und Ernte« (Hans Endres). Hier wählt ein zielgerichtetes
Karma, das uns auch eine Mitbestimmung einräumt, eine sinnvolle
Lebenskonstellation, die uns die notwendigen Reifungsaufgaben an-
bietet, durch die wir ganz und heil werden können, indem wir z. B.
(Jahrhunderte) alte Konflikte endgültig bereinigen und abschließen.
Diese seelische Verfeinerung und Vergeistigung braucht viele Le-
ben — »Du lebst nicht nur zweimal«.

 

Mit der Vorstellung immer neuer Wiederverkörperungen wird
die Todesbedrohung natürlich entschärft. Allerdings gilt das ei-
gentlich nur, wenn man sein persönliches Ich, mit dem man sich
identifiziert, nicht an der Himmelspforte abgeben muss, sondern
ins Jenseits (und dann in ein neues Diesseits) mitnehmen darf.
Aber hier herrscht Unklarheit: Zum einen heißt es, nur das höhe-
re, trans-personale Selbst überlebe den körperlichen Tod; ande-
rerseits aber macht eine Reinkarnations-Lebensschule doch nur
Sinn, wenn eine individuelle Identität erhalten bleibt.

 

Wenn sich die Todesangst durch Hoffnung auf ein »Danach«
auch mildern lässt, es bleibt die Angst vorm Sterben, vorm Über-
gang in den Tod. Und so kamen die schönen Sterbeschilderungen
von klinisch toten, dann aber wiederbelebten Menschen gerade
recht; da wird vom Verlassen des Leibes berichtet, vom Durchflie-
gen eines Tunnels, bis einem ein Licht bzw. ein Lichtwesen
begegnet - für die meisten eine beglückende Erfahrung, so dass
sie nur ungerne und gezwungenermaßen in ihren Körper zurück-
kehrten.

 

Literatur: modifiziert aus Ben-A. Bohnke:

„Die schöne Illusion der Wassermänner“


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23.08.16  Evolution und Evolutionstheorien (2)

 

 

Abgesehen von reinen Konsumzielen gibt es gegenwärtig vor allem zwei Ansätze einer universalen Evolutionstheorie: spirituelle Evolution oder technische Evolution (jeweils in verschiedenen Varianten). Nach dem spirituellen Modell besitzt der Mensch eine feststehende Bestimmung. Das Ziel seiner Evolution ist in ihm verborgen, quasi "ein-gewickelt". Es muß nur noch "aus-gewickelt", also "ent-wickelt" werden. Oder das zukünftige Ziel zieht den Men­schen zu sich hin; diese Bestimmung der Gegenwart durch die Zukunft nennt man Teleologie.


Aber wer hätte dieses Evolutionsziel im Menschen angelegt? Die Natur? Manche Forscher vermuten, dass im Erbgut, in der DNS, die zukünftige Entwicklung festgelegt oder zumindest Entwicklungspotentiale angelegt sind. Denn nur ca. 20% der DNS sind beim Menschen bisher aktiv und werden "abgelesen". Der Wissenschaftsjournalist Joachim Bublath: "Wofür der Großteil der DNS - die übrigen 80% - gut ist, weiß man bis heute noch nicht genau. Er könnte als 'Erblast' der Evolution bezeichnet werden, die der Mensch während seines Weges zum höchstent­wickelten Säuger nicht abgelegt hat. Zudem ist dieser Teil der DNS ein Potential für die Zukunft, auf das während der immer weiterlaufenden Evolution zurückgegriffen werden kann."


Eine Begründung durch die Natur ist aber für die meisten Vertreter einer spirituellen Evolutionstheorie - die Spiri­tualisten - nicht akzeptabel. Es sei denn, man unterscheidet nach alter philosophischer Tradition zwischen 1. natura naturans = schaffende Natur = Gott und 2. natura naturata = geschaffene Natur = Welt, wobei die Evolution dann durch die höhere, schöpferische Natur begründet wird. Denn in jedem Fall versteht man - nach der Lehre der Esoterik - die Bestim­mung des Menschen als geistig, von Gott bzw. einem unpersön­lichen göttlichen Prinzip vorgegeben.


Dieser spirituellen Evolution steht eine technische gegen­über, die ich in den Rahmen der Aufklärung bzw. einer Neo-Aufklärung stellen möchte. Danach ist der Mensch frei, die Ziele seiner Entwicklung selbst zu bestimmen und technolo­gisch zu verwirklichen. Es gibt keine festgelegte (Vor-)Bestimmung des Menschen, die Evolution ist "Ende offen". Allerdings können wir uns - jedenfalls zunächst - nicht voll­kommen von der (inneren) Natur lösen; so besteht die Gefahr, dass destruktive Naturprinzipien, wie Kampf und Egoismus, in unsere Zukunftsentwürfe miteinfließen. Und auch wenn wir diese biologische Programmierung überwinden, vielleicht erweist sich anderes, ebenfalls problematisches Verhalten wie Konkurrenz und Dominanz als für jede Evolution unverzichtbar. Insofern sind der Freiheit des Menschen, sich neu zu entwer­fen und neu zu "erschaffen", wohl doch Grenzen gesetzt.


Im konkreten zeigen sich durchaus Überschneidungen zwischen dem spirituellen und dem technischen Modell. So zielen beide auf mehr Bewusstheit und ethische Reifung. Aber die Esoteriker sehen dies primär als Begleiteffekt der Erleuchtung, verstan­den als (Wieder-)Findung des Göttlichen in sich und Vereini­gung mit ihm. Dabei soll der Mensch seine individuelle Per­sönlichkeit transzendieren (trans-personal), ebenso Gefühl wie Verstand und letztlich auch den Körper - um ganz vergei­stigt bzw. geistig zu werden. (Genauer erkläre ich das in meinem Buch "Esoterik - Die Welt des Geheimen".)


Nach dem Evolutionsmodell der Neo- oder Techno-Aufklärung dagegen soll die ganze menschliche Persönlichkeit mit Gefühl, Verstand und Körper erhalten bleiben, aber entwickelt und verbessert werden, unter Zuhilfenahme technischer Mittel. Es geht mir aber, das sei betont, nicht um die Züchtung eines "gefühllosen" reinen Verstandesmenschen, eines Homo rationa­lis, vielleicht nach dem Vorbild des Mr. Spock vom Raumschiff Enterprise (der übrigens schon mal Gefühle zeigt).


Wenn man den Zielpunkt menschlicher Evolution nicht als göttlich vorbestimmt, sondern als frei wählbar ansieht, stellt sich die Frage nach seiner Rechtfertigung. Warum soll der Mensch eigentlich bewusster und intelligenter werden? Warum friedlicher bzw. moralischer? Oder warum soll er weni­ger unter Krankheiten leiden? Bezüglich des Ziels Friedens­bereitschaft könnte man immerhin antworten, weil die Mensch­heit nur so überleben kann. Aber warum soll der Mensch über­haupt weiterexistieren?


Bei dieser Sicht von Evolution bleiben die Ziele also Ent­scheidungen und Wertsetzungen, die sich einer Letztbegründung verschließen. Es kann - gleichberechtigt - ganz unterschied­liche Zielvorstellungen geben. Das entspricht genau dem post­modernen Pluralismus, dem Prinzip "anything goes". Aber die­ses "Beliebigkeitsdenken" fördert offensichtlich Zynismus und Amoralität. Können und sollen wir wirklich die Idee ganz auf­geben, dass es grundsätzlich nur eine richtige Entwicklungs­richtung gibt? Konrad Lorenz sagte, wir seien das Bindeglied zwischen dem Affen und dem zukünftigen, wahrhaften Menschen. Und die meisten großen Denker glaub(t)en an ein allgemeingül­tiges Wesen bzw. Ziel des Menschen. Ohne in ein biologisches Evoluti­onsdenken zurückzufallen und ohne einer allzu platten Esote­rik zu frönen: vielleicht müssen wir doch eine Welt absoluter Ideen und universaler Werte annehmen, gemäß der Frieden eben prinzipiell wertvoller ist als Krieg. Eine solche Ideal-Welt mag uns eine Grundorientierung für unsere Evolutionsplanung vorgeben, ohne sie im Einzelnen festzulegen.


Wenn sich bezüglich der evolutionären Zielsetzung auch Annäherungen zwischen der Evolutionstheorie der Esoterik und einer Neo-Aufklärung zeigen, bei der Definition des Wegs zum Ziel gibt es klare Unterschiede. Der Esoteriker vertraut im wesentlichen auf traditionelle Methoden der Bewusstseinsverän­derung wie Meditation und Mystik oder Askese und Fasten. Das Aufklärungsmodell besagt dagegen, dass diese spirituellen Methoden - wie auch andere kulturelle Ansätze - weitgehend gescheitert sind. Der Mensch hat die Evolution doch schon seit langem kulturell beeinflusst und mitgestaltet, aber ist damit in vielfacher Hinsicht gescheitert. Nur durch eine Technik-Wende, durch eine mutige technische Neugestaltung der Umwelt und des Menschen, werden wir die heutige Krise meistern und unsere evolutionären Ziele erreichen können.


Literatur: modifiziert aus Ben-A. Bohnke: Abschied von der Natur

 

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19.08.16  Evolution und Evolutionstheorien (1)

 

Was uns hier vor allem interessiert, ist die Evolution des Menschen, seine Entwicklung von der Natur zur Technik bzw. vom Naturwesen zum Technikwesen. Über lange Zeiten war die Evolution ausschließlich eine Sache der Natur, insbeson­dere der lebenden Natur. Es entstanden - gesteuert durch Mutation und Auslese - immer komplexer strukturierte und intelligentere Lebewesen, bis hin zum Menschen.


Diese Verhältnisse werden von der biologischen Evolutions­theorie beschrieben. Grundsätzlich sind deren Aussagen bestä­tigt: Die unterschiedlichen Lebewesen sind nicht durch einen einmaligen Schöpfungsakt erschaffen worden, sondern haben sich in Jahrmillionen auseinander entwickelt. Im Einzelnen gibt es bei der Evolutionstheorie nach Darwin - dem Darwinis­mus - aber ungelöste Probleme. So bewegen sich seine Erklä­rungen oft im Kreise. Der berühmte englische Philosoph Karl Popper kritisierte, die Tautologie des Darwinismus bestehe darin, dass behauptet werde, der Tüchtige überlebe, um dann festzustellen, dass der Überlebende tüchtig sei.


Ein verwandtes Problem ist, dass man leicht der Natur insge­samt bzw. den Tieren Absichten und Zielbewusstsein unter­stellt. Zum Beispiel wird argumentiert: Ein Männchen ver­treibt seine Konkurrenten, um sich mit möglichst vielen Weib­chen zu paaren und seine Gene optimal zu verbreiten. Streng genommen dürfte man evolutionstheoretisch doch nur argumentieren: Männchen, die ihre Konkurrenten aggressiv ver­treiben, haben mehr Nachkommen. Daher wird dieses Verhalten bzw. werden die dafür zuständigen Gene mehr verbreitet.


Vor allem ist der Evolutionstheorie jedoch anzukreiden, dass sie die Bio-Evolution als eine sehr leistungsfähige Entwick­lungsstrategie darstellt, die - auf Dauer - fast immer zu optimierten Anpassungen führt - denn nicht optimal an ihre Umwelt angepasste Arten stürben eben wieder aus. Das ist aber nicht zutreffend. Offensichtlich überleben Arten auch dauer­haft, die schwere evolutionäre "Konstruktionsfehler" aufwei­sen. So werden Schildkröten und manche Käfer zwar durch ihren Panzer gut geschützt. Doch wenn sie etwa bei einem Kampf auf dem Rücken landen, können sie sich aus eigener Kraft nicht mehr umdrehen und müssen verhungern - ein lebensbedrohlicher Evolutions-"Schnitzer". Außerdem "arbeitet" die Evolution normalerweise sehr langsam. Ob sie völlig ungerichtet ver­läuft, nur nach Versuch und Irrtum, ist heute umstritten, aber als Motor der Entwicklung gilt nach wie vor die Mutation (nach dem Zufallsprinzip).


Das Hauptproblem der biologischen Evolution ist dennoch nicht ihre begrenzte Leistungsfähigkeit, sondern dass sie nicht zu unseren ethischen Grundüberzeugungen passt: Sie basiert auf dem Kampf gegeneinander (zwischen Arten und Indi­viduen). Sie fördert und verstärkt den (Gen-)Egoismus. Sie verschwendet massenhaft Leben, denn auf jede überlebende Art kommen Hunderte andere, die wegen mangelhafter "Konstruktion" wieder ausstarben. Insgesamt fußt die Bio-Evolution auf dem Tod bzw. auf dem Töten - und steht damit im krassen Wider­spruch zu einer lebensbejahenden Wertorientierung.


Darum kann man es nur begrüßen, dass der Mensch die Evolu­tion - seiner selbst und der Umwelt - schon seit langem mehr und mehr in die eigenen Hände genommen hat. Die Ergebnisse sind allerdings bis heute noch großteils unbefriedigend. Und so fragt sich, wie es mit der Entwicklung des Menschen weitergehen soll.

 

Literatur: modifiziert aus Ben-A. Bohnke: Abschied von der Natur


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16.08.16  Ärger und Stress (2)

 

Im Folgenden soll die Stress-Reaktion genauer erläutert werden.

Als Beispiel wähle ich eine psychische Stress-Situation, die Ärger auslöst (aber entscheidend ist wie gesagt der körperliche Prozess): Der Chef kritisiert seit langem ungerechterweise Ihre Leistungen. Sie sind verärgert, haben den Ärger bisher aber geschluckt.


Die Stress-Reaktion läuft in 3 Phasen ab.

 

l.  Alarm (mit Schock und Gegenschock)

2. Widerstand,

3. Entspannung oder Erschöp­fung.

 

   1. Alarm:

-          Psychisch: Sie erblicken den Stressor, den grimmigen Chef - es gibt es Alarm. Und zwar erfolgt zunächst ein Schock ("bloß nicht der schon wieder!") und dann ein Gegenschock ("soll er bloß kommen!"). Im Gegenschock steigt der Ärger hoch, Sie bereiten sich auf eine Auseinandersetzung vor.

-          Körperlich: Hier klingelt entsprechend der Alarm: Schock bedeutet kurzes (parasympathisches) Absinken von Puls, Blutdruck usw., der Körper holt gewissermaßen Luft. Dann, im Gegenschock, beginnen (durch Aktivierung des Sympathikus) Puls, Blutdruck usw. zu steigen.


  2. Widerstand:

-          Psychisch: Jetzt wird diese Aktivität voll durchgezo­gen: Als der Chef zu schimpfen beginnt, wehren Sie sich. Sie sagen z.B. dem Chef endlich mal die Meinung.

-          Körperlich: Der Organismus wird durch den Sympathikus hochgepuscht: der Puls geht schnell, vielleicht rast das Herz, der Blutdruck steigt an.

      Diese Phase hält so lange an, bis das Problem bewältigt ist oder man keine Kraft mehr  hat.


   3a. Entspannung:

         Es gibt  vereinfacht zwei mögliche Enden für die Situation. ein Happy-End oder ein  Scheitern. Beim Happy End gelingt es,  durch den Widerstandstand das Problem zu lösen, sich gegen den Chef zu  behaupten. Idealerweise gibt der Chef zu, dass Ihre  Leistungen eigentlich doch o.k. sind. (Eine Alternative ist noch, dass Sie sich an die Situation gewöhnen.)

-          Psychisch: Man gerät danach in einen Entspannungszustand  ("das wäre geschafft!"), Ärger und Aufregung verschwinden, man fühlt sich befreit.

-          Körperlich:  der Parasympathikus übernimmt die Herrschaft, der für Ruhe und Erholung zuständig ist. Der Herzschlag wird wieder langsamer, der Blutdruck sinkt, der Atem beruhigt sich. (Optimal ist dies dennoch nicht, denn eigentlich bereitet sich der Körper auf eine körperliche Aktivität vor, und auch durch ein lautes Gespräch wird die bereitgestellte Energie nicht vollkommen abgeführt. Aber es ist trotzdem nicht empfehlenswert, den Chef zu verprügeln)


    3b. Erschöpfung

          Das ist die  negative Variante: Der Stressor kann nicht beseitigt werden. Sie können sich nicht gegen den Chef durchsetzen. Der Chef schimpft weiter oder nervt jeden Tag von neuem. Und Sie erregen und ärgern sich jeden Tag aufs neue: Dauerstress bzw. Dauerärger.

-          Psychisch: Dann landen Sie schließlich in der Erschöpfung („ich kann nicht mehr!"). Chronische Verbitterung ist die Folge, im Job „innere Kündigung“.

-          Körperlich: Das ist zwar auch ein (extrem) parasympathischer Zustand, nur, Sie erholen sich nicht wirklich. Das Problem ist ja nicht gelöst, der Alarm klingelt immer weiter. So leistet man - wenn man nur etwas neue Kraft geschafft hat - wieder "aktiven" Widerstand", stürzt dann in eine noch tiefere Ermattung und so fort: ein negative Spirale, die zu seelischer wie körperlicher Krankheit führen kann.


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08.08.16  Ärger und Stress (1)


Was haben Ärger, Wut und Zorn mit Stress zutun?

 Stress. Stress - jeder kennt ihn, jeder schimpft auf ihn, und doch wis­sen nur die wenigsten, worum es dabei wirklich geht.

Vereinfacht und vorab gesagt: Stress ist ein besonders starker Reiz (bzw. die Reaktion des Körpers darauf).

   Wichtig ist, dass der Körper ziemlich einheitlich auf seelische Reize bzw. Erregungen reagiert, seien es zornige, ängstliche oder freudvolle: der Sympathikus-Nerv schaltet auf "action".

 

Seelischer Reiz   -->    seelische Erregung   -->  körperliche Erregung

 

   Aber der Körper gibt nicht nur auf unterschiedliche seelische Reize bzw. Erregun­gen eine gleichartige Antwort; sondern auch auf die verschiedensten körperlichen   Reize, also z. B.: Infektionen, Verletzungen, Verbrennungen, Kälte, Strahleneinwirkung, Operation, Autounfall u. v. m. Es gibt eine unspezifische Reaktion auf starke Reize, die grundsätzlich abläuft, neben spezifischen Reaktionen wie z. B. Immunreaktionen bei Infektion, Wundheilung bei Verletzung usw. (diese Reaktion wird unten genauer beschrieben.


Der Begründer der Stresstheorie, der kanadische Arzt Hans Selye, nannte diese einheitliche Reaktion des Organismus "Stress". Der – starke -  Reiz, der den Stress auslöst, wird „Stressor“ genannt.

   Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich allerdings eingebürgert, dass man mit dem Wort "Stress" in erster Linie die  schädlichen Reize oder Belastungen bezeichnet und weniger die Körperantwort. Stress gilt als der Bösewicht, der uns nervt, ängstigt, erzürnt, sei es Terminhetze, zuviel Arbeit, "Beziehungsstress" oder sogar Langeweile.


Richtig ist. Beim Stress handelt es sich um besonders starke und normalerweise negative Reize. Oder um  zwar gemäßigte, aber häufige bzw. dauernde Belastungs-Reize. Es sind Reize, die das psychische und/oder körperliche Gleichgewicht bedrohen. Insofern erfordern Stress-Reize von uns eine Bewältigungsreaktion.  Stress muss sich aber nicht negativ auswirken.  Diese Herausforderung durch den Stress kann sich aber auch positiv auswirken. Man kann nach einer Krankheit gestärkt sein.

 

So kann man unterscheiden.

-          Stress ist ganz allgemein ein starker Reiz (bzw. die Körperreaktion darauf).

-          Distress ist eine überstarker, schädlicher Reiz.

-          Eustress ist ein gesunder Reiz, eine nützliche Herausforderung.

 

Ärger als psychische Erregung gehört nicht  im eigentlichen Sinn zur Stress-Reaktion, denn die ist wie gesagt ein körperlicher Prozess (ob wir dabei innerlich Aufregung erleben, ist für den eigentlichen Stress-Prozess nicht entscheidend). Es ist aber möglich, dass uns z. B. eine Kränkung so stark ärgert, dass dadurch psychosomatisch eine Stress-Reaktion ausgelöst wird, weil nämlich über unser psychisches Gleichgewicht auch das körperliche Gleichgewicht bedroht wird.


Dabei kann  der Ärger völlig  übertrieben sein und sich verselbstständigen. Manch einer ärgert sich wie wahnsinnig über die Fliege an der Wand, so dass dadurch eine Stress-Reaktion ausgelöst wird. Hier liegt natürlich keine echte Bedrohung vor,  nicht die Fliege ist „schuld“, sondern die hohe Ärgerbereitschaft, der überschießende Ärger wird hier selbst zum Stress-Faktor: Ärger-Stress. Ähnlich ist es bei der Angstneurose, enn Menschen durch ganz harmlose Reize (z. B. eine Warteschlange an der Kasse) in Panik geraten.

   Der Stress-Begriff wird wie gesagt sehr unterschiedlich definiert. Ich will ihn hier als Zusammenfassung von Stress-Reiz (Stressor) und Stress-Reaktion verstehen.

 

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01.08.16  Annehmen und Spiritualität (3)

 

Generell ist die Forderung nach totalem Annehmen sehr problematisch, es kann leicht zu Störungen im Sinne eines Annehmer-Verhaltens führen.

  Es drohen vor allem zwei Fehlhaltungen, wie wir sie von dem Annehmer und seinen verschiedenen Untertypen her kennen.

-  Das Annehmen führt zu einer unerwünschten Schwächung des Ich.

-  Das Annehmen bedeutet eine neue paradoxe Abwehr.

 

 SPIRITUELLES  ANNEHMEN  ALS ICH-SCHWÄCHE

·       Untergang des Ich

Das völlige Aufgeben der Ich-Grenzen kann einen Untergang des Ich bewirken - und der wird häufig sogar gefordert. Der Ich-Tod führt aber normalerweise nicht zur Geistesruhe, sondern zur Geistesverwirrung, ja Psychose, die eben durch Ich-Auflösung bestimmt ist. Zwar sollten wir auch keine zu starren Ich-Grenzen haben, und in bestimmten Situationen - z. B. bei Meditation oder sexueller Vereinigung - ist es bereichernd, sein Ich loszulassen. Aber letztlich müssen wir unsere Individualität ertragen.

·       Infantile Haltung

Das totale Annehmen kann zu einer infantilen, regressi­ven Haltung führen - zu einer Flucht in den "kosmischen Müt­terleib", als Wiederbelebung der Mutter-Kind-Symbiose aus der vorgeburtlichen Lebenszeit. In angenehmer Tönung: Man bettet sich in das Universum ein - ein Bett im Kuschel-Kos­mos. In negativer Färbung: Man nimmt alle Ärgernisse erge­ben als gerechte Bestrafung für die eigene Schlechtigkeit an, z. B. als Ausdruck des Karma-Ausgleichs für Untaten in frühe­ren Leben.

·       Alltagsunfähigkeit

Die "Ich-Losigkeit" kann unfähig machen, im praktischen Leben zu funktionieren. Zorn kann auch ein wichtiger Antrieb sein, Sachen zum Besseren zu wenden. Mut durch Wut: "Fahr' hin, lammherzige Gelassenheit!" (Schiller). Alles hinzunehmen, jede Ungerechtigkeit, auch an­deren gegenüber, ist indirekt gerade eine egozentrische, ja un­soziale, unpolitische Haltung. Ohne jede Aggressivität sind wir zahm, zahnlos, harmlos. Es droht der Fatalismus.

 

 

SPIRITUELLES ANNEHMEN ALS NEUE ABWEHR

·         Verdrängung

Annehmen kann bedeuten: seine innersten Wünsche und Gefühle, den Kern seiner Persönlichkeit, sein Selbst zu verdrängen. Kant preist die Gleichmütig­keit als "das Selbstgefühl der gesunden Seele". Aber La Rochefoucauld schreibt skeptisch: "Der Gleichmut der Wei­sen ist nichts als die Kunst, seine Erregung im Herzen zu ver­schließen." So wäre völlige Gelassenheit, wenn sie denn überhaupt erreicht wird - als seelische Abschottung - gerade etwas Unreifes, sogar Krankes. Das Annehmen führte dann letztlich zum Aufgeben, zur Selbstaufgabe und Apathie.

·         Liebesunfähigkeit

Zwar heißt es manchmal, mit der absoluten Seelenruhe sei eine Heiterkeit und allumfassenden Liebe verbunden. Aber kann ein solcher "gleichmütiger" Mensch noch wirklich lieben? Kann nicht nur der lieben, der auch zornig sein kann, der generell seine Wünsche und Gefühle noch nicht "transzendiert" hat? Muss man nicht auch nein sagen können, um aus vollem Herzen ja zu sagen?

·         Versteckte  Abwehr

Das übersteigerte Annehmen ist paradoxerweise eine Form des Abwehrens. Wir wollen uns nicht negativen Gefühlen wie Angst und Wut stellen und vermeiden sie, indem wir allem zustimmen. Wir haben nicht den Mut und die Kraft, unsere Wünsche zu erfüllen. Und da wir den Widerspruch zwischen unseren Wünschen und der Realität nicht ertragen, opfern wir unsere Wünsche. Machen gute Miene zum bösen Spiel. Natürlich muss man in gewissen Grenzen sein Wollen an der Welt orientieren. Aber seine Ziele ganz aufzugeben, ist weniger Ausdruck einer starken, als einer schwachen Persönlichkeit.

 

Vielleicht ist es überhaupt problematisch, Spiritualität auf Akzeptieren festzulegen.  Es gibt jedenfalls auch eine Reife des Protests, wie Camus sie in "Der Mensch in der Revolte" beschrieb. Ein Auflehnen ge­gen die Ungerechtigkeit und Absurdität der Welt, Protest als Ausdruck unserer Menschlichkeit. Sogar der sinnlose Protest kann seine Würde haben, das vergebliche Nein-Sagen - ein­fach, um zu demonstrieren, dass wir nicht zustimmen, sondern an etwas anderem, Positivem festhalten. Und sei es auch ein Traum.

    So gesehen bietet es sich an, das wahre spirituelle Akzeptieren  als ein höheres, ganzheitliches Akzeptieren aufzufassen, als ein Bejahen, das aber auch Ja zum Nein sagt, also auch das  Nein, auch den gerechtfertigten Protest integriert. Wenn man alles akzeptiert, muss man eben auch sein Wut und sein Wehren akzeptieren. Das Thema werden wir zum Schluss noch einmal aufgreifen.


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28.07.16  Annehmen und Spiritualität (2)

 

Zum Annehmen gehört Verzeihen:  anderen, aber auch sich selbst  verzeihen. Vor allem der Ablehner tut sich schwer mit dem Verzeihen, er will und kann seine Vorwürfe, seine Gekränktheit nicht loslassen. Eine spirituelle Haltung kann helfen, auch Sachen zu verzeihen, die eigentlich unverzeihlich sind. Das ist eine große Entlastung. Denn nicht verzeihen können, nachtragend zu sein, bedeutet dauernden Ärger. Und wenn man jemandem ewig etwas nachträgt, so ist das ganz wörtlich zu verstehen: Man muss ihm etwas hinterhertragen - wie ärgerlich!

 

    Aber die (innere) Versöhnung - gerade auch mit den Eltern - braucht oft Zeit; mancher muss erst erkennen, dass sein Verzeihen nur Schein war. Das gilt gerade für den Annehmer, der die Austragung eines Konfliktes scheut, der Angst vor Liebesentzug hat. Es gibt eine  falsche Versöhnung, man versöhnt und verträgt sich oberflächlich, aber im Innersten bleibt der Zorn, wenn auch häufig unbewusst.

 

   Vor allem die Therapeutin Alice Miller hat davor gewarnt, dass man sich zu einer vorschnellen Versöhnung zwingt oder vom Therapeuten dazu gedrängt wird, denn manche Therapien, wie  die Familienaufstellung nach Bernd Hellinger forcieren das Versöhnen. Es ist völlig normal, sich über manche Kränkungen intensiv und lange zu erregen. Daher muss dem Verzei­hen im Allgemeinen eine Phase des Erlebens und der Verarbei­tung von Wut, eine "Wut-Arbeit" (vergleichbar der Trauer-Ar­beit) vorausgehen. Und man kann auch wieder aus dem Verzeihen herausfallen. So müssen wir immer wieder von neuem verzeihen, denn: Glaubt nicht, dass bei dem größten Glücke ein Wüterich jemals glücklich ist. (Christian Fürchtegott Gellert)

 

   Das spirituelle Annehmen kann also die Versöhnungs-Arbeit nicht ersetzen. Aber es kann helfen, schließlich den Sprung ins Verzeihen zu wagen. Und  spirituelles Annehmen kann generell sehr hilfreich sein für die Überwindung von Wut wie auch von Angst. Es  vermag einem ein Geborgenheitsgefühl in der Welt geben, ein Einverstandensein.

 

   Doch Spiritualität ist nicht allen Menschen zugänglich. D. h. nicht, dass diese Menschen unreif wären. Spiritualität beinhaltet immer ein spekulatives Moment, das für sehr realistische Menschen unbefriedigend ist. Zwar gibt es allmögliche Übungen und Methoden, um ein spiritueller Mensch zu werden. Aber anders als bestimmte Verhaltensweisen lässt Spiritualität sich nicht einfach einüben. Es ist letztlich etwas, das einem geschenkt wird. Dies macht schon deutlich, dass die Forderung „Lebe spirituell“ sehr problematisch ist.

 

  Nun wurde und wird aber von vielen Seiten ein totales Annehmen gefordert: Gerade heute hören wir  vor allem von esoterischen Richtungen: „Nimm alles an! Wehre dich nicht! Lass deinen Zorn los! Sei für alles dankbar!“

   Dabei bezieht man sich insbesondere auf den Buddhismus: Ärger gilt danach als - unreife - Ich-Verhaftung. Der "Ego-Mensch" unterteilt die Welt in Dinge, die er mag, und solche, die er nicht mag. Über die ärgert er sich, die bekämpft er. Nach buddhistischer Lehre ist das Ich aber nur eine Illusion. Unser wirkliches Selbst ist transpersonal, d. h. überschreitet die Persönlichkeit, ist letztlich universal. In Wirklichkeit gibt es gar keine Grenze zwischen den Menschen und den Dingen, sondern: Alles ist eins. Wenn wir das verstanden bzw. erfahren haben, geben wir unsere Ich-Abgrenzung auf. Wir bewerten die Dinge dann nicht mehr, sondern nehmen alles (als) "gleich-gültig" an, tauchen ein in die All-Einheit des Seins.
        

   Dieses unbedingte Annehmen, die absolute Hingabe an das Sein ist eine zwar faszinierende, aber extreme Lebens-Einstellung. Man kann darüber streiten, ob sie überhaupt möglich und sinnvoll ist. Sie mag vielleicht für einen Mönch oder Einsiedler in der Praxis zu leben sein, aber für einen normalsterblichen Menschen ist ein solches vollständiges Annehmen weder möglich noch wünschenswert. Sicher gibt es hier auch Unterschiede  der Art, dass manchem sehr gläubigen Menschen eine tiefe Hingabe möglich ist, anderen dagegen nicht.


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24.07.16  Annehmen und Spiritualität (1)

 

Anders als Gefühle, Wünsche und Gedanken gehört Spiritualität nicht unbedingt zum Seelenleben des Menschen. Spiritualität ist vielmehr eine Haltung, die sich normalerweise erst aus einer Persönlichkeitsreifung ergibt. Allerdings gibt es auch missglückte spirituelle Entwicklungen, die zu Angst oder Zorn führen und die zu überwinden sind.

 

   Bei all den vielen unterschiedlichen Formen von Spiritualität kann man  konstatieren: Sie beinhalten eine Art von Akzeptieren oder An­nehmen, das unser Fühlen, Denken und Verhalten betrifft.

  

   Es bedeutet: damit einverstanden sein, dass die Dinge so sind, wie sie nun einmal sind. Weniger bewerten, vor allem etwas Unbe­kanntes, Ungewohntes oder Unangenehmes nicht gleich ab­werten; sondern uns mehr auf die Erfahrung einlassen – vielleicht führt sie uns ja zu positiven neuen Erlebnissen und Entwicklungen. Dieses Annehmen kann auch sehr hilfreich sein, um Ärger und Angst zu überwinden. Man mag sogar so weit gehen zu behaupten, dass nur durch eine Akzeptanz des Lebens letztlich eine Zufriedenheit erreicht wird.

 

   Ein Annehmen kann zwar auch pragmatisch-rational begründet sein, dass man es einfach vernünftig findet, nicht zu kämpfen, weil die Erfolgschancen zu schlecht sind. Weil ich einsehe, dass ich  - jedenfalls im Moment – nichts gegen ein Problem unternehmen kann oder weil der Aufwand für ein Wehren zu groß wäre.

 

   Häufiger ist das Akzeptieren aber Ausdruck von Spiritualität oder Religiosität. Der Gläubige überantwortet sich seinem Gott, baut darauf, dass das Ärgernis in irgendeiner Weise Gottes Wille und damit gut sei, auch wenn ihm die Wege des Herrn unbegreiflich scheinen: „Dein Wille geschehe.“  Andere fühlen sich als Teil einer kosmischen Ganzheit, in der nichts ohne (hö­heren) Sinn geschieht. Man mag sich aber auch nur - existen­tialistisch - der "zärtlichen Gleichgültigkeit der Wett" hingeben, wie es der Philosoph Albert Camus formuliert hat. Berühmt aus der Geschichte ist auch die "stoische Ruhe", der Stoizismus eines Seneca und Marc Aurel, die Forderung nach völliger Gemütsruhe allen Widrigkeiten des Lebens gegenüber.

 

   Dieses spirituelle Annehmen  darf nicht mit der Haltung des sogenannten Annehmers verwechselt werden. Der Annehmer akzeptiert, weil er Angst vor Konflikten hat, weil er sich Harmonie und Anerkennung wünscht, oder auch nur aus Resignation, was eher ein Hinnehmen als ein Annehmen bedeutet. Der spirituelle Mensch nimmt dagegen die Welt  an auf Grund einer Verbundenheit mit dem Sein, weil er sich eins mit dem Leben fühlt.

 

   Insofern kann es auch für den Annehmer  wichtig sein, richtig akzeptieren zu lernen. Das klingt zunächst paradox und ist nicht ganz leicht zu verstehen. Oberflächlich gesehen sagt der Annehmer zu allem ja und amen. Aber tiefer betrachtet, bedeutet auch die Angst und die Anpassung des Annehmers ein Abwehren  – vor allem eben  ein Wegdrängen von Zorn. Der Annehmer ist also keineswegs automatisch ein spiritueller Mensch.

 

   Vor allem ist aber  der sogenannte Ablehner angesprochen, ein Charaktertyp, der eben ständig ablehnt, er muss akzeptieren lernen. Es geht um den (alten) Kämpfer, der überall einen Gegner oder Angriff wittert. Im Extrem geht es um den Mi­chael-Kohlhaas-Typ, der sich als Querulant und Prozesshansel von einer Fehde in die nächste stürzt.

 

   „Es ist unmöglich, jemandem ein Ärgernis zu geben, wenn er es nicht nehmen will“, heißt es bei dem Kulturphilosophen Friedrich Schlegel. Und ähnlich bei dem Dichter Friedrich Rückert: „Ein Ärgernis ist nur, wo man es nimmt, gegeben; dir Vorgeworfnes brauchst du ja nicht aufzuheben.“

 

   Das ist zwar überpointiert, aber doch bedenkenswert. Man (und frau) kann nicht alles bekämpfen und schon gar nicht alles besie­gen. Vor allem ist es unsinnig, die Welt, das Leben oder das Schicksal als Ganzes anzugreifen, als ob es ein persönlicher Gegner wäre, der einem übel wolle. Dem Leben ist mein Pro­test völlig egal, er schadet nur mir selbst. Und man braucht gar nicht immer zu kämpfen. "Nicht mehr siegen, und das als Mann", heißt es in einem Song. Es bedeutet eine große Frei­heit, die Wutwaffe aus der Hand zu legen, sich nicht mehr mit allem anzulegen, die Mitmenschen und sich selbst so sein las­sen, wie sie eben sind. 


Literatur: modifiziert aus Ben-A. Bohnke - Die Kunst, sich richtig zu ärgern


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17.07.16  Psychologische Hintergründe der Täter-Theorie (3)

 

Schutz der Eltern: Abwehr des Kindheitsleids


Die Eltern spielen normalerweise die entscheidende Rolle dabei, wenn ihre Kinder unglücklich sind oder es später als Erwachsene werden. Gerade die Unglücklichkeit, die nicht von den gegenwär­tigen Lebensumständen erzeugt wird, sondern anscheinend aus der Person selbst erwächst, beruht zum großen Teil auf einer schäd­lichen, unterdrückenden Erziehung, die das Kind seinem wahren Wesen entfremdete.


Diese Verhältnisse werden aber individuell wie gesellschaftlich weitgehend verdrängt. Es herrscht (mehr unbewusst) bis heute die Doktrin, dass Eltern immer recht und Kinder immer unrecht haben. Die Kinder sind an allem schuld, die Eltern waschen ihre Hände in Unschuld. Und auch offensichtliches Fehlverhalten rechtfer­tigen Eltern mit der Formel "Wir wollen ja nur dein Bestes" - was auch stimmt, denn sie wollen den besten 'Teil ’ des Kin­des, sein wahres Selbst, ganz für sich haben. Das zum Mythos: 'Mutter ist die Beste ’, 'Vater ist der Beste ’.


Indem man daran glaubt, dass man sich selbst unglücklich macht und die Eltern somit in Schutz nimmt, lässt sich das ganze Kind­heitsleid abwehren: die vielen Enttäuschungen über die Eltern, die Angst vor ihnen, die Wut auf sie, welche man aber aus Furcht vor Strafe am wenigsten äußern durfte. Wir können auch hier - parallel zu den beiden ändern Punkten - festhalten: Der Mensch fühlt sich oft lieber selbst schuld an seinem Unglück­lichsein, als dass er sich den Erinnerungen an sein Kindheits­elend stellt.


Vor allem die Psychoanalytikerin Alice MILLER hat darauf auf­merksam gemacht, welche Macht das Tabu, die Eltern (und damit die eigenen Verdrängungen) um jeden Preis zu schützen, auch heute noch besitzt. Sie führt das u.a. auf das vierte Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren" zurück. Im Klappentext von MIL­LERS Buch "Du sollst nicht merken" wird ihr Ansatz gut zusam­mengefasst:


"'Du sollst nicht merken" ist ein nirgends ausgesprochenes, aber sehr früh verinnerlichtes Gebot, dessen Wirksamkeit im Un­bewussten des Einzelnen und der Gesellschaft Alice Miller zu be­schreiben versucht. Dieses Gebot spiegelt sich in der herkömm­lichen, in der abendländischen Kultur und Religion verankerten Tendenz der Erzieher, im Kind so früh wie möglich das Gefühl der eigenen Schuld und Schlechtigkeit zu wecken und damit sei­nen Blick und Sinn für das, was man ihm angetan hat, zu trüben. So kann die in unserer Gesellschaft voll legalisierte Opferung des Kindes verschleiert bleiben." (Klappentext von MILLER 1981)


Alice MILLER hat besonders herausgestellt, wie weit auch in Therapien an der 'Eltern-Schonung' festgehalten wird, dass man­che Therapien mehr die Fortsetzung einer unterdrückenden Erzie­hung bedeuten. Sie nennt dabei auch die Therapieansätze von HALEY, ERICKSON und SELVINI-PALAZZOLI, die eng mit WATZALWICKS Kommunikationstherapie verwandt sind. Aber man kann hier eben­falls PERLS anführen, den Begründer der (humanistischen) Ge­stalttherapie:


"Wie ihr wisst, haben die Eltern niemals recht. Sie sind entwe­der zu groß oder zu klein, zu klug oder zu dumm. Wenn sie streng sind, sollten sie nachgiebig sein, und so weiter. Aber wann findet man Eltern, die in Ordnung sind? Du kannst den El­tern immer die Schuld zuschieben, wenn Du das 'Du bist schuld'-Spielchen spielen willst, und die Eltern für deine ganzen Pro­bleme verantwortlich machen willst." (PERLS 1976, 5O)


PERLS missversteht anscheinend, dass es ja nicht darum geht, El­tern moralisch anzuklagen, sondern zum einen - ohne Wertung -die Ursachen von Unglücklichkeit aufzudecken. Vor allem aber, dass es für den Patienten in einer Therapie wichtig ist, seine verdrängten negativen Gefühle gegenüber den Eltern wiederzuerleben, sich von unberechtigten Schuldgefühlen zu befreien, ohne deswegen seine eigene Verantwortung aufzugeben.


WATZLAWICK hat zwar eine tiefenpsycholo­gische Erklärung für psychische Störungen nicht gänzlich abge­lehnt, auch bei ihm finden sich manchmal Hinweise auf die Rolle der Eltern bei der Entstehung solcher Störungen. Aber in jedem Fall hielt und hält er eine tiefenpsychologische Therapie - bei der das Verhalten der Eltern 'entlarvt' werden kann - für nutz­los bis schädlich. Was letztlich ebenso auf einen Schutz der Eltern hinausläuft.


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08.07.16 Psychologische Hintergründe der Täter-Theorie (2)

                             

Der Wille zum Sinn: Die Abwehr von Sinnlosigkeit


Wenn jeder seine Unglücklichkeit selbst erzeugt, und auch noch gezielt, dann ist die Welt des Unglücks schön geordnet. Es gibt kein Unglück, das ungerecht und absurd über einen hereinbricht, sondern wenn jemand von einem Leiden betroffen wird, dann hat er dieses ja selbst gewollt und geschaffen.


Mit einer solchen Einstellung lässt sich gut abwehren, dass Un­glück und Unglücklichsein oft ganz sinnlos sind. Sie können ei­nen ganz zufällig treffen, man hat einfach Unglück, Pech ge­habt. Das Schicksal richtet sich eben nicht nach menschlichen Denkkategorien, es schlägt ohne Sinn und Verstand zu.

Der Psychotherapeut Victor FRANKL hat vom "Willen zum Sinn" des Menschen gesprochen. Der Mensch ist für ihn ein sinnbedürftiges Wesen, immer "auf der Suche nach Sinn", das nur dann befriedi­gend oder überhaupt leben kann, wenn ihm sein Leben in irgend­einer Weise als sinnvoll erscheint.


Nach FRANKL besitzt aber auch jedes Unglück noch einen Sinn:

"Es gibt keine Lebenssituation, die wirklich sinnlos wäre. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die scheinbar negativen Seiten der menschlichen Existenz, insbesondere jene tragische Trias, zu der sich Leid, Schuld und Tod zusammenfügen, auch in etwas Positives, in eine Leistung gestaltet werden können, wenn ihnen nur mit der rechten Haltung und Einstellung begegnet wird." (FRANKL 1979, 159)


FRANKL behauptet allerdings nicht, dass Unglück(lichkeit) inso­fern sinnvoll wäre, als wir es/sie selbst geschaffen hätten. Sondern er sieht den Sinn von Leiden primär in der Chance, durch standhaftes Festhalten am Sinnprinzip die Wesensart des Menschen - als Sinn-Wesen - zu demonstrieren. In jedem Fall geht er von einer "bedingungslosen Sinnträchtigkeit" des Lebens aus, die auch jegliches Leiden umfasst.


Es muss FRANKL sicher zugestimmt werden, dass der Mensch nach Sinn verlangt, geradezu sinnsüchtig ist. Ebenso, dass er eine schwere Lebens- und Leidenssituation bestimmt leichter überste­hen kann, wenn er daran festhält, sie müsse einen, wenn auch vielleicht (noch) verborgenen, Sinn besitzen.


Daraus folgt aber noch nicht, jede Unglücklichkeit müsse ihren Sinn in sich tragen. Es soll hier keine allgemeine Diskussion geführt werden, inwieweit es überhaupt objektiven Sinn im Leben gibt. Aber viele Leidenszustände sind offensichtlich sinn­widrig, widersinnig, ungerecht und unbegreiflich.

Da stellt sich dann quälend die Frage nach dem Sinn, vor allem die Frage: 'Warum gerade ich?' Und wenn sich eben kein Sinn finden lässt, wird der Unglückliche häufig einen erfinden, er wird eine Sinndeutung seines Unglücks versuchen; diese ist und bleibt aber nur eine Rationalisierung. In seiner Verzweiflung greift der Mensch dabei auch recht unsinnige Deutungsangebote auf, wie dass das Leiden seine eigene, gewollte Schöp­fung sei.


Von besonderem Interesse sind hier auch religiöse Sinndeutun­gen. Dass diejenigen, denen es gut geht, Unglücklichkeit gerne als göttliche Bestrafung für Sünden ansehen, ist noch leicht einzusehen. Sie können sich selbst als von Gott Belohnte füh­len und brauchen kein übermäßiges Mitgefühl oder Hilfe für die Unglücklichen aufzubringen, da diese ja nur ihre gerechte Stra­fe erleiden.


Der schon zitierte KUSHNER schreibt hierzu:

"Es ist ehrlich verlockend, daran zu glauben, dass Leuten Böses widerfährt (vornehmlich anderen), weil Gott ein gerechter Rich­ter ist, der ihnen genau das zumisst, was sie verdienen. Indem wir daran glauben, können wir das Bild Gottes als eines All­mächtigen, All-Liebenden, Alles-Regierenden aufrecht erhalten." (KUSHNER 1983, 21)


Aber warum hilft der Glaube, das seelische (oder auch körperliche, soziale usw.) Leid sei Gottes Antwort auf das eigene Verhalten, auch unglücklichen Menschen selbst? Genauso wie im letzten Punkt beschrieben wurde, dass der Mensch sich oft lieber schuldig als ohnmächtig fühlt, so leidet er oft lieber aus Schuld als ohne jeden Sinn, auch wenn er Got­tes Wille nicht versteht.


Es kann allerdings auch seelische Krisen geben, die tatsächlich einen Sinn haben. Wie Denn be­stimmte Leidenszustände sind auf Abwehr noch größeren Un­glücks oder auf Selbstheilung ausgerichtet. Bzw. haben sie all­gemein die Funktion oder den Zweck, das Gleichgewicht oder die Identität des Menschen zu sichern. Eine psychische Krankheit kann auch eine Signalfunktion besitzen. Psychi­sche und körperliche Störungen scheinen häufig symbolisch aus­zudrücken, dass mit dem Menschen etwas nicht stimmt, er sich in einer Krise befindet. Die Unglücklichkeit mag darauf hinweisen und überdies einen 'Aufforderungscharakter ’ zur Änderung haben.

Dieser mögliche Signalsinn von Unglücklichsein wird aber heute sehr oft spekulativ überinterpretiert. Man unterstellt nahezu jeder psychischen oder körperlichen Störung, sie sei eine Bot­schaft bzw. Warnung des Unbewussten oder des Körpers und von da­her sinnvoll. Ein solcher Sinngebungsexzess dürfte doch eher der Abwehr dienen.


Auch die Betrachtung des körperlichen Schmerzes - gewissermaßen eine Parallele zum psychischen Schmerz - spricht gegen eine generelle Sinnzuweisung. Der Schmerz ist zunächst ein sinnvolles Signal, das auf eine Störung hinweist. Vor allem der chronische Schmerz muss aber oft sinnlos genannt werden, beson­ders wenn die Krankheit unheilbar ist oder es sich um einen so­genannten Phantomschmerz handelt.


Es gibt sicher auch Fälle, in denen ein Leiden zwar keinen Sinn in sich besitzt, man ihm aber einen Sinn zu geben vermag; und zwar einen echten Sinn, der nicht nur zur Abwehr dient. Ein Leiden, ein Unglücklichsein mag dazu genutzt werden, das eigene Leben zu überdenken und neu zu gestalten, eine Krise kann die Chance zur Reifung bieten.

Häufig macht seelisches oder körperliches Leid den Menschen aber nur deprimiert und verbittert und raubt ihm gerade die Möglichkeit zur Entwicklung.


In jedem Fall zeigt die radikale Einstellung, alles, was ge­schehe, sei sinnvoll oder sogar das Bestmögliche, einen deut­lichen Abwehrcharakter. Hier ist das 'Prinzip Sinn ’ überstrapa­ziert und der Wille zum Sinn gebiert ungewollten Unsinn.


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08.07.16  Psychologische Hintergründe der Täter-Theorie (1)

 

Ich habe in den beiden letzen Beiträgen unterschieden zwischen einer psychologischen Täter- und Opfer-Theorie. Die Täter-Theorie geht davon aus, dass wir psychische Probleme (Angst, Depression, Unzufriedenheit) primär selbst verursachen und aufrechterhalten, also „Täter“ unserer eigenen Unglücklichkeit sind. Die Opfer-Theorie geht davon aus, dass psychisches Leid primär von außen, durch die Umwelt, verursacht wird, wir also „Opfer“ unserer Depression oder Frustration sind.

 

Man könnte auch allgemeiner von einer Ich-Theorie sprechen, nach der unser Ich sich seine Welt selbst schafft und gestaltet („Jeder ist seines Glückes Schmied“). Entsprechend kann man von einer Umwelt-Theorie sprechen, nach der unsere Umwelt- und Mitwelt uns maßgeblich beeinflusst und prägt. Die Täter-Theorie glaubt an die totale Selbstbestimmung des Menschen, die Opfer-Theorie sieht den Menschen überwiegend fremdbestimmt.

 

Ich möchte nun nachfolgend in drei Teilen die psychologischen Hintergründe einer( pointierten) Täter-Theorie beschreiben.

Die Frage lautet: Warum glauben viele Menschen an die Lehre von der selbstgeschöpften Unglücklichkeit, obwohl viele Argumente offensichtlich dagegen sprechen.

Wenn man die psychologischen Hintergründe untersucht, so fragt man nach den zugrundeliegenden - gerade auch unbewussten - Er­fahrungen, Einstellungen, Gefühlen, Bedürfnissen u.a. Ich möch­te besonders die Abwehrfunktion der These von dem selbstfabri­zierten Unglück herausstellen. Sie dürfte - was zunächst er­staunen mag - vor allem dazu dienen, unlustvolle Erinnerungen und Gefühle wie Schmerz, Angst oder Wut aus dem Bewusstsein fernzuhalten.

 

Narzissmus: Die Abwehr von Ohnmächtigkeit


Ein entscheidender Faktor bei der Täter-Theorie ist: Wir sind mächtig. Wir sind selbst die Herren, die Meister unseres Glücks oder Unglücks, alles liegt nur an uns. Durch eine solche Posi­tion lässt sich abwehren, dass wir tatsächlich der (Entstehung von) seelischem Leid oft ganz ohnmächtig ausgeliefert sind und es vor allem in der Kindheit waren. Dass einfach etwas mit uns geschah oder gemacht wurde, was das Unglücklichsein hervorrief.

Man kann diese Auffassung von der Herrschaft des Menschen über sein Unglück im Rahmen des Narzissmuskonzeptes interpretieren. Allerdings ist der Narzissmus ein sehr komplexes Phänomen (und entsprechend komplex ist die Narzissmustheorie). Ich möchte hier nur den - wenn auch wesentlichen - Faktor der Macht bzw. Ohn­macht herausgreifen.


Gemäß der Entwicklungspsychologie erlebt sich der Säugling - in der Symbiose mit der Mutter - als allmächtig, solange seine Be­dürfnisse quasi automatisch befriedigt werden. Besonders in der sogenannten analen Phase (etwa 1. bis 2. Jahr) entwickelt das Kleinkind magische Vorstellungen der Allmacht seiner Gedanken und Wünsche. Man spricht hierbei von "primärem Narzissmus".


Normalerweise bildet sich dieser kindliche Narzissmus im Verlauf der Entwicklung allmählich zurück. Erleidet jemand aber als Kind quälende Ohnmachtserfahrungen (weil seine Bedürfnisse ignoriert werden), so kann sich der primäre zu einem „sekundären, kompensatorischen“ Narzissmus wandeln. Der Psychotherapeut WUNDERLI schreibt über diese Dynamik:

"Der Narzissmus in uns wird unterdrückt und verdrängt, wenn die narzisstischen Bedürfnisse schon im frühen Kindesalter chronisch frustriert werden. Menschen, die an einer narzisstischen Persön­lichkeitsstörung leiden, entdecken in einer Analyse so oft die tragische Geschichte ihrer Kindheit als eine lange Kette schwerer narzisstischer Frustrationen, dass man bei aller gebo­tenen Vorsicht geneigt ist, an einen Zusammenhang zu denken." (WUNDERLI 1983, 12-13)


Beim sekundären Narzissmus phantasiert der Mensch ein grandio­ses eigenes Selbst, ein Größenselbst (im Extrem wird er 'grö­ßenwahnsinnig'). Durch diese Größenphantasien vermag er soge­nannte narzisstische Kränkungen wie Machtlosigkeit, Schwäche, Unterlegenheit etc. abzuwehren bzw. zu kompensieren (vgl. hier­zu z.B. LÖWEN 1984, besonders S. 91 ff).

Eine solche narzisstische Störung lässt sich sehr wohl als psy­chologischer Hintergrund der Auffassung von der 'hausgemachten ’ Unglücklichkeit vorstellen. Wenn jemand daran glaubt, er selbst mache sich unglücklich, wolle vielleicht sogar unglücklich sein und könne diesen Zustand aber auch wieder überwinden, so vermeidet er damit ein panisches Gefühl von Ausgeliefertsein.


Wahrscheinlich fühlt er sich trotzdem schlecht, da er sich ja als verantwortlich oder gar schuldig für sein Unglück begreift. Aber es gilt (unbewusst): 'lieber schuldig als ohnmächtig' - nur nicht die entsetzliche Hilflosigkeit der Kindheit wieder ins Bewusstsein aufsteigen lassen! Für einen narzisstischen Menschen ist es deshalb auch meistens schwierig, sich in eine Therapie zu begeben, weil er damit eingestehen muss, sein Leben allein nicht zu bewältigen.


Wenn überhaupt, wird er eher eine Therapie aufsuchen, bei der ihn der Therapeut in seiner Meinung, die Unglücklichkeit wäre sein Geschöpf, bestätigt. Der Therapeut handelt aber womöglich aus dergleichen narzisstischen Abwehr heraus. Es ängstigt oder ärgert ihn, wenn der Klient sich hilflos verhält und nicht genü­gend Fortschritte macht, weil das an seine eigenen verdrängten Ohnmachts- und Versagensgefühle rührt. Indem er den Patienten allein verantwortlich spricht, kann er sich seiner Verantwor­tung entziehen.


Andererseits mag jemand, der recht glücklich lebt, das narzisstische Machtgefühl genießen, er selbst habe dieses Glücklichsein geschaffen. Und er sonnt sich vielleicht in dem Gefühl der Überlegenheit über die weniger glücklichen Menschen, die nicht die Kraft hierfür aufbrächten.

Solche überheblichen Glückslinge gehören allerdings öfters zu den Scheinglücklichen, die einfach alle negativen Gefühle und Gedanken - in einem Zwangsoptimismus - wegdrängen. Ihnen fehlt der Mut zur Wahrheit und damit der Mut zur Unglücklichkeit, sie leiden an einer 'Unfähigkeit zu trauern ’. Echte Stärke bedeutet gerade, auch seine Schwäche, auch sein Unglücklichsein zuzulas­sen und zu zeigen.


Natürlich kann man zwar durch vielerlei Aktivitäten zur eigenen Glücklichkeit beitragen. Aber die Basis für Glück oder Unglück wird in frühester Kindheit gelegt, und auch danach spielen un­kontrollierbare Lebensumstände eine entscheidende Rolle. Das Glücklichsein ist weniger eigene Leistung, sondern eben primär 'Glück', Resultat glücklicher Lebenserfahrungen. Und die selbstgefälligen 'Starken' haben vielleicht ganz vergessen, dass mancher ja "mehr Glück als Verstand" besitzt und zuweilen die "dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln" ernten.


Entsprechend lässt sich bei den Weltanschauungen, die das Ich und seine Macht dermaßen herausstellen, Narzissmus als psycholo­gischer Hintergrund vermuten. In manchen Anschauungen reicht die Verleugnung unserer Machtgrenzen bis ins Magische, womög­lich eine direkte Regression (ein Zurückfallen) in den früh­kindlichen Narzissmus.

Man findet das vor allem in Büchern aus der Erfolgspsychologie, in denen der gesunde Menschenverstand - immer noch unter dem Deck­mantel der praktischen Lebenshilfe - oft vollends in Irrationalis­mus umschlägt. So gibt es z.B. in dem Buch mit dem bereits be­zeichnenden Titel "Alles ist erreichbar" von HALL ein Kapitel "Die Allmacht der Gedanken", was nun unmittelbar an die Omnipotenzvorstellungen (Allmachtsvorstellungen) des Kleinkindes ge­mahnt.


Etwas zurückhaltender heißt es in dem bekannten Buch "Die Kraft positiven Denkens" von PEALE:

"Allzuviele sind deprimiert und niedergeschlagen, weil sie mit ihren Alltagsproblemen nicht fertig werden. Sie gehen kämpfend, verkrampft und verbissen oder jammernd und klagend durch ihre Tage, und viele sind beladen mit Ressentiments gegen das 'Pech', welches ihnen das 'Schicksal' immer und immer wieder beschert. Dabei vergessen sie, dass wir auch über Kräfte verfü­gen, durch welche wir diese negativen Einflüsse kontrollieren und überwinden können. Probleme, Sorgen und Schwierigkeiten sind da, um überwunden zu werden! Wir dürfen es nie zulassen, dass sie unser Leben beherrschen. Wir müssen uns kategorisch weigern, ihre Herrschaft anzuerkennen, und sollen geistige po­sitive Kräfte an ihrer Stelle auf uns wirken lassen." (PEALE ohne Jahreszahl, 7)

 

Literatur: modifiziert aus  Ben-A. Bohnke: Machen wir uns selbst unglücklich? (dort Literaturangaben)


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04.07.16  Täter-Theorie und Opfer-Theorie in der Psychologie (2)

Hat nun die Täter-Theorie oder die Opfer-Theorie recht? Die erste Antwort ist: beide - oder beide nicht.

Wut wird erstens sowohl von unserem Ich wie von Umwelt-Faktoren beeinflusst. Es ist unsinnig, den Einfluss der Umwelt ganz zu leugnen. Natürlich gibt es ärgerliche Ereignisse, für die wir nichts können,  die nicht auf unseren Fehlern beruhen. Wenn wir drei Wochen in Urlaub fahren und es regnet die ganzen drei Wochen, dann ist das einfach „verdammt“ ärgerlich. 


Es gibt zwar Vertreter einer extremen, esoterischen Täter-Theorie die behaupten: „Alles, was man erlebt, hat man selbst verursacht. Jeder schafft sich seine Welt selbst.“ Aber das ist schon logisch unmöglich,  hier liegt ein irrationales, letztlich  magisches Denken vor. Außerdem besteht dabei  die Gefahr, dass Menschen für ihre Probleme oder Krankheiten noch moralisch verurteilt und als schuldig dargestellt werden. Ähnliche Vorstellungen gibt oder gab es  in  traditionellen Religionen, wenn man Krankheiten als Strafe Gottes ansah. 


Andererseits bringt es auch nichts, alle eigenen Probleme und allen Ärger auf die Umwelt zu schieben. Wenn man zu schnell fährt, geblitzt wird und sich darüber ärgert, nützt es wenig, die Polizei für den Ärger verantwortlich zu machen. Überhaupt hat das Ich ja einen gewissen Einfluss auf die Umwelt. Wenn ich mich ständig über meinen unfreundlichen Chef ärgere, kann ich  notfalls den Job wechseln (obwohl das natürlich nicht immer einfach ist).   


Damit kommen wir zum zweiten Punkt, der Freiheit des Ich. Auch wenn man einräumt, dass unser Ich selbst Ärgernisse mitverursacht, durch Fehler oder zu hohe Erwartungen: Ist unser Ich nicht bestimmt durch die genetische Anlage, körperliche Prozesse und unsere früheren Erfahrungen, vor allem Kindheitserfahrungen? Kann das Ich also überhaupt etwas für sein Fehlverhalten?


Die Täter-Theorie lehnt diesen Gesichtspunkt ab. Sie sagt, unser Ich ist frei, sich zu entscheiden, wie es will, und sei daher auch total selbst verantwortlich. Esoterische Anhänger der Lehre von der Wiedergeburt (Reinkarnation) behaupten sogar: Jemand hat sich seine Eltern selbst ausgesucht bzw. durch seine Taten in früheren Leben (Karma) herangezogen. Er soll daher auch für schlimme Kindheitserfahrungen die Verantwortung tragen.  


Dagegen sagt die Opfer-Theorie: Unser Ich wird von verschiedenen Faktoren geprägt. Wer z. B. eine schreckliche Kindheit erlebt hat, wer von seinen Eltern unterrückt wurde, der ärgert sich automatisch, er kann nicht anders. Schon gar nicht ist jemand für seine Gene verantwortlich.  


Hier ist auch der Faktor des Schicksal zu nennen. Für die Täter-Theorie gibt es kein Schicksal und keinen Zufall. „Glück“ hat nur der Tüchtige. Aber kann es nicht ein schweres Schicksal geben, das einem Menschen einen Schicksalsschlag nach dem anderen zumutet? Schon die griechische Tragödie beschäftigt sich mit dem  Schicksal, etwa dem Sisyphos, der verdammt war, einen schweren Stein auf einen Berg zu rollen, von wo er immer wieder herunterrollte. Auch im Buch Hiob des alten Testamentes wird dieses Thema aufgegriffen, Hiob wird von den „Hiobsbotschaften“ (Unglücksbotschaften) heimgesucht. Und in harmloser Weise mag jemand ein Pechvogel sein, ein Unglücksrabe, dem immer wieder Ärgerliches  zustößt. Umgekehrt lehrt das Sprichwort: Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln. Soll heißen, wenn jemand ein Glückspilz ist, dann beweist das keinesfalls besondere Fähigkeiten.  


Auch bezüglich der Freiheit des Ich sind die extreme Täter- wie Opfer-Theorie falsch. Selbstverständlich ist unser Ich nicht völlig frei in seinen Wünschen und Entscheidungen und Handlungen. Es bedeutet eine narzisstische Selbstüberschätzung, geradezu einen Größenwahn, das anzunehmen. Andererseits ist es auch falsch, unser Ich nur als ein Produkt aus Anlage und Umwelt zu sehen und jegliche Willens- bzw. Handlungsfreiheit zu verneinen. Sondern wir sollten uns schon einen Handlungsfreiraum und damit auch eine gewisse Verantwortlichkeit zusprechen. (Das gilt allerdings nicht für kleine Kinder oder für geistig schwer erkrankte Menschen.)  


Insofern ist eine Ganzheits-­Theorie angemessen, die beide Seiten berücksichtigt.  

-          Wut wie überhaupt negative Gefühle sind  sowohl von unserer Umwelt als auch von unserem Ich bestimmt.

-          Und unser Ich ist einerseits für seine Handlungen und Entscheidungen verantwortlich, andererseits wird unser Ich von verschiedenen Faktoren beeinflusst, die es größtenteils nicht steuern kann.

 

Diese Abhängigkeiten sind auch bei der Praxis zu berücksichtigen. Die Täter-Theorie wirft der Opfer-Theorie vor, sie verführe zur Passivität, da Menschen sich als Opfer sehen und nichts gegen Ärger unternehmen würden. Aber das ist nicht zwangsläufig. Auch wenn man sich als Opfer von Ärgernissen sieht, kann man doch versuchen, diese Ärgernisse soweit möglich auszuräumen. Umgekehrt kann die Täter-Theorie zu einem überzogenen Aktivismus führen, als ob man allen Ärger selbst überwinden könnte.



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02.07.16  Täter-Theorie und Opfer-Theorie in der Psychologie (1)

ICH ärgere mich über den Regen. – DER REGEN ärgert mich.

Merken Sie den Unterschied zwischen diesen beiden Aussagen? Auf den er­sten Blick scheinen sie zwar dasselbe auszudrücken.

-          Aber im ersten Fall bin ich der Handelnde, gewissermaßen der "Täter".

-           Im zweiten Fall handelt etwas anderes, der Regen. Ich bin sein "Opfer".

Einmal bin ich aktiv, das andere Mal passiv - wie das auch sehr schön die gleichnamigen grammatischen Kategorien be­zeichnen.

  

Anstelle des Regens kann man natürlich alles Mögliche einsetzen: Das defekte Auto ärgert mich, die fallenden Aktienkurse ärgern mich, der unfreundliche Nachbar ärgert mich, du ärgerst mich, sogar die ganze Welt ärgert mich.      Was stimmt denn nun? Mache ich meine Wut gewisserma­ßen selbst? Oder wird sie von einer anderen Person oder über­haupt etwas anderem hervorgebracht? Sicherlich, die Wut entsteht in mir, insofern bin ich ihr "Vater". Aber dies wäre als Gesamtantwort doch zu simpel. Entscheidend bleibt: Wird man zornig aus Gründen, die in einem selbst liegen, oder auf­grund äußerer Ursachen? Noch einmal anders: Wir hatten ge­sehen, dass man wütend wird, wenn (bestimmte) Bedürfnisse und Erwartungen nicht erfüllt werden, weil sie eben mit der Realität nicht übereinstimmen. Was ist aber falsch? Mein Wunsch - oder die Welt?  


Es gibt hier zwei verschiedene Auffassungen. Ich habe sie folgendermaßen benannt:

  • Täter-Theorie
  • Opfer-Theorie.

 

Nach der Täter-Theorie bewirke ich selbst meinen Zorn, nach der Opfer­-Theorie tut das vor allem die Umwelt. Diese beiden Theorien gehen allerdings weit über das Phänomen Zorn hinaus. Nach der Täter-Theorie liegt es insgesamt an mir, ob ich zufrieden oder unzufrieden, ja sogar ob ich körperlich gesund oder krank bin. Nach der Opfer-Theorie liegt es vor allem an der Umwelt, ob ich glücklich oder unglücklich, bei guter Gesundheit oder kränkelnd  bin. Zunächst zur Täter-Theorie:


1) TÄTER-THEORIE

 

Für die gilt: Jeder ist seines Ärgers Schmied, so wie jeder seines Glückes Schmied ist.

Ich bin der „Täter“.  Es liegt an mir selbst, an meinem Ich, wenn ich mich ärgere, grolle und schmolle. Es ist meine Verantwortung - in doppelter Hinsicht:

-          Ich habe Fehler gemacht, durch negatives Denken oder negatives Handeln die Ärgernisse verursacht, über die ich mich zu Recht är­gere. Z. B. durch Unvorsichtigkeit, Nachlässigkeit, Bequem­lichkeit. Durch unfreundliches, arrogantes, provozierendes Verhalten. Oder durch Pflege von Pessimismus und Negativismus, die dann zu Misserfolgen führten. Die Fehlermöglichkeiten sind unbegrenzt ...

-          Ich habe zu anspruchsvolle Wünsche, Riesenerwartungen, die gar nicht erfüllt werden können. Ich will alles, und das sofort - aber Wunder dauern etwas länger. Oder ich interpretiere ein ganz harmloses Geschehen als großes Ärgernis: Die Mücke an der Wand wird für mich zum Elefanten. Hier mein Zorn unberechtigt, es besteht gar kein echtes Ärgernis. Aber nach Auffassung der Ich-Theorie suchen viele Menschen (und sei es unterbewusst) gerade Ärger, wollen sich aufregen.

 

Nach der Täter-Theorie gilt also: Ich ärgere mich (selbst). Und damit letztlich auch: Ich ärgere mich über mich (selbst), als den eigentlichen - direkten oder indirekten - Verursacher meiner Wut - was mir allerdings nicht bewusst sein muss.

 

2) OPFER-THEORIE

 

Die zweite Auffassung sagt das Umgekehrte: Wenn einer  zornig ist, dann hat ihn etwas anderes – Fremdes –  erzürnt. Er ist „Opfer“ der Umstände, die ihn zornig machten bzw. Opfer seines Zorns, wieder in doppelter Sicht:

-          Es ist die Umwelt, das schlechte Wetter, das kaputte Fernsehen, der unfreundliche Chef usw. usw., die jemand ärgerlich stimmen. Er reagiert nur notgedrungen auf eine Störung, eine Provokation oder einen Stress. Zwar hat er vielleicht auch selbst Fehler gemacht, aber unter dem Einfluss seiner negativen Kindheit oder ungünstiger Erbanlagen. Es ist nicht seine Verantwortung.

-          Seine Wünsche sowie sein Ärger über deren Nichterfüllung sind berechtigt und nicht maßlos. Die Welt oder die Gesellschaft oder bestimmte Verhältnisse sind eben oft frustrierend.


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25.06.16  Drei Ansätze der Logik

 

In der herkömmlichen Logik gibt es vor allem drei Ansätze, den Gegenstandsbereich der Logik zu bestimmen:

·  Psyche

In der traditionellen Logik wurden psychische Entitäten, wie Begriffe oder Urteile bzw. Gedanken, als Gegenstand der Logik angesehen, wie auch die Kennzeichnung „Lehre vom folgerichtigen Denken“ zeigt. Der Terminus ‚Begriff’ kann allerdings auch auf sprachliche oder  reale Entitäten angewandt werden.

·  Sprache

In der modernen Logik gelten primär sprachliche Entitäten wie Prädikate oder Sätze bzw. Aussagen als Gegenstände der Logik. Man kann hier von einer sprachlichen bzw. linguistischen Orientierung der Logik sprechen.

·  Realität

In der mathematischen Logik und vor allem in verwandten Disziplinen wie  Mengenlehre oder Statistik bezieht man sich primär auf reale Entitäten wie Ereignisse, Sachverhalte oder Mengen. Diese realen Entitäten können allerdings abstrakt sein.

  

1) Vor-  und  Nachteile

Alle drei Ansätze haben ihre Vor- und Nachteile:

 

· Psyche: Psychisches wie Gedanken sind uns (in unserem Bewusstsein)  primär gegeben, Sätze oder Sachverhalte sind nur indirekt gegeben. Aber Psychisches ist schwer zu präzisieren, außerdem besteht die Gefahr des Psychologismus, d. h. dass man logische Gesetze mit psychologischen Denkgesetzen verwechselt. Logisch wahr wäre dann das, was die meisten Menschen denken bzw. für logisch korrekt halten; doch wir wissen aus Untersuchungen, dass die Menschen in ihrem Denken viele logische Fehler begehen.

 

·  Sprache: Ein Satz ist präziser zu fassen und zu beschreiben als ein Gedanke. Allerdings besteht hier folgende Unklarheit: Zum einen bezieht man sich auf (Aussage-) Sätze als syntaktische Gebilde, zum anderen bezieht man sich - semantisch -  auf Aussagen (oder Propositionen), die man als Bedeutungen von Sätzen auffassen könnte; Bedeutungen sind aber ebenfalls schwer zu fassen, andererseits werden sie in erster Linie wieder als reale oder auch psychische Entitäten interpretiert, so dass hier kein eigenständiger Bereich gegeben ist.  Generell gilt: Sprachliche Zeichen stehen nicht für sich selbst, sondern sie bezeichnen oder benennen etwas. Nur in Bezug auf dieses Bezeichnete lassen sie sich letztlich verstehen.


   Außerdem gibt es die Ungereimtheit, dass man sich auf der oberen Ebene – sprachlich –  auf Sätze/Aussagen bezieht, auf der unteren Ebene – real – doch auf  Individuen bzw. Klassen. So formuliert man z. B. in der Prädikaten-Logik: a Î F (das Individuum a ist Element der Klasse F), hier ist also eindeutig von realen Entitäten die Rede. Der durchgängige Bezug auf Wörter bzw. Zeichen wäre eben sehr kompliziert, falls man von rein syntaktischen Analysen  absieht. Wenn man wirklich konsequent einen sprachlichen bzw. linguistischen Ansatz durchziehen wollte, also ausschließlich über sprachliche Entitäten sprechen wollte, dann müsste man jeden Satz bzw. jedes Wort - meta-sprachlich - in Anführungszeichen schreiben, was aber doch nicht getan wird.

 

· Realität: So spricht vieles dafür, die reale Ebene als fundamental anzusetzen. Denn erstens erhalten sprachliche Zeichen wie auch psychische Repräsentationen ihre Bedeutung normalerweise nur durch den Bezug auf die Realität. Zweitens hat Logik  es mit Wahrheit, Richtigkeit, Gültigkeit u. ä. zu tun. Um aber (sprachlich) einen Satz oder (psychisch) einen Gedanken als wahr bzw. falsch zu kennzeichnen,  gibt man an, ob er mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Auf einen extremen Konstruktivismus oder Idealismus, der Wahrheit nur noch im Subjekt selbst gegeben sieht, braucht hier nicht eingegangen zu werden. Allerdings gibt es auch bei der realistischen Theorie Probleme, z. B. „negative Sachverhalte“, also „nicht bestehende Sachverhalte“. Außerdem werden wir noch sehen, dass dieser Bezug auf die Wirklichkeit bei analytischen Aussagen nur noch indirekt gegeben ist.


   Letztlich bietet sich eine Deutung der Logik an, die zwar realistisch orientiert ist, aber auf eine abstrakte, formale Welt Bezug nimmt; das wird in der Integralen Logik verwirklicht.


  

2) Logik  als  Theorie  der  formalen  Welt

Die von mir entwickelte Integral-Logik geht davon aus, dass die Logik unabhängig von den obigen Interpretationen ist. Für die Philosophie ist es von Bedeutung, ob man von Sätzen, Sachverhalten oder Urteilen ausgeht, für die Logik ist es letztlich irrelevant. Man kann sie auf alle drei Bereiche beziehen. Sinnvoller ist aber, sie unabhängig von diesen Bereichen zu definieren.  So gehe ich vorrangig - ontologisch neutral - von Relationen oder Strukturen aus, anstatt von Sachverhalten, Sätzen oder Urteilen.


   Die Logik betrifft die Welt der abstrakten Formen: In ihr spielen Materie, Zeit, Raum, Energie aber auch Bewusstsein usw. keine Rolle, sondern nur  funktionale Abhängigkeiten oder korrelative Beziehungen. Die Gesetze der Logik gelten in jeder anderen Welt, also der psychischen, der sprachlichen und der materiellen Welt. Bzw. kann man die Gesetze der Logik auf jede andere Welt anwenden.   

Wenn sich die Integrale Logik auch auf abstrakte Entitäten bezieht, so steht sie doch der realistischen Interpretation am nächsten, weil sich dies gerade im Bereich von Objekten anbietet. Insofern baue ich die Logik auch von den Objekten her auf und nicht, wie sonst häufig, von den sprachlichen Zeichen, also z. B. Eigennamen und Prädikatoren.


   Wenn man also die Logik realistisch deuten kann, so ist doch folgendes zu bedenken: Es geht in der Logik nie um konkrete Dinge, Klassen von konkreten Dingen oder Relationen zwischen  konkreten Dingen, sondern nur um die Form. Anders gesagt, es geht um eine abstrakte Welt, mit abstrakten Dingen usw.   Zuweilen bietet es sich aber an, bei der Darstellung bestimmter logischer Probleme doch auf eine konkrete, z. B. sprachliche Spezifizierung, etwa Aussagesätze, Bezug zu nehmen. Und bei Beispielen muss man ohnehin aus der abstrakten Welt zur konkreten Welt hinabsteigen.    Außerdem, trivialerweise muss sich eine (schriftliche) Arbeit über Logik notwendig der sprachlichen Zeichen bedienen. 


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12.06.16  Gültigkeit der Logik (2)

 

4) Denken

Dies ist die nach dem Konventionalismus  heute verbreitetste Auffassung, die auch schon eine lange philosophiegeschichtliche Tradition besitzt: Logische Strukturen sind kognitive Strukturen, sind Denkstrukturen. Und zwar geht man dabei normalerweise davon aus, es sind angeborene Denkstrukturen, denn sonst müsste man letztlich auf einen Empirismus zurückgreifen. Diese Position kann man Kognitivismus, Rationalismus oder Mentalismus nennen.

  Die Argumentation ist hier stringenter als bei der Sprache. Es mag zwar auch verschiedene Denkstile geben, aber letztlich nur ein Denken. D. h. wir können nur soweit logisch denken, wie unsere Denkstrukturen das zulassen. Und es ist wahr, wir können die logischen Gesetze nur erkennen, wenn unser Denken das erlaubt.


   Aber ähnlich wie bei der Sprache ist das Problem: Wir können so die Herkunft der Logik erklären, aber lässt sie sich so begründen? Es ist doch erwiesen, dass viele Menschen in  vielen Situationen unlogisch denken. Die logischen Strukturen können also keine reinen Abbildungen der Denkstrukturen sein. Es hilft auch kaum weiter, hier statistisch vorzugehen und zu sagen, die Mehrheit hat Recht, so wie die Mehrheit denkt, das ist logisch. Aus diesen Gründen ist ja der Psychologismus, die psychologische Begründung der Logik, immer wieder abgelehnt worden.


   Interessant ist hier: Kaum ein Mensch, der nicht logisch geschult ist, wird bewusst und explizit logische Gesetze angeben können. Offensichtlich verfügt der Mensch also unbewusst über einige logische Regeln, da er doch in Grenzen zu logischem Denken befähigt ist. Dieses Phänomen, dass wir unbewusst „klüger“ sind als bewusst, tritt allerdings nicht nur bei der Logik auf:  Z. B. können alle (gesunden) Menschen halbwegs fehlerfrei ihre Muttersprache sprechen, aber kaum einer kennt die  relevanten grammatischen Regeln, von komplizierten linguistischen Konstruktionen gar nicht zu sprechen.


   Bezieht man allerdings die evolutionäre Erkenntnistheorie mit ein, können sich die Argumente für eine kognitivistische Logikbegründung verstärken. Man kann argumentieren: Unser - logisches - Denken hat sich im Zuge der Evolution herausgebildet und optimiert; wenn es nicht korrekt wäre, hätten wir als Art nicht überlebt. Nehmen wir als simples Beispiel: „Alle (bekannten) Löwen sind gefährlich, dies ist ein Löwe, also ist er gefährlich“. Wenn es dem Menschen nicht gelungen wäre, solche realistischen logischen Strukturen zu entwickeln und entsprechend zu handeln bzw. zu reagieren, dann  hätte er keine Chance gehabt, zu überleben.

Pointiert könnte die These lauten: Man begründet die Logik durch den Selektionsvorteil, je mehr ein Denken die Überlebenschance erhöht, desto logischer ist es.


   Diese Argumentation ist nicht ganz von der Hand zu weisen, aber sie hat auch ihre Mängel. Denn es zeigt sich doch, dass die Menschheit und einzelne Menschen überleben, obwohl sie vielfach unlogisch denken. Oder sogar weil? U. U. ist logisches Denken in gewissen Situationen gerade für das Überleben hinderlich, weil es das Handeln lähmen kann, wenn man zu genau die Möglichkeiten des Handelns und deren wahrscheinliche Konsequenzen abschätzt.


      

5) Absolute  Ideen

So komme ich zu dem Ergebnis, dass die beste Erklärung ist: Logische Strukturen sind Strukturen einer formalen Welt, die unabhängig vom Menschen existiert, unabhängig von seinem Denken und Sprechen, von seinen  Wahrnehmungen und erst recht Festsetzungen. Logische Basis-Gesetze sind „Ideen“, ewige Wahrheiten; das gilt nicht für jeden spezialisierten Logikkalkül. Ich vertrete die – zunächst vielleicht altmodisch anmutende – Auffassung, dass die Logik am besten als ein System idealer Entitäten verstanden werden kann. Diese Position kann  man als Platonismus oder Idealismus bezeichnen. Die Logik wird hier so begründet, dass sie die Struktur einer idealen, formalen Welt ist bzw. als Lehre diese Welt beschreibt.

   Wie ist es dem Menschen möglich, die logischen „Ideen“ zu erkennen? Weil er das kognitive Potential dazu hat. Das ist die einfachste Erklärung, allerdings keine völlig ausreichende.


   Man könnte auf die klassischen Erklärungen verweisen wie Erinnerung an eine frühere geistige  Existenz, höheres Erkennen usw. Dies ist aber aus heutiger Sicht sehr spekulativ. Da ein empirischer oder sprachlicher Zugang kaum in Frage kommt, muss man auf die Kognition verweisen: die angeborene Befähigung zum logischen Denken bzw. angeborene logische Ideen.  Auch wenn der Mensch die Fähigkeit zum korrekten logischen Denken besitzt, bedeutet das ja noch nicht, dass er zwangsläufig immer logisch denkt. Von daher genügt es auch nicht zu sagen: Logische Gesetze sind evident, also unmittelbar einsichtig und unbestreitbar; denn es mag auch möglich sein, sich über Evidenz zu irren – außerdem besitzen unterschiedliche Strukturen der Logik sicher unterschiedliche Evidenz; z. B. ist die Definition der logischen Implikation sicher keinesfalls evident, wie noch sehr genau diskutiert werden  wird.

 

  Eine wirklich überzeugende Theorie, wie die Logik zu begründen ist und wie wir die Logik erkennen können, steht noch aus. Sie wird vermutlich folgende Faktoren umfassen müssen: angeborene Denkstrukturen, evolutionärer Erfolg, eventuell auch Kriterien der Ästhetik; vielleicht müssen auch alle oben genannten Begründungsfaktoren integriert werden.

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23.05.16  Gültigkeit der Logik (1) 

Die Begründung bzw. Gültigkeit der Logik ist sehr umstritten. Zunächst wäre zu fragen, was überhaupt ‚Begründung’ bedeuten soll. Beschränkt man sich der Einfachheit halber auf logischen Aussagen  bzw. (Relationen), so lässt sich fordern: Logische Aussagen müssen wahr sein.


Es kann hier nicht die Problematik von Wahrheitstheorien bzw. der Definition des Wahrheitsbegriffes verfolgt werden. ‚Wahrheit’ heißt in allgemeinster Weise: Übereinstimmung. Übereinstimmung mit der empirischen Realität, mit der geistigen, formalen Realität, mit unserem Denken oder einfach bestimmten Regeln. Mit welchem Bereich die Logik übereinstimmen soll und wie das erkannt werden kann, darüber gibt es viele verschiedene Theorien.


 Es sind vor allem folgende Positionen zu unterscheiden: Konventionalismus, Empirismus, Linguismus, Kognitivismus und Idealismus.   

1) Konvention

Das ist die heute am meisten vertretene Auffassung: Es werden Axiome und Ableitungsregeln festgesetzt, ggf. noch semantische Regeln. Diese Festsetzungen sind zwar begründet, aber letztlich nur pragmatisch, dass sie sich als nützlich erweisen. Es geht nicht um absolute Wahrheiten. Was dann abgeleitet wird aus den Axiomen, hat innerhalb dieses Systems absolute Gültigkeit, aber eben nur relativ zu den Axiomen. Die Axiome und die Regeln selbst sind Setzungen, wir konstruieren sie aus unserem Denken. Diese Position, die man weiter differenzieren könnte, nennt sich Konventionalismus, Konstruktivismus oder Pragmatismus.

   Für diese Theorie mag sprechen, dass es unterschiedliche Logiken oder Logikkalküle gibt. Aber man kann dennoch eine Basis-Logik postulieren, auf die alle anderen Logiken Bezug nehmen müssen, und es ist kaum begründbar, dass die Basis-Logik letztlich willkürlich sein soll. In ihr muss z. B. der Satz vom ausgeschlossen Widerspruch gelten. Bestimmte Logik-Systeme wie die Fuzzy-Logik oder auch die sogenannte Quanten-Logik hebeln dieses Grundgesetz nicht aus, obwohl dies oft fälschlich behauptet wird.   


2) Empirie

Nur noch selten wird heute behauptet, dass die Logik aus der Empirie abgeleitet ist. Diese Position nennt sich Empirismus oder Realismus. Man könnte z. B. argumentieren: Wir nehmen wahr, beobachten, dass etwas nicht gleichzeitig blau und nicht blau sein kann, also z. B. blau und rot. Aus solchen Erkenntnissen könnte man dann ein allgemeines logisches Gesetz ableiten: Etwas kann nicht zugleich eine Eigenschaft und die entgegengesetzte Eigenschaft besitzen. Logische Gesetze wären dann im Grunde Real-Gesetze.

   Es ist richtig, dass wir die logischen Gesetze in der empirischen Wirklichkeit vorfinden, aber d. h. heißt nicht, dass sie von daher begründet wären. Ein  Beweis aus der Beobachtung bliebe ja immer induktiv, wir könnten aus endlich vielen Beobachtungen kein unbegrenztes  Gesetz ableiten, das für unendlich viele, für alle Fälle, sichere Erkenntnis garantiert. Dieses Problem stellt sich auch in den empirischen Wissenschaften, aber da ist es akzeptabel; doch logische Gesetze sind eben auch gerade dadurch unterschieden von empirischen Gesetzen, dass sie vollständig gesicherte Gültigkeit beanspruchen.

   

3) Sprache

Das Argument lautet: Logische Strukturen sind letztlich Sprachstrukturen, logische Gesetze sind somit letztlich grammatische Gesetze. Man könnte diese Position Linguismus nennen. Ein Vorteil dieser Position ist, dass uns Sprachstrukturen gut zugänglich, gut erkennbar sind. In der Tat ist die Logik eng mit der Sprache verwandt, schon deshalb, weil wir logische Aussagen, wie andere Aussagen,  in Sprache ausdrücken müssen. Aber es gibt offensichtlich sehr unterschiedlich strukturierte Sprachen, und in allen kann man logische Aussagen machen.

   Zwar gibt es auch Sprach-Universalien, aber es dürfte kaum gelingen, alle logischen Strukturen als solche Universalien darzustellen. Auch die Annahme einer einheitlichen logischen Tiefenstruktur, die der unterschiedlichen Oberflächenstruktur zugrunde liegt, hilf nicht weiter. Es ist kaum vorstellbar, dass die Sprache eine bestimmte Logik erzwingt.       Außerdem hat man eigene logische Sprachen entwickelt. Die lassen sich zwar partiell auf natürliche Sprachen übertragen, aber eben nur partiell. Z. B. ist die sprachliche  Subjekt-Prädikat-Struktur (bzw. Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur) doch strukturell verschieden von der formal-logischen Argument-Prädikat-Struktur, wie noch gezeigt werden soll.  

 Aber entscheidend ist: Die Berufung auf die Sprache könnte  letztlich nur dazu dienen zu erklären, wie Logik entstanden ist, aber kann sie keinesfalls in ihrer Gültigkeit begründen. Denn man geriete dann in einen Regress, man müsste ja weiter begründen, warum sprachliche  Strukturen gültig sind, was auch immer das bei der Sprache bedeuten soll – in erster Linie könnte es ja nur um eine Übereinstimung mit der empirischen Realität gehen.    Man kann jedenfalls mühelos  einen grammatisch korrekten Satz formulieren, der dennoch logisch falsch ist, z. B.: ‚Wenn alle Menschen Säugetiere sind, dann sind auch alle Säugetiere Menschen’. Allein dies zeigt schon, dass man Logik und Sprache nicht identifizieren darf.    


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16.05.16  Technik-Star Computer

 

Die vielleicht wichtigste Technologie, die - als eine Art Meta-Technik - bei fast allen anderen technischen Systemen gebraucht wird, ist die Computertechnik. Trotz dieser Hoch­schätzung des Computers, skeptisch sehe ich den - ebenfalls auf dem Computer basierenden - Boom in Multimedia, der Ver­bindung von Informations- und Kommunikationstechnologie mit der Unterhaltungselektronik.

Großartig wird hierbei von Informationszeitalter gesprochen, während für andere die "Informationsgesellschaft" schon wieder out ist, weil jetzt angeblich die "Online-Gesellschaft" (Michael-A. Konitzer) ansteht. Dass für den Microsoft-Boss Bill Gates "Der Weg nach vorn" ausschließlich über den PC läuft - aber bitte mit Microsoft-Programmen - braucht niemand zu verwundern ...

 

Ich möchte die wichtigsten Kritikpunkte kurz auflisten:


1. Schon der Medienpropagandist Marshall McLuhan träumte vom "globalen Dorf" - durch das Fernsehen. Heute geht es dabei um das Internet, das weltweite Computernetz. Aber wollen so viele Menschen überhaupt diesen anonymen Massen­kontakt? Progressive Esoteriker schwärmen schon vom spiritu­ellen Super-Bewusstsein durch die "große Vernetzung". Tatsäch­lich werden - von echter Informationssuche auf dem Datenhighway abgesehen - vor allem Trivialitäten ausgetauscht. Schnell haben sich auch Faschismus und (Kinder-)Pornographie einen Platz im Netz erobert, so dass die deut­schen und internationalen Staatsanwaltschaften fast ständig im Dauereinsatz sind. Der Mensch ist eben auch online nicht besser, klüger oder edler als sonst ...


2. Natürlich bietet das Internet viele nützliche Funktionen, so lange man es in vernünftigem Maß nutzt. Aber extrem genutzt wird es gerade von Menschen, die kontaktgestört sind (oder es werden wollen). Noch mehr gilt das für den Cyberspace, wo man nur noch virtuellen Personen in einer "Datenwelt" begegnet. Selbstverständlich gibt es auch viele wichtige Cyberspace-Anwendungen. Wer aber in die virtuelle Realität flüchtet, der verliert die Beziehung zur echten Wirklichkeit. Und in der leben und lieben, arbei­ten und essen wir. Ein virtuelles Brot macht nicht satt - und Cyber-Reisen lösen nicht unsere Probleme. Seitdem das mobile Internet über Laptops, Tablets oder Smartphones den Markt erobert hat, ist Internet-Sucht keine Krankheit einer Randgruppe mehr, sondern quasi eine Volksseuche.


3. Die Computer sollten zu großer Arbeitserleichterung und zum papierlosen Büro führen. Aber die Menschen (die noch einen Job haben) arbeiten eher mehr als früher, und die Drucker produzieren eine Papierflut. Man spricht vom "Trödelfaktor", weil die PC-Arbeit oft zu überflüssigem Perfektionismus oder zu unnötiger Bürokratie führt. Außerdem sind viele Programme fehlerhaft, und wenn der Rechner "abstürzt", geht gar nichts mehr.


4. Man liest, wie großartig es zukünftig sein wird, wenn wir im vollelektronisierten Heim - vom Sessel aus - nahezu alles mit einer Fernbedienung steuern können: TV, DVD, Ste­reoanlage, Herd, Kaffeemaschine, Badewanne, Rolladen etc. Ich frage mich: Geht es eigentlich um eine Wohnung für Behin­derte? Was ist so toll daran, sich kaum mehr aus dem Sessel zu erheben? Dafür muss man dann täglich ins Fitness-Studio, um den vernachlässigten, "versesselten" Körper wieder aufzutrai­nieren.


5. Ebenfalls fragt man sich, ob die meisten Menschen sich wirklich tagtäglich von 500 Programmen eines "digitalen Fern­sehens" berieseln lassen wollen und dafür Zeit haben. In den USA gibt es bei der Industrie schon reichlich Enttäuschung, weil die Pay-TV-Programme (oder Video-on-demand) lange nicht so nachgefragt werden wie erwartet. Man kann es allerdings zynisch sehen, so wie Schneider und Fasel in "Wie man die Welt rettet und sich dabei amüsiert": Da es immer mehr Arbeitslose gibt, werden die am besten durch Dauerfernsehen "ruhiggestellt" (wenn sie sich dabei nur nicht "zu Tode amü­sieren"). Vielleicht sind sie allerdings auch ausreichend beschäftigt, denn die modernen Unterhaltungsgeräte sind dank übervieler unnützer Funktionen so kompliziert, dass man sich daran eine Ewigkeit abarbeiten kann.


6. Bedauerlicherweise dringen Computer immer mehr in die Intimsphäre des Menschen ein. Seine Daten werden - oft unter Umgehung des Datenschutzes - auf zig Dateien gespeichert. Stichwort: gläserner Mensch. Eine ähnliche Fehlentwicklung ist die zunehmende Überwachung durch Verbindung von Video- und Computertechnik. Beispielsweise werden in Monte Carlo schon heute alle zentralen Straßen mit Videokameras kontrol­liert. Das mag zur Verbrechens- und Terrorismusbekämpfung in engen Grenzen sinnvoll sein, kommt aber doch George Orwells "1984" beklemmend nahe - "Big Brother is watching you". Wie weit ist es dann noch bis zu einer "Gedankenpolizei", die (etwa mittels Computeranalyse der Gesichtszüge) nach "Gedankenverbrechern" fahndet?

 

Technik- bzw. Computerkritiker sehen gerade solche Miss­stände als unvermeidliche Auswirkung der (Computer-)Technik. Ich halte das für fragwürdig. Es liegt an uns, Technik nicht für Kinkerlitzchen, Bürokratismus oder zur Befriedigung paranoischer Überwachungsbedürfnisse einzusetzen, sondern für sinnvolle Zwecke. Und uns überhaupt auf solche Techniken zu konzentrieren, die wir für das Überleben in der Zukunft wirk­lich brauchen.


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09.05.16  Weil er’s kann …   

 

Wahrscheinlich haben Sie auch schon einmal eine Begründung der folgenden Art gehört: Jemand tut etwas, weil er es kann. Meistens geht es dabei um ein ziemlich irrationales Verhalten.

Z. B.  ein junger Mann trinkt sich ins Koma. Warum? Weil er’s kann.

Oder: Jemand fährt eine Stunde ununterbrochen in einem Kreisverkehr. Warum? Weil er’s kann.

Diese Begründung „weil er‘s kann“, natürlich auch: „weil sie’s kann“ u.ä. mag auf den ersten Blick akzeptabel erscheinen, aber analysieren wir es genauer:

 

Eine Person a tut eine Handlung F, weil a die Handlung F tun kann. Kurz:

a tut F, weil a F tun kann.

 

Oder drehen wir den Satz um, um die Begründungsstruktur deutlicher zu machen:

Weil a F tun kann, tut a F.

 

1) Modal-Logik    

 

Man könnte das auch so umformulieren:

 

a tut F, weil es möglich ist, dass a F tut.   bzw.

Weil es möglich ist, dass a F tut, tut a F.

Formal-logisch: a kann F tun --> a tut F

 

Das ließe sich verallgemeinern zu: Etwas ist wirklich, weil es möglich ist.

Bzw.: Weil etwas möglich ist, ist es auch wirklich.

In logischer Verallgemeinerung: möglich --> wirklich

(Dabei ist allerdings einschränkend zu sagen, dass --> logische Folge ausdrückt, aber nicht zwangsläufig Kausalität.)

 

Der Begriff „möglich“ verweist auf die Modal-Logik.

Modal-logisch ist „Etwas ist wirklich, weil es möglich ist“ aber kein gültiges Gesetz.

Sondern in der Modal-Logik ergibt sich gerade umgekehrt:

Wenn etwas wirklich ist, muss es auch möglich sein, kann es auch passieren.

 

a tut F --> a kann F tun

wirklich --> möglich

 

Dies ist ein modal-logischer Schluss.

Logisch ist „a tut F“ die hinreichende Bedingung, „a kann F tun“ ist die Folge.

Man kann also erklären: Weil a tut F, kann a F tun.

(Das kausale „weil“ passt zwar wie gesagt eigentlich nicht zu einem logischen Schluss, aber man kann es verwenden; strenger ließe sich sagen: wenn a F tut, dann kann a F tun)

 

Man könnte zwar einwenden: a kann F tun ist notwendige Bedingung von „a tut F“, aber eine notwendige Bedingung kann alleine keine Erklärung liefern.

 

2) Ontologie

 

Nun könnte man auch anders ansetzen, in dem man postuliert:

Alles was möglich ist, wird auch Wirklichkeit.

Das wäre allerdings nicht als (modal-)logisches Gesetz zu fassen, sondern als ein ontologisches Gesetz, etwa im Sinne einer Akt-Potenz-Theorie von Aristoteles (in der ein solches Gesetz allerdings nicht gilt).

 

Dann würde gelten:

Wenn a F tun kann, dann tut a auch F.

Damit wäre allerdings noch nicht das „weil“ – die kausale Begründung – gesichert, also: Weil a F tun kann, tut a F.

Außerdem ist das Gesetz „Alles was möglich ist, wird auch wirklich“ spekulativ. Man kann auch schärfer sagen, es ist offensichtlich falsch. In der Wirklichkeit ist (zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort) immer nur eine Möglichkeit verwirklicht, z. B. „a tut F“. Die andere Möglichkeit „a tut nicht F“ kann nicht gleichzeitig real sein.

Man könnte zwar argumentieren, es gibt so viele Welten (Realitäten), wie es Möglichkeiten gibt. So gesehen wäre jede Möglichkeit in irgendeiner Welt real. Aber das ist wiederum völlig spekulativ, eventuell auch nur eine semantische Spielerei.

  

3) Psychologie

 

Eine Abwandlung dieses Gesetzes, konkret bezogen auf den Menschen, könnte implizieren: Ein Mensch schöpft sein Potential aus, er verwirklicht sich selbst. Das bedeutet, dass er alles das tut, was er tun kann.

Aber erstens ist das ja offensichtlich nicht wahr. Wir tun doch vieles nicht, was uns möglich wäre zu tun – gottseidank, denn dann würden wir viele Untaten begehen. (Einschränkend könnte man hier auf das Problem der Handlungsfreiheit zu verweisen, über das ich in meinem Blog am  26.02.16    geschrieben habe, aber das möchte ich hier nicht weiter verfolgen).

Und zweitens hat ja auch keineswegs jede unserer Handlungen oder eben Handlungs-Unterlassungen mit unserer Selbstverwirklichung zu tun.

Überhaupt wäre allenfalls zu argumentieren, der Mensch hat einen Impuls, sein Potential auszuschöpfen, aber dies garantiert noch nicht, dass er das auch real tut.

 

Fazit: Die Begründungsform, jemand tut etwas, weil er es tun kann, ist so generell unhaltbar. Es ist mehr eine witzige Form, absurdes oder irrationales bzw. unverständliches Verhalten scheinbar zu erklären. Auch wenn einzelne Elemente dieser Pseudoerklärung,  z. B. psychologischer Art, eine partielle Plausibilität beanspruchen können, als generelles, seriöses Erklärungsmuster taugt dieser Ansatz nicht. Modal-logisch gesehen ist er sogar falsch.


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03.05.16  Logik von Wettervorhersagen 


Ist die Meteorologie eine Wissenschaft? Oder konkreter: Sind ihre Wettervorhersagen (einigermaßen) zuverlässig? Die Wetterleute selbst sind sehr zuversichtlich. Vor allem im Radio oder Fernsehen klingt es meistens so, als ob die Wetterprognosen zu 100% sicher wären. Wenn man sich die Statistiken ansieht, die meist von den Wetterexperten selbst herausgegeben werden, ist zwar von nicht von absoluter Sicherheit die Rede, aber wirklich bescheiden sind sie auch nicht. Sie behaupten z. B. eine Vorhersagegenauigkeit  für 24 Stunden (1 Tag) von mindestens 90%, ja bis zu 99%. Und für die kommenden 3 Tage von etwas mehr als 75%.

 

Dem gegenüber gibt es andere Statistiken, nach denen die Vorhersagegenauigkeit sehr viel schlechter ist, ja womöglich nicht besser als die Zufallserwartung ist (vgl. unten). Und es ist auch die Alltagserfahrung, die immer wieder zeigt, dass der Wetterbericht sehr oft falsch liegt. Und z. B. ein schlechter Ratgeber ist, wenn man einen Ausflug ins Grüne plant.

Zwar stimmt das bekannte Bonmot: „Vorhersagen sind schwierig, vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft richten.“ Und man kann das noch verschärfen, dass  es nach heutigem Erkenntnisstand – aus rein physikalischen Gründen – keine vollständig sicheren Prognosen geben kann.


Aber die Wettervorhersagen sind so mangelhaft, dass man ernsthaft in Frage stellen muss, ob die Meteorologie überhaupt eine echte Wissenschaft oder nur eine Pseudowissenschaft ist bzw. eine Wetterkunde, die manches Erfahrungsgut gesammelt hat, aber nicht den Rang einer exakten Wissenschaft besitzt (wie man das übrigens auch für die Wirtschaftswissenschaft, die Medizin u.v.m. bestreiten kann).

 

Im Folgenden will ich einige Probleme von Wettervorhersagen benennen, was über die reine Frage der Treffsicherheit der Prognosen hinausgeht.

 

1) Tautologie

„Es gibt Sonne oder Wolken, und es kann auch regnen.“

Ähnliche Vorhersagen hört bzw. sieht  man häufig. Was soll man damit anfangen? Diese Vorhersage ist immer richtig: Wenn die Sonne scheint, wenn es bewölkt ist und wenn es regnet. Das entspricht dem bekannten Satz: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“ Einen solchen Satz nennt man eine Tautologie: Sie ist zwar immer wahr, aber sie beinhaltet andererseits keine Information. Viele Wetterberichte ähneln einer Tautologie. Sie sind zwar keine strenge Tautologie (streng genommen müsste die obige Vorhersage auch noch Nebel, Schnee usw. einschließen), aber außerordentlich inhaltsarm. Der Vorteil für den „Wetterfrosch“: Man kann ihm keine Falschvoraussage vorwerfen. Der Nachteil für uns: Wir wissen nicht, wo wir dran sind, wir sind kaum klüger als vor der Vorhersage.

  

2) Zufallserwartung

„Heute Vormittag scheint durchgängig die Sonne bei einer Temperatur von 30 Grad.“

Wirklich? Ich habe mir mal das Vergnügen gemacht, eine kleine private Statistik über die Richtigkeit der Wetterprognosen aufzustellen. Dabei kam Erstaunliches heraus: Etwa 50% der Prognosen sind richtig, und entsprechend sind etwa 50% falsch. Ähnliches bestätigen öffentliche Statistiken. Ein Verhältnis von 50:50% nennt man auch Zufallserwartung. D. h. ein solches Ergebnis ist zu erwarten, wenn man einfach rät. Es gibt z. B. vereinfacht gesagt nur 2 Möglichkeiten: Die Sonne scheint oder sie scheint nicht. Wenn ich rate, habe ich eine Chance von 50%, das Richtige zu treffen.


Man fragt sich, warum die Wetterinstitute einen so extremen Aufwand mit Computern, Messstationen, Wettersatelliten usw. betreiben, wenn das Ergebnis so mager ist. Zwar behaupten die Wetterdienste, dass ihre 24-Stunden-Vorhersagen mit 90% Wahrscheinlichkeit zutreffen. Aber wie es heißt: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Die Unsicherheit der Prognosen zeigt auch die Unterschiedlichkeit der Aussagen: Bei der ARD regnet es z. B. am Vormittag, bei RTL am Nachmittag, dagegen scheint bei den glücklichen Leuten von Sat1 den ganzen Tag die Sonne.

  

3) Wahrscheinlichkeitsaussagen

„Regenwahrscheinlichkeit 80%.“

Manche Wetterpropheten sind inzwischen etwas vorsichtiger und klüger geworden. Sie machen keine sicheren Voraussagen, sondern nur Wahrscheinlichkeitsaussagen. Damit hatten wir ja bei der Zufallserwartung schon zu tun.

Bei einer Wahrscheinlichkeitsaussage ist der Wetterprognostiker natürlich fein raus. Wenn er sagt: „Regenwahrscheinlichkeit 80%“, und es regnet nicht, kann ihm keiner etwas wollen. Denn dann sind eben die anderen 20% eingetroffen. Unbrauchbar werden Wahrscheinlichkeitsaussagen, je mehr sie sich den 50% nähern, der Zufallserwartung. „Regenwahrscheinlichkeit 50%“. Mit einer solchen Information stehen wir ganz schön im Regen: Schirm mitnehmen oder nicht ? –Das ist hier die Frage.

  

4) Chaostheorie

„Das Wetter ist heute chaotisch.“

Oder sind nur die Wettervorhersagen chaotisch? Genereller gefragt: Warum sind die Vorhersagen so ungenau, und zwar um so ungenauer, je weiter sie in die Zukunft reichen? Nun, das Wetter

 ist ein sehr komplexes Phänomen, bei dem kleinste Änderungen große Auswirkungen haben können. Das fasst man heute unter dem Begriff „Chaos“. So gibt es die bekannte (wenn auch übertriebene) Aussage, dass der Flügelschlag eines einzigen Schmetterlings eine gesamte Großwetterlage ändern kann, der Schmetterlingseffekt. Um ein solches komplexes System zu beschreiben, benötigt man sehr komplizierte  nonlineare Gleichungen, über die man erst ansatzweise verfügt. So können wir bis heute die Komplexität des Wetters nicht eindeutig mathematisch einfangen, und voraussichtlich gibt es prinzipielle Grenzen der Voraussage.  


Genauere Informationen zum Thema finden Sie z. B. im Punkt Buch-Projekte auf meiner Homepage. Ich plante eigentlich ein Buch über dieses interessante und wichtige Thema, aber letztlich wollte kein Verlag das Projekt realisieren, obwohl eine Literaturagentur es anbot.


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27.04.16  Abschied von der Natur (5) - Technikliebe statt Naturliebe


Es wird Zeit für eine neue, realistische Sichtweise der Natur, einschließlich ihrer hässlichen und "boshaften" Seiten. Und entsprechend brauchen wir eine neue Sicht von Technologie. Obgleich wir, in den industrialisierten Ländern, bereits in einer großteils technisch bestimmten Welt leben und deren Annehmlichkeiten genießen, besitzt die Technologie noch immer ein eher negatives Image, als kalt, fremd oder gar feindlich - Stichwort "Technokratie". Wir sollten zu einem neuen, zeitgemäßen Technikverständnis, ja zu einer Freundschaft mit der Technik finden. Dieses zukünftige -"technophile" - Bewusstsein kann man als Technologismus bezeichnen.


Es äußert sich in einer Techno-Evolution, in einer massiven Förderung innovativer Hochtechnologie. Das bedeutet aber keine blinde Technikgläubigkeit, kein Übersehen technisch bedingter Risiken und Probleme. Man wird intensiv daran arbeiten, technische Verfahren "bedienerfreundlicher" und damit menschenfreundlicher zu gestalten.


Es genügt jedoch nicht, dass wir uns von der äußeren Natur loslösen. In einem zweiten Schritt haben wir uns auch von unseren inneren Natur, der Natur in uns zu emanzipieren. Der Mensch muss sein "natürliches" Erbe an tierischen Verhaltensweisen, vor allem irrationale Aggressionen und Ängste überwinden. Ebenso ist die physische Natur des Menschen, sein Körper zu verändern, damit er besser gegen Krankheiten ankommt und in der neuen technologischen Umwelt optimal funktioniert. Hierbei werden auch Methoden wie Gentechnik und Bioelektronik zum Einsatz kommen.


Indem der Mensch so seine Welt und sich selbst umgestaltet, sogar neu erschafft, rückt er ganz in den Mittelpunkt seiner Existenz. Er ist jetzt wirklich "das Maß aller Dinge". Ich möchte diese Selbstzentrierung des Menschen in seinem Handeln wie Bewusstsein Hominismus nennen. Man kann von einem "post-biologischen" Zeitalter sprechen, weil die biologische Evolution weitgehend von einer technologischen Evolution abgelöst wird, die der Mensch eigenhändig steuert. Das hat nichts mit Hybris oder narzisstischem Größenwahn zu tun, sondern ist geradezu eine geschichtliche Notwendigkeit.


Man könnte auch von einer Techno-Aufklärung sprechen. Das Programm der Aufklärung im 17./18. Jahrhundert lautete, den Menschen zu Vernunft und Freiheit, Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung zu führen. Dieses Programm musste letztlich scheitern, weil der Mensch noch zu stark der - äußeren wie inneren - Natur verhaftet war. Das hat im Laufe der Geschichte immer wieder Denker bzw. Geistesströmungen veranlasst, die Aufklärung insgesamt abzulehnen und womöglich eine Rückbesinnung auf die Natur zu fordern. Aber es gibt kein Zurück, auch und erst recht kein "Zurück zur Natur". Und mit der technischen Revolution hat der Mensch erstmals eine Chance, die Ideale der Aufklärung zu verwirklichen.


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21.04.16  Abschied von der Natur (4) - Ist der Mensch im Innersten aggressiv?

Auf diese Frage hat es im Laufe der Geschichte vor allem zwei Antworten gegeben bzw. zwei Richtungen.
Die eine meint, der Mensch sei von Natur aus gut, friedlich und im seelischen Gleichgewicht. Nur die Umstände, die Gesellschaft machten ihn zu einem unzufriedenen und bösartigen Wesen. Dabei wird in letzter Zeit vor allem auch auf das "unnatürliche" Leben und die Umweltzerstörungen als Ursache hingewiesen. Auf den Punkt gebracht: Die Entfremdung von der Natur in unserem Leben hat auch die positive innere Natur geschwächt oder fast zum Verstummen gebracht.

 

Die Vertreter der anderen Richtung behaupten, der Mensch sei von Natur her schlecht, aggressiv, von inneren Konflikten und Kämpfen gespalten - entsprechend zur negativen äußeren Natur. Zum Beispiel wird auf einen Aggressionstrieb oder sogar Todestrieb verwiesen, der den Menschen zu zerstörerischen Handlungen antreibe. Nach dieser Auffassung ist es erst die Gesellschaft, die uns zu (halbwegs) verträglichen sozialen Wesen macht. Durch Erziehung, Sozialisation, "Zivilisation", gegebenenfalls auch durch Bestrafung, überwinden wir den ungehobelten Naturzustand und lernen ein "zivilisiertes" Verhalten. 

 

Beide Auffassungen sind aber zu kritisieren: Es ist offensichtlich falsch zu behaupten, erst die Zivilisation und die durch sie bedingte Umweltverschmutzung hätten den Menschen so gereizt und aggressiv gemacht. Gewalt zwischen einzelnen Menschen und kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Gruppen hat es immer gegeben, solange es den Menschen gibt; alle Zeugnisse der Vergangenheit wie alte Schriften beweisen das. Dass die Kämpfe früher nicht so verheerend waren wie heute, liegt daran, dass unsere Vorfahren noch nicht so viele und hochentwickelte Waffen besaßen. Hätten sie über moderne Waffen verfügt, hätten sie die bestimmt auch eingesetzt - der Mensch hat bisher noch immer seine besten Kampfgeräte eingesetzt.

 

Außerdem haben die Menschen früher ebenfalls die Natur ausgebeutet. Stefan Heiland belegt in seinem Buch "Naturverständnis", "dass zu alten Zeiten und unabhängig vom jeweiligen philosophischen Naturverständnis der beherrschende Aspekt des Mensch-Natur-Verhältnisses Nützlichkeitsüberlegungen waren". Und weiter: "Ein von vornherein rücksichts- und ehrfurchtsvoller Umgang früherer Gesellschaften mit der Natur war also nicht gegeben, schon gar nicht um der Natur selbst willen." Dass unsere Altvordern die Umwelt nicht so krass wie heute geschädigt haben, lag kaum an einer besonderen Harmonie mit der Natur, sondern daran, dass sie viel weniger Menschen waren und noch nicht unsere heutigen technischen Möglichkeiten besaßen.

 

Es lässt sich aber auch nicht pauschal behaupten, der Mensch sei durch Zivilisation und Kultur insgesamt zufriedener und friedlicher geworden. In einigen Lebensbereichen geht es bei uns zwar "kultivierter" zu als bei Naturvölkern, aber grundsätzlich hat sich die menschliche Natur kaum verändert. Sie ist in etwa die gleiche wie vor 120.000 Jahren, denn solange hat der Mensch biologisch, von seiner Erbmasse her, keine wesentliche Entwicklung mehr gemacht. Eigentlich sind wir Steinzeitmenschen im Anzug oder Kostüm.

 

Zwar hat das moderne Leben uns von vielen Belastungen befreit, aber es führt zu einer neuen Form von Stress, auf die wir genetisch nicht vorbereitet sind: Hektik, Überfüllung, Lärm und künstliches Licht bewirken eine Reizüberflutung, wobei die so entstehenden Emotionen und Aggressionen sich noch stauen, weil sie infolge unserer Bewegungsarmut nicht körperlich abgearbeitet und abreagiert werden.

 

Halten wir fest: Der Mensch war zu allen Zeiten ein aggressionsbereites Wesen, in der alten "Naturzeit" wie in der neuen, industriellen Zeit. Selbstverständlich besaß und besitzt er auch friedliche, kooperative Seiten, aber die konnten niemals seine Kampfbereitschaft überwinden, denn diese ist eine wesentliche Komponente seiner biologischen Programmierung. Sie ist ein Erbteil der Natur, eine Eigenschaft, die er von seinen tierischen Vorfahren übernommen hat, wobei der Grad sicherlich von Individuum zu Individuum differiert und es auch Geschlechtsunterschiede gibt, da nämlich die Aggressivität bei Männern im Durchschnitt stärker ausgeprägt ist als bei Frauen.

 

Ich möchte hier davon absehen, eine simple Bewertung vorzunehmen, in der Art aggressiv = schlecht und friedlich = gut. Man muss diese Eigenschaften im Systemzusammenhang und in Relation zum Umfeld sehen. Solange der Mensch in die Natur eingeschlossen lebte, war seine Kampfwilligkeit weitgehend angemessen, um sich im natürlichen (Über-)Lebenskampf durchzusetzen. Seine innere Natur passte zur äußeren Natur. Er musste hart sein, weil sein Leben hart war.

 

Nur heute, wo wir weniger in der Natur und mehr in einer technischen Welt leben, ist dieses hohe Aggressionspotential kaum mehr zweckmäßig, vielmehr gefährlich. In der Zivilisation ist weit weniger körperlicher Kampfeinsatz notwendig. Sicherlich, auch hier braucht man eine gewisse Aggressivität im Sinne von Selbstbehauptung, um sich gegen widrige Umstände oder Gegenspieler durchzusetzen. Aber die Kämpfe könnten und sollten überwiegend geistig, durch das Wort geführt werden. Doch faktisch werden die anachronistischen Körperkampfprogramme durch Reizüberlastung und Bewegungsmangel besonders aktiviert, wobei sich ihre Auswirkungen durch die modernen Waffen vervielfachen.

 

Es geht bei unserem biologischen Erbe aber nicht nur um Aggression, es geht vor allem auch um Irrationalität, Verdrängung, Inkonsequenz. Dafür können wir als passendstes Beispiel gerade das Verhalten gegenüber dem Natursterben nehmen. 

 

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14.04.16  Abschied von der Natur (3) - Die Natur des Menschen: einfach tierisch

Es gilt, nicht nur die Schattenseiten der äußeren Natur, der Umwelt zu sehen, sondern auch die unserer inneren Natur. Unter "innerer Natur" verstehe ich einerseits den menschlichen Körper, aber auch unsere Wesensart, den Charakter unseres Fühlens, Denkens und Verhaltens.

 

Der Körper des Menschen ist auf den ersten Blick ein hochleistungsfähiges System, dennoch besitzt er viele Mängel, Schwächen und Anfälligkeiten. Wir machen uns das nur so wenig bewusst, weil wir unseren "Body" einfach als gegeben hinnehmen und kaum fragen, wie er anders und besser beschaffen sein könnte.

 

Der größte Mangel des Körpers ist die Anfälligkeit für Erkrankungen. Insgesamt gibt es hunderte verschiedener Krankheiten, die uns befallen können. Und schon von jeher wurde der Mensch von ihnen heimgesucht, auch unsere Vorfahren litten zum Beispiel unter Rheuma und Gicht. Es ist also keineswegs so, wie gerne behauptet wird, dass nur und erst der moderne Mensch durch seine unnatürliche Lebensweise solche "modernen" Krankheiten erleidet. Und es hat sich in der Geschichte beim Kontakt von Naturvölkern mit Menschen aus Zivilisationsstaaten immer wieder gezeigt, dass die Naturmenschen selbst "harmlosen" Infekten wie Erkältungen erlagen, weil ihr Immunsystem zu wenig trainiert war, um mit ihm unbekannten Krankheitserregern fertig zu werden.

 

Nicht umsonst hat ja auch die Lebenserwartung bei uns laufend zugenommen, etwa auf das doppelte der früheren "natürlichen" Lebensdauer. Denn durch Fortschritte der Medizin und die größere Hygiene konnten viele der alten Krankheiten besiegt werden, vor allem Infektionen wie Pest und Pocken. Andererseits konnte und kann die Medizin bis heute längst nicht alle Erkrankungen heilen, das reicht vom banalen Schnupfen (der allerdings von selbst heilt) bis hin zum Krebs, der trotz gewaltigen Forschungsaufwandes noch immer weitgehend unbeherrscht ist.

 

Außerdem treten neue Krankheiten verstärkt auf, etwa Herz-Kreislauf-Störungen oder Immunstörungen wie Allergien, Autoaggressionskrankheiten oder Aids. Diese Erkrankungen werden ohne Zweifel durch unser zivilisiertes Leben in einer industriell belasteten Umwelt begünstigt oder sogar verursacht; man spricht deshalb von Zivilisationskrankheiten.
Nur kann man das von zwei Seiten betrachten: Normalerweise erklärt man diese Krankheiten eben damit, dass unsere Lebensweise zu ungesund und unsere Umwelt  zu giftig sei. Wir können es aber auch von der anderen Seite sehen, nämlich dass unser Körper zu anfällig ist, dass er sich zu wenig an die heutige Umwelt angepasst hat und seine Flexibilität, sich auf neue Umstände einzustellen, nicht ausreicht. Mit einem Wort: Unser Körper ist ein "Bio-Trabbi".

 

Man spricht aber auch von der Natur des Menschen, wenn man seine seelische Natur meint. Darunter versteht man ganz allgemein sein wahres Wesen, seinen typischen Charakter. "Seelennatur" kann aber auch spezifisch bedeuten: diejenigen psychischen Eigenschaften, die der Mensch von der Natur mitbekommen hat, die er mit anderen Lebewesen, vor allem hochentwickelten Primaten teilt. (Es wird später noch zu fragen sein, ob die wirkliche Natur des Menschen nicht gerade durch kulturelle Eigenschaften bestimmt ist, also "unnatürliche" Verhaltensweisen, die den Menschen vom Tier unterscheiden.)
Wie auch immer man die innere Menschennatur genau bestimmt, es steht nicht gut um sie. Sie befindet sich ebenso in einer Krise wie die äußere Natur. Von daher spricht man auch von Innenweltverschmutzung parallel zur Umweltverschmutzung.

 

Viele Menschen sind heute unzufrieden mit sich und ihrem Leben, sie fühlen eine Leere, ein Sinndefizit. Gesteigerte Angst und Aggressivität sind weit verbreitet. Auch die Zahl echter psychischer und geistiger Erkrankungen wie Depression oder Schizophrenie ist hoch. Außerdem nehmen Gewalttaten zu, seien es Affekthandlungen infolge von Unbeherrschtheit oder seien es geplante, mit krimineller Energie begangene Verbrechen.

 

Diese Störungen sind nicht auf individuelle Menschen begrenzt, sondern ganze Sozialsysteme zeigen ein gestörtes, "krankes" Verhalten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus im Osten, nach dem Wegfall der Konfrontation zwischen Ostblock und westlichen Ländern hatte man eine stabilere und friedlichere Welt erwartet. Aber das Gegenteil ist eingetreten. Durch ausgeprägten Nationalismus und Separatismus sind eine Vielzahl neuer Krisenherde und Kriege enstanden, allen voran der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, der allerdings 1995 (weitgehend) beendet wurde. Zwar sind solche "Kleinkriege" noch lokal begrenzt, aber es besteht die Gefahr einer Ausbreitung.  

 

Gerade der Krieg in Bosnien mit seinen Foltern, Vergewaltigungen und anderen Gräueltaten hat die Frage nach der Natur des Menschen nochmals radikal aufgeworfen. (In späteren Jahren sind es vor allem der Terrorismus, insbesondere des IS, aber auch der sogenannte Kampf gegen den Terrorismus sowie die neuen Bürgerkriege, gerade in Syrien, die durch unglaubliche Brutalität und Grausamkeit noch einmal an der menschlichen Natur (ver)zweifeln lassen.)

 

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08.04.16  Abschied von der Natur (2) - "Biollusionen"

Viele Menschen bei uns ergehen sich in naturseliger Euphorie und "Bio-Illusionen". Aber "zurück zur Natur", zurück in ein spartanisches, hartes, entbehrungsreiches, eben natürliches Leben, das will kaum jemand. Das wird nur abstrakt gefordert. Konkret fordert man allerdings, Naturvölker bzw. unterentwickelte Völker mit unserer Technik zu verschonen, nicht zuletzt, damit ihre Scheinidylle, ihre pittoreske Armut erhalten bleibt, die wir als Touristen so gerne bestaunen.

 

Nein, echte Aussteiger gibt es wenige. Und es zieht diese Leute auch selten in eine unberührt - gefährliche Umwelt, sondern in liebliche Gegenden, wo die Natur längst gezähmt und kontrolliert ist, nach Südfrankreich oder auf eine griechische Insel. Dort lebt man dann meistens in größeren Gruppen, sogenannten Landkommunen. Aber auch diesen Kommunen ist selten eine lange Dauer beschert, denn sogar in solchen "naturberuhigten" Gegenden ist vielen das Leben - womöglich ohne Strom, Licht, Heizung und warmes Wasser - einfach zu hart.

 

Wenn man schon selbst nicht in die Natur zieht - vom "Häuschen im Grünen" wollen wir hier absehen -, so versucht man wenigstens, Natur (oder was man dafür hält) wieder mehr in seine Alltagswelt hineinzuziehen, nach einem Prinzip Natürlichkeit zu leben: vor allem sich natürlich zu ernähren, Naturstoffe zu tragen, Möbel aus Naturholz zu kaufen, nur Kosmetika aus natürlichen, am liebsten pflanzlichen Stoffen zu verwenden, sich im Krankheitsfall mit Naturheilkunde zu behandeln bzw. vom Arzt für Naturheilverfahren oder sogar vom Naturheiler behandeln zu lassen. 

 

Viele Menschen glauben, was natürlich sei, das sei auch automatisch gesund, bekömmlich, heilsam. Im Umkehrschluss wird alles "Chemische" als ungesund, schädlich, giftig angesehen. Das ist in vielfacher Weise absurd. In der Natur wimmelt es geradezu von Giftpflanzen und Gifttieren. Auch gefährliche Schwermetalle wie Arsen oder Mineralfasern wie Asbest stammen ursprünglich aus der Natur. Keineswegs ist ein Nahrungsmittel oder Medikament schon deswegen unschädlich, weil es natürlicher Herkunft ist. Ebensowenig muss Chemie immer gesundheitsschädlich sein. Überhaupt werden Naturstoffe heutzutage oft chemisch synthetisiert, zum Beispiel Vitamin C (Ascorbinsäure). Der synthetisierte Stoff ist mit dem natürlichen völlig identisch, es besteht dabei gar kein Unterschied mehr zwischen Natur und Chemie.

 

Auch hat vieles, was als "natürlich" angeboten wird, diese Kennzeichnung gar nicht verdient. Die Verbraucher kaufen gerne Kleidung aus "100 % Baumwolle", sie glauben, damit ein reines Naturprodukt zu erwerben. Die Baumwolle wird aber mit einer Vielzahl von Chemikalien, in diesem Fall auch schädlichen, behandelt. Dagegen ist ein Kleidungsstück aus moderner Chemie- oder Kunstfaser wesentlich gesünder, es gibt keine Schadstoffe an den Körper ab. 

 

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03.04.16  Abschied von der Natur (1) - Die dunklen Seiten der Natur

Ich habe hier zuletzt die neue Einführung zur geplanten Homepage-Veröffentlichung meines Buches "Abschied von der Natur" eingestellt. Im Folgenden werde ich einige modifizierte Texte aus diesem Buch abdrucken. Die Texte sind teils provozierend, ich würde sie heute nicht mehr genauso schreiben, aber sie haben m.E. weiterhin ihren Sinn und ihre Berechtigung.

Gerade in den modernen, westlichen Staaten wird die Natur gerne idealisiert, von vielen Menschen nahezu vergöttert. Bei dieser Naturverklärung wird weitgehend ausgeklammert, wie die Natur wirklich ist. Sie wird nur als gute Mutter beschrieben, die ihren Menschensohn nährt und schützt, was der ihr aber nicht danke; denn er misshandele sie, raube ihre Schätze und überschütte sie mit chemischem Gift. Bei dieser Sicht geraten die hässlichen, bösen und giftigen Seiten der Natur völlig aus dem Blick.

 

Sprechen wir zunächst von der Vergangenheit, davon, wie die Menschen früher "natürlich" lebten (für die sogenannten "Naturvölker" ist dies allerdings bis heute ihre Gegenwart). Auch wenn wir Bewohner von Industriestaaten noch viel mit der Natur zu schaffen haben - viel mehr, als uns oft klar ist - , so ist dies nicht mit den Verhältnissen in früheren Zeiten zu vergleichen. Damals existierten die Menschen wirklich im engsten Kontakt mit den Naturgewalten. Sie lebten zwar von der Natur, aber auch gegen sie. Einerseits gab Mutter Natur ihnen Nahrung und Kleidung, aber andererseits mussten sie ihr Leben ständig gegen die "böse Stiefmutter" Natur verteidigen. Sie mussten sich gegen Hitze und Kälte, Regen und Sturm behaupten; und vor allem mussten sie sich der Angriffe wilder Tiere erwehren.

 

Auch wurde ihnen die Nahrung keineswegs geschenkt. Es war kein Schlaraffenland, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen oder wo Milch und Honig fließen, sondern die meisten Völker hatten der Natur ihre Nahrung abzutrotzen, ernteten mühselig angebaute Nahrungspflanzen oder jagten und fischten, oft unter Einsatz des eigenen Lebens.
Und dies ist das "Grundgesetz der Natur": jagen oder gejagt werden, töten oder getötet werden, fressen oder gefressen werden. "Natürliches" Leben bedeutet permanente Gefahr, Wechsel zwischen Flucht und Kampf; es ist wie im Krieg, nein es ist Krieg. Zwar gibt es auch Kooperation und Symbiose, aber sie sind dem Kampf ums Überleben völlig untergeordnet. Es herrscht das Faustrecht (vielleicht sollte man hier besser "Pfotenrecht" sagen), das Recht des Stärkeren. Der Schwächere hat sich zu ducken, sonst wird er verjagt oder gemordet. Das Zusammenleben in der Natur ist somit gerade das Gegenteil einer demokratischen Ordnung, in der prinzipiell alle Mitglieder gleichberechtigt sind.

 

Das ständige Sich-Wehren-Müssen gegen Naturgewalten oder gegen andere Lebewesen, nicht zu vergessen Krankheitserreger wie Bakterien und Viren, macht verständlich, warum die Menschen sich, soweit sie konnten, von dem Naturleben wegentwickelt haben. Und warum Naturvölker, wenn sie mit der Zivilisation in Berührung kommen, fast immer mit großer Bereitwilligkeit und Schnelligkeit deren Errungenschaften übernehmen, seien es materielle Dinge wie Kleidung und Werkzeug, seien es Verhaltensweisen wie eine veränderte Nahrungsaufnahme. Wenn die Naturmenschen mit ihrer Lebensweise wirklich so glücklich wären, wie uns mancher zivilisationsmüder Völkerkundler weismachen will, würden sie sich doch nicht so auf die Zivilisationsgüter stürzen.

 

Wir modernen Menschen der Gegenwart sind zwar auch noch mit der Natur verbunden, haben uns aber andererseits schon ein Stück weit von ihr losgelöst. Das wird heute von vielen als Entfremdung beklagt. Nur schwärmen immer die am meisten von etwas, die es am wenigsten kennen. Menschen, die tatsächlich in und mit der Natur leben, können sich keine sentimentale Naturseligkeit leisten. Sie mussten und müssen sich täglich einer - vielfach feindlichen - Umwelt erwehren, dieser ihr Leben abkämpfen.
Anders die Biophilen: Sie begeistern sich über das angeblich so harmonische Zusammenleben der Tiere und Pflanzen, über das ökologische Gleichgewicht, reden nur von Partnerschaft und Symbiose in der "sanften Natur". Für sie ist jeder modrige Tümpel gleich ein Biotop und jedes armselige Stoppelfeld ein Ökosystem. Aber sie meinen eigentlich gar nicht die echte Natur, sondern die romantischen, irrealen Naturbilder in ihren Köpfen.

 

Besonders absurd wirkt es, wenn im Rahmen von modischen Geistesströmungen wie New Age oder Esoterikwelle die Natur spiritualisiert, als heilig erklärt wird. Jeder Baum ist dann ein Heiligtum, jeder Wald ein Tempel. So wird die Natur selbst "übernatürlich", und der Mensch befindet sich auf dem Rückweg zur Naturreligion.

 

Gern lässt man sich dabei von "Naturweisen" inspirieren, besonders von Indianerhäuptlingen, die, anstatt in der Natur zu leben, von Großstadt zu Großstadt, von Kongress zu Kongress reisen (wie der inzwischen verstorbene Rolling Thunder), um die Bleichgesichter als Naturfrevler anzuklagen und ihnen ins Gewissen zu reden - vielleicht eine Art Rache für die frühere Eroberung der Indianergebiete durch den weißen Mann.

 

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30.03.16  Neues Vorwort für "Abschied von der Natur"

Ich plane, erstmals den vollständigen Text meines Buches "Abschied von der Natur" auf die Homepage zu stellen und habe dazu ein neues Vorwort geschrieben (das ich hier verkürzt widergebe). Zwar habe ich schon 2013 eine weitgehend vollständige Fassung als PDF eingestellt, aber die hatte Fehler und Mängel, die ich jetzt  - hoffentlich - korrigiert habe.

Allerdings habe ich den Text nicht inhaltlich überarbeitet oder aktualisiert, das hätte ein weitgehend neues Buch erfordert. 

 

Das Buch erschien 1997, das ist also fast 20 Jahre her. Damals war Gerhard Schröder noch Ministerpräsident in Niedersachsen, und Angela Merkel war Umweltministerin unter Kohl. Man kann natürlich fragen, ob das Buch nicht so veraltet ist, dass es sich gar nicht lohnt, es neu auf der Homepage zu veröffentlichen. Einmal davon abgesehen, dass ich als Autor eben gerne mein weitgehend vollständiges Werk an einem (virtuellen) Ort zusammenstellen möchte, ich meine, dass "Abschied von der Natur" zwar in den aktuellen politischen Bezügen völlig überholt ist, dass aber viele seiner Grundgedanken und erst recht viele Einzelanalysen bis heute gültig sind.

Die Grundthese des Buches war, dass die Natur stirbt. Weil der Mensch nicht wirklich bereit ist, die Natur zu retten. Und dass es daher richtig und notwendig ist, sich von der Natur abzukoppeln und ein Technik-zentriertes Leben zu führen. Dass dies auch die Chance für eine Evolution des Menschen bedeutet. Dabei wurde gefordert, sich auch von der "inneren Natur" des Menschen mit seinen primitiven Trieben und Aggressionen zu emanzipieren. Da das Erbe der Natur keineswegs so positiv sei wie immer behauptet, sondern dass die Natur ein Schlachtfeld, ein Kriegsschauplatz sei.

Meine Prognosen haben sich sicher (noch) nicht alle bewahrheitet. Die Natur ist wohl widerstandsfähiger gegen menschliche Zerstörung, als man vor 20 Jahre dachte. Aber das ändert doch nichts daran, dass immer mehr Wälder und Landschaften zerstört werden, dass immer mehr Arten aussterben und dass die Umwelt (von einzelnen Verbesserungen abgesehen) zunehmend mit Gift- und Schadstoffen belastet wird. Wir haben uns nur allmählich daran gewöhnt und verdrängen es, noch mehr als früher.

Seinerzeit wurde viel vom "Waldsterben" gesprochen. Sicherlich, der Begriff war übertrieben, und wir haben heute immer noch Wälder. Andererseits ist auch wahr, dass je nach Baumart weiter ein Großteil der Bäume krank ist und der Wald somit immer noch – wenn auch eher von anderen Schadstoffen als früher – bedroht ist, wie man in entsprechenden Untersuchungsberichten nachlesen kann. So wird z. B. im Waldzustandsbericht für Baden-Württemberg von 2015 nur 29% der Waldfläche als gesund bezeichnet, was schon als Erfolg gewertet wird, denn im Jahr 2014 waren nur 24% des Waldes gesund. Nur werden solche Zahlen kaum noch in der Öffentlichkeit registriert.

Jedenfalls hat sich meine Vorhersage einer zunehmenden Technisierung in alle Lebensbereichen als richtig erwiesen. Z. B. habe ich damals geschrieben, dass man – analog zum Herzschrittmacher – einen "Hirnschrittmacher" einsetzen könnte, um Störungen des Gehirns zu regulieren bzw. seine Leistungen zu verbessern. Darauf reagierten einige Kritiker mit Ablehnung und Paranoia. Heute wird dieser Chip im Gehirn von der Medizin durchaus eingesetzt, kann z. B. bei Epilepsie helfen.

Der "Abschied von der Natur" hat von meinen bisherigen Büchern weitaus die größte Aufmerksamkeit erzielt. Es brachte mir Auftritte im Fernsehen und im Rundfunk ein, und es erschienen schätzungsweise 100 Rezensionen, u. a. in so wichtigen Zeitungen wie der "Welt" und der "Süddeutschen". Die Zeitschrift "Natur" beschäftigte sich über mehrere Hefte mit meinem Buch. Dabei wurden auch Prominente befragt wie der Komponist Karlheinz Stockhausen, der Grafiker Klaus Staeck oder selbst die damalige Umweltministerin Angela Merkel. Alle diese "Experten" gaben (natürlich ohne mein Buch gelesen zu haben) Statements ab von beeindruckender Einfalt, deutlich populistisch bemüht, ein naturkritisches Buch schlechtzureden.

Und das muss man zugeben: Die Reaktionen auf "Abschied von der Natur" waren überwiegend polemisch bis feindselig; kaum ein Kritiker hat das Buch wirklich verstanden und gewürdigt. Sicherlich, das Buch ist provozierend. Und es rührt an einem Tabu. Es herrschte (und herrscht bis heute) ein Dogma, dass die Natur gut und rein ist, daher unbedingt geschützt werden muss. Dass jemand an diesem Tabu, an dieser "heiligen Kuh" rührte, rief  Aggressionen hervor.

Die Wut vieler Kritiker hatte allerdings auch noch einen konkreteren Anlass. Mein Ansatz besagte: Obwohl ständig von Umwelt- und Naturschutz geredet wird, sind die wenigsten Menschen bereit, wirklich etwas für die Umwelt zu tun, Opfer auf sich zu nehmen, auf ihre Bequemlichkeiten zu verzichten. Daher kann die Natur nicht überleben, und so müssen wir nach einer Alternative suchen, nämlich einem Technik-bestimmten Leben, was allerdings auch eine Weiterentwicklung für uns Menschen bedeutet.

Damit wurde die Heuchelei aufgedeckt, dass wir alle doch so wahnsinnig naturlieb sind, es wurde die Verlogenheit entlarvt, mit der viele Menschen (eben auch die Kritiker) Umweltschutz predigen, andererseits bei jedem Urlaub mit dem Kerosin-schluckenden Jet in den Urlaub fliegen, auf den Autobahnen rasen – ohne Rücksicht auf Spritverbrauch und Schadstoffemissionen –, dass sie sich bei jedem Einkauf eine Plastiktüte geben lassen, überhaupt viel zu viel konsumieren, dass sie ihren Müll oft genug nicht ordentlich trennen usw.
Ein Großteil der Bürger, gerade die Großstädter, haben einerseits ein verkitschtes Verhältnis zur Natur (die sie übrigens gar nicht wirklich kennen); vielleicht vergießen sie sentimental ein paar Tränen über einen Bambi-Film. Aber andererseits ist ihnen in ihrem tiefsten Inneren die Natur eigentlich herzlich egal. Für sie gilt: "Mein Auto fährt auch ohne Wald."
Und niemand lässt sich natürlich gerne bei seinen Lügen, Ausflüchten und Fehlverhalten erwischen. Lieber attackiert man den Boten bzw. den Autor, der die schlechte Nachricht bringt.

Natürlich hätte man an meinen Aussagen konstruktiv Kritik üben können, aber davon war fast nichts zu lesen. Sagen wir es deutlich: Die meisten, ziemlich unsachlichen Kommentare haben letztlich nur eine These meines Buches bestätigt, ämlich dass die Menschen noch stark von der emotional-aggressiven Natur (in sich) geprägt sind. Sie urteilen aus irrationalen Gründen, ohne die Sachverhalte wirklich zu kennen und zu verstehen.

Ich denke weiterhin, mein Buch war mutig, originell, innovativ. Dennoch würde ich es heute sicher nicht mehr genauso schreiben. Manches würde ich inhaltlich nicht mehr so dezidiert vertreten, vor allem aber würde ich differenzierter schreiben. Eigentlich neig(t)e ich bei meinen (populär)wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu einer ausgewogenen Darstellung, aber hier entschied ich mich, auch im Sinne des Verlages, für einen provokativen Stil, um mit meinem Buch in der Masse der Veröffentlichungen eine gewisse Aufmerksamkeit zu erzielen. Man musste (und muss) – leider – eine Theorie sehr pointiert vertreten, wenn man sie bekannt machen will, das Für-und-Wider-Abwägen langweilt leider die meisten Medien und Leser. Ich wollte mit meinem Buch "wachrütteln", und das ist mir auch gelungen.

Aber es hat sich gezeigt, dass viele Leser/innen – beim Tabu-Thema "Natur" – durch die Provokation nur auf Abwehr gehen, gar nicht mehr weiterlesen und weiterdenken; und das wollte ich natürlich nicht.
Und bei einem Thesen-Buch ist überhaupt die Gefahr, dass man nur nach Argumenten sucht, seine Theorie auszubauen und zu bestätigen, und nicht nach solchen, die sie schwächen oder gar widerlegen.
Ich würde das Buch heute auch eher deskriptiv anlegen, also nur den Zustand und die voraussichtliche Zukunft der Natur beschreiben, anstatt – präskriptiv – zu bestimmten Handlungen aufzufordern. Und im nach hinein habe ich es bedauert, dass ich mein Buch nicht schon 1997 deskriptiv-analytisch verfasst habe.

Fazit: Obwohl einzelne Thesen des Buches überholt sind, insgesamt haben seine Aussagen bis heute Gültigkeit, sind teilweise sogar noch aktueller als vor 20 Jahren. So gesehen war das Buch wahrscheinlich seiner Zeit voraus, erschien zu früh. In jedem Fall wäre es Zeit für eine Neuentdeckung des Buches "Abschied von der Natur".
 

 

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23.03.16  Die Bedeutung des Yin im spirituellen Denken


Die Polarität von Yin und Yang spielt eine große Rolle im
spirituellen Denken. Sie stammt ursprünglich aus der östlichen
Religion, dem Taoismus, hat sich aber auch im Westen verbreitet.

Dabei werden dem weiblichen Prinzip „Yin“ (wie entsprechend
dem männlichen Prinzip „Yang“) im New Age, aber generell im
spirituellen Denken ganz unterschiedliche Bedeutungen zugeordnet.
Zwar ist - bei einer quantitativen Bestimmung – (vgl. z. B. mein
Buch über New Age) noch in etwa erklärbar, dass die Natur grund-
sätzlich Yin zugerechnet wird, aber dennoch innerhalb der Natur
wieder zwischen Yin (z. B. Erde) und Yang (z. B. Luft) unter-
schieden wird: Erde ist eben sehr viel stärker Yin als Luft.

Aber wie kann Yin z. B. zugleich für Gefühl und Tod oder für Liebe
und Kühle stehen? Letztlich stellt sich die Frage: Gibt es über-
haupt eine einheitliche Grundbedeutung von Yin und Yang?

Um das zu ergründen, möchte ich zunächst etwas Ordnung in
die Bedeutungen von Yin bringen (für das komplementäre Yang
gilt jeweils Entsprechendes).

Im New Age wie überhaupt in der Esoterik geht man gerne von ei-
nem Schichtenbau der Welt, einer Hierarchie, aus. Ich hatte Yin
- wie verbreitet - zunächst als Sanftheit und Liebe bestimmt; die-
se beiden Bestimmungen nehmen zwar einen relativ hohen Rang
in der Hierarchie ein, bleiben aber noch Gefühlsqualitäten.

Manche New Ager stellen das Yin jedoch auf den höchsten Platz, in-
dem sie es mit Spiritualität gleichsetzen; für sie verkörpert (oder bes-
ser »vergeistert«) Yin die größte Reife, Transzendenz, ja Göttlichkeit.
Diese Deutung wird aber von vielen bestritten, zu Recht, wie ich noch
zeigen werde.

Von da an geht's bergab — denn von solcher Höhe kann es ja nur
abwärts gehen. So wird das Yin von anderen eine Stufe unter Sanft-
heit generell mit Gefühl identifiziert, also nicht nur mit den sanften,
liebevollen Gefühlen, sondern auch mit Wut, Zorn und Hass. Das Ge-
fühl ist aber mit dem Bedürfnis verwandt, und von da ist der Weg
nicht weit zu Sinnlichkeit und Trieb. Und da ja der Unterkörper dem
Yin zugeordnet wird - deutlicher geht es nicht mehr -, soll auch Se-
xualität
zum Yin gehören.

Aber der »Fall« des Yin geht noch weiter, seine nächste Station ist
der Körper: Yin umfasst hier zusätzlich alle körperlichen Prozesse,
»sinkt« damit noch unter die Triebebene. Jetzt gilt es, sich vom rein
Menschlichen zu verabschieden und den animalischen Bereich will-
kommen zu heißen. Yin steht hier auch für das Tier (im Menschen)
und - fügen wir gleich den nächsten Schritt hinzu - allgemein für die
Natur (des Menschen). Damit gelangt es zur Endstation bei diesem
»Sturz in die Materie«, nämlich zur Materie selbst.

 

Tatsächlich finden wir im New Age alle diese Einstufungen des
Yin, von der höchsten Spiritualität bis zur niedrigsten Stofflich-
keit. Und das ist auch deswegen so wichtig, weil das Yin ja mei-
stens - bewusst oder unbewusst - mit dem weiblichen Geschlecht
identifiziert wird.

Je nach Einschätzung des Yin gilt die Frau dann einerseits als
das sanfte oder sogar das spirituelle Geschlecht. Auf der anderen
Seite aber wird sie in Verbindung gesetzt mit der (Mutter) Natur
oder gar mit der Materie, die schon etymologisch als weiblich be-
stimmt werden kann: lateinisch »materia« von »mater« = Mutter.

Wenn man von daher das Wesen der Frau - mal wieder - als
animalisch-triebhaft, stofflich-fleischlich definiert, so entspringt
das sicher eher Männerphantasien – hoffnungsvollen wie
angstbesetzten.

Allerdings ist mit dieser Stufung von Spirit bis zu Materie noch
nicht zwangsläufig eine Bewertung verbunden. Es gibt ganz unter-
schiedliche Bewertungen. Die Materie, der Stoff, kommt zwar bei
allen Esoterikern recht schlecht weg, aber Gefühl und Körper, das
Natürliche und das Animalische, stehen bei vielen neueren New
Agern besonders hoch im Kurs (wenngleich sie es häufig als nur
»sanft« und »zart« verkennen).

Das Geistige wird hier nämlich - als bloßer „Kopf“, gemeint ist neu-
rotischer Überbau - abgewertet, dagegen die Natur, die Basis, er-
höht; manche spiritualisieren sie sogar, »zurück zur Natur« heißt
dann »zurück zu Gott«. Aus dieser Sicht wird die Frau eher höher
bewertet als der Mann.

Die traditionelle Esoterik sieht das Yin dagegen weit von der
Spiritualität entfernt; sie verweist es auf das Körperliche, Materi-
elle o. ä., zurück und bewertet dieses als niedrig, dafür das Yang
- den Verstand - als höher.

Hier führt die geistige Evolution, also die spirituelle Entwick-
lung - gerade umgekehrt - »weg von der Natur« und somit »vor-
wärts zu Gott«. Dabei ist diese Auffassung oft verbunden mit ei-
ner meist unterschwelligen Ablehnung und Abwertung der Frau.

Zwar liest man immer wieder, es ginge nicht um Bewertungen.
Aber das Yin - als Materie, Stoff - ist eben auch das Schmutzige,
sogar Sündige, himmelweit entfernt vom sauberen, klaren, »reinen«
Geist.

Dieser Bedeutungsmischmasch von “Yin” verlangt nach einer sytemati-
schen, differenzierten Definition, bei der die unterschiedlichen, ja
gegensätzlichen Bedeutungen klar benannt und unterschieden, aber auch
möglichst in einen größeren Bedeutungsrahmen eingeordnet werden.
Ich habe das ansatzweise schon vollzogen, z. B. in meinem Buch über
 Esoterik, plane aber noch eine neue, systematischere Darstellung.

Literatur: modifizierter Auszug aus meinem Buch:
„Die schöne Illusion der  Wassermänner“
 

 

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16.03.16  Die New Age-Bewegung (2)


4. Der innere und der äußere Weg

 

Wie soll aber konkret diese Entwicklung von der Krise zur besse-
ren Welt vonstatten gehen? Hier scheiden sich klar die Geister
und trennen sich die Wege. Die einen setzen ausschließlich auf ei-
nen inneren und individuellen Weg: Transformation der eigenen
Person, des eigenen Bewusstseins; in seinem Wesen sanfter, ganz-
heitlicher und spiritueller werden - durch Meditation, Mystik,
Magie. Man geht davon aus, dass sich das alte Weltbild vorwie-
gend in unserem Empfinden und Denken niedergeschlagen hat
und also nur hier zu überwinden ist.

 

Wenn die äußere und gesellschaftliche Krise überhaupt beachtet
wird (und nicht nur das eigene Selbst), so glaubt man doch: Jeder
kann nur bei sich selbst anfangen, bei der Erweiterung seines Be-
wußtseins - die gesellschaftliche Transformation erfolgt dann au-
tomatisch. Manchen gilt politisches Handeln nicht nur als nutzlos,
sondern sogar als ein Ausweichen vor der Aufgabe, seine Persön-
lichkeit zu entfalten. Diese Beschränkung auf die eigene Innen-
welt kennzeichnet das ursprüngliche, das eigentliche New Age.
Und auch heute machen diese »Innenweltler« - Capra & Co. zum
Trotz - immer noch den größten Teil der New Ager aus.

 

Die anderen setzen auf eine Verbindung von innerem und äuße-
rem Weg
, von individueller und kollektiver Transformation.
Wenn man das Innere oft auch als grundlegender ansieht, so hält
man doch eine parallele und wechselseitige Veränderung von Indi-
viduum und Gesellschaft für notwendig - bzw. eine nur individuel-
le Entwicklung kaum für möglich. Denn das alte Weltbild hat
eben nicht nur unser Innenleben infiziert, sondern auch unsere
Außenwelt: Es hat sich verwirklicht in gesellschaftlichen Institu-
tionen und Strukturen, vor allem aber in den »Errungenschaften«
der Technik, wie Fabriken und Maschinen, die sich noch nicht da-
durch ändern, dass wir - einzeln, im stillen Kämmerlein - unser
Bewusstsein in die Weite ziehen. Vielmehr müßten auch das allge-
meine Bewusstsein und erst recht das Handeln sich entwickeln —
fordern die »Integrierer«.

 

In den letzten Jahren ist diese Richtung bei den Wasser- und
Wendemännern erstarkt — die Bewegung hat sich politisiert, »ge-
rötet«, vor allem aber »vergrünt«. Dennoch kann man heute
(noch?) kaum von einer Heirat zwischen New Age und Grünen
sprechen. Manches deutet auch darauf hin, dass New Age sich
spalten könnte: in die Innenweltler oder Insider, die sich immer
stärker auf ihre innere Seite, ihre innere Welt konzentrieren, und
die Integrierer, die inside und outside zu verbinden suchen.

 

 

5. Drei Strömungen des New Age


Eigentlich müssen wir noch genauer differenzieren: Bisher habe
ich stillschweigend (inneres) Erleben/Selbsterfahrung und Den-
ken/Theorie als inneren Weg zusammengefasst. Doch viele, ja
wohl immer noch die meisten »Wasser(mann)köpfe« sind Anti-In-
tellektualisten; sie halten Denken und Theoretisieren so ungefähr
für das letzte, für »mind-fucking« oder »Kopfwichserei«. Es zählt
nur die eigene Erfahrung und Empfindung. Und dies - die Selbst-
erfahrung - ist auch die Wurzel des New Age. Andere betonen
dagegen die intellektuelle Seite des Innenwegs, das Neue Denken.
Sei es mehr in wissenschaftlicher Hinsicht, wie z. B. Capra, oder
mehr in esoterischer Hinsicht, wie z. B. Thorwald Dethlefsen.
So können wir also drei Hauptrichtungen unterscheiden:

 

New Age =
1. Neues (inneres) Erleben: die ursprüngliche Richtung
2. Neues  Erleben   +   Neues  Denken:   der vollständige  innere
Weg
3. Neues Erleben + Neues Denken + Neues Handeln: die Ver-
bindung von innerem und äußerem Weg
Die 1. Gruppe nenne ich die Selbsterfahrer, die 2. die Innenwelt-
ler
und die 3. die Integrierer.

 

Wenn es auch Übergänge gibt, so sind diese Unterscheidungen
doch wichtig. Und weil man sie zu wenig berücksichtigt, wird oft
pausenlos aneinander vorbeigeredet. Mein Wassermann, dein
Wassermann — jeder spricht von »seinen« Wassermännern. So
treffen weder die Argumente der Befürworter noch die der Geg-
ner, weil jedermann ein anderes New Age meint.

 

Aber welches ist das wahre New Age? - Wer will das entschei-
den? Fest steht nur, dass es anfangs fast ausschließlich um die inne-
re, individuelle Erfahrung ging. Denken (jedenfalls wissenschaftli-
ches) und gesellschaftliches Handeln galten als irrelevant oder
schädlich.

 

In späteren Zeiten kam dann Interesse für neues Denken und
Handeln hinzu. Das führte schließlich so weit, dass es heute »reine
Denker« oder »reine Macher« gibt, die sich dennoch als New Ager
verstehen. Menschen, die ganz in ihren esoterischen Theorien
oder ihrem politischen Agieren aufgehen, ohne sich um die Entfal-
tung ihres Selbst zu kümmern. Aber solche Gestalten dürfen sich
kaum echte New Ager nennen. Denn für diese bleibt die Selbst-
entfaltung ein Muss. Und zwar die Praxis; das Darüber-Reden
reicht nicht. Wenn die eigene Bewusstseinsentwicklung auch nicht
alles für alle New Ager ist - ohne die ist für sie alles nichts.

 

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10.03.16  Die New Age-Bewegung (1)

Die New Age-Bewegung ist bzw. war eine philosophisch-spirituell-astrologisch-wissenschaftlich-ökologische Bewegung,die vorwiegend seit den 1970er Jahren Verbreitung fand und ihren Höhepunkt ungefähr um 1990 erlebte. Anstatt von "New Age" (neues Zeitalter) sprach man auch von "Wassermann-Zeitalter".

 

Inzwischen ist die Bedeutung von New Age stark zurückgegangen, was schade ist, denn diese Bewegung hatte viele richtige Ideen, die noch lange nicht umgesetzt sind. Stattdessen hat sich das Interesse mehr der Esoterik zugewandt, die deutlich einseitiger und weniger ambitioniert ist als New Age.

 

Viele Aussagen der New Age-Vertreter waren  recht diffus, aber auch viele Sekundärliteratur über New Age ließ die wünschenswerte Klarheit vermissen. Ich habe 1989 ein Buch über New Age veröffentlicht („Die schöne Illusion der Wassermänner“), in dem ich versucht habe, diese Geistesströmung präzise und systematisch zu beschreiben und zu erklären. Derzeit bereite ich eine Scanfassung meines Buches für die Homepage vor.

 

Hier bringe ich als modifizierten Auszug aus meinem Buch über die Grundthesen von New Age. 

 

 

1. Unsere Welt befindet sich in einer Krise


Diese bedroht das Überleben der Menschheit und der Erde. Es ist
einmal eine innere Krise, des Bewusstseins, des Fühlens, Denkens
und der Wahrnehmung. Sie zeigt sich in Empfindungen wie Sinn-
leere, Angst, Selbstentfremdung, Depression u. v. m. Es ist aber
zugleich eine äußere Krise, unseres Tuns und Handelns, unserer
Zivilisation und Technologie, die sich in den Industriestaaten vor
allem in Umweltverschmutzung, Naturzerstörung, Rüstung, Kri-
minalität etc. zeigt, in der Dritten Welt in Hunger, Armut und an-
derer Not.
Diese Krise betrifft sowohl die Menschen als Gesamtheit wie
auch jeden einzelnen. Dabei unterteilt man oft in innere (individu-
elle) und äußere (gesellschaftlich-globale) Misere — doch auch das
äußere Handeln des Individuums und das innere Kollektivbewusst-
sein der Gesellschaft sind von Bedeutung. Die innere (individuel-
le) und die äußere (kollektive) Fehlentwicklung gelten aber nur als
zwei Seiten einer einheitlichen Mega-Krise, wobei die »Außen-
weltverschmutzung« mehr als Spiegel der »Innenweltverschmut-
zung« gesehen wird. Von daher interessieren sich etliche New
Ager auch nur für die Notlage des einzelnen - und zwar meist des
eigenen - Bewusstseins. Andere weisen darauf hin, dass es in er-
ster Linie die äußeren und gesellschaftlichen Störungen sind, die
das Überleben akut bedrohen.

 

 

2. Gründe für die Krise


Als Hauptgrund wird ein falsches bzw. einseitiges und überholtes
Weltbild angegeben, das unser Fühlen, Denken und Handeln un-
heilvoll beeinflußt. Anstatt von Weltbild spricht man auch von Pa-
radigma. Unser Paradigma ist etwa 300 bis 350 Jahre alt — und da-
mit reichlich angestaubt. Von seiner Entstehungsgeschichte be-
trachtet, werden hier vor allem zwei Denker des 17./18. Jahrhun-
derts als Väter angeklagt: Rene Descartes und Isaac Newton, von
daher auch der häufig gebrauchte (Schimpf-)Name: kartesia-
nisch-newtonsches Paradigma.
Dass dieses Weltbild erst heute (mit 300 Jahren Verspätung) zu
einer so zugespitzten Krise führt, erklärt man durch die Kumula-
tion von Schäden. Vor allem aber dadurch, dass unsere - eben
durch dieses Weltmodell ermöglichte -Technik erst heute einen
Stand erreicht hat, der die völlige Zerstörung der Erde möglich
macht. Zwar war besagtes Paradigma zunächst nur im Westen gei-
stig beheimatet; wir Westler haben es aber im Laufe der Jahrhun-
derte, teilweise mit unserer Technologie, nach Osten exportiert
bzw. über den ganzen Globus verbreitet — vor allem aber die dar-
aus resultierenden Umweltschäden.
Jenes Weltmodell, das von Descartes und Newton begründet
und an dem dann fleißig weitergestrickt wurde, definieren die New
Ager als mechanistisch. Um das mit einem Begriff zu bestimmen:
Spaltung. Ein Verlust der Ganzheit — im Denken, Erleben und
Handeln. Damit wurde die alte, ganzheitliche Weltanschauung ab-
gelöst, in der Kosmos, Natur und Mensch als Einheit galten.
Im einzelnen läßt sich unser Krisen-Paradigma durch drei Merk-
male bestimmen (merke: »die 3 falschen Ms«):

 

- Maskulinismus: Betonung von »männlichen« Eigenschaften wie
Kampf/Aggressivität und Verstand/Rationalität (auch patriarcha-
lisch, sexistisch). Damit ein Verlust von »Weiblichkeit«.
- Maschinismus: Aufspaltung von Welt und Mensch in isolierte Tei-
le, nach dem Vorbild der Maschine. Vor allem Trennung von Kör-
per und Seele. Daher ein Verlust der Ganzheitlichkeit.
Materialismus: Fixierung auf das Materielle, Messbare, Machbare
wie auf das Weltliche und Oberflächliche. Deshalb Verlust der
Bindung an eine spirituelle, geistige Ureinheit.

 

Wir werden noch sehen, dass nicht alle New Ager Descartes und
Newton (allein) auf die Anklagebank setzen. Manche machen viel
frühere Wurzeln der Krise aus, andere sehen sie als ein im Grunde
normales Stadium in einem Entwicklungsprozess. Wer hier - ver-
mutlich - recht hat, wird noch erörtert werden.

 

 

3. Wege aus der Krise


Wenn das alte Weltbild uns diese Schwierigkeiten eingebracht hat,
dann brauchen wir logischerweise ein neues (bzw. müssen wir das
alte überwinden). Meistens wird das erstrebte, neue Paradigma
holistisch (griech. »holos« = ganz) genannt. Es soll uns die verlo-
rene Ganzheit zurückbringen. Dabei lassen sich wieder drei
Hauptmerkmale unterscheiden, die den »3 falschen Ms« genau
entgegengesetzt sind:

 

- Feminismus (Überwindung des Maskulinismus): Verstärkung von
»weiblichen« Eigenschaften wie Sanftheit/Friedfertigkeit und Ge-
fühl/Intuition.
- Organizismus (Überwindung des Maschinismus): Herausstellung
der (organischen) Ganzheitlichkeit der Welt, der Erde und des
Menschen, von Geist, Seele und Körper.
- Spiritualismus (Überwindung des Materialismus): Hinwendung zu
einer immateriellen Ureinheit. Betonung geistiger, ideeller Kräfte
und Werte.

 

Der Wechsel vom alten zum neuen Weltbild, der Paradigmen-
wechsel, soll durch eine Transformation, eine Umwandlung, ge-
schehen. Dabei denken manche New Ager mehr an einen Sprung
nach oben — also Revolution statt Evolution; andere glauben an
eine gemütlichere, allmählichere Entwicklung. Jedoch verstehen
die meisten die »Ent-wicklung« nicht als die Bildung von etwas
wirklich Neuem, sondern als eine Annäherung an unser ursprüng-
liches, verlorengegangenes wahres Wesen, als »Aus-wicklung« ei-
nes schon immer vorhandenen Kerns.
Diese Transformation soll sich jetzt, im Neuen Zeitalter, vollzie-
hen, wobei aber verschiedene Ansichten über das Wie existieren:

 

- die bequeme: Danach hat die Umwandlung schon begonnen
und läuft eigengesetzlich weiter, z. B. astrologisch bedingt, durch
den Beginn des neuen Weltenjahrs (der Wassermann ist schon
da);
- die optimistische: Die Umwandlung hat zwar noch nicht ange-
fangen, wird aber von selbst ablaufen (der Wassermann wird's
schon richten);
- die realistische: Die Umwandlung kommt nur, wenn wir sie
selbst herbeiführen (der Wassermann nimmt uns nicht die Arbeit
ab).

 

Alle drei Auffassungen beinhalten aber die Zuversicht: Wir
können die Welt noch retten. Und das ist typisch. Denn im Ge-
gensatz zu vielen anderen Zeitkritikern, die den Untergang unse-
rer Welt als schon (fast) sicher ansehen, glauben die New Ager
daran, dass Rettung noch möglich ist. Ja vielmehr, dass wir uns auf
dem Weg nach oben, zu einer Höherentwicklung befinden und die
Krise vielleicht gerade die Chance - oder sogar die Vorausset-
zung - für den »Quantensprung« auf eine höhere Dimension ist.
Wer nicht daran glaubt, gilt kaum als echter New Ager, denn der
Optimismus gehört einfach dazu.

Literatur: Modifizierter Auszug aus meinem Buch „Die schöne Illusion
der Wassermänner.. New Age, die Zukunft der sanften Verschwörung“

 

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 07.03.16  Alles ist eins — ja oder nein?

Der Satz „Alles ist eins“ spielt eine große Rolle in spirituellen
Lehren, wird aber durchaus auch von Wissenschaftlern vertreten.
Allerdings gibt es 1001 oder auch 2001 Deutungen für diesen
Satz von der All-Einheit. Er ist auch durchaus für materialistische
Interpretationen offen, z. B. »Alles ist eins«, weil alles aus dersel-
ben Materie besteht.
Ich möchte mich aber auf die wichtigsten Auffassungen beschränken,
wie sie in der New-Age-Bewegung vertreten werden.
Dort werden vor allem die Prinzipien Sanftheit, Polarität,
System und Hologramm thematisiert.

1) Sanftheit, Liebe: Alles ist eins, weil alles teilhat an der höch-
sten, göttlichen Liebe. Wie die New Ager das Unsanfte weger-
klären, wissen wir ja bereits; z. B. heißt es, das Lieblose gehöre
nicht zum Wesen, sei un-wesentlich. Ähnlich lässt sich der Ein-
heitsspruch für andere (ein-polare) Prinzipien begründen, z. B.
durch Partizipation, durch Teilhabe am göttlichen Geist oder an
der kosmischen Energie.

2) Polarität: Alles ist eins, weil alles Teil der universalen
Yin-Yang-Ganzheit ist. Oder noch stärker: Alles ist eins, weil alles
aus der Ureinheit, dem Tao geboren wurde. Ein Kritikus mag
zwar einwenden: Okay, dann gilt »Alles war eins«, aber das garan-
tiert nicht, dass immer noch alles eins ist, selbst wenn wahr sein
sollte »Alles wird (wieder) eins sein«. Aber solche »Haarspalterei-
en« wischt man mit der Behauptung beiseite, dass das zeitlose Tao
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereine.

3) System: Alles ist eins, weil alles dem universalen System, dem
Universum angehört. Und in einem System hängen eben alle Teile
miteinander zusammen, bilden eine Einheit. Wir alle sind »Kinder
des Weltalls«, vom Wasserstoffatom bis zum Stern.

4) Hologramm: Alles ist eins, weil alles zusammen ein kosmisches
Hologramm bildet bzw. einen universellen Geist.

Was soll man von dieser vielseitigen Beschwörung der All-Ein-
heit halten? Sehen wir einmal von den schon besprochenen Män-
geln der einzelnen Denkmodelle ab, so fällt als erstes auf: Der
Satz wird nicht so heiß verstanden, wie er gesprochen wird. Damit
meine ich, die New Ager denken zwar in einer abstrakten oder
verschwommenen Weise an eine All-Einheit, aber keiner hält sich
wirklich für eins z. B. mit einem Atomkraftwerk, einem Misthau-
fen oder - noch schlimmer - einem Mechanisten. Und  der Satz
spielt beim praktischen Handeln ohnehin kaum eine Rolle.
Trotzdem müssen wir den Inhalt der All-Einheit-These ernst-
haft prüfen: Im strengen Sinn ist Einheit unteilbar — anders als
Ganzheit (die - wie z. B. ein System - einzelne Teile umfasst);
deswegen kann zwar alles Seiende eine Ganzheit bilden, aber
nicht eine Einheit. Strenge Einheit verlangt Identität — und natür-
lich sind nicht alle Dinge der Welt miteinander identisch, sondern
nur ein Ding mit sich selbst.

 

Aber auch wenn wir das mit der Einheit nicht so (str)eng sehen,
bleibt die Überbetonung der Einheit ein-seitig. Anstatt »Alles ist
eins« kann man ebenso gut behaupten: »Alles ist nicht eins«, denn
es gibt eben Einheit und Vielheit in der Welt. Das ist eine Frage
des Blickwinkels, welchen Aspekt man hervorhebt. Auch lässt sich
nicht ohne weiteres postulieren, die Einheit der Dinge sei das We-
sentliche, die Vielheit und Verschiedenheit nur das Oberflächli-
che.

Literatur: modifizierter Auszug aus meinem Buch über New Age:
 „Die schöne Illusion der Wassermänner“

 

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01.03.16  Unsere  Scheinwelt

 

Wir Menschen leben (weitgehend) in einer Scheinwelt. Diesen Punkt habe ich auch schon an anderer Stelle auf der Homepage dargestellt. Erstens, weil er von zentraler Bedeutung für verschiedene Wisenschaften ist, unsere Scheinwelt ist von philosophischen, psychologischen und gesellschaftlichen (und weiteren) Faktoren bestimmt. Zweitens ist dieses Faktum für unser Selbstverständnis als Menschen ganz wesentlich und bis heute allgemein kaum erkannt.

 

Philosophisch könnte man beim Thema Scheinwelt auf kritische Richtungen der Erkenntnistheorie hinweisen, wonach wir nie die Wirklichkeit selbst („das Ding an sich“) erkennen können, sondern nur das in der Wirklichkeit wieder finden, was wir selbst in sie hineinprojiziert haben – oder eine noch schärfere agnostische Position, wonach alle unsere „Erkenntnis“ Illusion ist. Schon Platon sprach davon, dass wir in einer „Schattenwelt“ leben.

 

Die Erkenntnistheorie habe ich aber in einem anderen Punkt dargestellt, hier geht es mir vorrangig um die anthropologische bzw. psycho-philosophische Sichtweise.

 

Hauptthese: Wir Menschen leben in einer hochgradig irrealen, illusionären Welt, einer Scheinwelt.  

Dabei gibt es zwei wesentliche Unterscheidungen zu treffen:

 

1.  Ein Teil der Irrealität entstammt der genetischen Anlage: Der Mensch glaubt meistens, er handele aus rationalen Entscheidun- gen. Tatsächlich sind wir in vielem von uralten Trieben und Emotionen gesteuert, die wir oft gar nicht als solche erkennen. Hier nur ein Beispiel: Der Raser auf der Autobahn, der einem anderen Auto hinterjagt, ahnt nicht, dass er von einem vorzeitlichen Jagd- und Beuteinstinkt gesteuert wird.

 

2.  Noch gravierender sind aber die Realitätsverzerrungen, die durch Kultur und Erziehung dem Menschen übergestülpt werden. Im Gegensatz zu den genetischen Einflüssen, bei denen die Grundströmungen für alle gleich sind, sind die Sozialisationseinflüsse individuell sehr unterschiedlich. Dennoch gilt ebenso, dass unsere gesamte Gesellschaft neurotisch ist, nur in unter- schiedlichem Ausmaß. Auch hier nur ein Beispiel: Jemand kämpft sein ganzes Leben mit aller Kraft um Erfolg – und begreift nicht, dass er emotional immer noch das Kind ist,  welches die Liebe seines Vaters erlangen möchte.

 

In diesem Zusammenhang ist eine weitere Unterscheidung wesentlich:

 

a) Die meisten Täuschungen sind Selbsttäuschungen, d. h. wir wissen oft nicht, dass unsere echten Motive und Antriebe ganz andere sind, wir verkennen uns, so wie wir auch andere verkennen. Anders gesagt, diese Irrealität ist uns unbewusst.

 

b) Aber es gibt in unserer Gesellschaft auch vielfach bewusste und beabsichtigte Täuschungen, Irreführungen, Manipulationen anderer Menschen. Unsere Wünsche, Gefühle, aber auch unsere Gedanken und unser Verhalten werden gezielt beeinflusst, über- wiegend im wirtschaftlichen Bereich. In der Werbung wird mit wissenschaftlicher Methodik erforscht, wie man den Konsumenten am besten dazu verführen kann, etwas zu kaufen, das er nicht braucht und was ihn vielleicht auch finanziell überfordert. Man kauft sich eben z. B. kein Auto, sondern ein Lebensgefühl, ein Erfolgs- image, eine Kompensation realer Minderwertigkeitgefühle.

 

Fazit: Die weitaus meisten Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken des Menschen sind nicht (oder nur partiell) echt, entsprechen nicht seiner wirklichen Identität, ohne dass ihm das normalerweise bewusst wäre. Außerdem müssen wir bei einem Gegenüber immer damit rechnen, dass er uns etwas vormachen, uns manipulieren will. Kurz, wir leben in einer Scheinwelt. Das ist ein sehr gewichtiges, beunruhigendes Ergebnis, welches unser Welt- und Menschenbild erschüttern kann.

 

Manche Täuschungen und Illusionen mögen zum Schutz notwendig sein, aber generell muss es das Ziel sein, diese irreale Verzerrun- gen aufzudecken und bewusst zu machen.

 

Literatur:

Ich habe diese Thematik schon in manchen Büchern und Artikeln angesprochen, aber es gibt es noch keinen speziellen Text von mir dazu. Natürlich haben auch  viele andere Autoren über Irrealität und Täuschungen geschrieben, aber mir ist kein Buch bekannt, das die Totalität unserer Scheinwelt darstellt. Und das systematisch Methoden beschreibt, wenigstens etwas den trüben Schein aufzuhellen und sich davon zu befreien.

 

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26.02.16  Ist das Problem der Willensfreiheit ein Scheinproblem?

Das ehrwürdige Problem der Willensfreiheit beschäftigt Philosophen seit Jahrhunderten und inzwischen auch Neurowissenschaftler; es mag vermessen sein, dazu nur ein paar Zeilen zu schreiben. Aber einen oder einige wenige Aspekte eines Themas ansprechen, das ist eben der Sinn eines Blogeintrags.

 

Das Problem beginnt damit, dass der Begriff „Willensfreiheit“ falsch gewählt ist. Eigentlich geht es um Handlungsfreiheit. Nämlich um die Frage, ob man einen Willensakt durchführt, obwohl z. B. emotionale oder triebhafte Bedürfnisse dem entgegenstehen:Vermag ich so zu handeln, wie mein Wille es anstrebt, trotz gegenteiliger innerer Strömungen?
Man kann also einen Gegensatz postulieren zwischen:
- Wille, meistens verstanden als ein höheres, rationales bzw. vernünftiges, moralisches einwandfreies, oft längerfristiges Streben
und
- Wunsch, Bedürfnis oder ggf. auch Trieb, verstanden als ein emotionaler Antrieb, häufig irrational und egoistisch, der auf schnelle Befriedigung drängt.
 

 

Man muss aber fragen, ob es berechtigt ist, einen solchen Gegensatz aufzubauen. Man könnte auch von einer einheitlichen Motivationstheorie ausgehen, nach der sich immer das stärkste Bedürfnis durchsetzt, sei es ein mehr emotional-triebhaftes oder ein eher rational-diszipliniertes.  Wer z. B. lieber einen Waldlauf macht anstatt gemütlich Kaffee und Kuchen zu schmausen, für den ist eben einfach das Bedürfnis nach sportlicher Disziplin größer als das Bedürfnis nach Genuss.
Dies Bedürfnis nach Disziplin bzw. körperlicher Anstrengung ist dabei letztlich auch durch eine emotional-energetische Komponente gesteuert, die Selbstüberwindung bringt vielleicht das Gefühl der Stärke, gar der Grandiosität, oder man sucht nach dem Endorphin-High beim Laufen.

 

So gäbe es letztlich gar kein Problem der Willensfreiheit bzw. Handlungsfreiheit. Sondern man entscheidet sich immer für die Handlung, zu der man am stärksten motiviert ist; bzw. wo die vermuteten Vorteile die vermuteten Nachteile überwiegen. Das kann ein sehr komplexer, meistens überwiegend unterbewusster Entscheidungsprozess ein, bei dem viele Bedürfnisse und andererseits Befürchtungen mit einander vergleichen bzw. verrechnet werden.

In diesem Sinne sind wir zwar nicht frei, d. h. wir sind nicht frei, ganz anders zu handeln als unsere stärkste Motivation. Wir sind determiniert, aber determiniert durch uns selbst, durch das System unserer Wünsche und Ablehnungen, so dass man kaum von einer Fremdbestimmung sprechen kann, sondern vielmehr von einer Selbstbestimmung.

 

Neurowissenschaftler haben behauptet, dass man im Gehirn schon früher eine Entscheidung ablesen könnte, als sie uns dann bewusst wird (obwohl diese Befunde auch schon wieder in Frage gestellt wurden). Die Wissenschaftler haben das als Beweis gegen die Willensfreiheit gewertet. Aber nach der o.g. Hypothese, dass wir durch uns selbst determiniert sind, somit natürlich auch und gerade durch unser Gehirn, ist es durchaus plausibel, dass im Gehirn die Entscheidung schon abzulesen ist, kurz bevor sie im Bewusstsein auftritt.
Wenn man Willensfreiheit in der hier beschrieben Weise interpretiert, dann ist das sogenannte Problem der Willensfreiheit ein Scheinproblem.

 

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22.06.16  Was ist Integrale Logik? 

 

 

 

 

 

 

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17.02.16  Streiten oder Nachgeben?    
  
Sollen wir mit unseren Mitmenschen streiten, wenn wir uns über sie ärgern?
Oder sollen wir um des lieben Friedens willen besser nachgeben?
Sollen wir unseren Ärger rauslassen oder lieber runterschlucken?
 
Aber es geht nicht nur um unsere Mitmenschen. Es geht überhaupt um unseren Umgang mit dem Leben, mit dem Schicksal.
   Sollen wir kämpfen,  unsere Ziele auch gegen Widerstände durchsetzen?
   Oder sollen wir uns anpassen, dem Leben so folgen, wie es eben kommt?

Diese Fragen sind nicht pauschal zu beantworten.
Denn ÄRGER, WUT und ZORN haben eine negative und eine positive Seite.     
  - Negativ ist: Man fühlt sich genervt, regt sich sinnlos auf, und es gibt Streit. Vielleicht geht eine Freundschaft in die Brüche oder man verliert seinen Job. Ärger-Gefühle können  zu hohem Blutdruck und Magengeschwüren führen.
  - Positiv ist: Ärger zeigt einem, dass etwas falsch läuft. Wut gibt uns die Kraft,  uns zu wehren. Zorn motiviert dazu, etwas Neues zu wagen, sein Leben zu ändern oder außergewöhnliche Leistungen zu vollbringen.

Glücklich der Lebenskünstler, der in einem Gleichgewicht lebt: der sich nicht unnötig aufregt, den nicht die Fliege an der Wand ärgert. Aber der mit gerechtem Zorn auf Ungerechtigkeiten reagiert und sich erfolgreich zu Wehr setzt.

Doch die meisten Menschen ärgern sich entweder zu viel oder zu wenig. Sie gehören einer der beiden folgenden Gruppen an:

1. Konflikt-Menschen  
Das sind Menschen, die schnell in Konflikt oder Streit mit ihrer Umwelt geraten, sogar die Auseinandersetzung suchen. Durch ihren Ehrgeiz haben sie oft Erfolg. Aber es sind genervte und gestresste Zeitgenossen, die sich viel zu oft und viel zu  sehr ärgern.

2. Harmonie-Menschen
Das sind Menschen, die alles dafür tun, um in Harmonie zu leben, die Angst vor Streit haben, lieber ihre eigenen Wünsche zurückstecken. Sie schlucken ihren Zorn herunter oder fühlen ihn gar nicht mehr. Zwar leben sie so in Harmonie mit ihren Mitmenschen, aber es ist oft eine Scheinharmonie.

Früher wurde der Ärger meist einseitig negativ dargestellt. Es wurde  nur beschrieben, wie man sich weniger ärgert, seine Wut überwindet und seinen Zorn loslässt. Viele Leser glaubten, man solle lernen, sich gar nicht mehr zu ärgern, immer gelassen zu sein und sich trotzdem durchzusetzen. Aber das ist unrealistisch, der Zorn gehört auch zum Menschen hinzu. Und falsche Versprechungen wie „nie mehr ärgern“ führten letztlich nur zu Enttäuschungen und zusätzlichem Ärger.
   
In den letzten Jahren ist dann die „positive Wut“, der nützliche Ärger und Befreiungszorn mehr zum Thema gemacht worden. Vor allem in feministischer Literatur bzw. Ratgebern für Frauen wurde beschrieben, wie die unterdrückten „guten Mädchen“ zu selbstbewussten „bösen Mädchen“ werden können. Aber man darf nicht von einem Extrem ins andere schlagen.

Es geht um die Kunst, sich richtig zu ärgern. Konkret heißt das:
sich nur dann  ärgern, wenn es dafür steht,
nicht sinnlos gegen Unabänderliches ankämpfen,
aus dem Ärger,  dem Zorn oder der Wut konstruktiv  handeln.
 
Dieses Ziel gilt gleichermaßen für Konflikt-Menschen und Harmonie-Menschen, nur die Wege sind unterschiedlich.

   - Die Konflikt-Menschen müssen lernen, sich von unnötigem, schädlichem
     Ärger  zu befreien  und friedlicher, gelassener zu werden.
   - Die Harmonie-Menschen müssen lernen, ihren Ärger nicht mehr zu schlu-
     cken,  sondern gesunden, berechtigten Ärger auszudrücken.

 

Indem der Konflikt-Typ seine friedliche Seite verstärkt und der Harmonie-Typ seine kämpferische Seite entfaltet, werden beide zu vollständigen Persönlichkeiten.

Auszug aus der Einleitung für ein neues Buch von mir zum Thema: Ärger und Aggression (noch nicht veröffentlicht).


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08.02.16  Narzissmus

Schon beim 20. Jahrhundert sprach man vom Zeitalter des Narzissmus. Für unser (bisheriges) 21. Jahrhundert gilt dies noch in größerem Ausmaß.
Beim Narzissmus kann man 2 Formen unterscheiden:

1) auf sich selbst bezogener Narzissmus
Das ist der meistens gemeinte. Jemand ist in sich selbst verliebt, findet sich selbst großartig, grandios.

2) auf andere bezogener Narzissmus
Hier bewundert man eine andere Person, verehrt, idealisiert sie, schwärmt für sie. Manchmal versucht man, ihr nachzueifern, manchmal  strebt man gar nicht danach, selbst auch grandios zu werden. Sondern man genießt es gerade, selbst im Kontrast unvollkommen und klein zu sein; und wenn man der Person in Kontakt steht, will man sich vielleicht von ihr beschützen, lehren, leiten lassen.

Beide Formen von Narzissmus haben ihre Wurzeln in unserer Kindheit: So bewundert das kleine Kind seine Eltern, vor allem seine Mutter. Die sehr unterschiedlichen psychologischen Theorien über den (primären und sekundären) Narzissmus in der Kindheit will ich hier aber nicht weiter verfolgen. Jedenfalls ist Narzissmus so gesehen ein natürliches Phänomen.

Zwar gehen wir normalerweise davon aus, dass es zur gesunden seelischen Entwicklung gehört, den Narzissmus zu überwinden. Dass man sich selbst und andere realistisch sieht.
Man könnte jedoch auch dagegen setzen, dass jedenfalls die Verehrung eines anderen zu den Konstanten der menschlichen Daseins gehört. Dass es vielleicht umgekehrt gerade ein Manko ist, wenn man andere (und auch sich selbst) nicht mehr bewundern kann.

Allerdings weist es eindeutig auf eine Störung hin, wenn man vor allem sich selbst als grandios inszeniert, obwohl man gar keine besonderen Kenntnisse oder Leistungen aufzuweisen hat. Und das ist in unserer Zeit ein großes Problem: So viele, junge Menschen wollen ein Star werden bzw. sein,  Schauspieler, Musiker, Internetstar oder was auch immer. Und das, obwohl sie gar kein Starpotential haben. Oder sie himmeln jemand anderen an, der z. B. einfach nur viel Geld hat.

Wenn jemand wirklich besonderes  geistige, körperliche oder psychische Leistungen vollbringt, dann mag es angemessen sein, ihn dafür zu bewundern. Oder auch sich selbst zu bewundern, aber die viele Möchtegernstars sind einfach nur lächerlich und nervend. Man sieht das z. B. bei Musiksendungen wie „DSDS“, wo Leute auftreten, die nun wirklich gar nicht singen könne, aber meinen, sie seien zum Sänger geboren.
Dieser Narzissmus kann – wenn er übersteigert ist – durchaus Krankheitswert haben, im Sinne einer Neurose, Persönlichkeitsstörung oder sogar Psychose.

Solche narzisstischen Menschen reagieren normalerweise auf Ablehnung äußerst deprimiert oder aggressiv. Und das ist eben generell die zweite problematische Seite des Narzissmus: die narzisstische Kränkung. Es gilt als normal, dass man auf Beleidigungen, Spott, Verleumdung usw. – eben Kränkungen – mit einer Kränkung bzw. Gekränktheit reagiert. Das spielt gerade heute, z. B. bei Cyber-Mobbing, eine große Rolle.
Zwar kann man theoretisch einen idealen Menschen konstruieren, dessen Selbstbewusstsein so gesund und solide ist, dass er sich nicht kränken lässt. Aber das ist sicher nicht der Normalfall. Vielleicht muss man bei jemandem, der seelisch quasi „unverletzlich“ ist, sogar an einen besonders  ausgeprägten Narzissmus, einen narzisstischen Schutzwall denken, der aber schon in Richtung Größenwahn gehen kann.
Meistens ist der narzisstische Mensch aber besonders leicht kränkbar. Was andere wegstecken oder eventuell weglachen, kann für ihn zu einer seelischen Bedrohung werden, die sich autoaggressiv (in Suizid) oder aggressiv (in einer Gewalttat, einem Racheakt bis zum Mord) Bahn brechen kann.
Daher gehört es zur seelischen Prophylaxe, übertrieben narzisstischen Bestrebungen entgegenzuwirken. Man möge mit einer Realitätsprüfung immer sich selbst aber auch andere in ihrer wahren Größe sehen, was wie gesagt „ein bisschen Narzissmus“ nicht ausschließt.
 

 

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01.02.16  Das Leib-Seele-Problem  

Von besonderer Bedeutung für Psychologie wie Philosophie ist das Verhältnis von Körper und Seele, das im sogenannten Leib-Seele-Problem gefasst wird. Dieses Problem ist quasi ein Sonderfall des Materie-Geist-Problems, das bis heute nicht überzeugend gelöst wurde. In unserer zeitgenössischen Wissenschaft dominiert noch immer die Auffassung, dass die Psyche vom Körper, genauer von Gehirn abhängig ist, dass es ohne funktionierendes Gehirn auch keinen Nachweis einer Seele gibt. Im Einzelnen lassen sich vor allem folgende Positionen unterscheiden:  

1) Materialismus: Körper --> Seele
 Der Körper bestimmt (oder erschafft) die Seele
2) Idealismus: Seele --> Körper
Die Seele  bestimmt (oder erschafft) den Körper
3) Unionismus: Körper = Seele
Körper und Seele bilden eine Einheit (wie 2 Seiten einer Münze)
4) Unitarismus:  Körper <--  X  --> Seele
Es existiert ein drittes Prinzip X als Basis von Körper und Seele, z. B.  Energie.   
5) Interaktionismus: Körper <--> Geist
Körper und Seele stehen in Wechselwirkung.

Eine weitere Variante wäre der Parallelismus, wonach Psyche und Körper sich parallel verhalten, aber ohne dass kausale Beziehungen zwischen ihnen bestehen, sondern auf Grund einer „prästabilisierten Harmonie“; diese auf den Philosophen Leibniz zurückgehende Theorie ist allerdings für die Jetzt-Zeit kaum mehr plausibel.
   Eine eindeutige Bestimmung einer der oben genannten Positionen als „wahr“ ist bis heute nicht möglich. Die herkömmliche Wissenschaft favorisiert großteils immer noch den Materialismus, aber dieser hat an Boden verloren. Die Esoterik und teilweise auch die Philosophie stehen für den Idealismus. Moderne Ansätze stützen vor allem den Interaktionismus und den Unionismus, der auch mein Favorit ist.
   Bis auf den Interaktionismus sind aber alle anderen Positionen letztlich monistisch, d. h. sie nehmen letztlich nur ein Grundprinzip an: entweder Seele oder Körper.  Es liegt hier nur im Ausgangspunkt ein Dualismus vor. Z. B. wird eben beim Unitarismus die Dualität Materie und Geist auf eine zugrundeliegende Einheit X zurückgeführt.
   Es gibt auch – esoterische – Theorien, dass es einen Übergang zwischen „grobstofflicher“ Materie (Körper) und unstofflichem Geist (Seele) gibt, nämlich den Bereich der Feinstofflichkeit. In diesen Kontext gehört z. B. der sogenannte Astralkörper. Generell gilt: Es wird von einer Schwingung des Seins ausgegangen, wobei gilt: Je höher („feiner“) die Schwingung, desto geistiger.
   Bestimmte seelisch-geistige Prozesse wie Denken oder Vorstellen lassen sich – idealistisch – rein innerpsychisch beschreiben, ohne Bezug auf den Körper (wenn man auch davon ausgehen muss, dass das Denken mit körperlichen Prozessen verbunden ist). Wann immer es aber um das Einwirken des psychischen Systems auf die Umwelt geht, also um Verhalten, muss der Körper berücksichtigt werden, sieht man einmal von umstrittenen Fähigkeiten wie Psychokinese ab.
 

 

Literatur: Integrale Psychologie (unveröffentlichtes Manuskript)

 

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22.01.16   Psychologische Methoden

 

-         Verhaltens-Beobachtung einschließlich Experiment

Das Verhalten von Menschen wird beobachtet, in natürlichen Situationen oder künstlichen Laborsituationen. Dabei spielen auch Befragungen bzw. Fragebogen und Tests eine Rolle.

-         Körperliche Messungen

Genauer: psycho-neuro-physiologische bzw. neurochemische Messungen und Tests, d. h.Messungen von Parameter, die psychisch relevant sind, wie Milchsäure im Blut, Schweißabsonderung, elektrischer Hautwiderstand, Gehirnströme.

-         Introspektion

Selbstbeobachtung bzw.Selbsterfahrung, inklusive Selbsthypnose, d. h. innere (bewusste und gezielte) Wahrnehmung der eigenen Gefühle, Gedanken usw.

-         Intuition

Einfühlung (Emphatie) in einen anderen Menschen, Erspüren seiner inneren (verborgenen) Wünsche, Pläne,Überzeugungen u. ä. Dies kann in einer eigenen Versenkung (Meditation) geschehen und zu Erleuchtungs-Erfahrungen führen. Dieser Weg ist allerdings wissenschaftlich nicht anerkannt, dies gilt noch mehr für außersinnlicheWahrnehmung wie Telepathie, also Gedankenlesen.

-         Theorienbildung und Statistik

Hypothesen- bzw. Theorienbildung bedeutet: Es werden Gesetze formuliert, die für alle Menschen (einer Gruppe)bzw. für einen bestimmten Prozentsatz gelten. Dabei kommen auch logische, mathematische und statistische Verfahren zum Zuge. Aus diesen Gesetzen werden logisch-deduktiv singuläre Aussagen abgeleitet.

 

Die ersten fünf Zugänge beruhen alle auf Erfahrung, wenn auch in sehr unterschiedlicher

Form. Man kann sie empirisch nennen. Zur Erfahrung gehört indirekt auch die Kenntnisnahme von empirischen Untersuchungen anderer, durch Lesen, durch Hören usw.

   Der  Zugang der Theorienbildung ist dagegen rational bestimmt. Er führt nicht unmittelbar zu Erkenntnissen, sondern die Theorie muss sich an der Empirie bewähren. Wenn man allerdings ein Gesetz hat, welches das Verhalten aller Menschen (bzw. einer Gruppe) beschreibt, kann man daraus eben auf das Verhalten jedes einzelnen Menschen schließen.

   Generell sind der Weg der Erfahrung und der Weg der Vernunft bzw. Theorie nicht gänzlich voneinander unabhängig. Beobachtung erfolgt „theoriegeleitet“, und  normalerweise basiert eine Theorie auch auf Erfahrungen, ist oft gerade die Verallgemeinerung einzelner Erfahrungen bzw. von Stichproben. Erst im Zusammenwirken von empirischem und rationalem Vorgehen entfaltet sich wissenschaftliche Forschung. Dabei spielen allerdings zusätzliche konventionalistische und pragmatische Faktoren eine Rolle, d. h.Gesetze enthalten immer auch einen Aspekt von Festlegung oder Mutmaßung, sie sind nicht vollständig aus der Empirie herzuleiten.

 

Literatur: Integrale Psychologie (unveröffentlichtes Manuskript)

 

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16.01.16  Richtungen der klinischen Psychologie

 

Bei der

klinischen Psychologie

sind verschiedene Richtungen zu unterscheiden, je nachdem, auf welchen Aspekt einer psychischen Störung bzw. der Therapie man sich konzentriert und welches Theoriekonzept man vertritt. Die wichtigsten Richtungen sind:

 

•        Kognitivismus

betracht Denken und Einstellungen als zentral.

Konkrete Therapien sind: Kognitive Therapie, Rational-Emotive-Therapie (RET).

•        Dynamismus (Tiefenpsychologie):

betrachtet  Unbewusstes und Gefühle sowie Bedürfnisse als zentral.

Konkrete Therapien sind: Psychoanalyse, Individual-Psychologie, Primärtherapie, aber auch Hypnose,Trance-Therapie.

•        Behaviorismus

betrachtet das Verhalten und Körperals zentral.

Konkrete Therapie ist die Verhaltenstherapie, mit verschiedenen Formen wie Systematische Desensibilisierung, Expositionstherapie, Selbstbehauptungstraining.

•        Humanismus

betrachtet psychisches Wachstum und Kommunikation als zentral.

Konkrete Therapien sind: Gesprächstherapie, Gestalttherapie, Encounter, Gruppentherapie.

•        Transpersonalismus

betrachtet Spiritualität und Über-Selbst als zentral.

Konkrete Therapien sind: Meditation,Psychosynthese, psychodelische Drogen.

 

Zusätzlich ist zu nennen die Psychiatrie, die vorrangig Körper und Gehirn im Blick hat und psychische Störungen entsprechend primär mit Psychopharmaka, Biofeedback oder Eingriffen ins Gehirn behandelt. Es handelt sich hier aber nicht um eine Psychotherapie im eigentlichen Sinn. 

   Eine integrale, ganzheitliche Psychotherapie darf  nicht einen Aspekt auf  Kosten der anderen favorisieren, sondern muss  alle Aspekte in angemessener Weise berücksichtigen.

  

Literatur: Integrale Psychologie (unveröffentlichtes Manuskript)

 

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12.01.16   Sucht die Wissenschaft nach Wahrheit?

 

Normalerweise wird man auf diese Frage antworten: Es ist doch selbstverständlich für einen Philosophen oder Wissenschaftler, dass er – nur – nach der Erkenntnis der Wahrheit strebt.

In der Realität sieht das aber m. E. anders aus.

Wahrheit ist nur ein Nebenprodukt der üblichen Philosophie und Wissenschaft. Pointiert und zugegeben etwas polemisch gesagt: Wahrheit ist ein Kollateralschaden für Philosophie und Wissenschaft, diese zielen nicht auf Wahrheit, sie fällt eher zufällig an und ist oft auch nicht erwünscht.

Natürlich kann man den Wahrheitsbegriff relativieren, aber das ist hier nicht das Thema.

Sondern dass es der überwiegenden Zahl von Philosophen und Wissenschaftlern nicht primär um die Wahrheit geht, sondern vor allem um folgende Motive:

-         Geltungssucht, Narzissmus, Eitelkeit

-         Konkurrenz, andere übertreffen und runtermachen

-         Neid, Missgunst, Boshaftigkeit, Intrigen

-         Ausgrenzung sogenannter Außenseiter oder Quereinsteiger

-         Pflege der eigenen Clique

-         Geldgier, Aufträge ergattern, abkassieren

-         Bestätigung einer Ideologie

-         Abwehr gegen irrationale Ängste

-         Such- und Arbeitszwang

 

An anderer Stelle werde ich mich einmal ausführlicher und differenzierter mit diesem Thema beschäftigen.

 

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05.01.16   Logik der Dialektik    

 

1. These, 2, Antithese, 3. Synthese – dieser Dreischritt von Hegel ist weltberühmt und gilt als die vielleicht beste Kurzdefinition der Dialektik.

Die Thematik setze ich hier als bekannt voraus und verzichte daher auf Erläuterungen oder Beispiele.
Ich will hier an verschiedenen Modellen prüfen, ob sich diese drei Schritte rein logisch bestimmen lassen.
Da sich wie gesagt die gängigen logischen Symbole nicht mit dem Homepage Creator darstellen lassen, muss ich mir mit Ersatzsymbolen behelfen.

nicht: –
und: &
oder: v
wenn – dann: -->
…………………………..

These        A

Antithese    –A

Synthese    A & –A

Das ist ein logischer Widerspruch und somit keine sinnvolle Lösung.
……………………………

These        A

Antithese    –A

Synthese    A v –A

Das ist eine Tautologie und somit auch keine sinnvolle Lösung, denn eine Tautologie enthält keine Information.
………………………………

These        A --> B

Antithese    A --> C

Synthese    A --> B & C

        Es gilt: (A --> B) & (A --> C) --> (A --> B & C)
        Dies ist ein logischer Schluss, es gilt sogar die logische Äquivalenz.
Das hieße, dass die Synthese logisch aus der Konjunktion von These  und Antithese folgt.
Eine Synthese soll aber etwas Neues einbringen und nicht aus These und Synthese logisch abzuleiten sein.
Außerdem sind A --> B und A --> C nicht unbedingt antithetisch.
Daher finde ich diese Lösung auch nicht überzeugend.
……………………………….

These        A    entsprechend quantitativ p(A) = 1

Antithese    –A    entsprechend quantitativ p(A) = 0

Synthese    p(A) = 0,5

        In diesem Fall bedeutet die Synthese genau die (quantitative) Mitte zwischen These und Antithese.
Dies wäre eine denkbare Lösung. Allerdings reicht dafür die normale Logik nicht aus, sondern man benötigt eine quantitative Logik, wie ich sie z. B. mit meiner Integralen Logik vorgelegt habe.
………………………………..

These        A        entsprechend quantitativ p(A) = 1

Antithese    –A        entsprechend quantitativ p(A) = 0

Synthese    0 < p(A) = 1

In diesem Fall bedeutet die Synthese nicht genau die (quantitative) Mitte zwischen These und Antithese. Sondern das Intervall aller Werte zwischen These (p = 1) und Antithese (p = 0).
Der Vorteil dieser Lösung ist: Die Synthese wird nicht genau auf einen Wert festgelegt, sondern sie beinhaltet einen Spielraum von möglichen Werten. Allerdings ist diese Lösung natürlich auch weniger eindeutig.
In jedem Fall gilt auch hier: Dafür reicht dafür die normale Logik nicht aus, sondern man benötigt eine quantitative Logik, wie die Integrale Logik.


Erste Bilanz:
1. Ich habe hier fünf Modelle geprüft zur Formalisierung vom Dreischritt These – Antithese – Synthese.
2. Ein optimales Modell wurde nicht gefunden, hier wären weitere Untersuchungen vorzunehmen.
3. Für die beiden besten Modelle reichte die übliche (Aussagen-)Logik nicht aus, sondern man benötigte eine quantitative Logik wie z. B. die von mir entwickelte Integrale Logik.
4. Generell kann man bezweifeln, ob die Logik ausreicht, diesen Dreischritt darzustellen. Die Synthese muss sich einerseits aus der These und Antithese ableiten, andererseits diese aber auch überschreiten, im Sine einer Emergenz. Es ist fraglich, ob die Logik das leisten kann.
 

 

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30.12.15  Größe und Erbärmlichkeit des Menschen

  

Der Mensch: er ist intelligent und kreativ, mit seiner Technik hat er die Welt umgestaltet, er hat viele Wissenschaften entwickelt und darin beeindruckende Erkenntnisse gewonnen, er ist  klug und vernünftig, mutig und wissbegierig, aber auch hilfsbereit, barmherzig, er ist fähig zu intensiver Liebe, sogar zur Opferung seines eignen Lebens für einen Mitmenschen oder ein höheres Ziel, er ist auf dem Mond gelandet und hat mit unbemannten Raumschiffen das Sonnensystem erforscht, der Mensch ist auch künstlerisch begabt, er hat großartige Bilder, Skulpturen, Gebäude, aber auch literarische Texte oder Musikstücke geschaffen.

Andererseits ist der Mensch gewalttätig, grausam wie kein Tier. Er missbraucht Kinder, vergewaltigt Frauen, führt Kriege, begeht Verbrechen. Für eine Ideologie, Religion oder Weltanschauung, aber auch für Geld ist er zu jeder Untat bereit. Er foltert andere Menschen auf die verschiedensten, „unmenschlichen“ Weisen – das ist vielleicht das schlimmste Verbrechen, das es überhaupt gibt. Neben dieser Aggressivität sind vor allem auch die Eitelkeit, Machtgier, Hybris, Verlogenheit und Scheinheiligkeit des Menschen abstoßend, manchmal auch lächerlich. Gerade in der Politik zeigt sich die Erbärmlichkeit des Menschen offensichtlich. Herrscher/innen sind bereit, für ihren persönlichen Machterhalt ganze Staaten und Völker ins Unglück zu stürzen. Der Mensch kann aber auch einfach unglaublich dumm, primitiv, töricht sein.

Sicher ist es nicht immer eindeutig, was man als Stärke und was man als Schwäche des Menschen ansieht: Opferbereitschaft mag für viele ein Tugend wert sein, für andere dagegen ein Torheit. Es geht also auch um subjektive Wertungen bzw. Werte. Aber das möchte ich nicht verfolgen, denn es geht mir hier um die Ambivalenz und Gegensätzlichkeit des Menschen, ja um seine Gespaltenheit oder gar Zerrissenheit.

Natürlich sind auch nicht alle Menschen über einen Leisten zu scheren. Es gibt Menschen, die in ihrem Leben überwiegend Gutes tun und/oder große Leistungen vollbringen; und andere Menschen, die weitgehend das Böse leben und/oder in ihrem Dasein fast nichts leisten. Aber letztlich ist kein Mensch nur grandios oder nur erbärmlich, in jedem Mensch ist beides angelegt. Und es ist die Frage, ob es in der Entscheidung des Menschen selbst liegt, ob er mehr grandios oder mehr elend lebt, oder ob dies vorrangig an den Erbanlagen oder aber den Umwelteinflüssen liegt.

 

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23.12.15  Warum lässt Gott das Leid zu?

Eine viel gestellte und oft beantwortete Frage. Immer wieder aktuell: Wo war Gott in Auschwitz? Oder heute: Wo ist Gott in Syrien?
Ich will der Frage einmal systematisch-logisch nachgehen (wenn auch nur knapp, dem Blog angemessen). Dabei folge ich zeitweilig dem Buch „Wenn guten Menschen Böses widerfährt“ von Harold S. Kushner.

Ausgangsthese: Ein allwissender, allmächtiger, allgütiger und allbestimmender Gott müsste das Leid, jedenfalls das ungerechte Leid verhindern oder jedenfalls aufheben. Warum tut er das nicht?

Wir können hier systematisch folgende Antworten unterscheiden:
1) Gott ist nicht (all)wissend
- er weiß gar nicht, wo überall Leid geschieht
2) Gott ist nicht (all)mächtig
- er hat nicht die Macht, alles Leid zu verhindern, er ist jedenfalls z. T. selbst hilflos
3) Gott ist nicht (all)gütig
- er hat kein Mitleid mit den Menschen, vielleicht will er sie sogar bestrafen
4) Gott ist nicht (all)bestimmend
- er will nicht in das Leben eingreifen, z. B. um den Menschen ihre Freiheit zu lassen

Der 4. Punkt ist der schwierigste: Gott kann durchaus gut sein und Mitgefühl mit den leidenden Menschen haben, aber es für wichtiger halten, ihnen ihre freie Entscheidung und Selbstständigkeit zu lassen.

Nun sind hier natürlich Kombinationen dieser Antworten möglich:

1) Gott ist allwissend: ja – nein
2) Gott ist allmächtig: ja – nein
3) Gott ist allgütig: ja – nein
4) Gott ist allbestimmend: ja – nein

Es gibt hier prinzipiell 2 hoch 4 = 16 Möglichkeiten.
Z. B. kann Gott allwissend und allmächtig, aber nicht allgütig und nicht allbestimmend sein (also zwei Nein).
Ein reicht aber ein Nein, um zu erklären, warum Gott Leid zulässt. Wenn er nicht allwissend ist – oder nicht allmächtig – oder nicht allgütig – oder nicht allbestimmend, das reicht als Erklärung, dass das Leid existiert.

Es gibt also 16 – 1 = 15 unterschiedliche Erklärungsmöglichkeiten, weil in 15 Fällen Gott nicht alle Eigenschaften besitzt.
Und es gibt nur eine (1) Möglichkeit, bei vier Ja, dass alle Eigenschaften erfüllt sind:
Nur wenn Gott allwissend, allmächtig, allgütig und allbestimmend ist (= vier Ja), lässt sich – in diesem Modell – nicht erklären, warum Gott Leid zulässt.

Für eine Erklärung des Leids müssen wir somit davon ausgehen, dass Gott nicht allwissend, allmächtig, allgütig und allbestimmend (nicht alles zusammen) ist. Allerdings fragt sich, ob ein Gott ohne diese vier Eigenschaften für uns überhaupt ein überzeugender Gott ist. Lassen wir hier die grundsätzliche Problematik einer Gottesvorstellung ganz außer Acht: Aber können wir uns z. B. einen Gott vorstellen, der in vielem hilflos ist? Oder der gar nicht mitbekommt, was auf der Welt so alles an Leid geschieht. Oder der auch böse Seiten hat, uns Menschen gar nicht unbedingt Gutes will. Oder der in einer Art Disengagement sagt, das geht mich gar nichts an, was sich da auf der Welt an Schlimmem abspielt, das müssen die Menschen alleine regeln.
So bleibt uns letztlich wohl nur zu sagen:„Die Wege des Herrn sind unergründlich …“

 

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19.12.15  Experten und Spezialisten

 

In unserer Welt nimmt das Expertentum oder Spezialistentum immer weiter zu. Obwohl viel über Ganzheit geredet wird, eine wirkliche Ganzheitssicht findet man immer seltener. Diese Zunahme der Spezialisten kann, ja muss man durchaus kritisch sehen. Sehr treffend drückt das folgender Spruch aus:
„Ein Spezialist ist jemand, der immer mehr über immer weniger weiß, bis er schließlich alles über nichts weiß.“

 

Ähnlich pointiert finde ich den folgenden Spruch:
„Fünf Minuten, bevor die Welt untergeht, wird man einen Experten im Radio sagen hören, dass kein Grund zur Beunruhigung besteht.“
Das besagt zweierlei, erstens, dass die sogenannten Experten oft keine Ahnung haben, und zweitens, dass sie sich von der Politik einspannen lassen, zu deren Sprachrohr oder Handlanger werden.
(Ich weiß nicht mehr, woher diese Sprüche stammen, ich kenne sie seit vielen Jahren.)
 

 

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15.12.15  WAHRHEITS-THEORIEN  

1 Adäquations-Theorie
2 Korrespondenz-Theorie
3 Kohärenz-Theorie
4 Konsens-Theorie
5 Evolutions-Theorie

Was ist Wahrheit? Generell geht es bei der Wahrheit um eine Repräsentation, ein Modell, einen Spiegel der Wirklichkeit. Diese Repräsentation kann sein:
 psychisch: ein Gedanke oder eine Wahr-nehmung
 sprachlich: z. B. ein Satz, eine Beschreibung
 wissenschaftlich: eine Theorie
 technisch: z. B. eine Computersimulation, ein Modell, ein Foto
 künstlerisch: ein Bild, eventuell auch ein Musikstück

Eine wahre Repräsentation ist eine Erkenntnis. Und wahr ist eine Repräsentation in einer ersten Bestimmung, wenn sie ein Abbild der Wirklichkeit, eine Widerspiegelung der Wirklichkeit ist. Heute nennt man oft nur noch sprachliche Einheiten, genauer Sätze wahr oder falsch.
Manchmal bezieht man andererseits den Begriff der Erkenntnis nur auf die Psyche, eine Erkenntnis ist dann ein wahrer Gedanke oder allgemein ein wahrer Bewussteinsinhalt.


1 Adäquations-Theorie
Die Adäquations-Theorie trifft das ursprüngliche, naive Verständnis von Wahrheit bzw. Erkenntnis. Danach ist eine Erkenntnis ein Abbild der Realität. Es besteht eine Übereinstimmung von Wirklichkeit und Repräsentation, sei es als Gedanke, als Satz o. ä.
   Motto: Wahrheit ist Widerspiegelung.
Dies ist die klassische Definition von Aristoteles: Adaequatio rei et intellectus, Übereinstimmung von „Ding“ und „Intellekt“. Aus unserer heutigen Sicht ist allerdings eine solche vollständige Übereinstimmung nicht realistisch; allenfalls in bestimmten außergewöhnlichen Erkenntnisprozessen, z. B. in der mystischen Erleuchtung, ist vorstellbar, dass die Wirklichkeit an sich erkannt bzw. geschaut oder erlebt wird.


2 Korrespondenz-Theorie
Die Korrespondenz-Theorie geht davon aus, dass es eine genaue Entsprechung zwischen der Wirklichkeit und unserer Erkenntnis gibt. Unsere Erkenntnis korrespondiert mit der realen Welt. Es gibt zwar kein direktes Abbild, aber ein verlässliches Modell oder eine Simulation des Wirklichen.
   Motto: Wahrheit ist eindeutige Entsprechung.
Mathematisch könnte man von einer eineindeutigen „Abbildung“ sprechen („Abbildung“ aber mathematisch nicht im Sinne von Bild, sondern von Zuordnung verstanden). Einem Gegenstand der Wirklichkeit entspricht genau ein Symbol, eine Wahrnehmung o. ä. in unserer Repräsentation, aber es muss keine Ähnlichkeit zwischen realem Objekt und Symbol bestehen.
Hier würde ich auch den Kritizismus  von Kant einordnen, obwohl man dieser Erkenntnistheorie auch einen eigenen Namen geben könnte. Nach Kant sind Raum und Zeit sind Formen der Anschauung und Kategorien sind Formen des Denkens. Wir können die Wirklichkeit nur innerhalb dieser angeboren Strukturen erkennen. Oder, wir erkennen teilweise nur das, was wir vorher selbst auf die Wirklichkeit projiziert haben.
   Andere Wissenschaftler wie z. B. Sapir und Whorf (Sapir-Whorf-Hypothese) betonen die Bedeutung sprachlicher Strukturen für unsere Erkenntnisse. Neurowissenschafter weisen wieder darauf hin, dass Gehirnstrukturen unser Erkennen prägen.
   Diese Theorie ist sicherlich plausibler als die Adäquations-Theorie, sie hat sogar Chancen zur besten Wahrheits-Theorie.


3 Kohärenz-Theorie
Die Kohärenz-Theorie ist noch bescheidender. Sie verlangt von unserer Erkenntnis letztlich nur, dass sie in sich kohärent ist. D. h. wenn wir z. B. eine physikalische Theorie der Materie haben, so verlangt die Kohärenz-Theorie, dass diese Theorie widerspruchsfrei sein muss, es dürfen keine Unstimmigkeiten, Unklarheiten, Mehrdeutigkeiten in der Theorie auftreten.
   Motto: Wahrheit ist Widerspruchsfreiheit.
Z. B. müssen die Begriffe klar definiert sein, man darf nicht den gleichen Begriff mal in der und mal in einer anderen Bedeutung verwenden.
   Diese Forderungen der Kohärenz-Theorie sind sicher berechtigt, aber sie reichen nicht aus. Die Kohärenz-Theorie verzichtet, wenigstens in ihrer strikten Form ganz auf einen unmittelbaren Bezug zur Wirklichkeit, das ist nicht akzeptabel. So kann man zwar die logische Wahrheit eines logischen Systems begründen, aber nicht die Wahrheit von Aussagen über die empirische Wirklichkeit.


4 Konsens-Theorie
Die Konsens-Theorie hat gewisse Ähnlichkeit mit der Kohärenz-Theorie. Auch hier wird auf einen direkten Bezug zur Erfahrungswelt verzichtet. Die Wahrheit, jedenfalls von wissenschaftlichen Theorien, wird durch Entscheidung festgelegt. Und diese Entscheidungen müssen im Konsens getroffen werden, d. h. etwa die Wissenschaftler-Gemeinschaft muss in ihrer Mehrheit zu einer Übereinstimmung kommen, welche wissenschaftliche Theorie wahr ist oder nicht. Dabei soll diese Entscheidung nicht einfach durch bloße Abstimmung getroffen werden, sondern intersubjektiv in Diskussion und Diskurs vorbereitet werden.
   Motto: Wahrheit ist Übereinkunft.
Man kann diese Wahrheits-Theorie auch als Konventions-Theorie nennen, weil Konventionen über die Wahrheit befinden. Diese Theorie kann uns zwar lehren anzuerkennen, dass in der Tat immer auch Entscheidungen an der Wahrheitsbestimmung beteiligt sind, weil sich Wahrheit eben nicht z. B. nur durch Wahrnehmung erkennen lässt. Andererseits ist es aber indiskutabel, ganz auf einen direkten Wirklichkeitsbezug zu verzichten; und vor allem im Alltag, wenn ich z. B. sage, dieses Auto ist blau, wird die Wahrheit dieser Aussage sicher nicht durch Mehrheit entschieden – auch Mehrheiten können sich irren.


5 Evolutions-Theorie
Die Evolutions-Theorie der Wahrheit fällt etwas aus der Reihe. Sie geht ganz anders an das Thema heran, nämlich: Unsere Grundauffassungen müssen wahr sein oder jedenfalls einen großen Wahrheitsgehalt besitzen, denn sonst wären wir als Menschen längst ausgestorben. Nur wahrhaftige Theorien über die Welt helfen uns zu überleben. Wenn ein Urmensch z. B. glaubte, Löwen wären friedliche Pflanzenfresser, dürfte er (in einer entsprechenden Umwelt) kaum überlebt haben.
   Man könnte übertragen sagen: Zwischen Theorien herrscht ein Kampf ums Überleben, und die Theorie setzt sich durch, die ihrem Vertreter Vorteile im Daseinskampf verleiht.
Die Evolutionstheorie ist relativ neu, aber schon früher gab es eine verwandte Richtung, die man auch Pragmatismus nennt. Sie bestimmte das als wahr, was uns bei unserer Lebensbewältigung hilft.
   Motto: Wahrheit ist Nützlichkeit.
Solche Theorien haben sicherlich ihre Berechtigung, aber man darf sie auch nicht verabsolutieren. Eine Theorie beweist nicht schon dadurch ihre Wahrheit, dass es sie  gibt (dann dürfte es streng genommen auch keine gegensätzlichen Theorien geben); umgekehrt, manchmal kann auch eine falsche Theorie nützlich sein, es wurde einmal festgestellt, dass besonders glückliche, lebenstüchtige Menschen besonders viele Illusionen besitzen.  

Alle genannten Wahrheits-Theorien enthalten richtige, aber auch unbrauchbare Elemente. Keine kann für sich allein völlig überzeugen. Sondern wir benötigen eine integrative Meta-Theorie, die daran festhält, dass Wahrheit einen objektiven, realistischen Kern besitzt, aber dass auch angeborene Strukturen, Entscheidungen, Konventionen, Konsens und Nützlichkeitserwägungen in unsere Wahrheitsbestimmungen mit einfließen.

 

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07.12.15  Sprache und Welt                          

Dieser Text ist für einen Blog-Eintrag schon etwas lang, ich werde ihn auch noch bei den regulären Artikeln einstellen.

Das Verhältnis von Sprache und Welt, Sprachwissenschaft und Ontologie ist ein sehr komplexes und viel beschriebenes.

Grundsätzlich gibt es 2 Theorien:
1. Sprache strukturiert oder determiniert gar unsere Weltsicht.
2. Sprache bildet die Welt bzw. Weltstrukturen nur ab.

Sicher muss man sich das Verhältnis von Sprache und Welt als ein dialektisches vorstellen, es bestehen wechselseitige Beeinflussungen (aber darüber werde ich vielleicht an anderer Stelle schreiben).
Hier und heute will ich nur einen Aspekt herausgreifen: Welche möglichen Ordnungen von Objekten, Eigenschaften und Tätigkeiten gibt es einerseits sprachlich (bzw. sprachtheoretisch) und andererseits ontologisch?


1) Dominanz des Objektes gegenüber Eigenschaften und Tätigkeiten / Normale Sprache
In einer normalen bzw. natürlichen Sprache wie dem Deutschen besteht folgendes Welt-Modell: Es gibt vorrangig
- Objekte (z. B. Pferd) bzw. Subjekte/Individuen (z. B. Sokrates)
- Eigenschaften (z. B. schwarz)
- Tätigkeiten bzw. Verhalten oder Prozesse (z. B. läuft)
Im Grunde ist es komplizierter, denn das Objekt ist inhaltlich bestimmt, d. h. in das Objekt sind bereits – essentielle – Eigenschaften und Tätigkeiten integriert, aber das lasse ich hier einmal beiseite. (Der Begriff „Objekt“ ist hier natürlich nicht im Sinne eines grammatischen Objektes im Satz, gegenüber dem Subjekt, zu verstehen.)

Dieses Weltmodell bildet sich in einem Satz z. B. so ab: „Das schwarze Pferd läuft.“
Das Objekt – Pferd –  ist dominant, ihm werden Eigenschaften oder Tätigkeiten zugeordnet. Entsprechend werden Substantiven Adjektive oder Verben zugeordnet bzw. grammatisch dem Subjekt das Prädikat.


2) Dominanz eines Objektes, das aber abstrakt ist / Formale Sprache
In der formalen bzw. logischen Sprache gilt: Es gibt vorrangig
- eigenschaftslose, abstrakte Objekte
- Eigenschaften
Zu den Eigenschaften gehören aber gleichermaßen komplexe Eigenschaften, die man klassisch als Substanz bezeichnet hätte (wie Pferd sein), singuläre Eigenschaften (wie schwarz) und Tätigkeiten (wie läuft).

Entsprechend gibt es:
- Individuen-Konstanten wie „a“, „b“ oder Individuen-Variablen wie „x“, „y“
- Eigenschafts-Konstanten oder -Variablen wie „F“, „G“.

Das Objekt hat z. B. die Eigenschaften: Pferd, schwarz und läuft. Wenn man die gemeinsame Eigenschaftsstruktur aber deutlicher machen möchte, sollte man z.B. formulieren: „Das Objekt ist pferdig, schwarz und läufig.“
Formal: Fa & Ga & Ha.  
Oder mit Existenz-Quantor: „Es gibt mindestens ein Objekt, für das gilt: es ist pferdig, schwarz und läufig.“
Hier werden in der deutschen Sprache auch Wörter gebildet bzw. verwendet, die es da nicht gibt wie z.B. „pferdig“. Und das Wort „läufig“ hat im Grunde eine andere Bedeutung, man könnte auf „laufend“ ausweichen, aber „läufig“ gibt den Eigenschaftscharakter besser wider. Bei den folgenden Modellen muss man noch mehr auf sprachliche Umformungen zurückgreifen, die in der deutschen Sprache so nicht vorgesehen sind.


3) Dominanz der Eigenschaft
Hier wird die eigentliche Eigenschaft, vor allem die Farbe (z. B. schwarz) objektiviert, zum quasi-Objekt erhoben, sprachlich substantiviert,  jedenfalls grammatikalisch zum Subjekt. Die Substanz (im Beispiel Pferd) wird zur simplen Eigenschaft degradiert bzw. adjektiviert, die Tätigkeit (läuft) bleibt erhalten.
„Das pferdige Schwarz läuft.“ Oder: „Die pferdige Schwärze läuft.“

Die Tätigkeit kann aber auch zu einer Eigenschaft, gemäß dem Modells der formalen Sprache, umgedeutet werden: „Die Schwärze ist pferdig und läufig (bzw. laufend)“, im Sinne von: „Der Schwärze kommen die Eigenschaften pferdig und läufig zu.“


4) Dominanz der Tätigkeit
Man kann aber auch eine Dominanz der Tätigkeit bzw. normalsprachlich des Verbs annehmen. Beispiel:„Das Laufen ist pferdig und schwarz.“ Genauer: „Dem Laufen kommen die Eigenschaften pferdig und schwarz zu.“
Es ist allerdings auch ein radikaleres Modell möglich, bei dem alle Eigenschaften dynamisiert bzw. alle Adjektive verbalisiert werden. Es gibt einen dominanten Prozess (Tätigkeit), dem andere Prozesse (Tätigkeiten) zugeordnet werden.
„Das Laufen pferdet und schwärzt.“


5) Ohne Objekt
Auch in der formalen Sprache gibt es noch ein, wenn auch formales Objekt. Aber es ist sogar ein Modell denkbar, in dem es gar kein Objekt mehrexistiert. Es gibt wissenschaftlichen Theorien (Quantentheorie), aber vor allem Weltanschauungen (wie den Buddhismus), die eine entsprechende Weltsicht vertreten, dass es gar kein Objekt, keine Substanz oder kein Ich gibt, dass dies nur Illusionen oder Täuschungen sind.
Das kann man sich einerseits in einer Eigenschafts-Interpretation vorstellen z. B.: „An der Raum-Zeit-Stelle gibt es Pferdiges und Schwarzes und Läufiges.“
Naheliegender ist aber eine Tätigkeits-Interpretation, nach der nur der Fluss, die Dynamik, der Prozess existieren.
Man könnte das z. B. formulieren: „An der Raum-Zeit-Stelle xy gibt es ein Pferden und Schwärzen und Laufen.“ oder: „An der Raum-Zeit-Stelle xy pferdet es und schwärzt es und läuft es.“ Aber das „es“ kann man ja immer noch als ein Art Objekt verstehen, konsequenter würde man daher formulieren: „An der Raum-Zeit-Stelle xy pferden und schwärzen und laufen.“

Die Möglichkeiten 3) bis 5) kann man zwar durch sprachliche Umformulierungen ausdrücken, aber sie sind in der normalen Sprache – der deutschen und verwandten  Sprachen – nicht vorgesehen, solche Sätze wie z. B. „Das Laufen pferdet und schwärzt“ sind grammatikalisch unkorrekt. Ob es natürliche Sprachen gibt, die eine entsprechendes Weltbild wie in 3) bis 5) besitzen, ist mir derzeit nicht bekannt.

Sicher ist aber: Eine Sprache kann nur überleben, wenn sie (einigermaßen) funktional ist. D.h. wenn sie ihrem Sprecher erlaubt, die Welt so zu begreifen und sprachlich zu beschreiben, dass er darin überleben kann. Sonst stirbt die – dysfunktionale – Sprache mit ihrem Sprecher.

 

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01.12.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (5)  –  Zufall, Kausalität, Determination und Ziel

 

Oft denken wir: Der Zufall ist das Unwahrscheinliche. Dass der – sonst immer pünktliche – Vater seinen Zug verpasste und somit seine zukünftige Frau kennen lernte, war unwahrscheinlich. Und wir sagen dafür auch zufällig.
Allerdings hat der Zufallsbegriff unterschiedliche Bedeutungen. Das habe ich schon in dem Blogeintrag über den Zufall (am  06.11.15 ) erläutert und vor allem in dem dort angegeben Artikel.
Eine wesentliche Vorstellung von Zufall ist, dass hinter ihm kein Sinn und keine Ursache stehen. Aber kann sich hinter großer Unwahrscheinlichkeit nicht doch ein Ziel oder eine kausale Ursache verbergen?
Wir könnten z. B. behaupten: Jenny und John, die Eltern von Stefanie, waren für einander bestimmt. Von wem? Zunächst mag man sagen, von der Vorhersehung, vom Schicksal. Ein gütiges Schicksal lenkte die Wege der beiden Seelenverwandten zusammen. Wenn es auch auf einer oberflächlichen Ebene unwahrscheinlich und zufällig war, so stand dahinter doch ein Sinn, ein Ziel. Die Heirat der beiden und letztlich die Geburt der Tochter Stefanie war vorherbestimmt.
Oder: Ein Unfall scheint uns ein großer Zufall, ein Schicksalsschlag. Aber es gibt Theorien, die behaupten: Unfälle können eine göttliche Strafe sein, ein negatives Karma oder ein unbewusster Todeswunsch.
Andere Modelle eines „gelenkten Zufalls“ sind die Synchronizität (zeitlose Parallelität), die Polarität (Gegensätze ziehen sich an) oder die Sympathie (Gleiches zieht sich an).
Dies kann hier allerdings nicht näher diskutiert werden (ich verweise z. B. auf meinen Artikel   "Was ist Zufall?" vom 20.07.2012, hier auf der Homepage als Pdf, z. B. unter "Aktuell".
 

 

 

  

30.11.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (4) – Jede Sekunde zählt

 

Eine besondere Rolle bei der Unwahrscheinlichkeit spielt die Zeit.  Angenommen der Vater von Stefanie, John, will aus der Wohnung gehen, sieht aber noch, dass das Fenster auf kipp steht. Er geht zum Fenster, schließt es und geht dann, 7 Sekunden später. Dadurch verpasst er – sonst sehr pünktlich – seine Bahn und dadurch lernt er Jenny, seine zukünftige Frau und Mutter von Stefanie kennen, die in der späteren Bahn sitzt.

 

Solche Sekunden oder Sekundenbruchteile spielen auch eine Rolle bei tragischen Unfällen. Schon eine Sekunde früher oder später an einer Kreuzung, das entscheidet womöglich darüber, ob man mit einem anderen Auto zusammenstößt oder nicht, und kann so über das ganze Leben entscheiden, sogar über Leben oder Tod.  

 

Der Betroffene denkt dann oft zwanghaft: Hätte ich doch nicht noch den Autospiegel zurechtgerückt, ich wäre einige Sekunden früher losgefahren – und mein ganzes Leben wäre ein anderes!
Das ist einerseits wahr, aber andererseits auch irreal. Denn jede der Hunderte oder Tausende von kleinen Handlungen war ein Mosaikstein auf dem Weg zum Unfall, das Zurechtrücken des Spiegels war nur eine in einer ganzen Kette: hätte er morgens noch seine Frau geküsst, hätte er den Kaffee ausgetrunken, hätte er nicht so lange den Sportteil der Zeitung gelesen usw. usw., wenn er nur eine dieser Handlungen anders gemacht hätte, wäre der Unfall wahrscheinlich nicht passiert. Dieser Unfall war also Zufall oder eben tragisches Schicksal.
Dass kleinste Änderungen große Auswirkungen haben, ist Bestandteil der Chaostheorie, die ich aber an anderer Stelle besprechen werde.
 

 

Diese - zufällige - Verursachung durch viele kleine Faktorens gilt für Ereignisse, die sehr unwahrscheinlich bzw. selten sind. Wenn jemand z. B. ganz regelmäßig jeden Morgen um 7 Uhr aufsteht, so ist es müßig, hier aufzulisten, welche Ereignisse, Handlungen oder Entscheidungen dazu geführt haben, dass er an einem bestimmten Tag um 7 Uhr aufsteht - er tut es eben (fast) immer.

 

 

 

29.11.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (3) – Empirische Wahrscheinlichkeit  

 

Bei der empirischen Wahrscheinlichkeit schreibt man nicht jedem Ereignis theoretisch eine Wahrscheinlichkeit von 1/2 zu, sondern man gibt an, wie oft in unserer Realität das Ereignis auftritt. Z. B. kann man hier unterscheiden: Wenn die späteren Eltern von Stefanie in entfernten Städten leben, ist die reale Wahrscheinlichkeit für ein Kennenlernen sehr gering, sicher unter 1%. Wenn die Eltern dagegen im gleichen Dorf wohnen, kann man annehmen, dass sie sich mit ca. 75% Wahrscheinlichkeit einmal kennen lernen. 

 

Das mit den 75% war eine Schätzung. Ein Problem ist, dass wir die empirische Wahrscheinlichkeit der meisten Ereignisse nicht genau kennen und sich die Wahrscheinlichkeit einer Kette von Ereignissen um so schwerer berechnen lässt; daher sind wir oft auf Schätzungen angewiesen.
Dennoch, es ist für die Gesamt-Wahrscheinlichkeit von Stefanie nicht entscheidend, ob ihre Eltern im gleichen Dorf oder in verschiedenen Städten lebten. Denn was überraschen mag: Auch wenn wir verschiedene Ereignisse mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit verknüpfen (mathematisch heißt das multiplizieren), wird das Ergebnis mit jedem Ereignis immer unwahrscheinlicher.
 

 

Nehmen wir z. B. 10 Ereignisse, jedes mit einer hohen Wahrscheinlichkeit von 0,75 bzw. 75%. Um deren Gesamtwahrscheinlichkeit zu berechnen, multiplizieren wir einfach 0,75 x 0,75 x 0,75 usw. Es zeigt sich dann, diese 10 Ereignisse haben zusammen nur noch eine Wahrscheinlichkeit von 5,63%, sind also höchst unwahrscheinlich. Das gilt auch für Ereignisse mit noch höheren Werten wie etwa 0,9: Rein mathematisch ist eine Kombination von hinreichend vielen Ereignissen immer unwahrscheinlich. Nur bei deterministischen Ereignissen, deren Wahrscheinlichkeit 1,0 bzw. 100% beträgt, bleibt die Wahrscheinlichkeit bei Kombinationen erhalten. Denn die Multiplikation von 1 mit 1, also 1 x 1 x 1 usw., ergibt immer wieder 1.  

 

Aber im Leben gelten überwiegend nur wahrscheinliche, statistische Gesetze, die also eine Wahrscheinlichkeit geringer als 1 besitzen.
Fazit: Auch gemäß der empirischen Wahrscheinlichkeit ist die Existenz von Stefanie unwahrscheinlich, und zwar wiederum schon rein mathematisch.
Und das gilt natürlich nicht nur für Stefanie, es gilt für alle Menschen – wir alle sind ausgewählt aus einem Ozean von Wahrscheinlichkeiten bzw. Unwahrscheinlichkeiten, aus einem Meer von anderen möglichen Menschen, die nicht existieren, die nicht das Glück hatten, realisiert zu werden.
 

 

 

 

28.11.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (2) – Theoretische Wahrscheinlichkeit

Was ist Wahrscheinlichkeit?
Wir nennen ein Ereignis
- sicher, das in allen Fällen (100%) auftritt
- wahrscheinlich, das in den meisten Fällen (mehr als 50%) auftritt
- zufällig, das in der Hälfte der Fälle (genau 50%) auftritt
- unwahrscheinlich, das in den wenigsten Fällen (weniger als 50%) auftritt
- unmöglich, das in keinem Fall (0%) auftritt.
Man nimmt Wahrscheinlichkeit aber auch als Oberbegriff, kann also z. B. auch von einer Wahrscheinlichkeit von 25% sprechen.

 

Ein beliebiges Ereignis hat eine theoretische Wahrscheinlichkeit von 1/2 (oder 50%). Z. B. dass sich die Eltern von Stefanie kennen lernten, hat erst einmal eine Wahrscheinlichkeit von 1/2. Warum? Ein Ereignis kann stattfinden oder nicht stattfinden, es gibt also 2 Möglichkeiten.
Betrachten wir jetzt 2 Ereignisse, A und B. Es gibt hier folgende 4 Möglichkeiten: A und B, A und nicht B, nicht A und B, nicht A und nicht B. Dass beide Ereignisse A und B zutreffen, ist also eine von 4 Möglichkeiten, hat somit eine Wahrscheinlichkeit von 1/4 (25%). Dies setzt voraus, dass man die Ereignisse als voneinander unabhängig betrachtet.
Unabhängig voneinander sind z. B. die verschiedenen Ziehungen beim Lotto, also einem Glücksspiel. Reale Ereignisse sind zwar oft nicht unabhängig voneinander, dennoch kann man sie erst einmal so betrachten.
Bei 10 Ereignissen beträgt die Wahrscheinlichkeit nur noch 1/1024, vereinfacht 1/1000, also 1 Promille bzw. 0,1%.

 

D. h. für unser Beispiel, wenn wir nur 10 Punkte herausgreifen: Die Eltern studierten in derselben Stadt, sie besuchten dieselbe Uni, sie lernten sich kennen, sie verliebten sich, sie wurden intim, sie hatten keine Verhütung praktiziert, die Mutter hatte ihre fruchtbaren Tage, der Vater war zeugungsfähig, es kam zu einer Befruchtung, die Chromosomen vereinigten sich so, dass Stefanie das Resultat war, dann ist Stefanie nur zu 0,1% wahrscheinlich. Also ist Stefanie sehr sehr unwahrscheinlich.
Und das gilt generell, es liegt nur an der Anzahl der Ereignisse, gleichgültig, um welche Ereignisse es sich konkret handelt.

 

 

 

27.11.15  Die Zufälligkeit unseres Lebens (1) – Wie wahrscheinlich bin ich?

Ich werde hier einen Blogeintrag in 6 Folgen einstellen. Normal eignet sich ein Blog nicht so sehr für fortgesetzte Einträge. Denn wer erst später einsteigt, z. B. beim 4. Beitrag, hat Probleme, das Thema zu verstehen. Er muss dann möglichst nach unten scrollen und den Text von Anfang an lesen. Es ist eben ein Experiment. Danach werde ich meistens wieder für sich abgeschlossene, einzelne Themen beschreiben.
Damit sich die Veröffentlichung nicht so sehr zeitlich ausdehnt, plane ich, jeden Tag einen Beitrag einzusetzen, also vom 27.06. - 02.12.   

                         
Hier wird am Beispiel einer bestimmten Person gefragt, wie wahrscheinlich sie ist, das meint vor allem, wie wahrscheinlich ihre Existenz ist. Und zwar analysiere ich das am Beispiel einer fiktiven Person, nämlich einer jungen Frau namens Stefanie.
Nun ergibt sich direkt die Frage: Wo fängt man an bei der Analyse? Im Grunde könnte man schon beim Urknall beginnen: Wie wahrscheinlich war der Urknall? Aber solche generellen Themen möchte ich hier ausklammern. Denn es geht hier vorrangig um die Wahrscheinlichkeit des individuellen Menschen. Näher ist schon die Frage nach den Großeltern, Urgroßeltern usw. unserer Heldin. Aber schwerpunktmäßig setze ich die Frage bei den Eltern an. Wie wahrscheinlich war es, dass die Eltern sich kennen lernten und ein Paar wurden? Wie viele Zufälle haben dabei eine Rolle gespielt?

 

Z. B. John, der (spätere) Vater von Stefanie: Betrachten wir einige - zufällige - Faktoren, die eine Rolle spielten, dass John seine spätere Frau Jenny kennen lernte. John hatte nach dem Abitur eigentlich vor, in München zu studieren. Eines Tages saß er zu Hause und sah ein Fußballspiel im Fernsehen. Das Telefon klingelte, erst wollte er nicht rangehen, aber schließlich raffte er sich doch auf. Er war sein Schulfreund Roger, von dem er länger nichts gehört hatte. Roger fragte, ob sie sich abends treffen würden. Sie verabredeten sich in einem Szenelokal, aber es war so voll, dass sie keinen Platz mehr fanden. So zogen sie weiter zu einer anderen Kneipe. Als Roger zum Rauchen nach draußen ging, hörte John dem Gespräch am Nebentisch zu. Dort saß ein Pärchen, das sich über Studienplätze unterhielt. Eine junge Frau sagte, sie habe erst in München studiert, aber die Überfüllung und Vermassung dort haben sie mehr und mehr abgeschreckt. Sie sei jetzt nach Münster gewechselt, das sei viel angenehmer, eine überschaubare Stadt, mehr studentisches Leben. John dachte in der nächsten Zeit darüber nach, und es leuchtete ihm immer mehr ein. So entschloss er sich schließlich, in Münster zu studieren. Und dort lernte er dann zwei Jahre später Jenny kennen. Hätte er wie erst geplant in München studiert, er hätte Jenny mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie kennen gelernt. Und Stefanie wäre nie geboren worden.  

 

Wie viele Zufälle! Und doch ist dies nur ein kleiner Ausschnitt der Zufälle, die mitwirkten, dass Stefanie eines Tages das Licht der Welt erblickte. 

 

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23.11.15  Erkenntnistheoretische Richtungen 

 

 Realismus: vollständige Erkenntnis ist möglich, Erkenntnis ist Abbildung
Wenn eine völlige Übereinstimung von Wirklichkeit und Erkennen behauptet wird, spricht man auch von „naivem Realismus“. Diese Richtung entspricht der Adäquations-Theorie, nach der die Erkenntnis ein Spiegel der Realität ist. Aber auch die Evolutions-Theorie argumentiert realistisch, da nach ihr ein Überleben von Individuen bzw. Arten nur möglich ist, wenn sie über ein realistisches inneres Modell der Wirklichkeit verfügen.


 Skeptizismus: Erkenntnis ist nur bedingt möglich, wir erkennen nicht die reale Wirklichkeit
Dem Skeptizismus ist vor allem die Korrespondenz-Theorie (einschließlich dem Kritizismus von Kant) zuzuordnen, nach der unsere Erkenntnisse zwar in konstanter Weise mit der Welt korrespondieren, wir aber nicht wissen können, inwieweit wir dabei die Welt so erkennen, wie sie wirklich beschaffen ist. Auch die Kohärens-Theorie könnte man hier einordnen, nach der unser Wissen vor allem danach gemessen wird, dass es ein widerspruchsfreies, in sich stimmiges System bildet, wobei aber der Bezug zum „Ding an sich“ unbestimmt bleibt.


 Agnostizismus: Es ist überhaupt keine (sichere) Erkenntnis möglich
Hier würde ich die Konsens-Theorie unterbringen wollen, obwohl man sie auch als Skeptizismus kennzeichnen könnte. Zwar würden die Konsens-Theoretiker sich selbst normalerweise nicht zum Agnostizismus bekennen, denn sie verstehen eben Konsens als Wahrheit. Aber dass Menschen – in weitgehendem Konsens – immer wieder zu objektiv falschen Aussagen über die Welt kommen, hat die Wissenschaftsgeschichte vielfach bewiesen. Oft stand gerade die Mehrheitsmeinung auf der falschen Seite, während einzelne Forscher, die zu richtigen Erkenntnissen gekommen waren, attackiert wurden. Galilei, Keppler, Kopernikus sind nur einige Beispiele hierfür. Das Wissenschafts-Establishment tut sich sehr schwer mit einem Paradigmen-Wechsel. Somit meine ich: Wenn man der Konsens-Theorie anhängt, muss man auch bereit sein, einen Agnostizismus zu vertreten.


 Irrealismus: Es gibt gar keine Wirklichkeit außerhalb unseres Bewusstsein
Das bedeutet aber: Es gibt keine objektive Wirklichkeit. Hier wäre insbesondere der berühmte Ausspruch von Berkeley zu nennen: ‚esse est percipii.’ Soll heißen, die Welt besteht nur, insofern wir sie wahrnehmen, ohne Bewusstsein gibt es keine Welt. Auch manche Interpretation der Quantenphysik geht in diese Richtung, im „Erkennen“ schaffen wir erst die Wirklichkeit. Hier gilt wiederum: Die Vertreter eines solchen Irrealismus werden sich selbst nicht als solche betrachten, sie sprechen z. B. von einem Konstruktivismus, nach dem wir Gesellschaft unsere Welt und damit unsere Wahrheit konstruieren. Meines Erachtens gibt es aber keine spezielle Wahrheitstheorie, die sich hier zuordnen ließe. Denn bei einer solchen Auffassung kann man nicht mehr sinnvoll von Wahrheit sprechen, hier wird der Erkenntnisbegriff völlig ausgehöhlt, seines Inhaltes beraubt, letztlich ad absurdum geführt.


 Solipsismus: Es gibt keine Wirklichkeit außerhalb meines Bewusstseins  
Das ist die härteste, konsequenteste, rebellischste Ablehnung aller objektiven Erkenntnis, es ist der totale Subjektivismus. So gesehen besitzt diese Richtung zwar einen gewissen Charme  und Originalität, aber wirklich ernst nehmen kann man sie nicht. Eine anerkannte Wahrheitstheorie ist hier natürlich auch nicht zu nennen. Dennoch, heute hör man oft die Redeweise „wahr für mich“; es gibt eine Tendenz, dass jeder selbst entscheiden will, was – für ihn – wahr ist und was nicht, ggf. auch ohne Argumente, einfach, weil man das als wahr erklärt, was einem gefällt: „wahr ist, was (mir) gefällt“. Dies begünstigt allerdings einen erkenntnistheoretischen Anarchismus und bedroht jegliche objektivierbare Erkenntnis. Trotz allem, der Solipsismus kann uns daran erinnern, dass wir letztlich nur über unser eigenes Bewusstsein direkt verfügen, alle andere Erkenntnis ist vermittelt.
 

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14.11.15  DIE  WELT  ALS  GANZE


1  DIE 5 DIMENSIONEN
Man kann die Wirklichkeit oder die Welt in 5 Dimensionen bzw. (Teil-)Welten unterteilen:

Form  (logisch-mathematische Welt)
Geist (immaterielle, kulturelle Welt)
Bewusstein (Welt des psychischen Inhalte)
Sprache (Welt der Zeichen)
Materie (stoffliche Welt)

2  ANZAHL DER WELTEN
Es gibt gute Gründe für diese 5er-Unterteilung („Quintismus“). Es ließen sich allerdings auch andere Einteilungen vertreten wie in der 3-Welten-Theorie von Karl Popper. So gesehen ist die 5er Unterteilung nur partiell ontologisch, vor allem aber pragmatisch begründet (optimale Übersichtlichkeit).  
   Hier stellt sich das Problem des Reduktionismus: Sind diese 5 Dimensionen auf ganz wenige elementare Dimensionen, eventuell auf zwei oder sogar nur eine zu reduzieren? Zwar könnte man z. B. argumentieren, das Bewusstsein ließe sich auf das Gehirn  als hochkomplexe Materie  zurückführen, aber dieser und andere Reduktionismen bleiben letztlich unbefriedigend.

3  DUALISMUS
Eine wesentliche Position in der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte ist – bis heute – der Dualismus, primär der von Materie und Geist (bzw. Bewusstsein). Danach ließen sich alle Dimensionen der Wirklichkeit auf Materie und/oder Geist zurückführen. Ich diskutiere die wichtigsten Positionen:
- Materialismus: Materie --> Geist
Die Materie schafft oder bestimmt den Geist, bzw. der Geist ist nur eine Illusion.
- Idealismus: Geist --> Materie
Der Geist schafft oder determiniert die Materie, bzw. ist die Materie  letztlich nur eine Illusion.
- Unionismus: Materie = Geist
Materie und Geist  verhalten sich  wie zwei Seiten einer Münze.
- Unitarismus:  Materie <-- X --> Geist
Es existiert ein Prinzip X als Basis von Materie und Geist, z. B. ist Energie dieses Prinzip X.
- Interaktionismus: Materie <-- --> Geist
Es gibt eine Wechselwirkung zwischen Materie und Geist.   

 

4  MONISMUS
Wie der Dualismus nicht überzeugt, so auch der Monismus, also die Rückführung aller Welten auf eine Dimension, vorrangig die Materie (materialistischer Monismus). Dies könnte folgendermaßen aussehen:   Form   -->  Geist  -->  Psyche  -->  Sprache  -->  Materie.     
Zwar kann man den Monismus als philosophisches Ideal ansehen, da Einheit und Einfachheit deren höchste Ziele sind, aber man darf die Komplexität der Wirklichkeit nicht zwanghaft reduzieren.
                 
5  HOLISMUS
Ich versuche zu zeigen, dass die 5 Welten zwar nicht auf eine Einheit (monistisch) zu reduzieren sind, aber dass sie eine Ganzheit bilden. Generell vertrete ich die Auffassung, dass Ganzheit das zentrale Wirklichkeitsprinzip ist. Diese Auffassung kann man  Holismus  nennen. Der Begriff der Ganzheit ist sehr komplex und wird in anderen Schriften von mir genau erläutert. Dabei beziehe ich mich primär auf  System-Theorie und Polaritäts-Theorie, aber auch auf die Theorie der Selbstähnlichkeit, auf Holographie und Chaos-Theorie.
    Polarität bedeutet: Zwei Entitäten oder Begriffe stehen im Gegensatz, bilden aber zusammen eine Ganzheit. Z. B. Welle und Teilchen in der Physik. Eine universalistische Polaritätslehre bietet das taoistische Modell von Yin und Yang.  Ein System (als Ganzheit) ist eine Menge von Elementen, die in Abhängigkeit zueinander stehen und gegenüber einer Umwelt eine Einheit bilden: Z. B. ist der Wald das System gegenüber den einzelnen Bäumen als Elementen.


Literatur:
Dieser Text stammt aus meinen Schriften zur Integralen Philosophie. Ursprünglich hatte ich ein Buch zur Integralen Philosophie geplant, die Verwirklichung ist allerdings nicht abzusehen. Es wäre eine sehr aufwendige Arbeit, und ich bin zusehends skeptischer gegenüber solchen Großprojekten.  
 

 

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11.11.15  Schuldgefühl-Antinomie    

 

Ich beschreibe hier eine Paradoxie über das Thema„Schuldgefühle“.

Beispiel: „Nur wenn Georg Schuldgefühle hat, dann hat er keine Schuldgefühle.“

 

Formalisieren wir das:

A = Georg hat Schuldgefühle    nicht A = Georg hat keine Schuldgefühle

Es gilt: nur wenn A, dann nicht A  (das ist logisch eine Replikation):  

formal -A <-- A

Die Replikation -A <-- A ist logisch äquivalent der Implikation A --> -A.

 

Das bedeutet, es gilt also auch: immer wenn A, dann nicht A, im Beispiel:

„Immer wenn Georg Schuldgefühle hat, dann hat er keine Schuldgefühle.“

Das ist plausibel. Aber nicht, dass  -A <-- A sowohl A <-- -A als auch -A --> A ausschließt, wie sich durch Wahrheitstafeln beweisen lässt.

 

Für unseren Fall wäre psychologisch doch einleuchtend, dass auch gälte:

„Nur wenn Georg keine Schuldgefühle hat, dann hat er Schuldgefühle.“ Bzw.

„Immer wenn Georg keine Schuldgefühle hat, dann hat er Schuldgefühle.“

 

„Nur wenn A, dann nicht A“ (bzw. „Immer wenn A, dann nicht A“) ist aus Sicht einer natürlichen Logik ein logischer Widerspruch, allerdings nicht bei Verwendung der normalen Implikation (zur Kritik der normalen Implikation an anderer Stelle).

All das zeigt: Die Aussagen-Logik, jedenfalls die verbreitete mit der normalen Implikation, ist nicht wirklich geeignet, unser Problem zu analysieren.

 

Ähnlich wie betreffend Schuldgefühle könnte man auch formulieren:

„Georg fühlt sich nur dann gut, wenn er sich schlecht fühlt.“

 

Wie sind solche Aussagen zu interpretieren? Man könnte wie gesagt argumentieren, diese Aussagen sind logisch widersprüchlich und so gesehen falsch (in jeder möglichen Welt) oder sinnlos.

 

Aber eine derartige Aussage kann psychologisch doch durchaus Sinn machen: Sie verweist auf einen autoaggressiven Menschen bzw. einen Menschen, der zur Selbstbestrafung neigt. Georg hat ein negatives Selbstbild, er findet sich schlecht, fühlt sich schuldig. Er meint, er habe kein Recht, sich gut zu fühlen. Nur wenn er sich durch Schuldgefühle selbst bestraft, darf er sich besser fühlen. Also pointiert: nur wenn er Schuldgefühle hat, dann hat er keine Schuldgefühle. 

 

Psychologisch ist das also durchaus nachvollziehbar, aber es bleibt das Problem des (scheinbaren) logischen Widerspruchs – jedenfalls aus der Sicht einer natürlichen, intuitiven Logik.

Ich habe im Moment auch noch keine eindeutige Lösung für dieses logische Problem, will aber zwei Ansätze vorschlagen:

 

1. zeitliche Folge

Wenn Georg sich schlecht fühlt, dann fühlt er sich – danach – gut.

Hier liegt kein Widerspruch vor, denn Georg fühlt sichzum Zeitpunkt ti schlecht und erst zu einem späteren Zeitpunkt tj gut – die herkömmliche Logik abstrahiert zwar von der Zeit, aber natürlich kann man auch eine Zeitlogik aufbauen.

 

2. Verschiedene Ebenen

Georg hat Schuldgefühle. Auf einer Meta-Ebene nimmt man Bezug auf diese Tatsache: Er empfindet keine Schuldgefühle darüber, dass er Schuldgefühle hat (sondern gerade umgekehrt). Auf der unteren Ebene hat er die Schuldgefühle. Aber auf der oberen nicht. So gesehen liegt kein Widerspruch vor, wenn man die Ebenen getrennt betrachtet.

 

Formal könnte man - vereinfacht -  schreiben:

Schuldgefühle(Georg)

–Schuldgefühle(Schuldgefühle(Georg))

Wenn man „–Schuldgefühle“ definiert als „gutes Gewissen“, könnte man auch schreiben: gutes Gewissen(Schuldgefühle(Georg))

 

 

[Das Minuszeichen – dient als Negation, weil der

Homepagecreator das logische Zeichen für die Negation leider nicht darstellen kann.]

 

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06.11.15  Zwei Modelle von Zufall 

Zur Analyse des Zufalls muss man zunächst zwischen empirischer Wahrscheinlichkeit (bzw. relativer Häufigkeit) und theoretischer Wahrscheinlichkeit unterscheiden.
Z. B. beim Münzwurf: Dass in 4 Würfen 2x Kopf (und entsprechend 2x Zahl) kommt, bedeutet eine empirische Wahrscheinlichkeit von 2/4 = 50%. Die theoretische Wahrscheinlichkeit dafür beträgt aber 6/16 = 3/8 =

Man kann in der Wissenschaft 2 Modelle von Zufall unterscheiden:

1) Gleichwahrscheinlichkeits-Modell
Zufall ist der empirische Wert, der die höchste theoretische Wahrscheinlichkeit besitzt, der am ehesten zu erwarten ist, wenn keine Gesetzmäßigkeit besteht. Das ist bei 2 Variablen 50%. (Also z. B. dass in 4 Münzwürfen 2 x Kopf kommt)
Von Gleichwahrscheinlichkeit kann man sprechen, weil es gleichwahrscheinlich ist (50%), dass ein Sachverhalt besteht oder nicht (also dass Kopf oder dass Zahl kommt).

2) Unwahrscheinlichkeits-Modell    
Zufall ist hier ein niedriger empirischer Wert (jedenfalls < 50%, aber normalerweise < 10%), der gerade durch eine sehr niedrige theoretische Wahrscheinlichkeit gekennzeichnet ist. Es gibt zwar eine Regel, aber der Zufall ist gewissermaßen gerade die Ausnahme von der Regel. Ein empirischer Wert von z. B. 10% besitzt eine niedrige theoretische Wahrscheinlichkeit, weil eben (bei 2 Variablen) ein Wert von 50% am wahrscheinlichsten ist, der stark abweichende Wert von 10% entsprechend unwahrscheinlich.

Damit besteht ein starker Unterschied, ja Gegensatz zwischen den Definitionen von Zufall als Unwahrscheinlichkeit und Zufall als Gleichwahrscheinlichkeit.
Erstaunlich nur, dass dies m. W. in der Wissenschaft kaum wahrgenommen und exakt differenziert wird.

Nochmals zur Übersicht ein anderes Beispiel:

1) Gleichwahrscheinlichkeits-Modell (keine Regel, keine Korrelation)    

50% aller Raucher haben Bronchitis / 50% aller Raucher haben keine Bronchitis: 
Es ist weder wahrscheinlich noch unwahrscheinlich, sondern zufällig,
   dass ein Raucher Bronchitis hat
Und es ist weder wahrscheinlich noch unwahrscheinlich, sondern zufällig,
   dass ein Raucher keine Bronchitis hat.

2) Unwahrscheinlichkeits-Modell    (statistische Regel, Korrelation)    

95% aller Raucher haben Bronchitis / 5% aller Raucher haben keine Bronchitis:  
Es ist wahrscheinlich, dass ein Raucher Bronchitis hat
Es ist unwahrscheinlich  = zufällig, dass ein Raucher keine Bronchitis hat
(Ausnahme von der Regel)

Literatur:
Eine viel genauere Analyse von Zufall, auch mit erweiterten Zufallsbegriffen, findet sich in meinem Text: „Was ist Zufall?“, hier auf der Homepage.
 

 

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01.11.15  Was ist Mega-Ganzheit ?

 

1)  BEGRIFF
Der Begriff "Mega-Ganzheit" klingt vielleicht etwas (irri­tierend) bombastisch. Er soll aber einfach - ähnlich wie Megatrend, wie Megabrain, Megakrise u.a. - eine Steigerung aus­drücken, konkret eine übergeordnete, umfassende Ganzheit. Eventuell wäre aber der Begriff  „Meta-Ganzheit" noch passender (in späteren Jahren habe ich in der Tat diesen Begriff verwendet).

2)  DEFINITIONSPROBLEMATIK
"Mega-Ganzheit" kann nicht eindeutig definiert werden. Ein­mal, weil sie sich nicht vollständig sprach-rational erfassen lässt, sondern auch außersprachliche Dimensionen miteinbezieht; zum andern, weil sie als vorläufiges, offenes Konzept verstan­den wird, das noch weiter erforscht werden muss, oder sogar als evolutionäres Prinzip (das ist kein Trick, sich einer Definition zu entziehen, sondern ein Bekenntnis zu den Grenzen des Wissens).

3)  BESTIMMUNG
Vorläufig lässt sich Mega-Ganzheit (M-G) etwa durch folgende Merkmale bestimmen:
- Pluralität: Ein mega-ganzheitliches System verfügt über viele "Freiheitsgrade", über  vielfältige (im Extrem alle) Verhaltensmöglichkeiten.
- Integration: Diese Vielfalt ist aber nicht beliebig aneinandergereiht,  sondern zu einem  Ganzen strukturiert, die Auswahl der Möglichkeiten erfolgt nicht zufällig.
- Flexibilität: Andererseits werden die Verhaltensweisen auch nicht nach einem starren  Schema selektioniert, sondern flexibel, elastisch.
- Evolution: Hauptziel bei seinen Verhaltensentscheidungen ist für das System, sich – in  Austausch mit seinen Umwelten – weiterzuentwickeln, kreativ zu sein.

4)  POLARITÄTS-LEHRE
Man könnte die M-G an verschiedenen Modellen veranschauli­chen (vor allem auch innerhalb der Systemtheorie, wie ich es an anderer Stelle vollzogen habe).
Ich gehe hier aber nur von der Polaritäts-Lehre aus, deren verschiedene Positionen ich beschreibe:

 

1 . YIN
Forderung nach einer ständigen (absoluten oder relativen) Dominanz des Yin, des Erdhaft-Natürlichen, Körperlich-Emotio­nalen, oft eingeengt auf Sanftheit, Weichheit und Liebe (problematischerweise meist mit dem Weiblichen gleichgesetzt).
Kritik: Es ist normalerweise nicht möglich, dauerhaft nur sein Yin zu leben. Bei allen Schwierigkeiten einer genauen Definition des Yin: Ihm fehlen einfach die - lebensnotwendige  - Selbstbehauptung, Struktur, Bewusstheit. Wir können nicht völlig zurück in eine präpersonale, prärationale, un­bewusste Vormoderne, ins Mythisch-Magisch-Archaische.

2. YANG
Forderung nach einer ständigen (absoluten oder relativen) Dominanz des Yang, des Rational-Egohaften, Manipulativ-Technischen (wie es mit dem Männlichen gleichgesetzt wird).
Kritik: Dies ist die Haltung der Aufklärung, der mechanisti­schen Moderne, die uns mit ihrer Aggressivität, Naturbeherr­schung und Frauenunterdrückung die gegenwärtige Krise beschert hat und überwunden werden muss.

3.  GANZHEIT VON YIN UND YANG
1) und 2) sind mono-polar, berücksichtigen (fast) nur einen Pol. Hier wird jetzt - bi-polar - ein Gleichgewicht der Pole gefordert, entweder in Form einer permanenten Mitte (der androgyne Mensch) oder in Form eines dynamischen, periodischen Aus­gleichs (wie es das Yin-Yang-Kreissymbol zeigt).
Kritik: Eine unveränderliche, genaue Mitte: 50 % Yin, 50 % Yang, ist steril, verkommt von der goldenen Mitte zur Mittel­mäßigkeit. Aber auch der Wechsel nach einem starren Rhythmus ist schematisch, erlaubt keine Adaption und Evolution.

4.  EINHEIT VON YIN UND YANG
Hier wird eine trans-polare Haltung gefordert, eine Über­windung der Polarität durch vollständige (Wieder-)Vereinigung der Pole. Man zielt auf das Tao, in dem Yin und Yang noch ununterschieden ruhen.
Kritik: Dieser transpersonale, transrationale Seinszustand ist nicht sicher zu erfassen. Er ist am ehesten in der inneren, meditativen Erfahrung zugänglich. Aber es bleibt fragwürdig, ob man ihn konkret in unserer polaren Welt leben kann, und wenn, ob nicht nur in ausgesuchten Momenten der Existenz, also nicht im praktischen Alltag.

5.  MEGA-GANZHEIT
M-G könnten wir jetzt beschreiben als Integration der bis­her aufgezählten Möglichkeiten (1 - 4), daher als umfassende, höhere, echte Ganzheit. Grundsätzlich in einer Mitte von Yin und Yang leben, aber nicht starr, sondern mit zyklischen Schwankungen. Dabei jedoch bereit sein, sich ganz ins unter­bewusste Yin, ins bewusste Yang oder ins überbewusste "Tao" zu begeben. Flexibel, nach eigenen spielerischen oder evolutionären Be­dürfnissen, oder auch als notwendige Reaktion auf Umweltein­flüsse. Wandlungsfähig bleiben, dabei aber seinen Kern, seine Mitte, seine Identität, das im Hier-und-Jetzt verankerte Yin-Yang-Gleichgewicht nicht endgültig aufgeben. Die Mega-Ganzheit ist natürlich eine Idealvorstellung, der man sich annähern, die man aber vielleicht nie vollständig verwirklichen kann.

 

Literatur: Diesen Text schrieb ich ursprünglich bereits 1989.

 


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