Buch-Manuskript

 "Abschied von der Natur"  

 

 

ABSCHIED VON DER NATUR

Die Zukunft des Lebens ist Technik

Metropolitan Verlag, Düsseldorf 1997 

 

(21.04. 2016)  

 

Ich möchte hier erstmals den vollständigen Text meines Buches "Abschied von der Natur" (1997) auf die Homepage stellen und habe dazu ein neues Vorwort geschrieben (das ich hier verkürzt widergebe). Zwar habe ich schon 2013 eine umfangreiche Fassung als PDF eingestellt, aber die hatte Fehler und Mängel, die ich jetzt  - hoffentlich - korrigiert habe.

Allerdings habe ich den Text nicht inhaltlich überarbeitet oder aktualisiert, das hätte ein weitgehend neues Buch erfordert.

 

Auf Grund der hysterisch-polemischen Reaktionen nach der Veröffentlichung und auf Grund der Tatsache, dass dieses Buch partiell überholt ist, hatte ich mich erst dagegen entschieden, das vollständige Manuskritpt hier einzustellen.  Aber das Buch enthält doch so viele wichtige Ideen, dass ich es gerne vollständig auf meiner Homepage repräsentiert haben möchte. Und heute dürften die Reaktionen auch gelassener sein ...

 

 

 

NEUES VORWORT (21.04.16) 

 

Mein  Buch "Abschied von der Natur" erschien 1997, das ist also fast 20 Jahre her. Damals war Gerhard Schröder noch Ministerpräsident in Niedersachsen und Angela Merkel Umweltministerin unter Kohl. Man kann natürlich fragen, ob das Buch nicht so veraltet ist, dass es sich gar nicht lohnt, es neu auf der Homepage zu veröffentlichen. Einmal davon abgesehen, dass ich als Autor eben gerne mein weitgehend vollständiges Werk an einem (virtuellen) Ort zusammenstellen möchte, ich meine, dass "Abschied von der Natur" zwar in den aktuellen politischen Bezügen völlig überholt ist, dass aber viele seiner Grundgedanken und erst recht viele Einzelanalysen bis heute gültig sind.

Die Grundthese des Buches war, dass die Natur stirbt. Weil der Mensch nicht wirklich bereit ist, die Natur zu retten. Und dass es daher richtig und notwendig ist, sich von der Natur abzukoppeln und ein Technik-zentriertes Leben zu führen. Dass dies auch die Chance für eine Evolution des Menschen bedeutet. Dabei wurde gefordert, sich auch von der "inneren Natur" des Menschen mit seinen primitiven Trieben und Aggressionen zu emanzipieren. Da das Erbe der Natur keineswegs so positiv sei wie immer behauptet, sondern dass die Natur ein Schlachtfeld, ein Kriegsschauplatz sei.

Meine Prognosen haben sich sicher (noch) nicht alle bewahrheitet. Die Natur ist wohl widerstandsfähiger gegen menschliche Zerstörung, als man vor 20 Jahren dachte. Aber das ändert doch nichts daran, dass immer mehr Wälder und Landschaften zerstört werden, dass immer mehr Arten aussterben und dass die Umwelt (von einzelnen Verbesserungen abgesehen) zunehmend mit Gift- und Schadstoffen belastet wird. Wir haben uns nur allmählich daran gewöhnt und verdrängen es, noch mehr als früher.

Seinerzeit wurde viel vom "Waldsterben" gesprochen. Sicherlich, der Begriff war übertrieben, und wir haben heute immer noch Wälder. Andererseits ist auch wahr, dass je nach Baumart weiter ein Großteil der Bäume krank ist und der Wald somit immer noch – wenn auch eher von anderen Schadstoffen als früher – bedroht ist, wie man in entsprechenden Untersuchungsberichten nachlesen kann. So wird z. B. im Waldzustandsbericht für Baden-Württemberg von 2015 nur 29% der Waldfläche als gesund bezeichnet, was schon als Erfolg gewertet wird, denn im Jahr 2014 waren nur 24% des Waldes gesund. Nur werden solche Zahlen kaum noch in der Öffentlichkeit registriert.

Jedenfalls hat sich meine Vorhersage einer zunehmenden Technisierung in alle Lebensbereichen als richtig erwiesen. Z. B. habe ich damals geschrieben, dass man – analog zum Herzschrittmacher – einen "Hirnschrittmacher" einsetzen könnte, um Störungen des Gehirns zu regulieren bzw. seine Leistungen zu verbessern. Darauf reagierten einige Kritiker mit Ablehnung und Paranoia. Heute wird dieser Chip im Gehirn von der Medizin durchaus eingesetzt, kann z. B. bei Epilepsie helfen.

Der "Abschied von der Natur" hat von meinen bisherigen Büchern weitaus die größte Aufmerksamkeit erzielt. Es brachte mir Auftritte im Fernsehen und im Rundfunk ein, und es erschienen schätzungsweise 100 Rezensionen, u. a. in so wichtigen Zeitungen wie der "Welt" und der "Süddeutschen". Auch der "Spiegel" berichtete – übrigens relativ wohlmeinend – über meine Thesen. Die Zeitschrift "Natur" beschäftigte sich über mehrere Hefte mit meinem Buch. Dabei wurden auch Prominente befragt wie der Komponist Karlheinz Stockhausen, der Grafiker Klaus Staeck oder selbst die damalige Umweltministerin Angela Merkel. Alle diese "Experten" gaben (natürlich ohne mein Buch gelesen zu haben) Statements ab von beeindruckender Einfalt, deutlich populistisch bemüht, ein naturkritisches Buch schlechtzureden.

Und das muss man zugeben: Die Reaktionen auf "Abschied von der Natur" waren überwiegend polemisch bis feindselig; nur wenige Kritiker haben das Buch wirklich verstanden und gewürdigt. Sicherlich, das Buch ist provozierend. Und es rührt an einem Tabu. Es herrschte (und herrscht bis heute) ein Dogma, dass die Natur gut und rein ist, daher unbedingt geschützt werden muss. Dass jemand an diesem Tabu, an dieser "heiligen Kuh" rührte, rief  Aggressionen hervor.

Die Wut vieler Kritiker hatte allerdings auch noch einen konkreteren Anlass. Mein Ansatz besagte: Obwohl ständig von Umwelt- und Naturschutz geredet wird, sind die wenigsten Menschen bereit, wirklich etwas für die Umwelt zu tun, Opfer auf sich zu nehmen, auf ihre Bequemlichkeiten zu verzichten. Daher kann die Natur nicht überleben, und so müssen wir nach einer Alternative suchen, nämlich einem Technik-bestimmten Leben, was allerdings auch eine Weiterentwicklung für uns Menschen bedeutet.

Damit wurde die Heuchelei aufgedeckt, dass wir alle doch so wahnsinnig naturlieb sind, es wurde die Verlogenheit entlarvt, mit der viele Menschen (eben auch die Kritiker) Umweltschutz predigen, andererseits bei jedem Urlaub mit dem Kerosin-schluckenden Jet in den Urlaub fliegen, auf den Autobahnen rasen – ohne Rücksicht auf Spritverbrauch und Schadstoffemissionen –, dass sie sich bei jedem Einkauf eine Plastiktüte geben lassen, überhaupt viel zu viel konsumieren, dass sie ihren Müll oft genug nicht ordentlich trennen usw.
Ein Großteil der Bürger, gerade die Großstädter, haben einerseits ein verkitschtes Verhältnis zur Natur (die sie übrigens gar nicht wirklich kennen); vielleicht vergießen sie sentimental ein paar Tränen über einen Bambi-Film. Aber andererseits ist ihnen in ihrem tiefsten Inneren die Natur eigentlich herzlich egal. Für sie gilt: "Mein Auto fährt auch ohne Wald."
Und niemand lässt sich natürlich gerne bei seinen Lügen, Ausflüchten und Fehlverhalten erwischen. Lieber attackiert man den Boten bzw. den Autor, der die schlechte Nachricht bringt.

Natürlich hätte man an meinen Aussagen konstruktiv Kritik üben können, aber davon war fast nichts zu lesen. Sagen wir es deutlich: Die meisten, ziemlich unsachlichen Kommentare haben letztlich nur eine These meines Buches bestätigt, ämlich dass die Menschen noch stark von der emotional-aggressiven Natur (in sich) geprägt sind. Sie urteilen aus irrationalen Gründen, ohne die Sachverhalte wirklich zu kennen und zu verstehen.

Ich denke weiterhin, mein Buch war mutig, rebellisch, originell, innovativ, aufklärerisch. Dennoch würde ich es heute sicher nicht mehr genauso schreiben. Manches würde ich inhaltlich nicht mehr so dezidiert vertreten, vor allem aber würde ich differenzierter schreiben. Eigentlich neig(t)e ich bei meinen (populär)wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu einer ausgewogenen Darstellung, aber hier entschied ich mich, auch im Sinne des Verlages, für einen provokativen Stil, um mit meinem Buch in der Masse der Veröffentlichungen eine gewisse Aufmerksamkeit zu erzielen. Man musste (und muss) – leider – eine Theorie sehr pointiert vertreten, wenn man sie bekannt machen will, das Für-und-Wider-Abwägen langweilt leider die meisten Medien und Leser. Ich wollte mit meinem Buch "wachrütteln", und das ist mir auch gelungen.

Aber es hat sich gezeigt, dass viele Leser/innen – beim Tabu-Thema "Natur" – durch die Provokation nur auf Abwehr gehen, gar nicht mehr weiterlesen und weiterdenken; und das wollte ich natürlich nicht.
Und bei einem Thesen-Buch ist überhaupt die Gefahr, dass man nur nach Argumenten sucht, seine Theorie auszubauen und zu bestätigen, und nicht nach solchen, die sie schwächen oder gar widerlegen.
Ich würde das Buch heute auch eher deskriptiv anlegen, also nur den Zustand und die voraussichtliche Zukunft der Natur beschreiben, anstatt – präskriptiv – zu bestimmten Handlungen aufzufordern. Und im nachhinein habe ich es bedauert, dass ich mein Buch nicht schon 1997 deskriptiv-analytisch verfasst habe.

Fazit: Obwohl einzelne Thesen des Buches überholt sind, insgesamt haben seine Aussagen bis heute Gültigkeit, sind teilweise sogar noch aktueller als vor 20 Jahren. So gesehen war das Buch wahrscheinlich seiner Zeit voraus, erschien zu früh. In jedem Fall wäre es Zeit für eine Neuentdeckung des Buches " Abschied von der Natur".


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Die Neuveröffentlichung von „Abschied von der Natur“ soll in zweierlei Weise geschehen.

 

1) Der gesamte Text wird als PDF eingestellt (frei zum Download)

 

2) DerText wird hier eingestellt, zum direkten Lesen

 

 

zu 1) PDF:

Diese PDF-Datei beinhaltet den vollständigen Text meines Buches "Abschied von der Natur".
Der Text ist mein Buch-Manuskript. Das veröffentlichte Buch selbst war natürlich graphisch anders gestaltet, die Seiteneinteilung war anders, es dürften sich auch einige inhaltliche Unterschiede ergeben, da mein Text ja noch lektoriert wurde. Eine wesentliche Änderung ist, dass mein Buch-Manuskript zusätzlich einen "Ausblick" enthält, den ich hier erstmals abdrucke. Eine Überarbeitung oder nur Nachkorrektur des Textes habe ich nicht vorgenommen.

 

ABSCHIED VON DER NATUR
Buchmanuskript (1997 / 2016)

 

                                                        



 

2) zum Lesen auf der Homepage

Nachfolgend  der Text des Buches „Abschied von der Natur“. Das neue Vorwort habe ich rausgenommen, weil das ja oben schon zu lesen ist.

 

Ich beginne erst einmal mit den ersten beiden Kapiteln des I. Teils. Es ist geplant, später weitere Kapitel, vermutlich den gesamten Text einzustellen.

Allerdings ist das mit verschiedenen technischen Problemen verbunden.

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Ben - Alexander Bohnke

ABSCHIED VON DER NATUR - Die Zukunft des Lebens ist Technik



Metropolitan Verlag
Düsseldorf  1997

ISBN 3-89623-074-3
 

 

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INHALT

Vorwort



I. Teil: Die Natur stirbt, es lebe die Technik

    1. Das Elend der Natur
    · Warum die Natur nicht gerettet werden kann
    · Auslaufmodell Natur - Veraltet und häßlich
    · Die Natur des Menschen - Einfach tierisch
    2. Mutter Natur - Mythos und Monster
    · Raubtiere, Giftpflanzen, Krankheitskeime
    · Tödliche Naturkatastrophen - "Sanfte Natur"?
    · Belebte und unbelebte Natur - Ungleiches Paar
    3. Technologismus - Unsere einzige Chance
    · Natur + Umwelt contra Technik
    · Technikförderung statt Umweltschutz
    · Öko-Ethik: Dürfen wir die Natur zerstören?
    4. Die Evolution der menschlichen Natur
    · Wege zur Menschenverbesserung
    · Schreckgespenst "Schöne neue Welt"
    · Hominismus - Der Mensch als Maß aller Dinge


II. Teil: Jenseits der Natur - Die Techno-Wende

    1. Krank durch natürliche Lebensweise?
    · Vom Bio-Leben zum Technic-Life
    · Chemiekost übertrifft die Naturkost
    · Lieber Naturheilkunde oder Schulmedizin?
    2. Befreiung vom egoistischen Tier in uns
    · Das Erbe der Natur - Aggression und Diktatur
    · Frau = Natur? - Fehler des Ökofeminismus
    · Technologische Aufklärung der Gesellschaft
    3. Techno überholt Bio - Goodbye Natur
    · Natur-Technik-Konflikt: Hund oder Auto?
    · Umweltpolitik, Wirtschaft und Ökosteuer
    · Greenpeace & Co. - Grüne Sekten?
    4. Die Welt der Zukunft -Technik total
    · Der postbiologische Mensch von morgen
    · Die High-Tech-Evolution unseres Lebens
    · Wir müssen und werden Erfolg haben


Ausblick

Literatur-Auswahl

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VORWORT

 

 

 

 

Die Natur verschwindet aus unserer Welt, jeden Tag mehr. Tiere, Pflanzen, Landschaften, Gewässer - sie sterben aus oder sterben ab. Die Natur insgesamt wird untergehen. Und sokommt die Zeit, sich von ihr zu verabschieden.

Der Niedergang der natürlichen Umweltist eine Tragödie. Aber wir Menschen können trotzdem weiterleben. Das kommen­de Ende der Natur ist für uns sogar die Chance zu einem Entwick­lungssprung. Befreit von naturgegebenen Zwängen werden wir endlich ein selbstbestimmtes Leben führen und unsere eigene Welt aufbauen, mittels einer neuen Mega-Tech­nik.

Der Mensch hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder er geht mit der Natur zugrunde, oder er koppelt sich von ihr ab.Deshalb halte ich es gerade für falsch, wenn überall ge­fordert wird, wir sollten die Umwelt mehr schützen und die Technik stärker be­schränken. Denn die Natur ist unheilbar krank, sie kann nicht gerettet werden. Nur mit neuartigen Technologien können wir Menschen überleben.

Aber auch, wenn die Natur noch eineChance hätte, sie soll gar nicht gerettet werden. Denn sie ist veraltet, überholt, ein Auslaufmodell. Sie paßte zur Kindheit des Menschenge­schlechts, war seine Spielwiese. Doch seinem heutigen Evolu­tionsstand ist sie nicht mehr angemessen. Wir müssen vielmehr in Richtung Zukunft voranschreiten und dafür immer leistungs­fähigere High-Tech-Systeme entwickeln.

 

 

Ein Schlüsselerlebnis

 

Die Idee zu diesem Buch kam mir auf einem Waldspaziergang im Frühling. Ich schaute mir die Bäume an, und fast alle zeigten braune, kranke Stellen in den Blättern oder ver­gilbte Na­deln. Viele verloren auch Blätter, trotz des Frühjahrs. Man­che Bäume sahen richtig häßlich aus, es machte wenig Freude, an ihnen entlangzugehen.

Plötzlich spürte ich eine Ahnung wie eine Gewißheit: Es ist aussichtslos, diesen Wald noch heilen zu wollen. Den be­kommt man nicht mehr gesund. Und weiter: Wie mit diesem Wald, so steht es mit derganzen Natur. Sie befindet sich auf einem "absterbenden Ast". Auch wenn wir größte An­strengungen un­ternehmen würden, auch wenn wir endlich zu einer kompromißlo­sen Öko-Politikbereit wären (was wir bisher nicht waren), wir könnten unsere natürliche Umwelt doch nicht mehr sanieren und bewahren.

Zwar beschäftigte ich mich schon über Jahre intensiv mit dem "Waldsterben" und überhaupt der Umweltverschmutzung, hatte viel darüber gehört und gelesen, was mir Sorgen machte. Doch all dies besaß für mich nicht die zwingende Überzeugungskraft wie meine eigene Intuition, die unmittelbare Erkenntnis auf dem Spaziergang. Und so erschrak ich. Nicht allein wegen der Natur, sondern noch mehr wegen dem Schicksal der Men­schen. Mir fiel die berühmte Prophezei­hung der Indianer ein: Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch. Geht mit dem Untergang der Natur auch die Menschheit notwendig unter?

Aber dann hatte ich einen aufregenden Einfall - und ihm folgte neue Hoffnung: Wir Menschen kön­nen leben, auch wenn die Natur stirbt. Wir müssen uns eben eine neue Lebensbasis suchen bzw. selbst schaffen, eine künstli­che, technische Lebensbasis. Darauf sind alle un­sere An­strengungen zu richten, anstatt vergeblich für die Genesung der todkranken Natur zu kämpfen.

Das Wichtigste daran ist jedoch: DerMensch kann aus der Not eine Tugend machen, in der Krise liegt eine Chance. Denn obwohl die Natur uns bisher weitgehend körperlich versorgt, genährt und gekleidet, sowie seelisch vielfach bereichert hat, so hat sie uns andererseits eingeengt, ab­hängig gemacht und gequält. Naturkatastrophen, Eiseskälte und Gluthitze, Raubtiere und Giftpflanzen, Krankheitser­reger und Ungeziefer - obwohl schon heute durch die Tech­nik sehr gemildert, die natürliche Umwelt beschert uns im­mer noch viele Gefahren und Widerlichkeiten.

Doch der Mensch - in den Industriestaaten - hat den Blick dafür mehr und mehr verloren. Wir huldigen einem My­thos der Natur, wir idealisieren und romantisieren sie. "Natürlich" scheint uns deckungsgleich mit friedlich und gesund, gut und schön. Aber die Natur war stets primär ein "Kriegs­schau­platz", wo der Kampf ums Überleben herrschte. Sie war nie ein Paradies und ist es heute - angesichts ih­res Siechtums - erst recht nicht mehr.

 

 

Technikliebe statt Naturliebe

 

Es wird Zeit für eine neue, realistische Sichtweise der Na­tur, einschließlich ihrer häßlichen und "boshaften" Sei­ten. Und entsprechend brauchen wir eine neue Sicht von Technolo­gie. Obgleich wir, in den industrialisierten Län­dern, be­reits in einer großteils technisch bestimmten Welt leben und deren Annehmlichkeiten genießen, besitzt dieTechnologie noch immer ein eher negatives Image, als kalt, fremd oder gar feindlich - Stichwort "Technokratie". Wir sollten zu einem neuen, zeitgemäßen Technikverständnis, ja zu einer Freund­schaft mit der Technik finden. Dieses zu­künftige -"technophile" - Be­wußtsein kann man als Tech­no­logismus be­zeichnen.

Es äußert sich in einer Techno-Evolution, in einer mas­si­ven und gezielten Förderung innovativer Hochtechnologie. Das bedeutet aber keine blinde Technikgläubigkeit, kein Übersehen tech­nisch bedingter Risiken und Probleme. Man wird intensiv daran ar­beiten, technische Verfahren "bedienerfreund­li­cher" und damit menschenfreundlicher zu gestalten.

Es genügt jedoch nicht, daß wir uns vonder äußeren Na­tur loslösen. In einem zweiten Schritt haben wir uns auch von un­seren inneren Natur, der Natur in uns zu eman­zi­pieren. Der Mensch muß sein "natürliches" Erbe an tie­ri­schen Verhal­tensweisen, vor allem irrationale Aggres­sio­nen und Ängste überwinden. Ebenso ist die physische Na­tur des Men­schen, sein Körper zu verändern, damit er besser gegen Krankheiten ankommt und in der neuen tech­nologi­schen Um­welt optimal funktioniert. Hierbei werden auch Methoden wie Gentechnik und Bioelektronik zum Einsatz kom­men.

Indem der Mensch so seine Welt und sichselbst um­ge­stal­tet, sogar neu erschafft, rückt er ganz in den Mittel­punkt seiner Existenz. Er ist jetzt wirklich "das Maß al­ler Dinge". Ich möchte diese Selbstzentrierung des Men­schen in seinem Handeln wie Bewußtsein Hominismus nennen. Man kann von einem "post-biologischen" Zeitalter sprechen, weil die biolo­gische Evolution weitgehend von einer tech­nologischen Evolu­tion abgelöst wird, die der Mensch eigen­händig steuert. Das hat nichts mit Hybris oder narzißti­schem Größenwahnzu tun, sondern ist geradezu eine ge­schichtliche Notwendigkeit.

Man könnte auch von einer Techno-Aufklärung sprechen. Das Programm der Aufklärung im 17./18. Jahrhundert laute­te, den Menschen zu Vernunft und Freiheit, Selbstverant­wortung und Selbstverwirklichung zu führen. Dieses Pro­gramm mußte letzt­lich scheitern, weil der Mensch noch zu stark der - äußeren wie inneren - Natur verhaftet war. Das hat im Lau­fe der Ge­schichte immer wieder Denker bzw. Gei­stesströmun­gen veran­laßt, die Aufklärung insgesamt ab­zu­lehnen und wo­möglich eine Rückbesinnung auf die Natur zu fordern. Aber es gibt kein Zurück, auch und erst recht kein "Zurück zur Natur". Und mit der technischen Revo­lu­tion hat der Mensch erstmals eine Chance, die Ideale der Aufklärung zu ver­wirklichen.

 

 

So entstand dieses Buch

 

Am Anfang meiner Arbeit standen die zwar intuitiv-ein­dring­lichen, doch noch wenig präzisen Vorstellungen bei dem Wald­spaziergang. Dann fing ich an zu recherchieren, Fachliteratur zu lesen, mit Menschen, Laien wie Experten zu diskutieren und das Thema im Einzelnen zu durchdenken. Trotz all dieser Bemü­hungen bleibt es ein Anfang. Ich be­anspruche weder, den richtigen Weg in die Zukunft genau zu kennen, noch meine Vi­sion streng wissenschaftlich beweisen zu können. Auch möchte ich weniger neue Techniken im De­tail darstellen, sondern vor allem den Bewußtseinswandel - von der Natur hin zur Technik - beschreiben bzw. einfor­dern.

Meine Kritik an der Natur bzw. an derÖkologie ist unge­wohnt, widerspricht dem allgemein verbreiteten Denken. Denn die Natur ist "in", "mega-in". Jeder liebt sie (oder behaup­tet das wenigstens), man hat nur Positives über sie zu sagen und beklagt ihren Niedergang als Verlust. Die Na­tur ist eine heilige Kuh, die keiner zu melken und schon gar nicht zu schlachten wagt. Ich rühre an diesem Tabu, in vollem Bewußt­sein. Das bedeutet keine Naturfeindlichkeit.Man erweist der - todkranken - Natur sogar mehr Achtung, wenn man sie in Ruhe sterben läßt, anstatt versucht, sie mit Gewalt am Leben zu halten.

Es ist höchste Zeit, sich von der Natur zu verabschie­den. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge, in Trauer, aber auch mit Erleichterung. Unsere neue Le­bens­grundlage, unsere neue Heimat ist die Technik. Die Natur stirbt - es lebe die Technik! Und es lebe der Mensch!

 

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I. TEIL

 

Die Natur stirbt, es lebe die Technik!

 

 

 

 

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert. In diesem I. Teil stelle ich meine Natur-Kritik und die daraus folgende Tech­nik-Alternative in ihren Grundzügen vor.

Sie erfahren,

-     welche Schreckensseiten die Natur um uns besitzt, aber auch, wie gefährlich die Natur in uns ist

-     warum die äußere Natur, Tiere und Pflanzen aussterben und was das für uns Menschen bedeutet

-    wie wir durch neue Techniken einen Ersatz für die Natur schaffen, ja ein besseres Leben (er)finden können

-    und wie wir in Zukunft unsere innere - seelische und kör­perliche - Natur technologisch weiterentwickeln wer­den.

Im II. Teil veranschauliche ich dann an vielen Einzelpunkten und mit vielen Beispielen, wie stark wir noch dem "Prinzip Natürlichkeit" verhaftet sind, aber auch, auf welche Weise wir uns davon loslösen können. Folgen Sie mir auf den Weg in ein weitgehend naturfreies, naturbefreites Leben - in eine zukünftige Techno-Welt.

 

 

 

 

 

1.         Das Elend der Natur

 

 

"Rettet die Natur!" So klingt es uns seit Jahren in den Oh­ren. Naturfreunde und Umweltschützer klagen und mahnen. "Es ist 5 Minuten vor 12, allerhöchste Zeit, um unsere Um­welt endlich wirksam zu schützen. Wir müssen alles tun, um die Na­tur vor dem Siechtum zu bewahren."

Richtig an diesen Mahnungen ist, daß die Natur sich in ei­nem beklagenswerten Zustand befindet. Und ich möchte mit die­sem Elendszustand beginnen, eine Übersicht über die Hauptschä­digungen der Natur geben. Das mag so klingen, als reihe ich mich in den Chor der Öko-Klager ein. Lassen Sie sich aber überraschen! Sie werden bald erfahren: Ich zie­he völlig an­dere und ungewöhnliche Schlüsse aus der Not­lage der Natur.

Viele Pflanzenarten sind bereits ausgestorben, andere ste­hen kurz davor. Und auch die Pflanzen, die (noch) als unge­fährdet gelten, sind mehr oder weniger angeschlagen. Am kras­sesten ist das vielleicht beim sogenannten Wald­sterben zu sehen. Jedes Jahrverzeichnet der "Wald­scha­densbericht" eine weitere Ausbreitung der Schädigungen un­serer Bäume. Mittlerweile gelten etwa 70% der Wäl­der in Deutsch­land als geschädigt, 25% davon als stark. Am härtesten betroffen ist ausgerechnet die deut­sche Eiche. Vier von fünf Bäumen sind krank. Selbst­ver­ständlich ist nicht nur der deutsche Wald betroffen. Am schlimmsten in Europa steht es um die Bäume in England und Polen (über 90% geschädigt). Üb­rigens, schon der gesunde Menschen­verstand sagt einem, daß wenn die meisten Bäume einer Region erkrankt sind, daß dann die anderen (die ja denselben Schädi­gungen ausgesetzt sind) nicht völlig gesund sein werden, auch wenn man es ihnen (noch) nicht ansieht.

Während die europäischen Bäume in erster Linie durch Schad­stoffe aus Luft, Wasser und Boden dezimiert werden, wird auf dem amerikanischen Kontinent der Wald primär durch Rodung ge­killt. Vor allem die Abholzung der Regen­wälder erreicht gi­gantische Ausmaße. Jede Sekunde wird heute ein Waldstück von der Größe eines Fußballplatzes leergesägt, jährlich eine Flä­che von über 200.000 Qua­dratkilometern.

Um die Tiere ist es nicht besser bestellt. Ihr Ar­ten­ster­ben hat eine enorme Beschleunigung erfahren. Man schätzt, daß früher in jedem Jahrhundert etwa eine Art ausstarb, um 1900 bereits eine Art pro Jahr, heute fast eine Artj e Stunde. Wo­bei eine Großzahl der Tiere eben ge­rade darum zugrundegeht, weil ihnen mit dem Waldsterben ihr natürlicher Lebensraum ab­handen kommt. Aber auch die unterschiedlichsten Schadstoffe, die sie mit der Nahrung oder über Haut undLunge aufnehmen, können zum Artentod führen oder erst einmal zu den verschie­densten Erkran­kun­gen, zum Beispiel Krebs und Mißbildungen.

 

Dicke Luft &Co.

 

Eine große Rolle bei der Aufnahme von Schadstoffen spielt die sogenannte Luftverschmutzung. Durch Industrie, Kraft- und Fernheizwerke, Haushalte bzw. Kleinverbraucher und Verkehr werden Schadstoffe in die Luft abgegeben. Die wichtigsten sind Schwefeldioxid (SO 2), Stickoxide (No x, vor allem NO 2),Kohlendioxid (CO 2), Kohlenmonoxid (CO), orga­nische Verbin­dungen(z. B. durch Lösemittelverbrauch) und sonstige, zum Teil schwermetallhaltige Stäube.

Diese Substanzen führen zu einer Dunstglocke, vor allem über den Großstädten, bei ungünstiger Witterung zu Smog. Au­ßerdem wird ein sogenannter Treibhauseffekt ausgelöst: Die "Klima-Gase" wirken in der Atmosphäre wie die Glas­scheiben in einem Treibhaus. Sie lassen das Sonnenlicht herein, verhin­dern andererseits jedoch, daß die von der Erde reflek­tierte, zurückgestrahlte Wärme ins All ent­weicht. Gegenüber dem  Zeitraum vor der Industrieentwick­lung ist die Temperatur bereits um etwa 0,7°C gestiegen. Es wird vermutet, daß die Wetterkapriolen in den letzten Jahren, die Zunahme von Orka­nen, Dürren sowie Überschwem­mungen bereits mit dieser Erwär­mung zusammenhängen.

Mit dem Treibhauseffekt steht das "Ozonloch" in Ver­bin­dung. Fluor-Chlor-Kohlen-Wasserstoffe(FCKW), die vor al­lem als Kältemittel und als Treibgase (in Spraydosen) ver­wendet werden, dringen in die Atmosphäre und greifen die Ozonschicht an, wodurch die UV-Strahlung, das ultra­vio­lette Sonnenlicht ungehindert auf die Erde gelangen kann, mit einer gefährli­chen Strahlenintensität.

Noch weit gefährlicher ist aber die radioaktive Strah­lung. Zwar gibt es auch eine natürliche Radioaktivität, aber deren Werte werden inzwischen durch technisch er­zeugte Kernstrah­lung weit übertroffen. Diese künstliche Radioaktivität resul­tiert aus Atomwaffenversuchen sowie aus Stör­fällen in Kernkraftwerken wie in Tschernobyl, aber of­fen­sichtlich auch aus dem Nor­malbetrieb von Kernreaktoren, zusätzlich aus verschiedenen medizinischen Maßnahmen, ins­besondere Röntgenuntersuchungen (die allerdings normaler­weise "nur" den Einzelnen betreffen, nicht die gesamte Um­welt).

Wie es der Luft und Atmosphäre schlecht geht, so auch dem Wasser. Ozeane kippen um, d. h. sie "sterben" an Sau­erstoff­mangel, weil sie durch ungeklärte Abwässer, Dünn­säurever­klappung, Ölkatastrophen nach Tankerunfällen u.v.m. überla­stet sind. Viele Flüsse sind infolge von In­dustrieeinleitun­gen zu Chemiebrühen geworden, in denen zu baden lebensbedroh­lich sein kann. Der Regen fällt als "saurer Regen", mit gelö­stem Schwefeldioxid. Und das Trinkwasser aus den Wasserlei­tungen ist trotz aufwendiger Filteranlagen oft mit Schadstof­fen belastet, beispiels­weise mit Schwermetallen wie Blei und Kadmium oder mit Ni­trat.

Schließlich der Boden: Auch er wird in verschiedenster Weise malträtiert, nicht zuletzt durch die gerade bespro­che­nen Verschmutzungen von Fluß- und Regenwasser. Außerdem sik­kert aus Müll- und erst recht aus Sondermülldeponien immer mehr Gift in das Erdreich. Hinzu kommt die Erosion und Ver­steppung des Bodens durch Abholzung, Brandrohdung und Raubbau von Bodenschätzen. Die Anbauflächen und Äcker sind meist durch Monokulturen ausgelaugt, überdüngt und mit Schädlings­bekämpfungsmitteln verseucht.

Es ist schon gravierend, daß die Teilbereiche der Natur wie die Pflanzen oder das Wasser jeder für sich so be­la­stet sind. Aber die Situation wird dadurch noch bedrohlicher, daß die Natur ein System darstellt, ein Bio- oder Ökosy­stem, in dem die Teilsystemevoneinander abhängig sind und aufeinander Einfluß haben. Wenn zum Beispiel die Luft ver­schmutzt ist, dann betrifft das eben nicht nur die Luft selbst, sondern auch das Wasser, den Boden, die Pflanzen und Tiere. Gerade die sogenannten Kreisläufe in der Natur sorgen dafür, daß die Giftstoffe von einem Untersystem ins andere transportiert werden.

 

Kranke Umwelt, kranker Mensch?

 

Diese Erkrankung der Natur ist für den Menschen in mehrfa­cher Hinsicht von Relevanz. Zunächst kann es sein, daß ihm die Natur selbst leid tut, vor allem die leidenden Pflan­zen und Tiere: Wildtiere, die in einer veränderten Umwelt keine Nahrung mehr finden, ölverschmierte Seevögel, dem Tod ge­weiht, Robben die an einer Umweltkrankheit dahin­sterben, oder Hasen und Igel, die zu Tausenden von Autos und LKWs plattgefahren werden.

Aber der Mensch ist auch direkt betroffen. Denn trotz Tech­nik und Zivilisation umgibt ihn noch immer Natur. Und es miß­fällt ihm, wenn diese natürliche Umwelt immer unan­sehnlicher undabstoßender wird: häßliche, halbkahle Wäl­der; trübe, stinkende Seen; diesiger, grauer Himmel, mit Auspuffgasen ge­schwängerte Luft; nicht zu vergessen die akustische Belästi­gung durch Lärm.

Doch es bleibt nicht bei diesen mehr ästhetischen Bela­stungen, bei psychischen Reaktionen wie Unbehagen, Betrof­fenheit oder Schuldgefühlen: Das Siechtum der Natur be­droht auch unmittelbar die Gesundheit des Menschen. Denn er lebt - selbst in den Industriestaaten - noch heute weitgehend von der Natur bzw. von Naturprodukten: Er atmet die Luft, er trinkt das Wasser, kocht darin seine Nahrung oder wäscht sich damit. Er ißt Pflanzen wie Getreide, Obst oder Gemüse und er­nährt sich von tierischen Produkten wie Fleisch, Milch und Eiern.

Wenn all dieses mit Schadstoffen belastet ist, so wird auch der Mensch damit belastet. Und dem ist ja schon längst so: Ausscheidungsorgane wie die Nieren und das Ent­giftungsorgan Leber sind überfordert, das Immunsystem, Haut und Schleim­häute werden durch die verschiedenen Fremd- und Reizstoffe arg stra­paziert. Bei einer Vielzahl von Erkran­kungen gilt die Um­weltverschmutzung als Ursache oder je­denfalls Teilursache; zum Beispiel ist der Zusammenhang von Luftverschmutzung und Erkrankungen der Atmungsorgane, bis zum Lungenkrebs, erwie­sen, ebenso der Zusammenhang zwischen Hautkrebs und vermehr­ter UV-Strahlung infolge des Ozonlochs.

Diese Gesundheitsgefahren versetzen die Menschen in Angst. Und sie befürchten, daß es noch schlimmer werden wird: daß eines Tages vielleicht keine Luft zum Atmen mehr da ist und daß das Wasser ungenießbar geworden ist, daß eine lebens­gefährliche radioaktive Verseuchung entsteht, daß es über­haupt zu einem "ökologischen Holocaust" kommen könnte, zu ei­nem Zusammenbruch des ÖkosystemsNatur, mit verheerenden Fol­gen für die Gesundheit und das Leben der Menschen.

Wahr ist an diesen Befürchtungen: Mit der Natur geht es steil und rapide bergab. Es steht sogar noch schlimmer um sie, als die meisten Menschen ahnen. Sie ist nicht nur schwer krank, sondern sie stirbt, sie befindet sich in ei­nem Ster­beprozeß, der nicht mehr aufgehalten werden kann. Und genau das ist meine erste Hauptthese: Die Natur ist nicht mehr zu retten.

 

 

 

Warum die Natur nicht gerettet werden kann

 

Die Natur, so wie wir sie heute kennen, wird untergehen. Die unglaubliche Vielfalt an Tierarten und Tierrassen, an Pflan­zen wie Blumen, Bäumen, Gräsern oder Nahrungspflanzen wie Obst und Gemüse, wird drastisch zurückgehen. Die gro­ßen Wäl­der, Wiesen und Äcker werden schwinden, ebenso die Tierherden oder Viehzuchtbetriebe.

Wer will daran glauben, daß sich trotz der Flutwelle von Umweltschädigungen eine intakte Natur erhalten ließe? Nein, zu kraß, zu tief, zu umfassend sind die Verletzun­gen: vom Waldsterben bis zur Luftverpestung, von der Was­serverseu­chung bis zur Bodenvergiftung, vom Ozonloch dort oben bis zum Ozonsmog hier unten.

Ohne Zweifel ist dieser Sterbeprozeß der Natur vor allem vom Menschen ausgelöst worden, er hat sie auf dem Gewis­sen. Durch Einsatz giftiger Substanzen, durch Raubbau, durch ge­zielte Vernichtungwie Rodung oder Jagd, durch einseitige Pflanzung oder Zucht hat er das natürliche Gleichgewicht ge­stört, fast schon zerstört.

Aber auch wenn der Mensch der Hauptverursacher des Na­tur­sterbens ist, heißt das doch nicht, daß er diesen Pro­zeß noch stoppen könnte. Es ist nicht mehr 5 vor 12, son­dern 12 Uhr ist schon vorbei. Wie wenn man eine La­wine ausge­löst hat - sie läßt sich nicht mehr aufhalten. So hat sich auch der Krankheitsprozeß der Natur verselbstän­digt, setzt sich von allein fort.

Diese Auffassung, daß ein Untergang der Natur bevor­steht, wird von verschiedenen Ökologen und Sachbuchautoren geteilt, zum Beispiel: Hoimar von Ditfurth ("So laßt uns denn ein Ap­felbäumchen pflanzen"), Theo Löbsack ("Die letzten Jahre der Menschheit"), Herbert Gruhl ("Himmelfahrt ins Nichts"), Gre­gory Fuller ("DasEnde") und Ulrich Horstmann ("Das Untier"). Allerdings behaupten sie - ganz anders als ich - , daß mit der Natur auch der Mensch untergehen wirdund muß.

Im genauen gibt es zwischen den oben genannten Autoren ebenfalls Unterschiede. Die einen gehen von einem endgül­ti­gen Exitus der Natur und mit ihr der Menschheit aus. An­dere meinen, daß die Natur auf lange Sicht doch überleben wird und nur der Mensch zum Tode verurteilt ist. Sie be­gründen das folgendermaßen: Der Mensch gräbt sich - durch Verseuchung der Natur als seiner Lebensbasis - das eigene Grab. Wenn die Menschheit aber ausgestorben ist, dann kann sich die tod­kranke Natur wieder erholen und regenerieren.

Die meisten Fachleute spekulieren jedoch, daß der Mensch den drohenden Untergang der Natur und damit seiner selbst vielleicht noch stoppen könnte, wenn er sofort radikalste Maßnahmen des Umweltschutzes ergreifen würde. Rudolf Bahro hat sogar einen "ökologischen Fürsten" gefordert, der mit diktatorischen Maßnahmen der Umweltzerstörung Einhalt ge­bie­ten sollte. Einmal abgesehen von der Fragwürdigkeit ei­ner Öko-Diktatur, nach realistischer Auffassung ist die uns ver­traute Natur nicht mehr zu retten. Allenfalls ließe sich die Geschwindigkeit des Siechtums verringern.

Aber diese Frage bleibt sowieso hypothetisch, denn es ist offensichtlich: Der Mensch wird keine drastischen Schritte zum Schutz der Natur unternehmen. Schon seit Jah­ren wissen wir im Grunde: Wenn wir die Natur erhalten wol­len ,müssen sofort extreme Schutzmaßnahmen durchgezogen werden. Tausende von Funk-und Fernsehsendungen, Zeitschriftenartikel und Bücher berichteten weltweit über die Umweltgefahren - besonders bekannt: 1962 alarmierte die Biologin Rachel Carson die Öffentlichkeit mit ihrem Bestseller "Silent Spring"(deutsch "Der stumme Frühling"), 1972 warnte der Club of Rome vor den"Grenzen des Wachstums", 1980 erschien "Global 2000", der erschreckende Umweltreport im Auftrag des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter. Und mit großer Eindringlichkeit hat 1985 Hoimar von Ditfurth noch einmal klargemacht, daß wir auf einen "Weltuntergang" zusteuern. In Bezug auf das berühmte Wort von Martin Luther "Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute mein Apfelbäumchen pflanzen", betitelte er sein Buch: "So laßt uns denn ein Apfelbäumchenpflanzen - es ist soweit." Dennoch änderte sich kaum etwas an unserem allzu laschen Umweltver­halten bzw. unserer schmalspurigen Ökopolitik.

Aber was ist mit der Umweltbewegung, mit Umweltorganisa­tionen wie Greenpeaceund mit der Partei Bündnis 90/Die Grü­nen? Zeigt sich hier nicht eine breite Strömung für ein Na­turengagement, die erheblichen Einfluß auf die Politik aus­üben kann? Wohl kaum. Die breite Mehrheit - der Main Stream - ist nachwie vor nicht zu wirklich schmerzhaften Verhal­tensände­rungen zugunsten der Umwelt bereit. Und die Mehrheit wählt eben auch nicht grün. Selbst wenn die Grü­nen (in Deutsch­land!) einmal 15 % erreichen mögen, bleiben sie damit eine Minder­heitenpartei. Man vergißt dies nur manch­mal, weil sie sich ständig so lauthals zu Wort melden.

Unsere Gesellschaft hat sich bisher immer nur zu halb­her­zigen Maßnahmen durchgerungen. Um ein Wort zu benutzen, das durch die Deutsche Bank Berühmtheit erlangt hat: "peanuts". Alle bisherigen Umweltschutz-Maßnahmen waren letztlich pea­nuts. Und wenn doch einmal ein konsequentes Gesetz verab­schiedet wurde, höhlte man es durch zig Aus­nahmegenehmigun­gen wieder aus. Dabei ist Deutschland sogar ein Vorreiter in Sachen Umweltschutz, der oft genug von den EG-Partnern ge­bremst wurde, zum Beispiel beim Termin für ein Verbot von FCKWs.

Jedoch, wenn es um Autos ging, zeigten sich die Deut­schen als "Umweltmuffel". Wir haben als einziges Landin Eu­ropa keine (durchgängige) Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen. Und als die deutschen Wagen, die nach den USA ex­portiert wurden, schon sämtlich einen Katalysa­tor besaßen, wurden sie bei uns noch massenweise ohne Kat verkauft. Aller­dings forderte der deutsche Autofahrer auch nicht gerade lautstark Kat-Autos, im Gegenteil, die ersten Modelle ließ er auf der Halde stehen und griff lieber zu den preisgünstigen Kat-losen.

Die Regierenden und die Bürger haben sich gegenseitig nichts vorzuwerfen. Beide Seiten sind nicht zu einem ech­ten Umweltschutz bereit. Als Beispiel die Ozonverordnung,die am 14. Juli 1995 im Bundestag verabschiedet wurde. Ein durch Ausnahmegenehmigungen durchlöchertes Gesetz, das keine Ge­schwindigkeitsbegrenzung vorschreibt, sondern nur ein Fahr­verbot für Autos ohne Katalysator, und zwar ab ei­nem Wert von 240 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft. Dies ist ein un­realistisch hoher Wert, wie er bisher kaum er­reicht wird. Genauso gut könnte man sagen: Ja, wir erlas­sen eine Ge­schwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. Nie­mand darf schneller als 300 Stundenkilometer fahren...

Nun könnten die Bürger aber trotzdem langsamer fahren, aus purer Naturliebe. Aber das ist nicht. Untersuchungen haben gezeigt: Die Empfehlungen in einigen Bundesländern, bei Ozonsmog doch bitteschön langsamer zu fahren, wurden kaum eingehalten. Was nicht verboten ist, ist eben er­laubt. Und das nutzt der "freie Bürger" dann auch. Freie Fahrt - sprich Bleifuß.

Man mag einwenden, der Nutzen von Temporeduzierungen für die Ozonverminderung sei eben auch nicht erwiesen. Aber das ist eins der typischen heuchlerischen Argumente in Um­welt­fragen. Denn daß eine Drosselung der Geschwindigkeit generell (vom Ozon ganz abgesehen) für die Natur und ins­besondere für den Wald von Vorteil wäre, ist doch unbe­stritten. Aber fah­ren Sie versuchsweise mal das empfohlene Tempo 100 auf der Autobahn. Wieviele Autos überholen Sie dann? Richtig, fast 100 Prozent.

 

Brent Spar - Sieg der Ökologie?

 

Und was ist mit dem Protest gegen die Versenkung der Öl­boh­rinsel "Brent Spar" im Juni 1995, als vor allem der Boykott der deutschen Autofahrer den Ölmulti Shell in die Knie und zum Nachgeben zwang? War das nicht ökologisches Musterverhal­ten von uns Deutschen? Von wegen. Man mußte ja auf nichts verzichten. Man fuhr einfach eine Tankstelle weiter (wieviel zusätzliche Fahrerei!), tankte bei Aral oder Esso, das übri­gens genauso wie Shell für die geplante Versenkung verant­wortlich zeichnete. Da waren wir dann voll Freude über unser eigenes Saubermannverhalten, und voll Schadenfreude, daß der arrogante Großkonzern und so­gar der sture britische Premier­minister Major eins auf die Nase bekommen hatten.

Und trotz allem stimmt es, daß wir Deutschen in Europa und vielleicht sogar weltweit die Vorreiter in Sachen Um­welt­schutz sind (bzw. waren). In England und Frankreich zum Beispiel gilt die grüne Bewegung nach wie vor als exotisch, ist un­gefähr so populär wie das Essen mit Stäbchen. Die Amerika­ner haben zwar strengere Auflagen, was Autos angeht, aber in anderen Bereichen sind sie höchst zurückhaltend, zum Beispiel bei der Drosselung von Industrieemissionen zur Luftreinhaltung. So blockierten sie auf der UN-Umwelt-Kon­ferenz in Rio 1992 ge­naue Zielsetzungen und Zeitpläne für eine Begrenzung des Koh­lenstoffausstoßes. Überhaupt ver­brauchen sie nach wie vor die meiste Energie auf der gan­zen Erde, nicht nur absolut, sondern auch relativ pro Kopf der Bevölkerung.

Wenn nicht andere, unterentwickelte Länder einen viel gerin­gen Energieverbrauch hätten, wodurch sich global gesehen ein ge­wisser Ausgleich ergibt, wäre die Natursituation be­reits viel schlimmer. Allerdings verweigern solche Ent­wicklungs­länder ihrerseits Umweltschutzmaßnahmen, bei­spielsweise hol­zen sie die Regenwälder, die große Bedeu­tung für das Gesamt­klima der Erde besitzen, radikal ab. Nur handeln diese Staaten bzw. die Menschen in diesen Staaten aus Not, ihre Armut zwingt sie dazu.

All dies läßt nur eine Prognose zu: Der Mensch wird auch zukünftig keine Kehrtwende in der Umweltpolitik machen. Und die Natur wird immer weiter dezimiert werden oder sich von selbst "zurückziehen". Das geschieht nicht von heute auf mor­gen, es ist ein allmählicher Prozeß. Insofern läßt sichauch kein eindeutiges Todesdatum angeben. Das Natur­sterben kann noch fünfzig Jahre andauern, noch zwanzig - oder aber auch nur einige Jahre. Denn es ist nicht auszu­schließen, daß plötzlich, sprunghaft und unerwartet ein Kollaps der Gesamt­natur auftritt.

Wir sollten uns von der Heuchelei verabschieden, wir wä­ren doch bereit, (fast) alles dafür zu tun, damit die Na­tur überlebt. Wir sind es nicht, weder die "da oben", noch wir "daunten", nirgendwo und nirgendwann. Insgeheim ahnen wohl auch die meisten von uns, daß es mit der Natur zu Ende geht, aber die wenigsten wollen das wahrhaben. Diese Verdrängung können wir uns aber nicht mehr leisten. Wenn die Natur ver­geht, dann überlebt der Mensch nur, insofern er eine neue Le­bensbasis findet. Sonst geht er mit der Na­tur unter.

Da wir zu einem radikalen Naturschutz nicht gewillt sind, müssen wir - obgleich das zunächst paradox klingt - eine Kehrtwendung und damit Abwendung von der Natur voll­ziehen, um alle unsere Kraft in ein neues hochtechnologi­sches Le­bensfundament zu investieren. Der bisherige lasche Umwelt­schutz hilft uns gar nicht weiter, er ist ein fau­ler ,ja ge­fährlicher Kompromiß, weil wir so unsere alte Lebensgrundlage zerstören, ohne eine neue zu schaffen.

 

Besser leben ohne Natur ? 

 

Ich will nicht versuchen, den Niedergang der Natur (und seine Geschwindigkeit) durch weitere Argumente oder gar Statistiken zubeweisen, aus folgenden Gründen:

Erstens haben bereits eine Vielzahl von Wissenschaftlern und Sachbuchautoren genaue Belege hierfür vorgelegt, etwa Herbert Gruhl mit verschiedenen Büchern (wie "Ein Planet wirdgeplündert"). Die "schweigende Mehrheit" hat ihnen trotzdem nicht geglaubt bzw. nicht glauben wollen.

Zweitens ist ein strenger Beweis des Natursterbens im Sinne einer mathematischen Ableitung doch nicht möglich. Auch an­spruchsvolle Computerprogramme wie die des Club of Rome kön­nen die Zukunft nicht mit Sicherheit vorhersagen.

Drittens, und das ist am wichtigsten, ist nicht mein zen­trales Anliegen zu zeigen, daß wir die Natur nicht er­halten können, sondern, daß wir es auch gar nicht versu­chen sollen. Wenn die erste Hauptthese lautete: Die Natur kann nicht ge­rettet werden, so möchte ich meine zweite Hauptthese wie folgt zuspitzen: Die Natur soll nicht ge­rettet werden.

Denn im Gegensatz zur allgemeinverbreiteten Meinung ist meine Überzeugung, daß der - zukünftige - Mensch ohne Na­tur (oder mit wenig Natur) nicht nur überleben, sondern sogar besser leben kann. Der Untergang der Natur bedeutet keines­wegs automatisch den Untergang der Menschheit. Er bietet uns sogar die Chance für einen evolutionären Auf­schwung, für eine Höher- und Weiterentwicklung ungeahnten Ausmaßes.

Aus diesem dritten Punkt folgt: Selbst,wenn es doch eine Möglichkeit geben sollte, die Natur zu erhalten, wäre diese Rettung ein Fehler, weil damit an einem alten, über­holten Zustand festgehalten würde, anstatt sich für eine neue Ent­wicklung zu öffnen. Nach meiner Auffassung ist also der Na­tur- und Umweltschutz ein Irrweg, wir müssen uns vielmehr von der Natur verabschieden.

Das erfordert eine neue, andere Lebensbasis zu schaffen. Diese Basis kann nur die Technik sein, aber eine enorm ge­steigerte, verbesserte, verfeinerte, perfektionierte Tech­nik, Technik einer neuen Qualität, einer neuen Generation. Man mag sie "Mega-Technik"nennen oder "Supra-Technik", "Ultra-Technik" oder einfach "High-Tech". Wie auch immer, wir benötigen dafür eine technologische Revolution. Vor allem, um "lebende Technik", lebende technische Systeme, Live Tech zu produzieren.

Ich will also eine Umkehr vorschlagen, eine Wende: die end­gültige Abwendung von der Natur und die unbedingte Hin­wen­dung zur Technik. Dieser Weg erfordert ein neues Be­wußtsein und neues Handeln, was vor allem folgende zwei Komponenten beinhaltet:

Erstens müssen wir uns die Schattenseiten der Natur (wieder) bewußt machen. Wir müssen erkennen, welche Nach­teile die Natur uns Menschen bringt, und daß sie unserem heu­tigen Entwicklungsstand nicht mehr angemessen ist. Wir haben also die naive Idealisierung alles Natürlichen zu überwinden.

Zweitens müssen wir unsere Vorstellungvon Technik än­dern. Technik sollte nicht mehr als etwas Fremdes oder so­gar Feindliches angesehen werden, eine andere Welt, die in unser vertrautes Leben dringt, sondern als die zukünftige Heimat des Menschen, wenn man so will als neue "Natur" des Menschen selbst.

Damit komme ich zu meiner dritten Hauptthese: Die Tech­nik ist unsere Rettung: Oder anders: Die Technik muß unser Leben werden. Dafür ist es erforderlich, alle Kräfte zu bündeln, nicht auf das sinnlose Unterfangen einer Naturbe­wahrung, sondern auf eine Beschleunigung der technologischen Evolution, die dem Menschen nicht nur zu überleben erlaubt, sondern ihn zum Schöpfer seiner eigenen Welt erhebt,  ja zum Schöpfer seiner selbst.

Ehe wir jedoch zur neuen Technik kommen, werden wir uns mit der alten Natur und ihren Schattenseitenbeschäftigen.

 

 

 

Auslaufmodell Natur - Veraltet und häßlich

 

Bei der gängigen Naturverklärung wird mehr und mehr ausge­klammert, wie die Natur wirklich ist. Sie wird nur als gute Mutter beschrieben, die ihren Menschensohn nährt und schützt,was der ihr aber nicht danke; denn er mißhandele sie, raube ihre Schätze und überschütte sie mit chemischem Gift. Bei dieser Sicht geraten die häßlichen, bösen und giftigen Seiten der Natur völlig aus dem Blick.

Sprechen wir zunächst von der Vergangenheit, davon, wie die Menschen früher "natürlich" lebten (für die sogenann­ten "Naturvölker" ist dies allerdings bis heute ihre Ge­genwart). Auch wenn wir Bewohner von Industriestaaten noch viel mit der Natur zu schaffen haben - viel mehr, als uns oft klar ist - , so ist dies nicht mit den Verhältnissen in früheren Zeiten zu vergleichen. Damals existierten die Menschen wirklich im eng­sten Kontakt mit den Naturgewal­ten. Sie lebten zwar von der Natur, aber auch gegen sie. Einerseits gab Mutter Natur ihnen Nahrung und Kleidung, aber andererseits mußten sie ihr Leben ständig gegen die "böse Stiefmutter" Natur verteidigen. Sie mußten sich ge­gen Hitze und Kälte, Regen und Sturm behaup­ten; und vor allem mußten sie sich der Angriffe wilder Tiere erwehren.

Auch wurde ihnen die Nahrung keineswegs geschenkt. Es war kein Schlaraffenland, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen oder wo Milch und Honig fließen, son­dern die meisten Völker hatten der Natur ihre Nahrung ab­zutrotzen, ernteten mühselig angebaute Nahrungspflanzen oder jagten und fischten, oft unter Einsatz des eigenen Lebens.

Und dies ist das "Grundgesetz der Natur": jagen oder ge­jagt werden, töten oder getötet werden, fressen oder ge­fres­sen werden. "Natürliches" Leben bedeutet permanente Gefahr, Wechsel zwischen Flucht und Kampf; es ist wie im Krieg, nein es ist Krieg. Zwar gibt es auch Kooperation und Symbiose, aber sie sind dem Kampf ums Überleben völlig untergeordnet. Es herrscht das Faustrecht (vielleicht sollte man hier besser "Pfotenrecht" sagen), das Recht des Stärkeren. Der Schwächere hat sich zu ducken, sonst wird er verjagt oder gemordet. Das Zusammenleben in der Natur ist somit gerade das Gegenteil ei­ner demokratischen Ord­nung, in der prinzipiell alle Mitglie­der gleichberechtigt sind.

Das ständige Sich-Wehren-Müssen gegen Naturgewalten oder gegen andere Lebewesen, nicht zu vergessen Krankheitserre­ger wie Bakterien und Viren, macht verständlich, warum die Men­schen sich, soweit sie konnten, von dem Naturleben weg­ent­wickelt haben. Und warum Naturvölker, wenn sie mit der Zivi­lisation in Berührung kommen, fast immer mit großer Bereit­willigkeit und Schnelligkeit deren Errungenschaften überneh­men, seien es materielle Dinge wie Kleidung und Werkzeug, seien es Verhaltensweisen wie eine veränderte Nahrungsauf­nahme. Wenn die Naturmenschen mit ihrer Lebens­weise wirklich so glücklich wären, wie uns mancher zivili­sationsmüder Völ­kerkundler weismachen will, würden sie sich doch nicht so auf die Zivilisationsgüter stürzen.

Wir modernen Menschen der Gegenwart sind zwar auch noch mit der Natur verbunden, haben uns aber andererseits schon ein Stück weit von ihr losgelöst. Das wird heute von vie­len als Entfremdung beklagt. Nur schwärmen immer die am meisten von etwas, die es am wenigsten kennen. Menschen, die tatsächlich in und mit der Natur leben, können sich keine sentimentale Naturseligkeit leisten. Sie mußten und müssen sich täglich einer - vielfach feindlichen - Umwelt erwehren, dieser ihr Leben abkämpfen.

Anders die Biophilen: Sie begeistern sich über das an­geb­lich so harmonische Zusammenleben der Tiere und Pflan­zen, über das ökologische Gleichgewicht, reden nur von Partner­schaft und Symbiose in der "sanften Natur". Für sie ist jeder modrige Tümpel gleich ein Biotop und jedes arm­selige Stop­pelfeld ein Ökosystem. Aber sie meinen eigent­lich gar nicht die echte Natur, sondern die romantischen, irrealen Naturbil­der in ihren Köpfen.

Besonders absurd wirkt es, wenn im Rahmen von modischen Geistesströmungen wie NewAge oder Esoterikwelle die Natur spiritualisiert, als heilig erklärt wird. Jeder Baum ist dann ein Heiligtum, jeder Wald ein Tempel. So wird die Na­tur selbst "übernatürlich", und der Mensch befindet sich auf dem Rückweg zur Naturreligion.

Gern läßt man sich dabei von "Naturweisen" inspirieren, be­sonders von Indianerhäuptlingen, die, anstatt in der Na­tur zu leben, von Großstadt zu Großstadt, von Kongreß zuKongreß reisen (wie der inzwischen verstorbene Rolling Thunder), um die Bleichgesichter als Naturfrevler anzukla­gen und ihnen ins Gewissen zu reden - vielleicht eine Art Rache für die frühere Eroberung der Indianergebiete durch den weißen Mann.

 

"Biollusionen"

 

Trotz aller naturseligen Euphorie und Illusionen,"zurück zur Natur", zurück in ein spartanisches, hartes, entbeh­rungsrei­ches Leben, das will kaum jemand. Das wird nur ab­strakt ge­fordert. Konkret fordert man allerdings, Natur­völker bzw. unterentwickelte Völker mit unserer Technikzu verschonen, nicht zuletzt, damit ihre Scheinidylle, ihre pittoreske Armut erhalten bleibt, die wir als Touristen so gerne bestaunen.

Nein, echte Aussteiger gibt es wenige.Und es zieht diese Leute auch selten in eine unberührt - gefährliche Um­welt, sondern in liebliche Gegenden, wo die Natur längst gezähmt und kontrolliert ist, nach Südfrankreich oder auf eine grie­chische Insel. Dort lebt man dann meistens in größeren Grup­pen, sogenannten Landkommunen. Aber auch die­sen Kommunen ist selten eine lange Dauer beschert, denn sogar in solchen "naturberuhigten" Gegenden ist vielen das Leben - womöglich ohne Strom, Licht, Heizung und warmes Wasser - einfach zu hart.

Wenn man schon selbst nicht in die Natur zieht (vom "Häuschen im Grünen" wollen wir hier absehen), so versucht man wenigstens, Natur (oder was man dafür hält) wieder mehr in seine Alltagswelt hineinzuziehen, nach einem Prin­zip Na­türlichkeit zu leben: vor allem sich natürlich zu ernähren, Naturstoffe zu tragen, Möbel aus Naturholz zu kaufen, nur Kosmetika aus natürlichen, am liebsten pflanz­lichen Stoffen zu verwenden, sich im Krankheitsfall mit Naturheilkunde zu behandeln bzw. vom Arzt für Naturheil­verfahren oder sogar vom Naturheiler behandeln zu lassen.

Viele Menschen glauben, was natürlich sei, das sei auch au­tomatisch gesund, bekömmlich, heilsam. Im Umkehrschluß wird alles "Chemische" als ungesund, schädlich, giftig an­gesehen. Das ist in vielfacher Weise absurd. In der Natur wimmelt es geradezu von Giftpflanzen und Gifttieren. Auch gefährliche Schwermetalle wie Arsen oder Mineralfasern wie Asbest stammen ursprünglich aus der Natur. Kei­neswegs ist ein Nahrungsmittel oder Medikament schon des­wegen unschädlich, weil es natürlicher Herkunft ist. Eben­sowenig muß Chemie im­mer gesundheitsschädlich sein. Über­haupt werden Naturstoffe heutzutage oft chemisch syntheti­siert, zum Beispiel Vitamin C (Ascorbinsäure). Der synthe­tisierte Stoff ist mit dem na­türlichen völlig identisch, es besteht dabei gar kein Unter­schied mehr zwischen Naturund Chemie.

Auch hat vieles, was als"natürlich" angeboten wird, diese Kennzeichnung gar nicht verdient. Die Verbraucher kaufen gerne Kleidung aus "100% Baumwolle", sie glauben, damit ein reines Naturprodukt zu erwerben. Die Baumwolle wird aber mit einer Vielzahl von Chemikalien, in diesem Fall auch schädli­chen, behandelt. Dagegen ist ein Klei­dungsstück aus moder­ner Chemie- oder Kunstfaser we­sentlich gesünder, es gibt keine Schadstoffe an den Körper ab.

 

Die Natur als Katastrophe

 

Natur kann aber noch viel zerstörerischer sein. Am direk­te­sten wird der Mensch mit ihrer rohen Gewalt durch Natur­kata­strophen konfrontiert, wie Überschwemmungen, Wirbel­stürme, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Lawinen, Dürrezeiten, Waldbrände, Schädlingsplagen und andere mehr. Von ihnen werden auch die Bewohner der Industriestaaten hart getrof­fen, obwohl norma­lerweise nicht so kraß wie die Menschen in der Dritten Welt, die weniger Finanzmittel und Technik besitzen, um eine Natur­katastrophe bzw. deren Folgen in den Griff zu bekommen.

Zu den größten Killern gehören Erdbeben. Bei einem Beben 1556 inShaanxi/China sollen 830.000 Menschen umgekommen sein. 1737 forderte die bebende Erde in Kalkutta/Indien etwa 300.000 Tote. Auch in unserem Jahrhunderthat es ein so ver­heerendes Erdbeben gegeben: 1976 in Tangschan/China mit über 655.000 Todesopfern. Besser in Erinnerung ist uns die Erdka­tastrophe 1988 inArmenien, bei der 24.000 Men­schen starben. Und noch genauer stehen den meisten von uns wohl die (Fernseh-)Bilder vom Januar 1995 vor Augen, als bei einem Beben insgesamt 6308 Bewohner der japanischen Hafenstadt Kobe ihr Leben verloren.

Solch riesige Todeszahlen gibt es sonst nur bei Über­schwemmungen bzw. Flutkatastrophen. Bei einer Nordsse-Sturm­flut 1570 sollen eine Million Menschen zu Tode gekom­men sein. In Asien, vor allem in China, treten häufiger katastro­phale Überschwemmungen auf: 1887 Huang-He-Über­schwemmungen mit etwa 900.000 Toten; 1931 traten der Chang-Jiang und der Huang-He über die Ufer, was mehrere hunderttausend Menschen­leben forderte. Bei einer Sturmflut in Bangladesch 1970 waren 200.000 Opfer zu beklagen.

Obwohl es so extreme Naturkatastrophenin den letzten Jah­ren nicht gab, scheint insgesamt die Anzahl von Unwet­tern, Überschwemmungen und Wirbelstürmen zuzunehmen. Diese Kata­strophenzunahme steht für eine allgemeine Entwicklung, die man folgendermaßen formulieren könnte: Die Natur wird immer negativer: ungesünder, häßlicher, nutzloser.

Wie schon dargestellt, war die Natur auch früher mehr Feind/in als Freund/in des Menschen, auch als er noch ein na­türliches Leben führte. Allerdings besaß die Natur da­mals ebenfalls positive Seiten: saubere Luft, klares Was­ser, fruchtbare Böden, gesunde Wälder, eine intakte Land­schaft... Doch heute hat sich das zum Negativen gewandelt. Zwar gibt es immer noch manche "Naturschönheiten": bunte Blumenbeete, blü­hende Bäume, sprudelnde Bäche, zwit­schernde Vögel, goldenen Sonnenschein; und selbst über Großstädten zeigt sich gele­gentlich noch ein strahlend blauer Himmel. Aber dies alles bedeutet eine gefährliche Täuschung, denn in Wahrheit ist die Natur todkrank.

Und das Kranksein zeigt sich immer krasser auch im Er­scheinungsbild einer Rest- und Krüppelnatur; halbkahle Wäl­der, vergilbte und zerfressene Blätter, häßliche Baum­stümpfe, armselige Grünflächen, vertrocknete Blumen, grau-diesiger Himmel, stickige Luft, stinkende, verseuchte Flüsse, überzüchtete Haustiere, kränkelnde Wildtiere, ge­quälte Mast­tiere.

Ich bestreite nicht, daß diese Verelendung der Natur primär durch Zivilisation und Technik bedingt ist. Aber was nutzen diese Einsicht und Schuldzuweisung? Sie ändern nichts an der Tatsache, daß es schlecht mit der Natur aus­sieht bzw. daß die Natur schlecht aussieht.

Das ist beileibe kein rein ästhetisches Problem, sondern auch ein funktionales. Denn die sieche Natur kann immer weniger die Funktionen erfüllen, die sie bisher für den Menschen so wertvoll machten. So können die kranken Wälder immer we­niger ihrer Aufgabe der Luftreinhaltung und Lufterneuerung nachkom­men; sie vermögen weniger Staub zu binden und vor allem weni­ger Kohlendioxid aufzunehmen und entsprechend weniger Sauerstoff zu produzieren. Die Flüsse sind kaum noch ein Garant für saube­res, wohlschmeckendes Trinkwasser.

Das gleiche gilt für unsere Nahrungsmittel, die selbst so krank sind, daß man sie besser nicht mehr Lebensmittel nennen sollte. Pflanzen wie Getreide, Gemüse und Obst sind durch die generelle Umweltverschmutzung belastet, ebenso Tiere und da­mit auch tierische Produkte wie Fleisch oder Milch. Hinzu kommt, daß diese Nahrungsmittel noch mit spe­ziellen Chemika­lien wie Schädlingsbekämpfungsmitteln oder Antibiotika behan­delt werden. Zwar gelingt es in diesem Be­reich, ästhetisch ansprechende, ansehnliche Naturprodukte zu erzeugen, zum Bei­spiel große Äpfel mit glänzender Schale, ohne Faulstellen; doch an Nahrungs-, Genuß- und Gesundheitswert hat diese "Edelnahrung" wenig zu bieten: die Superäpfel schmecken wäß­rig und besitzen kaum Vit­amine.

Eine erste Bilanz: Die Natur ist schon immer primär ein Ort des Kampfes gewesen, Kampf gegen andere Lebewesen, gegen Hitze und Kälte, Dürre und Unwetter sowie gegen regelrechte Katastrophen. Der Mensch hat gelernt, die Natur - durch Zivi­lisation und Technik - eines Teils ihrer Schrecken zu berau­ben, sie ein Stück weit zu beherrschen. Aber in dieser Be­herrschung sind ihm bis heute deutliche Grenzen gesetzt, wie vor allem die Naturkatastrophen zeigen. Außerdem entwickelte die Natur unter dem Einfluß  von Technik neue Gefahren und büßte zugleich einen Großteil ihrer Schönheit und Nützlich­keit ein.

 

 

 

Die Natur des Menschen - Einfach tierisch

 

Es gilt, nicht nur die Schattenseiten der äußeren Natur, der Umwelt zu sehen, sondern auch die unserer inneren Natur. Un­ter "innerer Natur" verstehe ich einerseits den menschlichen Körper, aber auch unsere Wesensart, den Charakter unseres Fühlens, Denkens und Verhaltens.

Der Körper des Menschen ist auf den ersten Blick ein hochleistungsfähiges System, dennoch besitzt er viele Mängel, Schwächen und Anfälligkeiten. Wir machen uns das nurso wenig bewußt, weil wir unseren "Body" einfach als gegeben hinnehmen und kaum fragen, wie er anders und besser beschaffen sein könnte.

Der größte Mangel des Körpers ist die Anfälligkeit für Er­krankungen. Insgesamt gibt es hunderte verschiedener Krank­heiten,die uns befallen können. Und schon von jeher wurde der Mensch von ihnen heimgesucht, auch unsere Vorfahren lit­ten zum Beispiel schon unter Rheuma und Gicht. Es ist also keineswegs so, wie gerne behauptet wird, daß nur und erst der moderne Mensch durch seine unnatürliche Lebensweise solche "modernen" Krankheiten erleidet. Und es hat sich in der Geschichte beim Kontakt von Naturvöl­kern mit Menschen aus Zivilisationsstaaten immer wieder ge­zeigt, daß die Naturmenschen selbst "harmlosen" Infekten wie Erkältungen erlagen, weil ihr Immunsystem zu wenig trai­niert war, um mit ihm unbekannten Krankheitserregern fertig zu werden.

Nicht umsonst hat ja auch die Lebenserwartung bei uns lau­fend zugenommen, etwa auf das doppelte der früheren "natürlichen" Lebensdauer. Denn durch Fortschritte der Medizin unddie größere Hygiene konnten viele der alten Krankheiten be­siegt werden, vor allem Infektionen wie Pest und Pocken. An­dererseits konnte und kann die Medizin bis heute längst nicht alle Erkrankungen heilen, das reicht vom banalen Schnupfen (der allerdings von selbst heilt) bis hin zum Krebs, der trotz gewaltigen Forschungsaufwandes noch immer weitgehend unbeherrscht ist.

Außerdem treten neue Krankheitenverstärkt auf, etwa Herz-Kreislauf-Störungen oder Immunstörungen wie Allergien, Au­toaggressionskrankheiten oder Aids. Diese Erkrankungen werden ohne Zweifel durch unser zivilisiertes Leben in einer indu­striell belasteten Umwelt begünstigt oder sogar verursacht; man spricht deshalb von Zivilisationskrankheiten.

Nur kann man das von zwei Seiten betrachten: Normalerweise erklärt man diese Krankheiten eben damit, daß unsere Lebens­weise zu ungesund und unsere Umwelt zu giftig sei. Wir kön­nen es aber auch von der anderen Seite sehen, nämlich daß un­ser Körper zu anfällig ist, daß er sich zu wenig an die heu­tige Umwelt angepaßt hat und seine Flexibilität, sich auf neue Umstände einzustellen, nicht ausreicht. Mit einem Wort: Unser Körper ist ein "Bio-Trabbi".

Man spricht aber auch von der Natur des Menschen, wenn man seine seelische Natur meint. Darunter versteht man ganz all­gemein sein wahres Wesen, seinen typischen Charakter. "Seelennatur" kann aber auch spezifisch bedeuten: diejenigen psychischen Eigenschaften, die der Mensch von der Natur mit­bekommem hat, die er mit anderen Lebewesen, vor allem hoch­entwickelten Primaten teilt. (Es wird später noch zu fragen sein, ob die wirkliche Natur des Menschen nicht gerade durch kulturelle Eigenschaften bestimmt ist, also "unnatürliche" Verhaltensweisen, die den Menschen vom Tier unterscheiden.)

Wie auch immer man die innere Menschennaturgenau bestimmt, es steht nicht gut um sie. Sie befindet sich ebenso in einer Krise wie die äußere Natur. Von daher spricht man auch von Innenweltverschmutzung parallel zur Umweltverschmutzung.

Viele Menschen sind heute unzufrieden mit sich und ihrem Leben, sie fühlen eine Leere, ein Sinndefizit. Gesteigerte Angst und Aggressivität sind weit verbreitet. Auch die Zahl echter psychischer und geistiger Erkrankungen wie Depression oder Schizophrenie ist hoch. Außerdem nehmen Gewalttaten zu, seien es Affekthandlungen infolge von Unbeherrschtheit oder seien es geplante, mit krimineller Energie begangene Verbre­chen.

Diese Störungen sind nicht auf individuelle Menschen be­grenzt, sondern ganze Sozialsysteme zeigen ein gestörtes, "krankes" Verhalten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus im Osten, nach dem Wegfall der Konfrontation zwischen Ost­block und westlichen Ländern hatte man eine stabilere und friedlichere Welt erwartet. Aber das Gegenteil ist eingetre­ten. Durch ausgeprägten Nationalismus und Separatismus sind eine Vielzahl neuer Krisenherde und Kriege enstanden, allen voran der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, der allerdings 1995( vorläufig?) beendet wurde. Zwar sind solche "Kleinkriege" noch lokal begrenzt, aber es besteht die Gefahr einer Ausbreitung. Gerade der Krieg in Bosnien mit seinen Foltern, Vergewaltigungen und anderen Greueltaten hat die Frage nach der Natur des Menschen nochmals radikal aufge­worfen.

 

Ist der Mensch im Innersten brutal?

 

Auf diese Frage hat es im Laufe der Geschichte vor allem zwei Antworten gegeben bzw. zwei Richtungen.

Die eine meint, der Mensch sei von Natur aus gut, friedlich und im seelischen Gleichgewicht. Nur die Umstände, die Ge­sellschaft machten ihn zu einem unzufriedenen und bösartigen Wesen. Dabei wird in letzter Zeit vor allem auch auf das "unnatürliche" Leben und die Umweltzerstörungen als Ursache hingewiesen. Auf den Punkt gebracht: Die Entfremdung von der Natur inunserem Leben hat auch die positive innere Natur ge­schwächt oder fast zum Verstummen gebracht.

Die Vertreter der anderen Richtung behaupten, der Mensch sei von Natur her schlecht, aggressiv, von inneren Konflikten und Kämpfen gespalten - entsprechend zur negativen äußeren Natur. Zum Beispiel wird auf einen Aggressionstrieb oder so­gar Todestrieb verwiesen, der den Menschen zu zerstörerischen Handlungen antreibe. Nach dieser Auffassung ist es erst die Gesellschaft, die uns zu (halbwegs) verträglichen sozialen Wesen macht. Durch Erziehung, Sozialisation, "Zivilisation", gegebenenfalls auch durch Bestrafung, überwinden wir den un­gehobelten Naturzustand und lernen ein "zivilisiertes" Ver­halten.

Beide Auffassungen sind aber zu kritisieren: Es ist offen­sichtlich falsch zu behaupten, erst die Zivilisation und die durch sie bedingte Umweltverschmutzung hätten den Menschen so gereizt und aggressiv gemacht. Gewalt zwischen einzelnen Men­schen und kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Gruppen hat es immer gegeben, solange es den Menschen gibt; alle Zeugnisse der Vergangenheit wie alte Schriften beweisen das. Daß die Kämpfe früher nicht so verheerend waren wie heute, liegt daran, daß unsere Vorfahren noch nicht so viele und hochentwickelte Waffen besaßen. Hätten sie über moderne Waf­fen verfügt, hätten sie die bestimmt auch eingesetzt - der Mensch hat bisher noch immer seine besten Kampfgeräte einge­setzt.

Außerdemhaben die Menschen früher ebenfalls die Natur aus­gebeutet. Stefan Heiland belegt in seinem Buch"Naturverständnis", "daß zu alten Zeiten und unabhängig vom jeweiligen philosophischen Naturverständnis der beherrschende Aspekt des Mensch-Natur-Verhältnisses Nützlichkeits- überlegun­gen waren". Und weiter: "Ein von vornherein rücksichts- und ehrfurchtsvoller Umgang früherer Gesellschaften mit der Natur war also nicht gegeben, schon gar nicht um der Natur selbst willen." Daß unsere Altvordern die Umwelt nicht so kraß wie heute geschädigt haben, lag kaum an einer besonderen Harmonie mit der Natur, sondern daran, daß sie viel weniger Menschen waren und noch nicht unsere heutigen technischen Möglichkeiten be­saßen.

Es läßt sich aber auch nicht pauschal behaupten, der Mensch sei durch Zivilisation und Kultur insgesamt zufriedener und friedlicher geworden. In einigen Lebensbereichen geht es bei uns zwar "kultivierter" zu als bei Naturvölkern, aber grund­sätzlich hat sich die menschliche Natur kaum verändert. Sie ist in etwa die gleiche wie vor 120.000 Jahren, denn so lange hat der Mensch biologisch, von seiner Erbmasseher, keine wesentliche Entwicklung mehr gemacht. Eigentlich sind wir Steinzeitmenschen im Anzug oder Kostüm.

Zwar hat das moderne Leben uns von vielen Belastungen be­freit, aber es führt zu einer neuen Form von Streß, auf die wir genetisch nicht vorbereitet sind: Hektik, Überfüllung, Lärm und künstliches Licht bewirken eine Reizüberflutung, wo­bei die so entstehenden Emotionen und Aggressionen sich noch stauen, weil sie infolge unserer Bewegungsarmut nicht körper­lich abgearbeitet und abreagiert werden.

Halten wir fest: Der Mensch war zu allen Zeiten ein aggres­sionsbereites Wesen, in der alten "Naturzeit"wie in der neuen, industriellen Zeit. Selbstverständlich besaß und be­sitzt er auch friedliche, kooperative Seiten, aber die konn­ten niemals seine Kampfbereitschaft überwinden, denn diese ist eine wesentliche Komponente seiner biologischen Program­mierung. Sie ist ein Erbteil der Natur, eine Eigenschaft, die er von seinen tierischen Vorfahrenübernommen hat, wobei der Grad sicherlich von Individuum zu Individuum differiert und es auch Geschlechtsunterschiede gibt, da nämlich die Aggres­sivität bei Männern im Durchschnitt stärker ausgeprägt ist als bei Frauen.

Ich möchte hier davon absehen, eine simple Bewertung vorzu­nehmen, in der Art aggressiv = schlecht und friedlich = gut. Man muß diese Eigenschaften im Systemzusammenhang und in Re­lation zum Umfeld sehen. Solange der Mensch in die Natur ein­geschlossen lebte, war seine Kampfwilligkeit weitgehend ange­messen, um sich im natürlichen (Über-)Lebenskampf durchzuset­zen. Seine innere Natur paßte zur äußeren Natur. Er mußte hart sein, weil sein Leben hart war.

Nur heute, wo wir weniger in der Natur und mehr in einer technischen Welt leben, ist dieses hohe Aggressionspotentialkaum mehr zweckmäßig, vielmehr gefährlich. In der Zivilisa­tion ist weit weniger körperlicher Kampfeinsatz notwendig. Sicherlich, auch hier braucht man eine gewisse Aggressivität im Sinne von Selbstbehauptung, um sich gegen widrige Umstände oder Gegenspieler durchzusetzen. Aber die Kämpfe könnten und sollten überwiegend geistig, durch das Wort geführt werden. Doch faktisch werden die anachronistischen Körperkampfpro­gramme durch Reizüber- lastung und Bewegungsmangel besonders aktiviert, wobei sich ihre Auswirkungen durch die modernen Waffen vervielfachen.

Es geht bei unserem biologischen Erbe aber nicht nur um Ag­gression, es geht vor allem auch um Irrationalität, Verdrän­gung, Inkonsequenz. Dafür können wir als passenstes Beispiel das Verhalten gegenüber dem Natursterben nehmen. Ich möchte hier vier hauptsächliche Reaktionen unterscheiden:

 

1. Verdrängung oder Bagatellisierung

 

Die Mehrheit der Menschen bei uns verdrängt die ökologische Gefährdung noch immer oder bagatellisiert sie: Es sei alles halb so schlimm, man dürfe keine "Umwelthysterie" betreiben, die Natur werde sich schon wieder erholen. Und so lebt und wirtschaftet man weiter wie bisher, macht nur halbherzige Versuche zur Lösung des Umweltproblems und verschließt die Augen vor den zunehmenden Alarmzeichen. Besonders ausgeprägt findet sich diese Haltung bei Politikern, diesen Berufsopti­misten, die sich selbst und uns weismachen wollen, sie hätten alles im Griff.

Wenn man die Umweltrisiken verdrängt, tut man gar nichts oder wenig dagegen und versäumt ebenfalls den Aufbau einernatur alternativen Technik. Die Probleme werden einem irgend­wann über den Kopf wachsen und sich nicht mehr verdrängen lassen. Doch dann wird es für jede Lösung zu spät sein. Rea­listisch an diesem Verhalten ist immerhin, daß die Bedeutung der Natur für den Menschen nicht überschätzt, sondern relati­viert wird.

 

2.Flucht in den Konsum

 

Viele Menschen glauben aber auch, daß der Umweltkollaps ir­gendwann kommen wird, daß wir ihn wohl nicht auf Dauer ver­hindern können. Sie leben deshalb so weit wie möglich in der Gegenwart, stürzen sich auf jedes Vergnügen, konsumieren auf Teufel komm raus. Nur das Hier-und-Jetzt zählt für sie, denn schon bald könne alles vorbei sein. Logischerweise hat diese Gruppe wenig Interesse an Umweltschutz, sie bezweifelt seinen Erfolg. Aber sie engagiert sich auch kaum für die Entwicklung technischer Lösungen. "Leben heute!", das könnte man ihr Motto nennen. Vor allem Jugendliche und sogenannte Yuppies vertreten diese Position.

So ist es am bequemsten: Man genießt das Leben einfach, so­lange es noch geht. Und dann? "Nach uns die Sintflut!" Das ist eine reichlich verantwortungslose Haltung, vor allem kom­menden Generationen gegenüber (insofern es solche Generatio­nen noch geben wird; denn falls alle Menschen derart egozen­trisch nur um ihre momentane Befriedigung kreisten, dürfte die Katastrophe nicht zu verhindern sein). Und wenn die Konsumi­sten Pech haben, dann kommt diese Katastrophe noch zu ihren Lebzeiten. Positiv läßt sich einem solchen Standpunkt allen­falls abgewinnen, daß er uns davor warnt, nur für morgen zu leben, nur in der Hoffnung auf eine - letztlich ungewisse - Zu­kunft, und dabei das heutige Leben zu vernachlässigen.

 

3.Resignation

 

Diese Gruppe teilt mit der eben beschriebenen die Auffassung, daß die Natur und mit ihr der Mensch auf längere Sicht kaum eine Chance haben. Nur verzweifelt sie an dieser Aussicht. Sie besitzt nicht die Kraft oder den Willen, die verbleibende Zeit noch auszukosten, sondern lebt wie gelähmt, in ständiger Angst oder Resignation. Man starrt auf das drohende Ende wie das Kaninchen auf die Schlange. Wir finden diese Krisenreak­tion bevorzugt bei älteren Personen, aber auch bei jungen Leuten mit der "Null-Bock"-Mentalität.

Angst und Depression angesichts der bedrohlichen Umweltent­wicklung sind zwar eine verständliche Reaktion. Aber wie man sagt: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Man verhält sich passiv oder panisch, und beides fördert keine sinnvolle Pro­blemlösung. Positiver ist danoch die der Resignation benach­barte Gelassenheit, ein umfassendes Einverstandensein mit al­lem, was geschieht, ohne Depressivität oder Verbitterung. Aber auch eine solche Geisteshaltung, die gerne als weise charakterisiert wird, beinhaltet ein Nicht-Handeln. Und so läßt sich die Um/Welt nun einmal nicht verändern.

 

4.Engagement zur Rettung der Natur

 

Es gibt aber auch eine nicht unbeträchtliche und wachsende Anzahl von Menschen, die sich dafür einsetzen, die natürliche Umwelt - viel konsequenter als bisher - zu schützen und zu bewahren. Sie verdrängen die Gefahr einer ökologischen Apoka­lypse nicht, halten sie aber für überwindbar, wenn der Um­weltschutz endlich wirksam durchgezogen wird. Diese Menschen verstehen sich als Teil einer Umweltbewegung, ihre politische Heimat finden sie vorrangig bei den "Grünen".

Eine solche Einstellung scheint zunächst die realistischste und reifeste zu sein. Man verdrängt die Gefahr nicht, flüchtet nicht in den Konsumrausch, resigniert aber auch nicht, sondern stellt sich dem Problem und versucht, es zu lösen. Ich selbst habe Natur- und Umweltschutz früher für den - einzigen - richtigen Weg gehalten und eine konsequente Durchsetzung des "ökologischen Umbaus der Industrie-gesellschaft" befürwortet.

Aber ich mußte erkennen, daß ich mich im Irrtum befand, und vertrete heute das Gegenteil. Jetzt behaupte ich: Das Engage­ment zur Rettung der Natur ist sogar die unrealistischste Haltung, weil sie als einzige davon ausgeht, wir könnten die Natur (in heutiger Form )erhalten oder ihr sogar wieder mehr Platz auf der Erde einräumen. Obwohl ich das Naturengagement - von der Motivation her - weiterhin für verantwortungsbewußt und idealistisch ansehe, halte ich es andererseits für ge­fährlich, weil es Illusionen nährt und notwendige Verhal­tensänderungen blockieren mag. Außerdem wird dieser Ökologis­mus oft mit einer Intoleranz und Arroganz (des Besserwissen­den) vertreten, mit schulmeisterlichem Moralisieren, bis hin zum Schnüffeln im Müll des Nachbarn, ob der auch seine Ab­fälle ordnungsgemäß getrennt hat.

Ich denke, daß die vier genannten Haltungen zur Naturkrise - Verdrängung, Konsumrausch, Resignation und Umweltengagement - wirklich die häufigsten und wichtigsten sind. Und interes­santerweise stieß ich jetzt in einem Artikel von Rolf P. Sieferle (GAIA 2/94) auf eine ähnliche Unterteilung: 1. Busi­ness as usual, 2. Carpe diem, 3. Intellektuelle Resignation und 4. Mahnung zur Umkehr, wobei Sieferle diesen Problem-Hal­tungen einen "Realistischen Umgang" gegenüberstellt. Entspre­chend betrachte ich die vier von mir beschriebenen Einstel­lungen letztlich alle als unangemessen oder dysfunk­tional. Sie verraten damit auch ein "natürliches Denken", das egozentrisch und egoistisch begrenzt ist, dem es an Übersicht, Klarheit, Nüchternheit, Unvoreinge­nommen­heit, Unparteilichkeit, aber auch Ganzheitlichkeit man­gelt.

Eine sinnvolle, funktionale Haltung mußsich dagegen aus einem technischen Denken, einem "Techno-Bewußtsein"speisen. Das ist schwierig, weil unsere technologische Reife noch be­scheiden ist, wir eben noch stark "naturverbunden" sind. Den­noch: Der Geist kann am ehesten zukünftige Entwicklungen vor­wegnehmen, auch wenn die Gefühle und das Verhalten hinterher­hinken.Und so wird es möglich sein, eine neue Haltung gegen­über Natur und Technik zu beschreiben und einzufordern, in der Hoffnung, daß es gelingt, unsere Naturfixiertheit, unsere "Naturbesessenheit" so weit aufzulockern, daß die progressive Haltung Realität wird.

 

Halten wir zum Abschluß des 1. Kapitels die drei Hauptthe­sen noch einmal fest:

       Erstens:         Der Mensch kann die Natur nicht retten.

       Zweitens:       Der Mensch soll die Natur nicht retten.

       Drittens:         Der Mensch muß sich durch die Technik retten.

 

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2.         Mutter Natur - Mythos und Monster

 

 

Ich habe bisher den Begriff "Natur" als selbstverständlich vorausgesetzt. Aber in einem Buch über die Natur kommt man nicht umhin, diesen Begriff zu definieren und genauer zu be­stimmen. Aber ich verspreche Ihnen: Es geht dabei nicht nur um trockene Begriffserörterungen, sondern es wird durchaus spannend werden.

Heute sagen wir oft auch Umwelt für Natur. Wir sprechen gleichbedeutend von "Naturschutz" und "Umweltschutz". Das ist problematisch, denn auch die uns umgebende technische Welt - wie Gebäude, Straßen und Maschinen - ist ja Umwelt. Trotzdem werde ich die Begriffe "Natur" und "Umwelt" zuweilen gleich­bedeutend verwenden, da diese Sprechweise sehr gebräuchlich ist.

Das Wort "Natur" stammt vom lateinischen "natura". Im Eng­lischen und Französischen lautet es "nature" (nur unter­schiedlich ausgesprochen). Der Begriff hat vor allem drei Be­deutungen:

       1.         der Kosmos, die gesamte Welt

       2.         das Wesen, der Charakter einer Sache oder Person

       3.         die ursprüngliche Beschaffenheit.

Wenn man die Natur mit dem Kosmos gleichsetzt, dann ist al­les Natur, und die Natur ist alles. Damit wird der Begriff im Grunde bedeutungslos, denn man kann nicht mehr Natur von Nicht-Natur unterscheiden. Auf diese Definition werde ich da­her nicht zurückgreifen.

Bei der zweiten Bestimmung geht es auch um einen inneren Aspekt. Die Natur eines Clowns ist, daß er Spaß macht. Die Natur eines Klaviers ist, daß man damit musizieren kann. Die Natur einer Straße ist, daß man darauf vorwärts kommt (obwohl man das in Stauzeiten in Frage stellen mag). Sehr viel schwieriger fällt allerdings, die Natur des Menschen oder die "Natur der Natur" zu definieren - wie wir noch sehen werden.

Die wichtigste Bedeutung von "Natur" ist aber: Ursprüng­lichkeit. Dabei läßt sich der Naturbegriff am besten durch Gegenbegriffe erläutern:

 

Natur         Gegenbegriffe

         Kultur

         Kunst

           Technik

                Zivilisation

 

Wenn Natur das Ursprüngliche und Unberührte ist, dann ist Kultur das Entwickelte und Gestaltete, ganz konkret als Anbau von Pflanzen, den Pflanzen-Kulturen. Das weist uns schon auf ein Problem hin: Sprechen wir heute von "Natur", meinen wir normalerweise umgestaltete, kultivierte Natur. Die uns umge­benden Pflanzen und Tiere wurden durch menschliche Eingriffe wie die Zucht verändert. Unberührte Natur gibt es kaum noch.

Im weiteren bezeichnen wir als Kultur all das, was der Mensch aus der Natur, aber auch in ihrer Überwindung entwik­kelt hat: Wissenschaft und Kunst, Religion und Philosophie, Sitten und Gebräuche u. v. m. Heute verwendet man den Begriff der Kultur oder auch Subkultur fast inflationär, spricht von "Unternehmenskultur", Subkulturen wie HipHop oder Punk; "kultisch" ist selbst eine Szenewort geworden.

Bei dieser Gegenüberstellung von Natur und Kultur wird die Kultur grundsätzlich höher bewertet, weil das Natürliche als roh, primitiv und ungehobelt erscheint. Das zeigt sich be­reits sprachlich: Kultiviert hat eine positive, unkultiviert (= im Naturzustand) eine negative Bedeutung. Ganz kraß wird diese Abwertung beim "Kulturbanausen", also von jemandem, der keine Kenntnis von Kultur oder kein Interesse an ihr besitzt.

Allerdings gab und gibt es - gerade heute - auch Gegenrich­tungen, bei denen die Natur der Kultur übergeordnet wird. Da wird die Natur als Basis angesehen, während die Kultur nur als kopflastiger Überbau gilt. Da ist der Naturbursche alle­mal beliebter als der Intellektuelle. Eigentlich müßten wir hier unterscheiden zwischen höherer und niedrigerer Kultur. Wer nichts für die hohe Kultur wie Wissenschaft und Philosophie übrig hat, sondern sich nur für Fritten, Bier und Pornofilme erwärmt, ist deswegen noch kein Naturfreund.

 

Natur gegen Kunst

 

Das führt uns zwanglos zur Kunst, die gerne als besonderer Ausdruck von "Hochkultur" verstanden wird. Kunst bildet - je­denfalls sprachlich - den schärfsten Gegensatz zur Natur, wie sich in dem Gegensatzpaar natürlich - künstlich  zeigt. Al­lerdings bezieht sich das Adjektiv "künstlich" nicht nur di­rekt auf die Kunst im Sinne von Musik, Literatur oder Male­rei, sondern letztlich auf alles, was nicht natürlich ist, zum Beispiel auf die Intelligenz eines Computers, die künst­liche Intelligenz.

Die Wertschätzung der Sprache liegt in diesem Fall mehr auf Seiten der Natur. "Künstlich" gilt als negativ, noch negati­ver ist "gekünstelt", im Gegensatz zum positiven "ungekünstelt". Zwar meint man hier vorrangig das Verhalten eines Menschen. Man fordert von ihm, sich so zu geben, wie es seiner Natur entspricht, also natürlich.

Doch auch darüber hinaus hat das Künstliche ein Minus-Image. Kunstfaser wird etwa noch immer geringer geachtet als Naturfaser, der Kunststoff wird weniger geschätzt als der Na­turstoff. Aber es gibt hier eine Gegenentwicklung. Die künst­liche Wirklichkeit ("Virtual Reality") - der Begriff benennt die vom Computer erzeugte Bildschirmrealität - hat einen po­sitiven Beiklang, fasziniert manche bereits mehr als die nor­male Wirklichkeit.

Kehren wir zurück zu eigentlichen Kunst, wie Poesie, Bild­hauerei oder Architektur. Die Künstler haben teils versucht, die Natur so genau wie möglich abzubilden oder nachzuahmen - naturgetreu. Andere haben die Natur gerade verfremdet darge­stellt oder in Abwendung von ihr ganze Phantasiewelten ent­worfen. Das wird von der Sprache durchaus gewürdigt, "kunstvoll" oder "künstlerisch" klingen im Gegensatz zu "künstlich" positiv.

Wir haben den Begriff der Künstlichkeit auch schon im tech­nischen Bereich kennengelernt, etwa bei der künstlichen In­telligenz. Auch Technik ist ein Gegenbegriff zur Natur. Er stammt vom griechischen "techne" und bedeutet ursprünglich soviel wie "kunstgerechte Anwendung". Heute verstehen wir un­ter Technik in erster Linie die praktische, zweckmäßige An­wendung von Naturgesetzen zur Herstellung von Maschinen und Werkzeugen. Im Gegensatz zum Kulturbegriff steht hier das Ma­terielle im Vordergrund: Apparate, Motoren, Geräte. Mittler­weile wird der Begriff der Technik auf fast alles zielgerich­tete, strategische Verhalten bezogen: Lerntechnik, Schreib­technik etc.

"Technologie" bezeichnet ursprünglich die Lehre oder Wis-senschaft von der Technik; im modernen Sprachgebrauch un-terscheidet man aber nicht mehr zwischen Technik(en) und Technologie(n).

Ich wähle in diesem Buch den Begriff "Technik" als zentra­len Gegenbegriff zu "Natur". Was natürlich ist, ist nicht technisch; und was technisch ist, ist nicht natürlich. Daran hindern mich auch nicht problematische Wortbildungen wie "Biotechnik" oder "Biotechnologie".

Wenn ich es richtig sehe, wird der Technik-Begriff sprach­lich immer noch eher negativ beurteilt, jedenfalls Wörter wie Technokrat oder Technizismus. Aber es scheint ein Prozeß der Umwertung im Gange. Wortschöpfungen wie "neue Technologien" oder "Computertechnik" stehen wohl auf der positiven Seite.

Es ist sehr wichtig, daß schon durch die Sprache Begriffe bewertet oder emotional besetzt werden. Zwar stehen dahinter gesellschaftliche Werte und Gefühlseinschätzungen. Aber weil diese sprachlich fixiert sind, lassen sie sich viel schwerer verändern. Ober es kann vorkommen, daß die sprachgebundenen Bewertungen den gesellschaftlichen hinterherhinken.

Wenn man also eine positive, bejahende Einstellung zur Technik fördern will, dann muß man gewissermaßen die Begriffe "besetzen" und neu bewerten. Man muß dafür sorgen, daß das Wort "Technik" schon an sich angenehm in unseren Ohren klingt und erfreuliche Assoziationen weckt. Damit verbunden ist die Abwertung des Naturbegriffs, und das bedeutet einen harten Brocken. Denn obwohl es in der Gesellschaft mittlerweile auch kritische Haltungen zur Natur gibt: Das Wort "natürlich" ge­nießt nach wie vor eine enorme, fast unangetastete Wertschät­zung; dagegen lösen die Begriffe "unnatürlich" oder gar "widernatürlich" spontan Ablehnung aus, wecken düstere Gedan­ken an Krankhaftigkeit und Perversion.

Bleibt noch der Begriff Zivilisation; man kann ihn als Oberbegriff für Kultur, Kunst und Technik verwenden. Er um­faßt die geistigen und materiellen Aspekte der Überwindung des Naturzustandes, kennzeichnet die neue Lebensform des Men­schen, der sich von der Natur abgelöst hat bzw. sich in einem Ablösungsprozeß befindet.

Ursprünglich war der Zivilisations-Begriff positiv besetzt. Zivilisiert wurde dem Negativ-Begriff unzivilisiert gegen­übergestellt. Seitdem aber die Problemseiten der zivilisier­ten Welt (die von manchem auch als "überzivilisiert" kriti­siert wird) drastisch deutlich geworden sind, hat der Begriff der Zivilisation an Wertschätzung eingebüßt. Das zeigen auch Wortbildungen wie "Zivilisationskrankheit".

 

Ist die Natur eine Frau?

 

Besonders interessant ist nun, daß die Natur oft als weiblich bezeichnet wird. Das war bereits in der traditionellen Philo­sophie so, aber heute vertreten gerade Feministinnen diese These von der Verwandtschaft zwischen Natur und Frau. Man bzw. frau begründet das sogar sprachlich, daß nämlich Natur sowie die entsprechenden Begriffe Erde und Materie grammatikalisch weiblich sind: die Natur, die Erde, die Materie. Und das gilt nicht nur in der deutschen Sprache, sondern zum Beispiel auch in der französi­schen, vor allem aber in der zugrundeliegenden lateinischen Sprache: natura, terra, materia.

Damit noch nicht genug. Weiter heißt es, Natur, Erde und Materie ständen nicht nur allgemein für Weiblichkeit, son­dern für Mütterlichkeit. Denn wir sprechen doch von "Mutter Natur" oder - noch gebräuchlicher - von "Mutter Erde". Und das Wort "Materie" ist sogar vom lateinischen mater = Mutter abgeleitet.

Wenn der Natur ein weibliches Geschlecht zugewiesen wird, dann müssen die Gegenbegriffe Kultur und Kunst, vor allem aber Technik und Zivilisation als "männlich" charakterisiert werden. Hier klappt es allerdings nicht mit dem grammatikali­schen Geschlecht, denn wir sagen ja ausnahmslos: die Kultur, die Kunst, die Zivilisation und die Technik.

Auf die Problematik all dieser Geschlechtszuweisungen komme ich noch zurück. Hier interessiert uns jetzt nur, daß das Weibliche heute überwiegend als sanft, friedlich, liebevoll bestimmt wird (während die alten Philosophen es gerade als gefährlich und vereinnahmend ansahen). Somit wird auch die - weibliche - Natur als sanft, soft und süß beschrieben, als streichelzart und kuschelweich. Sie ist eben die "gute Mut­ter", die ihre Menschenkinder nährt, behütet und schützt. Wir stoßen auf einen Mutter-Mythos, das Bild von der allzeit lie­ben, eben mütterlichen "großen Mutter", die sich für uns auf­opfert.

Dieser verkitschten Mutter-Mär von der guten Natur möchte ich im nächsten Punkt ein realistische Schilderung der Natur­welt gegenüberstellen und klarmachen, daß es sich hier mehr um eine Schreckens- als eine Märchenwelt handelt. Mutter Na­tur ist auch ein Monster.

 

 

 

Raubtiere, Giftpflanzen, Krankheitskeime

 

Seien wir ehrlich: Wenn es keine häßlichen Kellerasseln gäbe, würden wir sie sehr vermissen? Und wenn die nervend brummende Fliege aussterben würde, wäre das tragisch? Oder wenn es ge­länge, den böse stechenden Bremsen den Garaus zu machen, müß­ten wir dann ein schlechtes Gewissen haben? Ich meine: drei­mal nein.

Dabei haben wir es hier nur mit lästigen "Viechern" zu tun. In dem lehrreichen Buch "Schach dem Ungeziefer" (Untertitel) werden sie treffend als Lästlinge bezeichnet. Und wenn man solche "naturhaften" Störenfriede schon wegwünscht, um wie­viel mehr gilt das für echte Bedrohungen und Angriffe aus dem Naturreich?!

Aber erst mal der Reihe nach. Ich habe schon festgestellt und werde noch öfters feststellen (damit die Botschaft auch 'rüberkommt und sogar den Sentimentalitätspanzer der Naturro­mantiker durchdringt): Die freie Natur ist kein Paradies, kein Garten Eden, sondern eine Kampfstätte. Ein Ort, wo es fortwährend ums Überleben oder Sterben geht. Unablässig stellt ein Tier dem anderen nach, versucht, es mit Gewalt oder List und Täuschung einzufangen, zu töten und zu fressen. Wenn man so will eine Großkantine, in der der Gast aber nicht weiß, ob er etwas zu essen bekommt oder selbst auf der Spei­sekarte steht.

Zwar ist nicht jedes Lebewesen von jedem anderen bedroht, ist nicht jedes "Freßfeind" von jedem anderen. Viele Pflanzen sind für uns Menschen völlig harmlos, wir brauchen bestimmt nicht vor einem Apfelbaum davonzurennen. Auch viele Tiere können uns nichts anhaben. Ein Wildkaninchen wird einen nor­malerweise kaum in Angst versetzen - es sei denn, es hat Tollwut. Aber das ändert nichts an dem generellen Schlach­tungstrieb in der Natur.

Wir Menschen haben unsere wichtigsten Freßfeinde wie Raub­katzen, Krokodile und Wölfe dezimiert. Wir sind so Gott-sei-Dank aus dem Kreislauf des Fressens und Gefressenwerdens weitgehend ausgeschieden. Genauer gesagt, wir (fr)essen nur noch, werden aber kaum mehr gefressen (allerdings nach dem Tode, im Sarg, kann man doch noch Freßopfer der Würmer werden).

Der Mensch hat gelernt, sich durch vielfältige Techniken zu schützen und zu bewaffnen. Er braucht die Tiere kaum mehr zu jagen, sondern züchtet sie en masse für seinen Eßtisch. Si­cher die angenehmste Position, aber eine dem Menschen ange­messene? Jedenfalls sollten wir unsere bedrohliche Vergangen­heit nicht vergessen. Naturvölker leben teils heute noch un­ter dieser Bedrohung, von Tieren gefressen zu werden. Und wer sich ungeschützt in die Wildnis begibt, freiwillig oder un­freiwillig, etwa nach einem Flugzeugabsturz, kann schnell wieder auf dem Freß-Karussell landen. Wie heißt es doch: Wer sich in die Natur begibt, kommt darin um. Oder so ähnlich.

Nun mag man dieses gegenseitige Auffressen, so abstoßend es auch ist, noch damit rechtfertigen, daß ein (fleisch-fressendes) Tier eben nur überleben kann, indem es sich andere Tiere einverleibt. Aber keineswegs jede Aggres­sion oder Tötung dient der Ernährung. Treten Sie einer klei­nen Giftschlange auf den Schwanz. Sie beißt zu, womöglich tödlich, aber nicht um Sie zu verspeisen, sondern aus Furcht oder einfach, weil sie in ihrer Mittagsruhe auf dem sonnigen Felsen gestört wurde.

Es ist schlimm genug, wenn sich Tiere verschiedener Arten töten. Aber noch mehr stößt ab, wenn Artgenossen oder sogar Angehörige des gleichen Rudels, gewissermaßen der gleichen Familie gekillt werden. Und doch ist dies keine Seltenheit: Tötung, um die eigenen Gene, das eigene Erbgut mög­lichst zu verbreiten. So morden Löwenmännchen, die eine Lö­wengruppe übernehmen, oft die Jungen des vorherigen Gruppen­führers. Die Weibchen können dann nämlich schneller wieder gedeckt werden und um so mehr Nachkommen des neuen Chefs, mit dessen Genen, produzieren.

Das Kämpfen und Schlagen, Hauen und Stechen, Würgen und Beißen ist zwar der Normalfall in der Natur, aber es gibt doch Tiere, die uns besonders bedrohlich vorkommen, die Raub­tiere. Zu diesen gehören Raubkatzen wie Löwen, Tiger und Pan­ther; Bären, zum Beispiel der berühmte Grizzly, die keines­wegs so gemütlich sind, wie uns die Teddybären glauben ma­chen; Hyänen, Wölfe sowie ursprünglich Hunde, wenn man das einem Mops auch kaum mehr anmerkt. Raubtiere sind normaler­weise Fleischfresser, mit kräftigen Eckzähnen und scharfen Reißzähnen. Die dolchartigen Eckzähne halten die Beute fest, die Reißzähne zerschneiden sie wie Scheren.

Daneben gibt es Raubvögel wie Adler, Bussard und Habicht, außerdem Raubfische wie den Hai; schließlich eher exotische Räuber wie Raubfliegen oder Raubkäfer.

Wer kann sich heute noch das Grauen vorstellen, das die Menschen früher ergriff, wenn sie von einem Wolfsrudel bela­gert, gehetzt oder angegriffen wurden? Oder wenn sie schon das Heulen der Wölfe hörten. Wir kennen das fast alle nur noch aus dem Kino. Und dennoch beschleicht einen eine gewisse Be­klemmung, wenn man einen Wolf sieht. Da mögen die modernen Wolfsforscher uns auch versichern, Wölfe seien die nettesten und friedlichsten Tiere.

Neben den Raubtieren sind die Gifttiere wohl die gefähr­lichsten. Es gibt Gifttiere des Landes, des Wassers und der Luft. Da krabbeln dann giftreiche Skorpione und Spinnen, schwimmen giftige Fische und Quallen, fliegen und schwirren Insekten mit Giftstachel. Was ist denn Ihre Lieblingsspinne? Vogelspinne, Tarantel, Schwarze Witwe oder die Einsiedler­spinne? Wieviele schlaflose Nächte haben an der Schlafzimmer­decke sitzende Spinnen (auch ganz ungiftige) Frauen wie Män­nern schon eingebracht! Und von welcher Schlange ließen Sie sich am liebsten beißen? Kreuzotter, Aspisviper, Klapper­schlange, Schwarze Mamba oder Todesotter? Ich empfehle die Kreuzotter, deren Gift ist nicht lebensbedrohlich. Ein Stich von einer Wespe scheint dagegen fast harmlos. Aber wenn die einen etwa in den Mund sticht oder man eine Allergie gegen das Wespengift hat, kann es auch hochdramatisch werden.

Es ist Ihnen wahrscheinlich recht, wenn wir es bei dieser kleinen Auswahl aus dem Bereich der Gifttiere belassen. Wen­den wir uns jetzt den Viechern zu, die nicht direkt gefähr­lich, aber ausgesprochen lästig sind und einem schon manchen (Ferien-)Tag vermiesen können. Als da wären Wanzen, Flöhe, Läuse - Un­geziefer nennt man sie zurecht. Weiter Schnaken, Bremsen, Mücken (manche Mückenarten bedeuten allerdings doch eine Ge­fahr, weil sie Krankheiten wie Malaria übertragen). Wer kennt es nicht, das enervierende Summgeräusch, wenn man abends im Bett liegt, um sich der Ruhe hinzugeben! Man schlägt nach dem Biest, trifft aber allenfalls die Nachttischlampe. Macht der Geplagte dann die Lampe an, vorausgesetzt sie geht noch, ist von der Mücke nichts mehr zu hören und zu sehen. Übrigens, daß sensible Gemüter schon die Fliege an der Wand fast ver­rückt machen kann, ist ja bereits sprichwörtlich.

Einen Plagegeist will ich noch erwähnen, die Motte. Sei es als Getreidemotte, die durch eklige Fäden selbst dem enthu­siastischsten Müsliesser den Appetit verderben kann. Sei es als gefräßige Kleidermotte - ich habe da so meine Erfahrun­gen. Und vielleicht haben Sie auch schon einmal einen Ur­schrei ausgestoßen, als Sie aus dem Kleiderschrank die Win­terpullover hervorholen wollten, und die edlen Wollstücke wa­ren durch weißliche Beläge, die Mottenlarven, und diverse Lö­cher verziert.

 

Pflanzen als Giftmischer

 

Retten wir uns von diesen unersprießlichen Tieren ins Pflan­zenreich. Da scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Pflan­zen halten wir gemeinhin für friedliche, sanfte Lebewesen (von Ausnahmen wie den fleischfressenden Karnivoren abgese­hen), die eigentlich nur dazu da sind, gut zu duften, Sauer­stoff für uns zu produzieren oder schön auszusehen. Aber das ist ein gravierender Irrtum.

Wie der Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer und Co-Auto­ren schreiben: "Kein Lebewesen, sei es Pflanze oder Tier, wird gern gefressen und versucht deshalb der Verdauung durch andere Lebewesen zu entkommen. Bei Gefahr können Tiere davon­laufen, Pflanzen jedoch nicht. Sie müssen sich also auf an­dere Weise vor einer hungrigen Umwelt schützen. Und sie weh­ren sich mit ausgetüftelten Abwehrstoffen gegen alles und je­des, egal ob Mikroben, Motten, Mäuse oder Menschen."

In der Wissenschaft wird nach heutigem Stand von etwa 20.000 Stoffen ausgegangen, mit denen Pflanzen vor allem räu­berische Insekten oder schmarotzende Pilze abwehren können. An oberster Stelle im botanischen Waffenarsenal liegt die "chemische Keule", körpereigene Gifte der Pflanzen.

Nikotin ist zum Beispiel der natürliche Giftstoff der Ta­bakpflanze. Bekannt ist auch das Solanin, ein Gift, das sich in unreifen Kartoffeln bzw. an grünen Stellen findet. Die Platane, ein bis zu vierzig Meter hochwachsender Laubbaum, sondert aus ihren Blättern einen Saft aus, der den Boden un­ter ihr ganz vergiftet. Da wächst dann nicht einmal mehr ein Grashalm.

In dem Weltbestseller "Dino Park" ("Jurassic Park") gibt der Wissenschaftsautor Michael Crichton der Forscherin Elli folgende Gedanken ein: "Die Leute sind ja so naiv, was Pflan­zen angeht, dachte Elli. Die suchen sich Pflanzen nur nach dem Aussehen aus, so wie man ein Bild für eine Wand auswählt. Dabei denken sie gar nicht daran, daß Pflanzen lebende Wesen sind mit allen lebenswichtigen Funktionen wie Atmung, Verdau­ung, Ausscheidung, Fortpflanzung - und Verteidigung. Elli als Paläobotanikerin wußte, daß sich Pflanzen im Verlauf der Erd­geschichte auf ähnlich kämpferische Weise entwickelt hatten wie die Tiere, manche sogar noch aggressiver. Das Gift der Serenna veriformans war nur ein Beispiel für das komplexe Ar­senal chemischer Waffen, das die Pflanzen entwickelt hatten. Da gab es Terpene, die die Pflanzen absonderten, um den Boden zu vergiften und Konkurrenten aus der Nachbarschaft zu ver­treiben, Alkaloide, die sie für Insekten, Raubtiere (und Kin­der!) ungenießbar machten; und Pheromone, die zur Kommunika­tion dienten."

Beschäftigen wir uns - nur theoretisch - noch etwas aus­führlicher mit Giftpflanzen: eine kurze (nicht vollständige) alphabetische Übersicht. Alraune, Aronstab, Bilsenkraut, Brechnuß (enthält das gefürchtete Strychnin), Eibe, Einbeere, Eisenhut, Fingerhut, roter Goldregen, Herbstzeitlose, Kir­schlorbeer (enthält die berüchtigte Blausäure), Lattich, Mohn (enthält 30 verschiedene Alkaloide, darunter Morphin und Ko­dein, bekannte Suchtmittel), Nieswurz, Oleander, Petersilie (ja, sogar die küchenvertraute Petersilie enthält in ihren Samen ein leichtes Nervengift: Apiol), Stechapfel, Tollkir­sche, Wasserschierling, Wolfsmilch.

Es sei nicht verschwiegen, daß manche dieser Gifte - in entsprechend niedriger Dosierung - auch für Medikamente ver­wendet werden, zum Beispiel das Digitalis aus dem Fingerhut für Herzmittel oder das Atropin aus der Tollkirsche. Aber sie bleiben dennoch gefährliche Na­turgifte, die schon unzählige Menschen das Leben geko­stet haben. Und selbstverständlich sind auch die aus diesen Giftstoffen hergestellten Arzneimittel nicht ungefährlich. Es ist also absurd, wenn heute viele Menschen meinen, aus Natur­stoffen hergestellte Medikamente, sogenannte Naturheilmittel, wären garantiert unschädlich und nebenwirkungsfrei.

 

Gefährliche Pilze

 

Die oben genannten Giftpflanzen haben aber wohl nicht so viele Menschenleben auf dem Gewissen wie die Giftpilze. Be­sonders bekannt unter ihnen sind der weiße und der grüne Knollenblätterpilz: sie wirken durch Leberschädigung tödlich - etwa 90 % aller Todesfälle durch Pilzvergiftung gehen auf ihr Konto; der Pantherpilz führt zu Nervenstörungen und lähmt Herz wie Atmung; beim mehrmaligen Essen des Kahlen Kremplings kann eine tödliche Lebensmittelallergie entstehen; der promi­nenteste in dieser Gruppe ist aber wohl der Fliegenpilz, mit rotem Hut und weißen Flocken, dessen Giftigkeit variiert.

Zwar gelten von den vielen Pilzarten nur etwa 15 als gif­tig. Und diese wirken auch nicht alle gleich tödlich, sondern führen primär zu Durchfall oder Erbrechen - je nach me­dizinischen Maßnahmen. "Nur" vier Arten sind ausgesprochene Killer. Man könnte sich also auf die Mehrheit der anderen Pilze beschränken, obwohl nicht jeder ungiftige Pilz deshalb schon genießbar ist (es käme wohl niemand auf die Idee, eine Stinkmorchel zu verspeisen). Das Tückische ist aber: Giftige und ungiftige Pilze sehen sich oft sehr ähnlich, mancher Speisepilz hat geradezu einen gifthaltigen Doppelgänger. So können bestimmte Champignons mit dem weißen Knollenblätter­pilz verwechselt werden. Davon ist aber bereits einer töd­lich.

In meinem alten Pflanzenkunde-Sachbuch stehen noch Merk­sätze wie "Sammle keine Pilze mit weißlichem Stiel, Ring und Knolle und mit weißlichen Lamellen!" oder "Meide Pilze mit roten Röhren und rötlichem Stiel und solche mit eingerissenem Rand!" Aber solche Ratschläge reichen leider keinesfalls aus, um eßbare Pilze sicher von giftigen zu unterscheiden.

Wer also meint, Mutter Natur habe uns einen reichlichen Eß­tisch mit ausschließlich gesunden und wohlschmeckenden Gaben gedeckt, der irrt gewaltig. Und es könnte sein letzter Irrtum sein. Nein, mit Pflanzen ist keineswegs immer gut (Toll)-Kir­schen essen.

Noch einmal zurück zum "großen Fressen". Daß Tiere andere Tiere fressen und daß Tiere Pflanzen fressen (und manchmal auch Pflanzen Tiere) und daß sich Pflanzen gegen die Tiere wehren, dies ist noch nicht das Ende. Sondern die Tiere müs­sen wiederum Strategien entwickeln, die Pflanzen trotz ihrer Abwehrgifte fressen zu können. Udo Pollmer et al. bringen folgendes Beispiel: "Oder nehmen wir die eingerollten Blät­ter, die man bei Spaziergängen häufiger beobachten kann. Diese Blätter enthalten Stoffe, die in Zusammenwirkung mit UV-Licht tödlich für Insekten sind... Aalt sich eine satte Raupe in der Sonne, bildet sich nach der Mahlzeit in ihrem Körper Gift. Deshalb greifen schlaue Insekten im Schatten an und injizieren dem Blatt ein Hormon, das dafür sorgt, daß es sich einrollt. So ist das Insekt vor schädlicher Strahlung sicher und kann sich im Halbdunkel sattfressen."

Pflanzen können aber eine Gegengegenabwehr entwickeln. Wie Poll­mer und Mitautoren weiter berichten, gilt das für das Johan­niskraut. Seine Blätter lassen die Strahlen durch, welche für die Giftbildung verantwortlich sind. Da nützt es einem Insekt nichts mehr, wenn es das Blatt einrollt.

Kurzum, in der Natur gilt das Gesetz: Jeder gegen jeden. Tiere gegen Tiere. Tiere gegen Pflanzen. Pflanzen gegen Tiere. Pflanzen gegen Pflanzen. Und der Mensch? Der Mensch gegen (fast) alle. Sicher, das ist pointiert. Es gibt in der Natur auch Harmonie, es findet auch Zusammenarbeit statt. Und vor allem das Phänomen der Symbiose begeistert und rührt die Naturidealisten immer wieder aufs neue, "die enge Lebensge­meinschaft zweier verschiedener Arten zum beiderseitigen Nut­zen". So wird die Symbiose in dem Buch "Biologie" von Klaus-Rainer Hasenkamp definiert. Der Autor bringt als - gerne ver­wendetes - Beispiel die Symbiose zwischen Einsiedlerkrebs und Seerose.

Der Einsiedlerkrebs bewohnt ein leeres Schneckenhaus, auf das er, zum besseren Schutz, eine mit Nesselarmen bewehrte Seerose pflanzt. Der Seerose, die sich nicht selbständig fortbewegen kann, dient der Krebs andererseits als Transport­vehikel. Die beiden Tiere bleiben unzertrennlich. Zieht der Krebs in ein neues Schneckenhaus, dann pflanzt er seine Rose auf dieses Haus um.

Das hört sich richtig idyllisch und altruistisch an, aber lassen wir uns nicht täuschen. Wie hieß es in der Definition von "Symbiose"? "Zum beiderseitigen Nutzen". Es geht also nicht darum, daß der Krebs der hübschen Seerose aus reiner Sympathie einen Gefallen tun möchte. Oder daß die Seerose un­sterblich in den flotten Krebs verliebt ist. Sondern es geht letztlich um das eigene Überleben oder um die Ausbreitung des eigenen Erbgutes, der eigenen Gene: "Gen-Egoismus". Krebs und Rose bilden nur eine Zweckgemeinschaft. Und so dreht sich alles in der Natur immer um Zweck, um den eigenen Nutzen. Auch das, was uns einfach schön vorkommt, ohne Berechnung und Absicht, wie farbenfrohe Blüten mit köstlichem Duft, ist im Grunde funktional: Die Farben und Düfte sollen Insekten an­locken, die für die Fortpflanzung eingespannt werden.

Die Negativschilderung der Natur als egoistisch und selbst­süchtig ist keine Spekulation, sondern wird von der modernen Biologie gestützt. So heißt es in dem 1995 erschienenen Werk "Im Egoismus vereint?" des Verhaltensbiologen Kurt Kotrschal: "Die zentrale These dieses Buches lautet: Tiere und Menschen sind nur am eigenen Vorteil, nicht aber am Überleben der Art interessiert. Diese neue, konsequent-evolutionäre Sicht steht im diametralen Gegensatz zum Credo der klassischen Verhal­tensforschung von der Harmonie in der Natur." Vorreiter der Theorie von der "eigennützigen Natur" war Richard Dawkins mit seinem berühmten Buch "Das egoistische Gen" (1976, deutsch 1978).

Nun könnte man ja solche Formen der Zusammenarbeit wie zwi­schen Krebs und Seerose, auch wenn sie letztlich egoistisch motiviert sind, als positiv einschätzen, wie gute Handelsbe­ziehungen in der kapitalistischen Marktwirtschaft. Aber das friedliche Zusammenwirken, erst recht die Symbiose, ist doch eher eine Welle auf einem Meer des Kampfes. In der Natur herrscht Krieg, und zwar nicht nur "konventioneller" Krieg mit Beißen, Würgen, Schlagen, sondern auch Krieg mit - im wahrsten Sinne des Wortes - biologischen sowie chemischen Waffen. Giftgas, die Natur hat es lange vor den Menschen er­funden. Nur fehlt in der Natur eine Konvention, die vor dessen Einsatz schützt.

In der Natur gibt es Krieg, und "jeder geht hin", weil sich eben keiner da raushalten kann. Entmilitarisierte Zonen, Neutralität oder Nicht-Angriffs-Pakte sucht man vergeblich. Keiner kann sich raushalten? Doch, der Mensch hat gelernt, sich gegen diesen Krieg partiell abzuschotten. Anders gesagt, er ist der Überlegene, die Tiere und Pflanzen müssen ihn mehr fürchten als er sie. Und durch seine Eingriffe verändert er das Kriegsgeschehen, etwa wenn er bestimmte Pflanzen, die er als Nutzpflanzen definiert, gegen andere Pflanzen schützt, die für ihn Unkraut sind.

Aber der Mensch hat noch nicht eine sichere Position der Unangreifbarkeit erreicht. Und vor allem gegen einen Natur­gegner ist er bisher keineswegs der Sieger. Dabei handelt es sich ausgerechnet um die kleinsten Lebewesen, Mikroorganis­men, Krankheitserreger wie Bakterien und Viren.

 

Die kleinen Killer

 

Tuberkulose-Bakterien, Milzbrand-Bazillen, Masern-Viren, Cholera-Vibrio­nen, Feldfieber-Leptospiren, Lues-Treponemen, Ruhr-Amöben, Kinderlähmungs-Viren, Hirnhautentzündungs-Vi­ren... Reicht Ihnen diese Aufzählung? Daß sie alles andere als vollständig ist, zeigt schon die Tatsache, daß der Aids-Virus nicht darin enthalten ist. Dabei dürfte Aids die Infek­tionskrankheit sein, über die in den letzten Jahren am mei­sten gesprochen und geschrieben wurde. Obwohl sich die Seuche - bei uns - nicht so explosionsartig ausbreitet wie zunächst befürchtet, bleibt sie eine der gefährlichsten und tödlich­sten Infektionen.

Der HI-Virus (Humanes Immunschäche-Virus) reduziert be­stimmte weiße Blutkörperchen, die sogenannten T-Helfer-Zel­len, die zuständig sind für den Schutz gegen Krankheitskeime und Krebszellen. Er schlüpft in diese Zellen und funktioniert sie um für seine eigene Vermehrung. Schließlich, meist erst nach Jahren, ist die Immunabwehr des Menschen so geschwächt, daß er anderen Erregern erliegt oder an Krebs stirbt.

Man sollte einem Virus nicht eine Persönlichkeit unterstel­len, und dennoch, wie kann man sein Verhalten anders be­schreiben als mit hinterhältig und heimtückisch, militant und machtbesessen? Ja, auch auf dieser Ebene der Natur, zwischen dem Körper und aggressiven Krankheitserregern herrscht Krieg. Unser Körper ist ständig Angriffen von Mikroorganismen ausge­setzt und überlebt nur, wenn das Immunsystem schlagkräftig - wie eine gut organisierte Armee - die Aggressoren abwehrt. Übrigens bekämpfen sich auch Mikrowesen gegenseitig. Die Bak­teriophagen, das sind große Viren, infizieren Bakterien, die daran meist zugrunde gehen.

Manche, früher tödlich verlaufende Infektionskrankheit, hat die moderne Medizin vor allem dank Impfungen und dank Anti­biotika ganz gut im Griff. Nur ein Beispiel: Die Pest, der "schwarze Tod", entvölkerte im Mittelalter ganze Landstriche in Europa. Heute gibt es bei uns keine Pestfälle mehr. Daß diese Krankheit weltweit allerdings noch nicht besiegt ist, hat die - lokal begrenzte - Pestepidemie 1994 in Indien ge­zeigt.

Neue oder vorher unbekannte Krankheitserreger wie par excellence HIV machen aber auch den Medizinern in den hochzi­vilisierten Staaten Sorgen. Hinzu kommt, daß die Antibiotika, die Hauptwaffe gegen allmögliche Bazillen, immer weniger greifen. Durch die übertriebene Anwendung dieser Medikamente, auch bei harmlosen Infektionen und nicht zuletzt in der Tier­zucht, haben sich etliche Bakterien praktisch daran gewöhnt, sie sind resistent dagegen geworden. Und das besonders Ge­fährliche: Diese Resistenz wird weitervererbt, in Windeseile entstehen variante Bakterienstämme, denen diese Mittel gar nichts mehr anhaben können.

Außerdem drohen neue exotische Krankheiten, die durch Tro­penreisende als unerwünschtes Souvenir mitgebracht oder auch durch Ferntransporte eingeschleppt werden. 1995 gab es große Aufregung um das Ebola-Virus. Der "Film zum Virus", der Kino­hit "Outbreak - Lautlose Killer" schürte die Ängste noch, und die Medien puschten Ebola zum schlimmsten Todes-Virus hoch. Aber es gibt in Afrika viele vergleichbare Viren - und angeb­lich auch noch gefährlichere. Nur horcht die Weltöffentlich­keit meist erst dann auf, wenn Weiße von solchen Infektionen betroffen sind.

Insgesamt ist der körperliche, seelische und wirtschaftli­che Schaden durch Infektionskrankheiten unermeßlich. Kinder werden durch Kinderlähmung verkrüppelt, Alte und Geschwächte erliegen Lungenentzündungen, Kriegsflüchtlinge werden unter mangelhafter Hygiene von Cholera und Typhus hinweggerafft. Fast banal klingt es dagegen, auf die Milliardenverluste der Wirtschaft schon durch vergleichsweise harmlose Infektionen wie "Erkältung" oder Schnupfen hinzuweisen.

Heute befürchten viele Menschen, daß durch die Gentechnik unbekämpfbare Killerbakterien entstehen und versehentlich freigesetzt werden könnten. Doch wir können optimistisch sein, daß eine solche Katastrophe nicht auftritt. Größer als die Gefahr ist die Chance, daß es den Gentechnikern eines Ta­ges gelingt, den Krankheitserregern ihren Schrecken zu neh­men.

Was die meisten Naturfreunde gerne vergessen: Auch Krank­heitserreger, auch Aids-Viren, sind Natur. Von daher ist es absurd zu fordern, wir sollten mit der ganzen Natur in Harmo­nie leben. Glücklicherweise hört unser Immunsystem nicht auf solche Kopfgeburten, sonst wären wir in Kürze tot. Zwar gibt es auch harmlose, sogar nützliche Mikroorganismen, doch viele sind äußerst gefährlich und angriffslustig. Harmonie mit ihnen ist nicht möglich, entweder sie sterben oder wir. Übrigens habe ich auch noch nie gehört, daß sich ein Naturfreund als "Aids-Viren-Freund" zu erkennen gibt oder sich für den Schutz der Tripper-Gonokokken stark macht. Auch sind mir Tierfreunde der Abteilung Ruhr-Amöben unbekannt.

 

 

 

Tödliche Naturkatastrophen - "Sanfte Natur"?

 

Nun zu einem ganz anderen Bereich von Naturgefährdungen, zu den sogenannten Naturkatastrophen. Die lassen sich ganz gut nach den klassischen vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde einteilen. Diese Elemente beinhalten schon in sich eine Gefahr, ohne daß es gleich zu einer generellen Katastrophe kommen muß. Das Feuer kann verbrennen, im Wasser kann man er­trinken, die Erde kann einen erschlagen und die Luft bzw. der Wind kann jemand durch die Gegend wirbeln. Von einer Kata­strophe sprechen wir aber erst, wenn eine solche Naturgewalt (der Begriff "Gewalt" ist bezeichnend) viele Menschen ver­letzt oder tötet, umfangreiche Wirtschaftsgüter zerstört oder wenn die Natur sich in großem Ausmaß quasi selbst beschädigt, indem sie zum Beispiel Pflanzen und Tiere massenhaft tötet.

 

1.     Feuer-Katastrophen (bzw. Wärme-Katastrophen)

-       Brand, Buschbrand, Waldbrand, Feuersbrunst, Hitzewelle

-       (bei Mangel an Wärme) Eiszeit, Kältewelle, Extrem­frost, Straßenglätte, Schneelawinen

2.     Wasser-Katastrophen

-       Überschwemmung, Hochwasser, Flutkatastrophe, Sturm­flut, Flutwelle, Tsunami, Seebeben, Unwetter, Extrem­hagel

-       (bei Mangel an Wasser) Dürre, Trockenzeit

3.     Erd-Katastrophen

-       Erdbeben, Erdrutsch, Bergsturz, Lawine

-       Vulkanausbruch

4.     Luft-Katastrophen

-       Wirbelsturm, Tornado, Hurrikan, Taifun, Zyklon

-       Schneesturm, Schneeverwehungen

 

Naturkatastrophen hat es seit Menschengedenken gegeben. Eine der bekanntesten der Weltgeschichte ist die Zerstörung der Städte Pompeji und Herculaneum am 24. August 79 n. Chr. durch den Ausbruch des Vulkans Vesuv, deren in Lava gegossene Fol­gen wir heute noch besichtigen können. Die meisten Katastro­phen sind weniger spektakulär und werden von der Weltöffent­lichkeit bald wieder vergessen bzw. verdrängt (wenn sie über­haupt bekannt wurden). Doch ziehen sich Naturkatastrophen wie ein rotes Band durch die Menschheitsgeschichte. Wer kann sie zählen, die Millionen von Toten, Verwundeten, Obdachlosen, auseinandergerissenen Familien oder Menschen, die "nur" ihren Besitz, Haus und Gut verloren haben? Wer kann das Leid, die Ängste und Schmerzen dieser Opfer ermessen? Hier zeigt sich die Natur wirklich von einer ihrer häßlichsten Seiten, gewalttätig, brutal, grausam, tödlich.

Um nur für eine Art von Naturkatastrophen eine konkretere In­formation über die Todesopfer zu geben, folgt eine Übersicht der schwersten Erdbeben der Geschichte (entnommen dem Lexikon "Ich sag Dir Alles"):

 

Jahr

Ort und Land

Tote

Jahr

Ort und Land

   Tote

 

 856

Korinth (Griechenland

  45.000

1960

Lar (Iran)

      3.500

1290

Tschili (China)

100.000

1960

Süd-   und Mittelchile

    6.000

1348

Villach

    5.000

1962

Iran westlich von Teheran

  14.000

1509

Istanbul

  13.000

1963

Skopje (Jugoslawien)

    1.200

1556

Shaanxi (China)

830.000

1966

östliche Türkei

    2.400

1693

Catània, Sizilien

  60.000

1968

Nord- und Ostiran

  11.600

1703

Tokio

150.000

1970

Gediz (Türkei)

    1.100

1730

Jeddo (Japan)

137.000

1970

Peru

  66.000

1737

Calcutta

300.000

1971

Bingöl (Türkei)

      1.000

1755

Lissabon

  70.000

1972

Südiran

    5.000

1783

Kalabrien

  50.000

1972

Managua (Nicaragua)

    5.000

1797

Quito (Ecuador)

  40.000

1973

Mexiko

    1.000

1855

Tokio

100.000

1974

Nordpakistan

    5.000

1876

Calcutta

215.000

1975

Lice (Türkei)

      3.000

1891

Mino Owari (Japan)

      7.000

1976

Guatemala

  22.525

1896

Riku-Ugo (Japan)

  22.000

1976

Friaul (Italien)

       980

1905

Kangra (Indien)

  20.000

1976

Westiran (Indonesien)

      9.000

1906

San Fransisco

         700

1976

Tangschan (China)

665.237

1908

Messina, Sizilien

120.000

1976

Van (Türkei)

      5.300

1915

Avezzano (Italien)

  30.000

1977

Rumänien

    1.570

1920

Gansu (China)

180.000

1978

Tabas (Iran)

  25.000

1923

Sagami-Bucht Japan)

150.000

1980

Asnam (Algerien)

  20.000

1927

Japan

   34.500

1980

Süditalien

    3.000

1932

Gansu (China)

   70.000

1981

Provinz   Ker­man (Iran)

    5.000

1935

Quetta (Pakistan)

 50.000

1982

Nordjemen

     1.588

1939

Chillan (Chile)

 30.000

1983

Erzurum (Türkei

   1.342

1939

Erzincan (Türkei)

 23.000

1985

Mexiko City

 10.000

1950

Assam (Indien)

 25.000

1987

Ecuador

   2.000

1954

China

 10.000

1988

Armenien

 24.000

1960

Agadir (Marokko)

 14.000

 



 

In den letzten Jahren scheint es eine Zunahme von Stürmen und Überschwemmungen, Hitze- und Kältewellen zu geben, vor allem in den USA: Kältewellen im Osten und Mittelwesten mit Minustemperaturen von über 50 Grad, Überschwemmungen am Mis­sissippi, Wirbelsturm Andrew, 300 Kilometer Waldbrände in Kalifornien, außerdem im Januar 1994 ein Erdbeben in Los An­geles, glücklicherweise nicht das seit Jahren befürchtete "the big one". Während ich diese Zeilen - im Juli 1995 - schreibe, tobt eine Hitzewelle; besonders betroffen ist Chi­cago mit Temperaturen bis 42 Grad im Schatten. Jeden Tag neue Todesmeldungen: 347, über 440, fast 700, mehr als 800. (Und während ich diese Seite überarbeite - im Januar 1996 -, ist die Ostküste Amerikas von dem schlimmsten Schneesturm seit Jahrzehnten betroffen.)

Auch in Deutschland registriert man vermehrt katastrophen­artige Naturentwicklungen. Im Vordergrund steht das nun jähr­liche Hochwasser, etwa an Rhein und Mosel. Aber auch die un­angenehmen heißen Sommer der letzten Jahre, mit hohen Ozon­werten, sind für gesundheitlich geschwächte Menschen bedroh­lich oder sogar tödlich. Allgemein haben viele den Eindruck, daß das Wetter verrückt spielt.

Es ist umstritten, inwieweit gerade Stürme, Überschwemmun­gen und Hitzeperioden durch Umweltverschmutzung beeinflußt sind, nämlich durch die geringe Erwärmung der Atmosphäre auf­grund von Treibhausgasen. Extreme Wetterverhältnisse hat es auch schon früher gegeben, vielleicht handelt es sich dabei einfach um Launen der Natur. Übrigens gibt es auch giftige klimarelevante Emissionen aus Vulkanen, die Natur betreibt also selbst Luftverschmutzung. Nach Ralf Schauerhammer über­steigen diese natürlichen Emissionen sogar die industriellen Verschmutzungen. In seinem Buch "Sackgasse Ökostaat" schreibt er: "Jahr für Jahr speit 'Mutter Natur' aus Vulkanen etwa 20-mal mehr Chlorgase in die Atmosphäre, als die Menschheit durch ihre FCKWs produziert. Jahr für Jahr befördert die Na­tur 300-mal mehr Chlorgase aus dem Salzwasser der Meere in die Atmosphäre, als die Menschheit durch ihre FCKWs produ­ziert."

Jedenfalls ist unbestreitbar, daß die Erde schon lange vor der Industrialisierung furchtbare Katastrophen verursacht hat. Und erlauben Sie mir den ironischen Schwenker: Der ver­heerende Meteoreinschlag vor 60 Millionen Jahren hatte be­stimmt auch nichts mit unserer Zivilisation zu tun.

In dem Buch "Der Planet schlägt zurück", einer Art Zu­kunftstagebuch, entwirft der Autor Anton-Andreas Guha ein Szenario zukünftiger Katastrophen, wie sie bis heute in Eu­ropa unbekannt sind.

"28. Januar 2000, mittags. In der Nacht hat es begonnen: Fast stündlich mehrere Erdrutsche in der gesamten Alpenre­gion. Wie eine Verschwörung unheimlicher Gewalten, Schlag auf Schlag. Ganze Täler sind eingeebnet, Städte und Dörfer unter Schlamm und Geröllmassen begraben. Alle Verbindungen abgeris­sen. Hunderttausende vermißt, kaum ein Lebenszeichen, wahr­scheinlich tot. Unausdenkbar! Die Erdlawinen bilden rasch wachsende Stauseen, in die sich reißende Flüsse stürzen. Die werden alles mit sich fortspülen. Italien, Österreich, Frank­reich, die Schweiz und Deutschland mobilisieren ihre Streit­kräfte für die Katastrophenhilfe. Der Bundeskanzler spricht von der größten Katastrophe, die Europa sei dem Zweiten Welt­krieg heimgesucht habe."

Für Guha ist das aber keine "Naturkatastrophe", sondern ein berechtigtes, legitimes "Zurückschlagen" der Natur, das wir durch die Zerstörung des natürlichen Gleichgewichts verschul­det haben. Doch selbst wenn manche Naturkatastrophen von uns Menschen verursacht sind und in  Zukunft verursacht werden, wenn sie partiell durch unsere Technik bedingt sind, was nützt die Klage? Wir können die Uhr nicht zurückdrehen, wir können nicht mehr ohne Technik leben. Und wichtig ist doch zu sehen, daß weniger industrialisierte Staaten solchen Katastrophen viel hilfloser gegenüberstehen als hochtechni­sierte.

Zurück zur Anfangsfrage dieses Kapitels: Ist die Natur sanft zu uns? Ist sie eine liebevolle Mutter, die uns er­nährt, kleidet und behaust, uns eine Heimat gibt? Ja, ein bißchen ist sie das auch. Aber daneben gibt es - viel gewal­tiger - eine schreckliche Seite oder viele schreckliche Sei­ten. Und gegen die müssen wir uns wappnen, mit aller Kraft, wenn wir nicht untergehen wollen.

Für die früher lebenden Menschen waren diese Schrecken der Natur eine Selbstverständlichkeit, man brauchte sie wahrlich nicht daran zu erinnern. Aber für uns Leute von heute, natur­entwöhnt wie wir sind, und naturverliebt, wie viele sind, für uns sind diese harten Tatsachen sehr in den Hintergrund getreten, verschwinden fast hinter einem postkartengleichen idyllischen Naturbild. Nur eine Naturkatastrophe weckt die Menschen bei uns noch aus diesem dogmatischen Schlummer.

Mir ist es wichtig, deutlich, aber doch viel sanfter als eine Katastrophe, diesen Naturrealismus unserer Vorfahren wieder ins Bewußtsein zu heben. Übrigens entsprechen den Schreck­lichkeiten der äußeren Natur auch innere Abgründe, "Naturkatastrophen" in uns drinnen. Wir werden nicht umhin können, uns auch mit diesen zu konfrontieren. Aber zunächst noch eine notwendige Klarstellung.

 

 

 

Belebte und unbelebte Natur - Ungleiches Paar

 

Mancher Leser mag beim letzten Punkt gedacht haben: Wenn die Natur ohnehin stirbt, warum soll man sich noch so ausführlich mit ihren Gefahren für uns Menschen beschäftigen? Damit müßte es doch bald vorbei sein. Nach dem Motto: keine Natur mehr, keine Naturgefahren mehr. Aber abgesehen davon, daß auch die früheren Erfahrungen des Menschen mit seiner natürlichen Um­welt für uns heute von Bedeutung sind, ist das mit dem Aus­sterben der Natur doch etwas komplizierter.

Ich habe bisher pauschal von der Natur gesprochen, den Be­griff "Natur" nicht weiter differenziert. Das war auch be­rechtigt, um die Gesamtaussage klar zu formulieren und nicht durch ständige Unterscheidungen zu verwässern. Andererseits sind so einige Simplifizierungen entstanden. Vielleicht haben Sie auch manchmal gedacht, die Aussagen sind zu unkonkret. Das soll jetzt nachgebessert werden.

Die wichtigste hier zu treffende Unterscheidung ist die zwischen belebter und unbelebter Natur. Man kann auch von or­ganischer und anorganischer Natur sprechen oder von Lebewesen und Umwelt; allerdings ist das letztgenannte Begriffspaar nur bedingt tauglich. Denn "Lebewesen" beziehen wir nur auf Indi­viduen, wir nennen ein Kollektiv wie den Wald nicht ein Lebe­wesen; und "Umwelt" kann auch für die ganze Natur stehen, nicht nur für die unbelebte. Eindeutig die unbelebte Natur bezeichnen aber noch Begriffe wie Naturelemente, Naturkräfte oder Naturgewalten.

Wie wir schon kurz besprochen haben, gehören zur belebten Natur Pflanzen und Tiere, von daher auch - mit Einschränkun­gen - der Mensch. Es sind außerdem Mikroorganismen wie die Bakterien zu nennen, die, zusammen mit den Blaualgen, als Prokaryonten den Tieren und Pflanzen gegenübergestellt werden.

Zur belebten Natur zählen wir dabei auch Kollektive von Pflanzen bzw. Landschaften wie Wald, Wiese und Acker oder Sa­vanne, Steppe und Tundra. Ebenso Tierkollektive, also Grup­pen, Rudel und Herden, wobei in einer Region (einem Biotop) normalerweise eine aufeinander abgestimmte Lebensgemeinschaft von Pflanzen und Tieren besteht; heute nennt man das ein Öko­system.

Zur unbelebten Natur gehören Luft (und andere Gase), Wasser (und andere Flüssigkeiten), sowie "Erde" mit Mineralien, Ge­steinen und Sand bzw. sonstige Bodenarten (und andere Fest­körper). Ähnlich unterteilten schon die antiken griechischen Philosophen die Natur in vier Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Wir wissen heute allerdings, daß diese "Grund-stoffe" aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sind, zum Beispiel die Luft aus ca.: 78 % Stickstoff, 21 % Sauer­stoff, 0,9 % Edelgasen, 0,03 % Kohlendioxid und unterschied­lichen Mengen von Wasserstoff; seit Beginn der Industriali­sierung kommen immer mehr Staub, Stickstoff- und Schwefelver­bindungen, Abgase und Schwebstoffe hinzu.

Belebte und unbelebte Natur lassen sich allerdings nicht eindeutig voneinander unterscheiden und abgrenzen. Das hängt mit der Schwierigkeit zusammen, klar zu definieren, was ge­nau das Leben ausmacht. Oft werden Merkmale wie Fortpflan­zung, Stoffwechsel, Bewegung und Vererbung genannt. Nach die­sen Kriterien stehen "Lebewesen" wie Viren, die keinen eige­nen Stoffwechsel besitzen, eigentlich an der Grenze von Belebtem und Un­belebtem. Andererseits erfüllen Kristalle, die man üblicher­weise als unbelebt ansieht, einige solcher Bedingungen, zum Beispiel Wachstum. Man spricht heute generell von einer Selbstorganisation der Materie bzw. einer "Selbstorganisation des Universums" (Erich Jantsch), wobei sich aus einfachen Bausteinen immer komplexere Strukturen organisieren, bis hin zu lebenden Systemen, also Lebewesen.

Früher bestand die Auffassung, es gäbe eine Lebenskraft oder eine Art Lebensfunken, der Lebewesen von toter Materie unterscheide. Dieser "Vitalismus" ist jedoch wissen­schaftlich erledigt. Erst recht muß aus Sicht der Wissen­schaft der "Animismus" abgelehnt werden. Es handelt sich um eine Glaubenslehre, die für Naturvölker typisch ist, aber auch heute noch innerhalb der Esoterik vertreten wird. Danach gilt überhaupt alles, also auch ein Gestein und Gebirge, als belebt und beseelt.

Selbst wenn es gelänge, belebte und unbelebte Natur be­grifflich klar voneinander zu trennen, in der Realität kommen sie doch zusammen. Auf einer Wiese liegen auch Steine, und auf einem Felsboden wachsen auch Gräser. In Erde, Wasser und Luft tummeln sich überhaupt unzählige, für uns unsichtbare Mikroorganismen oder Kleinstlebewesen. Zum Beispiel soll es in einem Gramm Ackerboden mehr Mikroorganismen geben als Men­schen auf der Erde leben. Die sogenannte Gaia-Hypothese, be­nannt nach der griechischen Erd-Göttin Gaia (Gäa), behauptet sogar, die Erde sei als Ganzes ein Lebewesen, weil Organisches und Anor­ganisches miteinander eine Einheit bildeten, die Lebensfunk­tionen wie Atmung oder Stoffwechsel aufweise.

Auch wenn man von dieser spekulativen Theorie absieht, of­fensichtlich ist: Es gibt Unbelebtes, das aus ursprünglich Belebtem entstanden ist, wie das Erdöl, welches auf Mikroor­ganismen zurückgeht. Andererseits bestehen auch Lebewesen letztlich aus unbelebter Materie. So sind die Atome, aus de­nen der Körper des Lebewesens Mensch besteht, ihrerseits si­cher nicht belebt. Doch obwohl die - begriffliche wie reale - Abgrenzung von belebter und unbelebter Natur Probleme berei­tet, so bleibt diese Unterscheidung wichtig, für unser Thema ist sie sogar besonders wichtig. Denn die meisten der hier vertretenen Aussagen müssen differenziert werden, je nachdem, ob sie sich auf die belebte oder unbelebte Natur, auf Lebewesen oder Naturelemente beziehen. Sie gelten in erster Linie für das Leben in der Natur, nur sekundär für die anor­ganischen Elemente und Kräfte. Das soll im folgenden gezeigt werden.

 

Stirbt die Natur wirklich?

 

Ich war ausgegangen von der Feststellung, daß die Natur stirbt. Doch was bedeutet das ganz konkret? Unbelebtes wie Wasser, Luft oder Mineralien kann nicht wirklich sterben. Nur Lebewesen können erkranken und sterben. Wir sprechen zwar da­von, daß ein Fluß oder ein Meer stirbt, aber das gilt nur im übertragenen Sinn. Eigentlich meinen wir, daß die Wasser­pflanzen und Wassertiere zugrunde gehen. Auch der Planet Erde als Ganzes "stirbt" nicht, selbst wenn alle Lebewesen auf ihm ausstürben. Er existierte ja bereits - als rein anorganischer Himmelskörper -, ehe das erste Leben auf ihm entstand.

Allerdings können sich Naturelemente wie Wasser und Luft durch Schadstoffe stark verändern, so sehr, daß sie ihre na­türlichen Funktionen für die Lebewesen kaum mehr ausüben können. Auch ist es möglich, daß bestimmte Flüsse ver­siegen oder bestimmte Berge abgetragen werden, daß wir manche Bodenschätze aufbrauchen und daß in der Atmosphäre einige Gase verschwinden wie beim viel genannten Ozonloch. Aber daß die ganze Umwelt sich auflöst und damit "stirbt", so etwas kann nicht geschehen - und insofern sterben auch Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen leider nicht aus. Denkbar wäre ein menschengemachter "Erduntergang" nur, falls der Planet in einem kaum vorstellbaren gigantischen Atomwaf­fenkrieg zerstückelt oder gesprengt würde.

Wenn wir in kosmischen Zeiträumen denken, sieht die Situa­tion allerdings anders aus. Nach heutiger Auffassung wird "der blaue Planet" in einigen Milliarden Jahren untergehen, wenn sich nämlich unsere Sonne zu einem roten Riesenstern aufbläht und dabei die Erde auf über 1000°C erhitzt, also "verkocht". Und falls sie das übersteht, so kommt ihr end-gültiges Aus mit dem Erlöschen des Alls. Denn auch für das gesamte Universum sagt man in zig Milliarden Jahren ein Ende voraus, meist thermody­namisch als sogenannter Wärmetod interpretiert. (Dagegen ist es denkbar, daß Naturstrukturen wie Raum und Zeit oder Natur­gesetze bis in alle Ewigkeit existieren.) Aber die Rede vom Tod der Erde oder des Kosmos ist eine Analogie, im Grunde be­ziehen sich die Begriffe "sterben" oder "Tod" nur auf Lebewe­sen. Davon abgesehen, was in etlichen Milliarden Jahren pas­sieren wird, darüber brauchen wir uns kaum schon heute Sorgen zu machen.

Auch bei der belebten Natur ist die Sterbe-Theorie zu prä­zisieren. Zwar ist sie insgesamt richtig, doch es gibt viele Unterschiede und sogar gegenläufige Tendenzen. Denn biolo-gische Arten sind unterschiedlich widerstandsfähig gegen die Umweltvergiftungen. Sicherlich findet im Ganzen ein Arten­sterben statt, doch manche Pflanzen und Tiere vermehren und verbreiten sich (erst einmal) rasant, gerade weil sie vom Tod anderer Arten profitieren.

Besonders Mikroorganismen wie Krankheitserreger sind nahezu unverschämt lebendig und vermehrungsfreudig. Zum Beispiel verbreiten sich die Aids-Viren, deren Aussterben wohl jeder begrüßen würde, beängstigend schnell. Viele solcher Erreger sind nur allzu lebenskräftig und bilden ständig neue Varian­ten. Daher ist es so schwierig, sie wirksam zu bekämpfen. Au­ßerdem bilden Bakterien eine Resistenz gegen Antibiotika aus. Das altbekannte Penicillin ist mittlerweile bei den meisten Bazillen wirkungslos. Nein, solche Lebewesen werden wohl nur aussterben, wenn es uns gelingt, sie systematisch zu liqui­dieren.

Ähnlich sieht es bei den Insekten aus. Sie werden oft immun gegen die Insektizide, die Insektenvernichtungsmittel. Bis heute ist DDT das bekannteste Insektengift, obwohl es inzwi­schen in vielen Ländern verboten wurde. Nicht nur, daß DDT gegen immer weniger Insekten nützt, sondern es gibt Insekten, die ernähren sich mittlerweile von DDT. Vor allem die un­glaubliche Anpassungsfähigkeit solcher Organismen hat zu Pro­gnosen geführt, daß eines Tages ein Weltkrieg der Menschen gegen die Insekten und/oder Mikroorganismen stattfinden wird, bei dem die Menschheit unterliegen muß.

Selbstverständlich spielt auch der Standort beim Naturster­ben eine Rolle. In den wenig industrialisierten Ländern, in der Dritten Welt, ist noch weit mehr Natur erhalten als bei uns. Allerdings gibt es dort weniger Schutzbestimmungen, oder sie werden nicht eingehalten, wie man am radikalen Abholzen der Regenwälder sieht. Und wenn die Regenwälder sterben, dann sterben mit ihnen viele Tiere, die dort ihren Lebensraum ha­ben. Tausende Tierarten existieren ausschließlich in den Re­genwäldern; wenn diese umgesägt werden, sterben sie unweiger­lich aus.

Auch in den Industriestaaten selbst finden sich mehr oder weniger belastete Gegenden. Logischerweise sind die Indu­striestandorte wie das Ruhrgebiet am meisten der Umweltver­schmutzung ausgesetzt. Allerdings gilt nicht unbedingt, daß die Natur im nahen Umkreis der Fabrikschlote am stärksten ge­schädigt ist, weil die Schadstoffe durch die hohen Schorn­steine weit ins Land "geblasen" werden und dort womöglich größere Schäden anrichten.

 

Der Mensch als "Schöpfer"

 

Schließlich sind die gezielten Eingriffe des Menschen in die Tier- und Pflanzenwelt von großer Bedeutung. Manche Tiere wie die Büffel hat der Mensch durch die Jagd quasi ausgerottet (jedenfalls in freier Wildbahn). Andere, insbesondere Nah­rungstiere wie Schwein, Rind und Geflügel züchtet er in Mas­sen; sie werden kaum aussterben, solange wir diese "Produktion" von Fleisch, Milch und Eiern weiterbetreiben. Allerdings können sie durch Krankheiten wie die Schweinepest oder den Rinderwahnsinn erheblich dezimiert bzw. in großer Zahl notgeschlachtet werden (wie bei den Massenschlachtungen 1996 in England wegen neuer Erkenntnisse über die Gefährlichkeit von BSE für den Menschen). Auch unsere geliebten und gehät­schelten Haustiere, Bello, Mausi und Piepmatz sind nicht vom akuten Artentod bedroht; auf lange Sicht ist durch die zuneh­mende Umweltvergiftung ihr Überleben aber sehr unwahrschein­lich.

Entsprechend geht es bei den Pflanzen zu: Viele Wildpflan­zen sind für den Menschen ohne große Bedeutung. Er kümmert sich nicht um sie, und das hat zumeist zur Folge, daß sie durch die Umweltverschmutzung kränkeln oder schließlich zu­grunde gehen. Bestimmte Pflanzen - "Unkräuter" - vernichtet der Mensch gezielt oder versucht es zumindest. Wieder andere, Nahrungs- und Zierpflanzen, baut man an, düngt und schützt sie: diese stehen somit gegenwärtig nicht auf der "Todesliste".

Über die konkreten Zahlen des Artentods schreibt Richard D. Precht in dem Artikel "Archiv des Lebens" (KÖLNER STADT-ANZEIGER 6./7. April 1996): "Nach Angaben der UNO hat der Mensch in den letzten fünfzig Jahren rund die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten vernichtet." "Sicher ist ..., daß seit Beginn des 20. Jahrhunderts bereits einige Millionen Arten von der Erde verschwunden sind..."

Wie sich die Situation durch Gentechnik verändern wird, ist noch ungewiß. Einerseits können Pflanzen wie Tiere durch Ein­schleusung fremder Gene widerstandsfähiger gemacht werden. Andererseits ist auch nicht auszuschließen, daß man sie dabei ungewollt gegen andere Schädigungen verletzbarer macht, ihnen sogar eine tödliche Schwäche "einimpft", wodurch sie plötz­lich und mit großer Geschwindigkeit aussterben.

Die Gentechnik ist aber auch sonst von Bedeutung für unser Thema. Wenn man einem Tier oder einer Pflanze fremde Gene einpflanzt und sie dadurch verändert, kann man davon von ei­ner Arterhaltung sprechen? Ist ein Schwein, dessen Fleisch mittels Rinderwachstumsgenen besonders mager gemacht wird, überhaupt noch ein Schwein? Gehört ein solches transgenes Tier noch zur Natur? Durch den Roman bzw. Film "Jurassic Park" wurde eine andere Anwendung der Gentechnik bekannt: die Rückzüchtung ausgestorbener Tierrassen, in diesem Fall die - allerdings wenig beglückende - Rückzüchtung von Dinosauriern. So etwas ist bis heute technisch noch nicht möglich. Sehr wohl machbar ist dagegen, Zellen, z. B. Samenzellen von Lebe­wesen, die vom Aussterben bedroht sind, tiefzufrieren und in einer Samenbank zu lagern, um eventuell später einmal neue (alte) Lebewesen zu ziehen.

Als Fazit können wir festhalten: Die unbelebte Natur befin­det sich in einem starken Wandel, der ihre Funktionen, ihren Nutzen für die Lebewesen einschließlich der Menschen stark reduziert. Die belebte Natur befindet sich insgesamt in einem Krankheitsprozeß, auf den Punkt gebracht: Sie stirbt. Das gilt aber nicht gleichermaßen für alle Lebewesen: Manche sterben schneller, andere langsamer aus. Manche können sich bisher auch halten oder vermehren sich sogar. Insofern kann schon prinzipiell kein exakter Todestermin für die ganze Na­tur genannt werden; viele Arten sind bereits ausgestorben, andere sterben heute aus, wieder andere sicherlich in der Zu­kunft, noch andere vielleicht auch gar nicht. Der Mensch ist zwar ebenfalls von diesem Untergangsstrudel bedroht, aber er verfügt als wohl einziges Lebewesen über gezielte, intelligente Methoden, sich dem Sog zu entziehen.

 

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